Der Widerhall des Schlechten im Guten

Eine bessere Welt ist möglich –  Wut und Sehnsucht nach Identität

Eine Veranstaltungsreihe

11. März – 08. April

un autre monde

Im globalen Kapitalismus sterben täglich Unzählige, da ihnen selbst die grundlegendsten Existenzbedingungen verwehrt bleiben. Ihre Bilder mahnen zum schlechten Gewissen oder sie sterben als bloße Zahlen – gänzlich unbeachtet.

Menschen, denen geschichtlich einmal das Potential zukommen sollte, diese Unerträglichkeit zu durchbrechen, haben sich als zunehmend vereinzelte Subjekte mit diesem Zustand arrangiert oder sind an ihm zerbrochen. Das gesellschaftliche Unglück wird im privaten Glück als aufgehoben imaginiert. Wem über die Grenzen der eigenen Isoliertheit hinauszublicken überhaupt möglich ist, dem wird eindrücklich, wie sich Verelendung und Reichtum zueinander verhalten: Der Widerspruch wird sichtbar an der wachsenden, weltweiten „Wohlstandsproduktion“, die Reichtum als Ware entfremdet, statt eine tatsächliche Verbesserung allgemeiner Lebensqualität herzustellen. Mit der Betrachtung der globalen wie lokalen gesellschaftlichen Unzumutbarkeiten stellt sich daher eine grundsätzliche Hilflosigkeit als Ausdruck der eigenen Bedeutungslosigkeit ein oder die Einsicht, dass die Denunziation des Falschen aktuell die einzig mögliche Praxis ist.

In anderen Fällen führt sie in blinde, die Zusammenhänge verkennende Erklärungsmuster und naive Symptombekämpfung. Ihre Pose als Weltveränderer mit einer ebensolchen Praxis verwechselnd, werden diejenigen, die ihnen mit Skepsis und Polemik begegnen von ihnen als dem Guten abträgliche erklärt.

Die sich hartnäckig dem Guten Verschreibenden, als Anwälte aller Geknechteten und Unterdrückten Hausierenden, die allseits Wütenden begründen ihre Praxis und rühmlichen Absichten mit einer ihrer Sicht nach grundsätzlich gemeinten und meist aber grundsätzlich misslingenden Kritik an dem Bestehenden, die in dem Satz „Eine andere Welt ist möglich“ einen allgegenwärtigen Ausdruck findet. In all ihren Fraktionierungen eint die Praktiker für das Gute das Wesen ihrer mit Projektionen und Schuldzuweisungen agierenden Weltanschauung.

So unterschiedlich und gegensätzlich sich manche Gruppen positionieren, gemeinsam sind ihnen identitäre und staatsfetischistische Ideologiebildung. Während von den einen zur falschen Versöhnung unversöhnlicher Gegensätze der Staat als vermeintlich neutraler Exekutor übergeordneter Interessen angerufen wird, fordern Klassen- und Volksideologen durch dessen unbedingte Abschaffung die totale Auslieferung des Einzelnen an das Kollektiv (die Volksgemeinschaft, die Klasse oder die Umma). So entsorgen die Wütenden das, was an Zivilisatorischem zu bewahren wäre und reproduzieren das, wovon sie in den wenigsten Fällen noch eine Ahnung haben, dass es das Schlechte ist.

Das zu Kritisierende ist als Kunsthandwerk des Engagements bloße Wiederholung grundsätzlicher Bestandteile der Kulturindustrie. Kunstavangarde, die einst einen Ausdruck des Unmöglichen suchte, indem sie die Grenzen des Möglichen überschritt, kehrt heute als Farce der Politclownerie wieder, die, angesichts der so notwendigen wie ausbleibenden Weltrevolution, das Widerständige und Fortschrittliche der Kunst im Gesäusel der Popkultur ertränkt.

Die Abstraktionsverweigerung, die den Widerspruch zwischen der ideologischen Gesinnung und der Komplexität der Realität im Denken des Handelnden nivelliert, in der Sprache dekonstruiert, in Pseudoversöhnung und Projektion reproduziert, schafft nicht mehr als was sie nicht will: In der Verneinung die Bejahung dessen was ist, den Widerhall des Schlechten im Guten.

Wer die Phrase von der anderen Welt herausdemonstriert, ohne die dringende Frage zu stellen, warum diese als Verwirklichung der besseren unmöglich geblieben ist, der verkennt, dass eine andere Welt, als Kehrseite und Konsequenz dieser, sich täglich erneut errichtet und am Leben hält: in Nigeria, Syrien, Irak, Nordkorea und vielen weiteren Ländern, Tag für Tag. (bga-kassel)

Ohne den Anspruch, das annoncierte Thema erschöpfend oder von allen Seiten zu betrachten, präsentiert das Bündnis gegen Antisemitismus vier verschiedene Referenten, die auf ihre Art und Weise sich der geschilderten Problematik aus einem bestimmten Blickwinkel widmen.

11. März 2015 – Thomas Maul: Das Rotzlöffeltum und die Kritik der demagogischen Vernunft

Der durchschnittliche Linke nach Auschwitz war und ist – ob klassisch antiimperialistisch, postmodern oder fundamental-wertkritisch gestimmt – im Denken wie in den daraus folgenden meist wenigstens harmlosen Praxisformen nur noch ein von antibürgerlichen Affekten getriebener Barbar, der sein Ressentiment gegen die Aufklärung, bzw. das (männliche-weiße-westliche) „MWW-Subjekt“ inzwischen derart zu rationalisieren versteht, dass Sexismus, Rassismus, Antiziganismus, Antisemitismus, Antizionismus etc. als eine notwendige Konsequenz der bürgerlichen Vernunft gelten. Da an den antiautoritär großgezogenen autoritären Charakteren der 68er ff. jene bürgerliche Erziehung zur Zartheit vorbeiging, die den zivilisierenden, spontanen, angedrohten oder vollzogenen, elterlichen Schlag „auf die Pfoten“ desjenigen einschloss, der da Fliegen die Flügel ausriss, ist es mitunter am bürgerlichen Staat und seiner Polizei, das Versäumte nachzuholen – wie z.B. Anfang des Jahres an der Humboldt-Uni geschehen, als es galt, eine Kant-Vorlesung gegen linke Feinde des Geistes durchzusetzen. Wussten die Autoren der Dialektik der Aufklärung noch, dass das Interesse der kritischen Theorie an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts bloß der materialistische Inhalt gerade des idealistischen Begriffs der Vernunft ist, scheint man den Zusammenhang zwischen Kants, Marx’ und Adornos Fassung des Kategorischen Imperativs heute sogar gegen so manchen Antideutschen entwickeln zu müssen.

Thomas Maul lebt und schreibt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Stück „Sarahs Rache“ (xs-Verlag 2013) und „Darum Negative Dialektik“ (xs-Verlag 2014). Außerdem schreibt er für die Zeitschrift bahamas.

18. März 2015 – Peter Bierl: Feindbild Mensch – Ökofaschismus, Biozentrismus und Wachstumskritik

Umweltschutz ist nicht per se links, sondern hat antisemitische, rassistische und esoterische Wurzeln. Am Anfang standen im Wilhelminischen Kaiserreich Lebensreform und Heimatschutz, Eugenik und Rassenhygiene. Ihre Ideen prägten die Anfänge der modernen Ökologiebewegung und der Grünen. Eine zentrale Vorstellung ist die Legende von der Überbevölkerung oder gar „Bevölkerungsbombe“. Statt den Kapitalismus als Ursache für ökologische Zerstörungen anzugreifen, werden die Menschen des Trikont ins Visier genommen. Für Ökofaschisten, Tiefenökologen und Biozentristen ist der Menschen eine Plage und das Krebsgeschwür der Erde, Einwanderung lehnen sie ab. Peter Singer, ein Vordenker der Tierrechtsbewegung, schlägt vor, geistig behinderte Säuglinge statt Menschenaffen für „medizinische“ Versuche verwenden. Die NPD und ihr Anhang agitieren gegen Gentechnik und Atomkraft, weil sie deutsches Erbgut schädigen. Globalisierungskritiker fordern, die Vielfalt der Kulturen zu bewahren, als handele es sich um verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Der Gedanke geht auf Vorstellungen der Neuen Rechten zurück. Dabei haben sich Kulturen immer entwickelt und vermischt und manche kulturelle „Eigenheit“ wie Genitalverstümmlung oder patriarchale Herrschaft sollte so schnell wie möglich zugunsten einer globalen Kultur der Solidarität und Selbstbestimmung eingeebnet werden. Zutiefst reaktionär ist die pauschale Diffamierung von Menschen als Konsumidioten und Couchpotatoes in konservativen Varianten der Postwachstums-Debatte, wie sie in Deutschland Niko Paech prominent vertritt. Der Journalist Peter Bierl wird in seinem Vortrag die braune Geschichte des Umweltschutzes und aktuelle Erscheinungsformen Globalisierungskritiker kritisch darstellen.

Peter Bierl ist Autor des Buches „Grüne Braune: Umwelt-, Tier- und Heimatschutz von rechts“ (Unrast-Verlag 2014) sowie „Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts: Der Fall Silvio Gesell“ (Konkret-Verlag, 2012).

25. März 2015 – Albert Markert: Honigpumpe, Fremdarbeiter und Volksgemeinschaft. Völkisches Denken bei Joseph Beuys und seinen Anhängern

Joseph Beuys genießt den Ruf eines Säulenheiligen in der Alternativkultur und –szene Kassels (aber nicht nur dort). Mit seiner Aktion „Verwaldung statt Verwaltung“ hinterließ Beuys eine sogenannte Soziale Plastik, die unkriktisch betrachtet, bei vielen positive Assoziationen weckt. Sie steht für das Engagement, das sich für Naturerhaltung und gegen Bürokratie ausspricht, wer kann da schon etwas dagegen haben. Doch Bürokratie und Verwaltung sind zivilisatorische Errungenschaften bürgerlicher Demokratie und Staatlichkeit und die Vorliebe für Bäume ist eine besonders typische Eigenart deutscher Nationalkultur, in der Kultur schon immer gegen Zivilisation gedacht wurde. Und wie steht es sonst mit dem Denken des Joseph Beuys? Haben Holländer eine andere Volksseele als Franzosen, wie Beuys es 1972 auf der documenta behauptete? Und hat das deutsche Volk eine Aufgabe in der Welt? Was macht die Honigpumpe am Arbeitsplatz? Und welches Problem hat die Free International University – FIU – 1977 mit Fremdarbeitern? Warum pflanzt Joseph Beuys 1982 die erste von 7000 Eichen ausgerechnet am 16. März, dem Jahrestag seines Flugzeugabsturzes auf der Krim 1944. Und müssen wir tatsächlich die Schwelle des Todes überschreiten, um zu einem höheren Bewusstsein zu gelangen? Diese und andere Fragen stellt der Künstler und Autor Albert Markert zur Diskussion.

Albert Markert ist Künstler und hat zusammen mit Frank Gieseke über Beuys das Buch „Flieger, Filz und Vaterland“ (Elefantenpress 1996) geschrieben und ist im Netz hier zu finden: Die Beuysblätter.

08. April 2015 – Roswitha Scholz: Abstraktionstabu im Feminismus

In den 1990er Jahren kam es in der feministischen Theorie, die nunmehr zur Gendertheorie mutierte, zu einem Paradigmenwechsel: Nicht mehr die Geschlechtsneutralität theoretischer Entwürfe wurde angeprangert, sondern die Konstruktion bzw. Dekonstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit rückte in den Fokus, ungeachtet dessen, dass in androzentrischen Konzeptionen (die nach wie vor den Mainstream bilden) der Mann einfach als das Allgemeine gesetzt wird. Die frühere feministische Kritik kam nun selbst in den Ruch, das asymmetrische Geschlechterverhältnis ausgerechnet durch seine Benennung erneut zu reproduzieren. Weit bis in die 1980er Jahre hinein hatte sich frau noch im Gegensatz zur linken Nebenwiderspruchsthese zu behaupten versucht. Nun erlebten Queer- und Genderforschung einen kometenhaften Aufstieg. Damit einher ging auch eine Hinwendung zur soziologisch-deskriptiven Analyse, deren Vertreterinnen sich mit der präzisen Beschreibung von Widersprüchen, Differenzen, Ambivalenzen, Ungleichzeitigkeiten als besonders wissenschaftlich seriös gerierten. Jede Anstrengung des Begriffs wird eines unzulässigen „Essentialismus“ geziehen. Eine notwendige radikale Theorie und Infragestellung hierarchischer Geschlechterverhältnisse, die auch im Verfall des warenproduzierenden Patriarchats im Weltmaßstab weiterhin vorherrschen, wird so unmöglich gemacht.

Roswitha Scholz ist Publizistin und Autorin und lebt in Nürnberg. Sie ist Mitglied der Redaktion der Zeitschrift EXIT! Im Jahr 1992 veröffentlichte sie das Theorem der Wert-Abspaltung. Zuletzt veröffentlichte sie zusammen mit Robert Kurz und Jörg Ulrich „Der Alptraum der Freiheit. Perspektiven radikaler Gesellschaftskritik.“ (Ulmer Manuskripte 2005)

Alle Veranstaltungen finden mittwochs jeweils um 19.00 Uhr, in den Räumen 0207 oder 0206 der Nora-Platiel-Straße 6 am Standort Holländischer Platz der Universität Kassel statt. Möglich wurde die Veranstaltungsreihe durch die freundliche Förderung des ASTA der Universität Kassel.

 

 

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