Professor Werner Ruf klagt gegen das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel

Professor (emer.) Dr. Werner Ruf hat Klage gegen das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel erhoben. Streitgegenstand ist unsere Interpretation seiner Bemerkung:

„In nur anderthalb Jahrzehnten ist es gelungen, nicht nur den Islam zu einem neuen und affektiv hoch besetzten Feindbild zu machen, es ist auch gelungen, ihn mit dem Begriff des Terrorismus zu assoziieren, ja oftmals gleichzusetzen. Damit wird nicht nur Angst erzeugt, es wird auch eine Gefahr ausgemalt, die absolut irreal ist: Sicher ist es den Attentätern des 11. September gelungen, das Symbol des globalisierten Kapitalismus, die Zwillingstürme des World Trade Centre zu zerstören. Doch Terror dieser Art kann weder die Dominanz der USA oder „des Westens“ noch das herrschende System existenziell gefährden. Gegenüber der aus diesem System resultierenden ökologischen Bedrohung des Planeten ist er vergleichsweise geradezu irrelevant.“ (Werner Ruf, Islamische Bedrohung, in: Standpunkte 8 / 2007, S. 8)

Diese Einschätzung hatte uns zu einer zuspitzenden Bemerkung im Zusammenhang der Bildungsreferenten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) veranlasst. Diese ist hier nachzulesen: Im Namen des Erhabenen …. Wir sind verklagt worden, weil diese Bemerkung nach Ansicht des Klägers sein Persönlichkeitsrecht verletzt. Klageführender Rechtsanwalt ist Eberhard Reinecke (Köln).

Die gleiche Kanzlei vertritt auch einen Jens Wernicke gegen uns, der uns wegen unseren sarkastisch-ironischen Anmerkungen in „Wernicke oder die Connection eines Bildungsreferenten“ verklagt hat.

Diese rechtliche Auseinandersetzung kostet uns ziemlich viel Geld. Spenden nehmen wir gerne unter dem Stichwort „Prozesskosten BgA-Kassel“ entgegen. (Angaben zur Kontoverbindung) Ein zusätzlich beigefügtes R und wir zahlen in dem Fall das Geld zurück, wenn wir die Auseinandersetzung gewinnen. Das Geld, was nicht zurückgezahlt werden soll, wird dem Vereinszweck (Veranstaltungen, Publikationen) zugeführt.

Schon wieder: Parolen auf den Plakaten der Partei „Die Linke“

Am 24.04.2017 versahen mutmaßlich rechtsextreme Täter Plakate der Partei „Die Linke“ in Kassel mit antisemitischen Parolen. Wir hatten dies dokumentiert. Nun betreiben die Parteigänger dieser Truppe das Geschäft selbst. Das notorische Café Buchoase hat einen Passagier des Frauendecks der Mavi-Mamara geladen.

Doch nicht nur dort hat sich die Dame einen Namen gemacht. Ihre Mitverantwortung für die sogenannte Toilettengate brachte sie auf den vierten Platz der Top Ten Worst Global Antisemitic / Anti-Israel Incidents Liste des Simon Wiesenthal-Centrums. Offiziell schimpft sich diese Frühstücksverleumdnerin „Menschenrechtsbeauftragte der Linken“. Was sich auf den ersten Blick ehrenhaft anhört, ist bekanntlich eine übel beleumundete Auszeichnung. In der UNO befleißigt sich ein Rat derselben damit, das rechtsstaatlich und demokratisch verfasste Israel regelmäßig zu verurteilen (vgl. z.B. Alex Feuerherdt, UN-Menschenrechtsrat. Blanker Antisemitismus im alten Stil). Die Dame vom Frauendeck ist also durchaus eine vom Fach und einen kompetenten Moderator hat diese Veranstaltung auch noch zu bieten.

(jd)

Patsy l’Amour laLove: Beißreflexe

Buchpräsentation und Diskussion mit Patsy l’Amour laLove am 11. Mai 2017.
Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem AK Raccoons und dem ASTA der Uni Kassel

Es wird das Buch der Autorin „Beissreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten und Sprechverboten“ vorgestellt.

Foto: Dragan Simicevic Visual Arts

Queer steht für eine selbstbewusst perverse Entgegnung auf den heterosexuellen Wahnsinn und die Feindseligkeit gegen das Anderssein. Im queeren Aktivismus aber hat eine Verschiebung der Perspektive sattgefunden. Er operiert häufig mit Konzepten wie „Critical Whiteness“, „Homonormativität“ und „kulturelle Aneignung“. Ein Kampfbegriff lautet „Privilegien“ und wittert hinter jedem gesellschaftlichen Fortschritt den Verrat emanzipatorischer Ideale. Oft erweckt dieser Aktivismus den Anschein einer dogmatischen Polit-Sekte. Das Ziel ist nicht selten die Zerstörung des sozialen Lebens der Angegriffenen. In dem Sammelband widmen sich 27 Autor_innen dieser Form von queerem Aktivismus und ihren theoretischen Hintergründen aus einer Perspektive, die an die teilweise vergessene oder abgewehrte selbstbewusste Entgegnung von Queer anschließt.

Der Vortrag findet statt im Rahmen einer Reihe zum Thema: Reaktionäre Ideologien im fortschrittlichen Gewand.

Patsy l’Amour laLove, Geschlechterforscherin und Polit-Tunte aus Berlin,promoviert zur Schwulenbewegung der 1970er Jahre und arbeit als
Kuratorin sowie im Archiv Schwulen Museum* Berlin.

Veranstaltungsort: Uni Kassel, Raumangabe folgt

Beginn 18.00 Uhr

 

Naidoo und die Eier in der Hose

Die Stadthalle Kassel, so heißt es auf der Homepage derselben, sei einzigartig, zukunftsweisend und in der Mitte. Am 14.05.2017 tritt dort Xavier Naidoo mit seinen Söhnen Mannheims auf. Xavier Naidoo hat viele Fans unter anderem auch in der NPD, die meint, Naidoo sei der einzige Promi Deutschlands, der noch Eier in der Hose hat. Heute mokiert sich Maja Yüce in einem launigen Artikel in der HNA darüber, dass die Stadt Mannheim rumeiere und dass sich Künstlerkollegen wie Sarah Connor, Gregor Meyle, Sasha Moses Pelham und BossHoss über Naidoos musikalische Qualitäten überschwänglich lobend äußerten, zu seinen fragwürdigen Texten aber schweigen würden. Zu diesen Leuten gehört auch die Kasseler Sängerin Katja Friedenberg, die es eine Schande fand, dass man 2015 Naidoo aus dem Sängerwettbewerb warf.

Zurück zu den Eiern in der Hose, die hat auch die Stadt Kassel nicht. Die HNA stellt in einem anderen Beitrag zu dem Lied „Marionetten“ der Söhne Mannheims am 05.05.2017 völlig richtig fest: „Wer sind die Marionetten, wer die Steigbügelhalter? Indirekt könnte diese harmlos wirkenden Passage jedoch ein altes antijüdisches Vorurteil enthalten – darauf weist unter anderem die Frankfurter Allgemeine Zeitung hin. Das Bild des jüdischen „Puppenspielers“, der die Fäden im Hintergrund zieht, ist schließlich ein bekanntes Element des Antisemitismus. Die Bundeszentrale für politische Bildung warnt, dass „Verschwörungstheorien, die Juden Macht und Einfluss in der Finanz- oder Medienwelt“ zuschreiben, häufig nur unterschwellig und teilweise auch unbewusst transportiert würden.“

Die Stadt Kassel vermarktet und bewirtschaftet die Stadthalle. Die Initiative zum Bau der Stadthalle Kassel geht auf den jüdischen Textilunternehmer und Gründer des Vorderen Westens Sigmund Aschrott zurück. Er stellte seiner Heimatstadt den Bauplatz kostenlos zur Verfügung, mit der Auflage, dort für die Bürger Kassels ein kulturelles Zentrum zu schaffen. Zur Kultur im Verständnis der Stadt Kassel gehören wohl auch solche Bänkelsänger und Wahnmichel wie Naidoo, denn die Stadt hat offensichtlich keine Probleme damit, diesem Propagandisten des völkischen Wahns „das passende Ambiente“ zu bieten, denn egal ob „groß, glamourös und repräsentativ oder klein, gemütlich und geradlinig – wir kreieren die passende Atmosphäre für Ihren Anlass!“ und sei es dafür, dem Volk die Augen zu öffnen, dem wütenden Bauer die Forke in die Hand zu drücken und die Strippenzieher in Fetzen zu zerreißen.

Am Abend des Konzertes, werden ein paar von uns zugegen sein und mit angefügtem Flugblatt die Besucher behelligen: Naidoo

(jd)

Rinks und Lechts – Antisemitismus eint

 

Was REVOLUTION und Antisemiten in der AfD eint: Der Haß auf Israel

REVOLUTION und AfD, sie mögen sich spinne feind sein. Die Einen rufen im Bündnis gegen Rechts Kassel oder wie jüngst in loseren Zusammenhängen dazu auf, die Anderen an ihren Treffen zu hindern und fühlen sich dabei wie die Interbrigadisten damals in Spanien, diese Anderen würden jene am liebsten im Gefängnis und im Steinbruch sehen. Eines eint sie jedoch: Der Haß auf Israel. Während die REVO, die nach eigenen Angaben gegen jeden Nationalismus vorgeben zu kämpfen, anläßlich des 1. Mai in Berlin zusammen mit der BDS, diversen Pro-Palästina-Gruppen u.a. die Palästinafahne hissen und zur Befreiung ganz Palästinas aufrufen, ist es bei der AfD komplizierter. Der nordhessische AfD-Aktivist, Putinfan und Judenhasser Gottfried Klasen und ein Wolfgang Gedeon mögen in ihrer Partei eher isoliert sein, waren aber beide als Delegierte auf dem Parteitag 2017 in Köln gewesen.

Wie auf dem Bild dokumentiert, hat Klasen jüngst einen Beitrag gepostet, auf dem der insbesondere in rechtsextremistischen und Querfront-Kreisen gern genutzte Begriff JSIL genutzt wird und Israel vorgeworfen wird, Verbündeter des IS zu sein. Ein Follower Klasens pflichtet diesem bei und bringt unwidersprochen den „Ewigen Juden“ ins Spiel. Im Gegensatz zu den Revos gibt es aber in der AFD und ihrem Umfeld Widerspruch zu diesen Positionen – das macht Leute wie Klasen nicht besser und ihren Anhang nicht ungefährlich, vor allem deswegen, weil der Widerspruch halbherzig bleibt. Doch selbst der halbherzig vorgebrachte Widerspruch unterscheidet die AfD von der REVO.

Widerspruch bei der REVO ist maximal ein unbegriffener Begriff, der irgendetwas mit Kapitalismus und Dialektik zu tun hat, in den eigenen Reihen jedoch mit Verrat gleichgesetzt wird. Dass solche Kanaillien wie die REVO im übrigen bei jenen geduldet werden, die jüngst den Protest gegen die AfD organisierten, macht das Anliegen letzterer nicht gerade glaubwürdig.

(jd)

Ein Abend in einer Oase der Israelkritik

18217130_1529147087158906_857442449_n

Am Donnerstag, den 20.04.2017 hatte die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft (DPG)/RG Kassel einen Vortrag mit Martin Breidert zum Thema BDS im Café Buch Oase in Kassel organisiert.  Martin Breidert war Dozent für Sozialethik an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal, ist Theologe sowie Vizepräsident der DPG und Vorstandsmitglied des „Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung“. Darüber hinaus arbeitet er in der lokalen BDS Gruppe in Bonn.

Der Vortrag sollte nicht nur dazu dienen über die BDS-Kampagne zu informieren, sondern diese auch vom Vorwurf des Antisemitismus freizusprechen. Auch er selbst spricht sich dabei frei von jedem Verdacht des Antisemitismus. Davon bezeugen laut Breidert nicht nur seine vielen jüdischen Freunde, sondern auch die Tatsache, dass er einfach nur für die Menschenrechte der Palästinenser einstehe. Breidert selbst spricht im weiteren Verlauf vom Leid der palästinensischen Bevölkerung, welches nicht etwa durch den islamistischen Terror der Hamas verursacht wird, sondern durch 50 Jahre israelische Besatzung. Er selbst kenne dieses Leid – seine dänischen Schwiegereltern mussten fünf Jahre unter deutscher Besatzung leiden.

Breidert fordert einen vollständigen Boykott Israels, sieht Apartheid am Werk, welche schwieriger zu beenden wäre als die südafrikanische und verlangt das Rückkehrrecht aller palästinensischen Flüchtlinge.  BDS ziele auf eine Lösung des Konflikts durch eben einen solchen Boykott und des Weiteren durch Desinvestment und Sanktionen. Den Boykott rechtfertigt er mit den Worten: „Die Nazis wollten mit ihrem Boykottaufruf den Juden die ökonomische Existenz nehmen, ehe sie ihnen später die physische Existenz raubten. Dagegen zielt BDS darauf den Palästinensern zu ihren Menschenrechten zu verhelfen.“

Der Vorwurf des Antisemitismus sei also nicht nur deswegen ausgeschlossen, weil BDS für Menschenrechte eintrete, sondern auch, weil jüdische Organisationen, die in Breiderts Vorstellung von vorneherein nicht antisemitisch sein können, BDS unterstützen. Zu diesen gehören u.a. Jewish Voice for Peace, Peace Now, Jews for Justice for Palestine und die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.. Weitere Unterstützer der BDS seien christliche Gruppen wie Pax Christi oder der United Church of Christ, die Partnerkirche einiger Kirchen in Deutschland ist und die sich auch durch Sanktionsaufrufe und Forderungen nach Desinvestment hervorheben. Kritik an Israel kann für Breidert Kritik also gar nicht antisemitisch motiviert sein, auch deswegen nicht, weil es sich immer nur um einen „instrumentalisierten Antisemitismusvorwurf“ einer nicht näher bestimmten „Israellobby“ handele. Daher lehnt Breidert auch die bekannte 3D-Theorie von Nathan Sharansky (Dämonisierung, Delegitimierung, Anwendung doppelter Standards) ab, nach welcher seiner Auffassung nach jegliche Kritik am Staate Israel antisemitisch motiviert sei. Außerdem liefere Sharanskys 3D-Theorie keine klare Definition und schließlich würden Doppelstandards ausschließlich von Israel angewendet.  So macht es für ihn auch Sinn nicht nur Produkte aus den „besetzten Gebieten“ sondern ganz Israel zu sanktionieren. Aber der eigentliche Boykott ginge bekanntlich von Israel aus, nämlich in Form von Einreiseverboten, Isolierung und Abschottung. Die logische Schlussfolgerung ist deshalb für ihn sich mit BDS, selbstredend gewaltfrei und demokratisch, ebenfalls durch Sanktionen zur Wehr zu setzen, wozu auch Wareninspektionen von Kaufhäusern gehören, die israelische Produkte vertreiben. Dabei hat er kein Problem damit, den von der Hamas und anderer islamistischer Organisationen ausgehenden Terror als bloßen Widerstandskampf zwecks mangelnder alternativer Möglichkeiten zu verharmlosen. Nach Breidert bleibt so der einzig demokratische Staat im Nahen und Mittleren Osten das Problem und nicht die Lösung. Schuld ist nicht der Terror islamistischer Banden – Schuld ist Israel.

Somit sind die Forderungen nach Boykott, Desinvestment und Sanktionen und die Unterstützung von der BDS-Bewegung für ihn der einzige Weg „den Palästinensern beizustehen“, auch weil es gerade „liberale Juden“ seien, die darauf hinweisen, dass „nur durch internationalen Druck von unten, durch Boykott und Desinvestment Israel dazu bewegt werden [kann], das Völkerrecht zu respektieren und die Besatzung zu beenden.“ Und wenn liberale Juden das sagen, muss demnach etwas Wahres dran sein.

Dafür gab es im Publikum bis auf eine Ausnahme großen Zuspruch, welcher nur durch die vorgetragene Kritik eines Mannes gestört wurde. Dieser wies darauf hin, dass die gezogenen Parallelen zu Nazideutschland und zum Apartheidregime in Südafrika, sowie die einseitige Schuldzuschreibung an Israel nur durch das Weglassen und Verdrehen historischer und politischer Tatsachen funktionieren kann. Dafür wurde der Mann umgehend von den Breidert-Jüngern lautstark und in aggressiver Weise angegangen. Nachdem er sich entschieden hatte, die Veranstaltung vorzeitig zu verlassen, wurde er von vier bis fünf Anwesenden mit ‚hinausbegleitet‘. Die anfänglich eingeforderte Meinungsfreiheit und der Wunsch nach einer spannenden, aber sachlichen Diskussion verkamen so zur bloßen Farce, da sich gezeigt hat, dass nur in Ruhe ausreden durfte, wer auf BDS-Linie war. Für den als Störer empfundenen Mann galt diese Meinungsfreiheit konsequenterweise nicht.

Zum Schluss lässt sich festhalten, dass jeglicher Wille zur Reflexion nicht vorhanden war und dass der Vortrag, der eigentlich über BDS informieren sollte, vielmehr eine einzige Werbeveranstaltung war, in der nicht das Für und Wider von BDS diskutiert wurde, sondern die Anwesenden sich gegenseitig in ihrem Glauben bestärkten, dass Israel der Schuldige ist, während es ihnen um die Menschenrechte gehe. Bei solch einem unermüdlichen Einsatz für Menschrechte blieb eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus notwendigerweise aus. So fungierte Martin Breidert an diesem Abend als das, was er scheinbar am besten kann; als Pfarrer, der seine Schäfchen heim ins Reich der Israelkritik holt.

(AK/MD)

Feel Good Inc., Einhörneressenzen und die kleinbürgerliche Wurstigkeit

Wie jedes Jahr in Kassel, schon wieder ein „Tag der Erde“. 2017 im Stadtteil Wolfsanger, die letzte Bastion gegen den bemühten Trend der Stadt, weltstädtisches Flair und Zivilisation zu simulieren, ist auch dieses Jahr das Event für die Besucher*innen, ein voller Erfolg gewesen. Das Publikum dieser Veranstaltung, eine Mischung aus Volksfest, Frühjahrsmesse, Indoktrination und Weltuntergangsprophetie, à la Soylent Green, besteht aus teils gut, teils nicht so gut situiertem links-grün-bürgerlichen Mittelstand, kleinbürgerlichen und lumpenproletarischen Besserwissern und den von allerlei Wahn geplagten Möchtegernrobinsonen und Subsistenzlern. Diesem Publikum, das es laut HNA „massenhaft“ in das ländlich-langweilige Stadtviertel am Ende der Straßenbahnlinie 6 geschafft hat, wurde der Tag der Erde als ein umweltbewusstes Feel-Good-Event bereitet, bei dem für jeden deutschen Spießer etwas dabei war. Vom Dreadlockstand und Friedensforum, vom Wolfsanger Posaunenchor zu den Bürger- und Bachblütenaktivisten bis hin zur indisch-ayurvedischen Küche war alles vertreten, bei dem das Herz der deutschen Schlafmütze höher schlägt. Selbst für die postmoderne Jugend war ein Marktstand für Einhornessenzen bereitet, nach dem Motto, für jeden leeren Kopf ein passender Inhalt.

Also alles war vertreten, was den Wahn befördert und das Bedürfnis nach Weltverbesserung, gutem Gewissen und Sendungsbewusstsein stillt. So wanderten die Massen mit gutem Gefühl und mit Kästen voller Grünzeug (garantiert aus regional-biologischen Anbau) stolz die Wolfsangerstraße entlang, behängt mit Schmuck aus garantiert regionaler Hippieproduktion und die Taschen gefüllt mit Unmengen an Werbeflyern des Öko- und Esobusiness.

Der Tag der Erde – Ein Geschenk des Himmels

Dem alljährlichen Jahrmarkt der Feel Good Inc. wurde dieses Mal eine besonderen Aufmerksamkeit zuteil. Die Veranstalter, wie immer voll im Trend des von Lactoseintoleranz und anderen Ernährungsfetischen geplagten Toleranzbürgertums hatten die Idee, aus der Veranstaltung zusätzlich ein „Veggieday“ zu machen. Das geht in der Welt-Wurst-Erbe-Region Nordhessen natürlich gar nicht. Eine Volksfront der Ahlewurscht- und Weckewerkfresser und -hersteller ward schnell unter Führung der hiesigen Lokalpresse gebildet und faselte etwas vom Wurstverbot und trug dazu bei, dass anlässlich dieser regionalen Nichtigkeit einen Medienrummel ausgelöst wurde, der es bis in das deutschen Kabarett schaffte.

Die Kapitalismuskritik der besseren Deutschen

Andere Highlights dieses Tages waren der obligatorische Kampfpanzer aus Pappe, der notorische weltumspannende Krake der Konzerne und der diesmal von den Bürgerblütenaktivisten etwas verschämt angebrachte Hinweis auf die Rothschilds, sowie der lausigste Zauberer, der sich wohl in der nordhessischen Peripherie finden lies.

(bw)

Eindeutige Parolen in Kassel

Ohne Worte

Kassel, in der Gottschalkstraße am 25.04.2017. Dass die Partei „Die Linke“ Karl Marx feiert könnte mit Ironie bedacht werden. Kritik zu üben wäre sinnlos, diese auch heute noch gültige hat Karl Marx schon in der „Kritik des Gothaer Programms“ im Jahre 1875 geübt – sie blieb ohne Folgen. Das soll hier nicht Thema sein – denn hier erleben wir den klassischen Antisemitismus rechtsextremer Provenienz. Auf einem anderen Schild in unmittelbarer Nähe wurde das Plakat mit dem Schriftzug „Le Pen“ versehen.

Die Botschaft ist klar: Jüdischer Bolschewismus, der Jude als Zersetzer und Umstürzler usw.. Auch was mit dem Fadenkreuz ausgedrückt werden soll, ist eindeutig. Die Informationsstelle Antisemitismus Kassel hat dieses als das verbotene Keltenkreuz erkannt und zur Anzeige gebracht. Sie hat vermutlich recht damit. Ein Fadenkreuz das auf einen jüdischen Menschen gerichtet ist, oder das Keltenkreuz beides steht für eliminatorischen Antisemitismus. (Update, 21.04.17)

(jd)

Der Marsch und ein Mahnmal

 

In Kassel gibt es ein Mahnmal, das regelmäßig von der Friedensbewegung heimgesucht wird. Das ist kein Zufall, weil dieses „Ehrenmal“ in so bestimmt unbestimmter Art und Weise an „die Opfer des Faschismus“ erinnert, dass es geradezu prädestiniert dafür ist, als Wallfahrtsort der Ostermarschierer und anderer Frühstücksverleumder zu dienen.

Im Portal der Stadt werden „unsere“ – wie es geradezu anmaßend heißt – „Interpretationen“ des Mahnmals wie folgt formuliert. Der Zugang zum Mahnmal wird von zwei Figuren flankiert. Die linke Figur symbolisiere die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wenn man die Inschrift „Den Vernichteten“ liest, kann einem schon übel werden, dass den Interpreten der Begriff „Zukunft“ einfällt. Den Vernichteten wurde die Zukunft genommen und selbst die wenigen, die den Vernichtungsfuror überlebten, sahen alles andere als hoffnungsfroh in die Zukunft. Einen Neuanfang gab es in Deutschland, dank der Gnade der Sieger und der Unterwürfigkeit der Besiegten vor allem für diese.

Die Vernichteten, Hoffnung und Trauer

Die rechte Figur stehe für die Trauer um die Opfer und die Toten. Der Text auf dem Portal betont noch einmal ausdrücklich: „Also für alle Menschen: die Gefallenen im Krieg (Soldaten, Zivilbevölkerung in Deutschland und in den Kampfgebieten), die Zwangsarbeiter, die Widerstandskämpfer und die Verfolgten.“ Dass alle Opfer der NS-Zeit gemeint sind, würde dem Besucher durch die Inschrift „Den Vernichteten“ deutlich gemacht. Im Tode sind demnach alle gleich, diejenigen, die zur Vernichtung schritten und diejenigen, die Vernichtet wurden. Der industrielle Mord in Auschwitz, das massenhafte Abschlachten von wehrlosen Menschen im Osten, der geplante Hungermord in den Ghettos einerseits, der Tod der Volksgenossen in den Bombennächten, im Schützengraben und im Gefangenenlager andererseits, alles ist nach dieser Lesart Vernichtung. Es soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass die Trauer eines einzelnen über den gefallenen Bruder, den Vater oder den Sohn, über die bei den Bombardierungen ums Leben gekommenen Angehörigen berechtigt ist. Was denjenigen jedoch gut zu Gesicht stehen würde, die die Chance auf einen Neuanfang hatten, ist über die, die beim Verrichten ihrer Vernichtungsabsicht oder beim Bereiten der dafür notwendigen Voraussetzungen ums Leben kamen, öffentlich zu schweigen.

Dann, so das Portal der Stadt, gibt es eine Mahnung an die Lebenden. „Derartiges Unrecht (Unterdrückung, Morde und Ausbeutung) wie es sich in der NS-Zeit vollzog,“ soll sich nicht wiederholen. Solange man nicht diejenigen benennt, die ausnahmslos ermordet werden sollten und die dazu angewandte Praxis der industriellen Vernichtungslager beim Namen nennt, knüpft dieser Passus problemlos an den Konnex zur x-beliebigen Verwendung des Erinnerns in der Gegenwart an. Unterdrückung und Ausbeutung sind Merkmale kapitalistischer Vergesellschaftung, als Begriffe des auf den Nationalsozialismus bezogenen Gedenkens führen sie dazu, dem Protest gegen alles und jedes eine Absolution zu erteilen und sich auch guten Gewissens jenen zuwenden zu können, die heute ganz besonders ausbeuten und unterdrücken, nämlich Israel, hilfsweise den USA oder dem Westen. Und damit klar ist, dass man auch nie selbst gemeint ist und stets auf der Seite der Guten steht, wenn man gegen Unterdrückung, Morde und Ausbeutung mahnt und kämpft, wird es unten auf dem Portal dann noch mal betont, das „Vergiss nicht die Toten“ richte sich insbesondere an die „politisch rechts gesinnten Menschen“.

Aber die „Rechten“ sind bekanntlich die Anderen, nur wenige und sie gehören nicht zu den Guten. Das sind die Massen, das Volk, wir – und das waren die, die nicht gewesen sein können was sie waren, eine auf den Gemeinnutz setzende Volksgemeinschaft. Also wurden sie mit Schein, Betrug und falschem Glanz verleitet und hinters Licht geführt und es war ihnen erst nach dem Krieg möglich, die Wahrheit zu erkennen.

Die Hypostasierung einer Opfergemeinschaft und eines unschuldigen Volkes und andererseits einer bösen Rechten bietet eben jene Schablonen, die es den Friedensmarschierern erlaubt, mit Parolen, die vor 100 Jahren eine eingeschränkte Berechtigung gehabt haben, noch heute hausieren zu gehen, die es ihnen erlaubt sich immer auf der Seite der Guten zu wähnen und tatsächlich mit denen zu paktieren, die (mit oder ohne Bezug auf eine angemaßte antifaschistische Tradition) den jüdischen Staat vernichtet (oder kritisiert) sehen wollen und die in der Verteidigung einer (durchaus unvollkommenen, widersprüchlichen) Gesellschaftsform, deren Grundlage die demokratische Verfasstheit, Freiheit und Recht, das Recht auf Leben und Eigentum ist, gegen ihre erklärten Feinde Imperialismus und Kriegstreiberei sehen.

„Vielleicht könnte der Dornenkranz auch ein Zeichen sein, wie der Judenstern.“

Das zentrale Element des deutschen Nationalsozialismus war der Antisemitismus, dadurch unterscheidet sich der deutsche Nationalsozialismus von anderen Formen des Faschismus. Eine zentrale Rolle im Mahnmal nimmt jedoch ein Dornenkranz ein. Laut der Bibel wurde dieser Jesus vor der Kreuzigung ihm von spottenden römischen Soldaten aufgesetzt. Die Dornen stehen in der Bibel für den Fluch der Sünde. Jesus nahm gemäß der christlichen Theologie im Tod am Kreuz die Sünden der Welt auf sich, um diese zu erlösen, die Dornenkrone symbolisiert zusätzlich die Erlösung von dem Fluch der Sünde. Die Stadt meint nun, der Dornenkranz könnte entweder ein Symbol für die Nazis sein, die andere Menschen umbrachten, die anderen Glaubens waren (als wäre der deutsche Vernichtungskrieg ein Glaubenskrieg gewesen) oder anders dachten, oder es könnte auch ein Judenstern sein, denn man habe Jesus bekanntlich umbringen lassen, weil er einen anderen Glauben hatte und weil man Angst hatte, Jesus könnte die Mächtigen aus ihrer Position stürzen. Wer die Mächtigen zu Jesu Lebzeiten waren, ist in der volkstümlichen Rezeption des christlichen Glaubens durchaus nicht eindeutig, wer Jesus umgebracht hat auch nicht. Die Melange aus deplatzierter Symbolik und volkstümliche Interpretationen Jesus Tod eröffnen schnell Abgründe des christlichen Antijudaismus, der trotz aller Versöhnungsbestrebungen der Kirchenoberen Bestandteil politischer Ideologie diverser Gruppen ist, die sich im Namen des Glaubens für den Weltfrieden engagieren und fester Bündnispartner der Friedensbewegung sind.

Die Friedensmarschierer und „Palästinabefreier“ haben in diesem sogenannten Ehrenmal einen Platz gefunden, den sie verdient haben.

(jd)