Demnächst in Kassel: Antisemitismus meets Wunderheiler, Esoterik und Rechtsextremismus

No way out: Über das Elend der Medizin im Kapitalismus

Wer krank ist, befindet sich in einer existentiellen Notlage. Aber ebenso wenig wie Hunger im Kapitalismus zur Produktion von Nahrungsmitteln führt, ist bei Krankheit deren medizinische Behandlung selbstverständlich. Auch der medizinische Betrieb unterliegt dem Zwang zur Profitmaximierung. Schlimm genug.

Um dem Schaden aber noch den Spott hinzuzufügen, unterliegt die Ärzteschaft auch noch einem mittelalterlichem Standesrecht und ist, zumal in der postnazistischen deutschen Gesellschaft, racketförmig organisiert. Zum zweckrationalen kapitalistischen Zwang, Profit zu machen, gesellt sich so noch der vollends irrationale Trieb, das derartig akkumulierte Kapital wieder für Blödsinn wie Schiffsabschreibungsfonds oder Ostimmobilien zu verbraten. Die Interessen des Patienten bleiben dabei oft genug auf der Strecke.

Leonard Coldwell

Zu Gast in Kassel: „Krebsheiler“ und Fachmann in Sachen jüdische Weltverschwörung

Man kann also verstehen, dass Menschen, die krank sind, häufig an der Art und Weise, wie sie behandelt werden, verzweifeln. Hinzu kommt, dass im Neoliberalismus zum einen die körperlichen und seelischen Belastungen immer größer werden, diejenigen, die das Glück haben, noch ausgebeutet zu werden, müssen nicht nur wie früher dem Chef in den Arsch kriechen, sondern dabei auch noch „spontan“ und „kreativ“ sein. Der Rest der Bevölkerung wird schlicht und einfach abgeschrieben.

Gleichzeitig treten körperliche Gesundheit und seelisches Wohlbefinden mehr und mehr als ungeglaubter Glauben an Stelle der Religion, mit der Folge, dass Erkrankung – oder auch nur das an und für sich ja oft richtige und begründete Gefühl, mit den eigenen Verhältnissen nicht zufrieden zu sein, nicht mehr als Schicksalsschlag, sondern vielmehr als eigenes, vorwerfbares Versagen empfunden wird. Gleichzeitig – und nur scheinbar gegenläufig – werden aber auch immer wieder neue Modekrankheiten, Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten etc. erfunden, die als Ausweis einer Zugehörigkeit zur gehobenen Mittelklasse gelten.

Grund für Kritik am bestehendem Gesundheitswesen gibt es also genug. Aber an Stelle der logischen Konsequenz, eine menschliche – oder zumindest im Rahmen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse zweckrationalere – Neugestaltung des medizinischen Betriebes zu fordern, fällt den meisten, der sich selbst als „kritisch“ betrachtenden Zeitgenossen stattdessen ein, die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin zu verwerfen und im trüben Wasser der Lebensreformer und Esoterik zu fischen.

Dafür: Alternative Medizin, Wunderheiler und Kinderquäler in Kassel

Am 24. bis 26. April findet im Kongress-Palais Kassel der „alternativmedizinische“ Kongress Spirit of Health statt.

Moderiert wird diese Veranstaltung von einem gewissen Michael Vogt, einem ehemaligem Leipziger Honorarprofessor und Lobbyisten der deutschen Pharma-, Agrar- und Rüstungsindustrie, der inzwischen wegen Kontakten zum rechtsextremen Milieu geschasst wurde. 2012 initiierte Vogt – gemeinsam mit dem einschlägig bekannten Verschwörungstheoretiker Jo Conrad – das Projekt Aufbruch Gold-Rot-Schwarz welches der Vereinigung der verschiedenen disparaten Gruppen von sogenannten Reichsbürgern dienen sollte. Diese behaupten, die Bundesrepublik Deutschland existiere nicht bzw. sei eine GmbH. Zu den Fantasiegebilden dieser Bewegung gehörten unter anderem ein Reich „Germanitien“ sowie ein „Königreich Deutschland“.

Vogt kann zwar (noch?) nicht über das Wasser gehen, behauptet aber dafür, Benzin, Diesel oder jedweden anderen Treibstoff mit eben jenem Wasser strecken zu können. Bei der Veranstaltung wird zwar nicht für so erzeugten Treibstoff geworben, aber u.a. für ein angebliches Wundermittel namens MMS. Es helfe angeblich gegen Krankheiten wie Aids, Krebs und Autismus. Hierbei handelt es sich um industrielle Chlorbleiche, welche den unglücklichen Patienten per Einlauf verabreicht wird.

Während man in Deutschland vor der Verwendung von Chlor zur Desinfektion von Lebensmitteln panische Angst hat und die Warnung vor der drohenden Invasion der Chlorhühnchen ein Dauerbrenner unter den wackeren Streitern gegen einen amerikanischen Handelsimperialismus herhalten muss, scheint es derselben Klientel nichts auszumachen, sich die selbe Substanz in viel stärkerer Konzentration in den Arsch spritzen zu lassen.

Besonders beliebt ist diese barbarische Behandlungsmethode im Impfgegnermilieu. Dort wird ja gern behauptet, Autismus würde durch Impfen verursacht. Um diesen zu „heilen“, werden autistische Kinder der MMS-Rosskur unterzogen. Wohlgemerkt: Es handelt sich hier eben nicht nur um wohlhabende und gelangweilte Zeitgenossen aus dem großbürgerlichen Eso-Milieu, die letzten Endes selber schuld sind, wenn sie teures Geld für sinnlose Wunderkuren ausgeben. In diesem Falle mag sich das Mitleid in Grenzen halten. Betroffen sind aber eben auch Personen, die auf Grund von Minderjährigkeit und/oder Autismus nicht einwilligungsfähig sind. Kurz: Es wird im Kongress-Palais Kassel dafür geworben, behinderte Kinder zu foltern.

Folgerichtig forderte das für Gesundheitsangelegenheiten in Hessen zuständige Regierungspräsidium die Stadt Kassel Mitte Januar zu Maßnahmen gegen die Veranstaltung auf. Dort würden Handlungen  angepriesenen, die den Tatbestand der Körperverletzung erfüllten, diese zu bewerben, stelle somit eine Anstiftung zur Körperverletzung dar. Laut den Geschäftsbedingungen des Kongress-Palais hatte der Vermieter ein Rücktrittsrecht, falls gegen geltende gesetzliche Vorschriften verstoßen werden würde.

Die Reaktion der Stadt Kassel war die folgende: Den rechtsgültigen Mietvertrag könne die Stadt nicht ohne weiteres wieder auflösen. Anstiftung zu Straftaten sei lediglich der Verkauf von MMS, nicht jedoch dessen Anpreisen oder Bewerben. Im Falle des Rücktritts vom Vertrag würden Schadensersatzforderungen drohen. Einmal abgesehen davon, dass sich die Frage nach einem Rücktritt vom Vertrag ohnehin nicht stellen würde, wenn man das fatale Dokument gar nicht erst unterschrieben hätte, der Unterschied zwischen Anstiftung als Form der Teilnahme einerseits, Mittäterschaft andererseits scheint der Stadt Kassel nicht bekannt zu sein.

Rechts und am Rande des Rechts

Aber hierauf käme es, wenn die Stadt Kassel denn den Willen hätte, den trüb grünlich-braunen Esoteriksumpf trockenzulegen, auch gar nicht an. Selbst wenn die Veranstalter, mit welchen Tricks auch immer, vom Vorwurf der Beihilfe zur Körperverletzung loskämen, strafrechtlich relevantes fände sich im Umfeld der Veranstaltung und der dort mitwirkenden Personen mehr als genug.

Unter den Referenten ist ein gewisser Bernd Klein, der als angeblicher Arzt unter dem Namen Leonard Coldwell auftritt und behauptet, Krebs mit „ mit einer Erfolgsrate von 92,3% behandelt zu haben und … jede Krebserkrankung innerhalb von 2 bis 16 Wochen heilen zu können“. Von diesem Wunderheiler stammen die oben abgebildeten Aussagen über das internationale Finanzjudentum und dessen Verantwortung für den ersten, zweiten und dritten Weltkrieg. Der Tatbestände des versuchten Betruges (strafbar gemäß §§ 263, 23 StGB), des Führens falscher Titel (strafbar nach § 132a Absatz 1 Nr. 2 StGB), und der Volksverhetzung (strafbar gemäß § 130 StGB) dürften erfüllt sein.

Der Moderator Vogt wiederum ist ein alter Herr der rechtsextremen Burschenschaft Danubia, und war 1977 deren Vorsitzender und Sprecher. In Heft 2/2012 der Zeitschrift „Burschenschaftliche Blätter“ veröffentlichte er einen Artikel mit dem Titel „Weg in die Freiheit: Deutschlands Aufbruch 2012 – (ur)burschenschaftliches Manifest zur sozial- und nationalrevolutionären Neuordnung. Abschaffung des Parteienstaates“ in dem er die „Abschaffung des Parteienstaats“, die „Herstellung wirklicher Volksherrschaft“ und den Austritt aus Nato und Euro-Zone fordert. Die Veröffentlichung führte auf Antrag der Münchner Burschenschaft Arminia-Rhenania zum erzwungenen Rücktritt des Chefredakteurs Weidner der „Burschenschaftlichen Blätter“. Selbst unter den sich am rechten Rand bewegenden Burschenschaftlern waren Vogts Äußerungen somit nicht mehr tragbar.

Aber anscheinend bringt es die sozialdemokratisch regierte Stadt Kassel fertig, selbst die Burschenschaften noch rechts zu überholen, in dem sie selbst bei einem Aufruf zum gewaltsamen Umsturz der verfassungsmässigen Ordnung nichts strafrechtlich relevantes zu erkennen glaubt. Oder ist es die Tatsache, das Herr Vogt gebürtiger Kassler ist und sich gemeinsam mit Roland Freisler und Peter Scholl-Latour eines Abis am Wilhelm Gymnasium erfreuen kann, welche die Stadt veranlasst hat, hier beide Augen zu zudrücken?

PS

Der inkriminierte Kongress ist auf eine ziemlich breite Kritik gestoßen. Die lokale Presse, die HNA, hat kritisch und fundiert berichtet und es wird sogar eine Gegenkundgebung des Deutschen Konsumentenbundes geben. (Aufruf zum Bündnis gegen Pseudomedizin und Quacksalberei zum Schaden von Kindern.)

Nicht ganz so ver-rückt und gemeingefährlich, wie auf der Veranstaltung des sogenannten Spirit-of-Health-Kongresses, aber auch mit viel Esoterik, Propaganda für alternative Heilkunde, Bio-Blut-und-Boden- und Zurück-zur-Natur-Ideologie und vielen anderen obskuren Sachen wird es am gleichen Wochenende in Oberzwehren hergehen. Aber diese Veranstaltung, der Tag der Erde, ist fest in der Stadtgesellschaft integriert – dort wird es vermutlich keine kritische Begleitung geben.

(jh)

 

 

 

 

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