Und ewig wollen sie Steine legen

Über einen untauglichen Versuch, der Shoah zu gedenken

Ab in den Steinbruch! Steine klopfen! hieß es früher, wenn die Volksgenossen sich über einen Unangepassten echauffierten und wünschten ihm insgeheim das an den Hals, was den Häftlingen in Mauthausen widerfuhr. Heute hat man einen positiven Bezug zu Steinen, sie tragen dazu bei, den Ruf der Republik und den der Kommunen zu polieren, nach dem Motto: Seht her, wie fleißig wir gedenken!

Nächste Woche werden wieder Stolpersteine in Kassel verlegt. Seit 1992 verlegt der Künstler Gunter Demnig Stein für Stein für die Opfer des Nationalsozialismus. Man könnte der Meinung sein, prima, endlich gibt einer denen einen Namen, die die Opfer der deutschen Volksgemeinschaft waren. Demnig hat in gut 20 Jahren bisher 50.000 Stolpersteine verlegt, die meisten in Deutschland. 65 Steine wurden in Kassel verlegt, 25 weitere sollen in den nächsten Tagen dazu kommen. Von den ursprünglich 3.000 in Kassel beheimateten Juden, lebten 1941 in Kassel noch ca. 1.300 Juden. Sie konnten dem Terror der Deutschen nicht mehr entfliehen. Von ihnen überlebte kaum einer. Ob Demnig auch den restlichen 92 Prozent der ermordeten Kasseler Juden noch einen Stein widmen kann? Wohl eher nicht – es ist gar nicht seine Absicht.

Auf der Homepage des Vereins „Stolpersteine in Kassel“ wird Demnig zitiert: „Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Jeder Stein soll also an einen Ermordeten erinnern. Dieser Anspruch suggeriert, dass diese Form des Gedenkens einen individualisierenden Blick auf eines der unzähligen Opfer der Shoah ermöglicht, also müßte doch auch jedem Opfer ein Stein gewidmet sein. Der Künstler entgegnet auf den nahe liegenden Einwand, dass gar nicht für jeden Einzelnen der Gesamtheit der Opfer ein Stein gelegt werden kann, dass jeder Stein die Gesamtheit der Opfer symbolisieren würde.

Der Betrachter wird, sofern er den Stein überhaupt bemerkt und nicht auf ihn tritt, sein Auto darauf parkt, irgendwelche Gegenstände drauf abstellt usw. auf das Schicksal eines Einzelnen aufmerksam gemacht. Aber der Blick auf das Ganze, den Nationalsozialismus, den Antisemitismus und die Shoah muss dem Betrachter verborgen bleiben. Dieses Ganze erschließt sich dem Betrachter evtl. nur dann, wenn er den Ort des Todes bemerken sollte, der auf den Steinen vermerkt ist. Hierzu wäre aber das Wissen darüber erforderlich, wofür Auschwitz, Sobibor, Riga usw. oder gar Emigrationsorte in den USA stehen. Dieses Wissen kann aber nicht bei jedem vorausgesetzt werden, nicht einmal für die Aktivisten der lokalen Stolpersteininitiativen, insbesondere der in Kassel.

Selbst wenn Demnig es schaffen würde in einer Kommune wie Kassel nahezu allen Opfern einen Stein zu legen, die Steine würden (in Kassel), hier und dort im Boden eingelassen im Gegensatz zu dem zentral angelegten Gräberfelder derer, die bei einer antifaschistischen Aktion der Royal Air Force (RAF)* zu Tode kamen, über das ganze Stadtgebiet verstreut zu finden sein. Den Stolperstein dann zufällig entdeckt, mag ein Passant denken, ja schlimm war’s, hier haben einmal ein paar Juden gelebt und die sind umgebracht worden. In Kassels Innenstadt wurden aber über 10.000 Kasseler vom „Luftgangster Harris umgebracht“, kaum zu übersehen, wenn man über den Friedhof in Kassel läuft.

Demnig mit seinem ersten Kunstwerk

Womit Demnig mal anfing – führt heute zum Bündnis mit Antisemiten

Der Stein steht, wie Grabsteine oder Namenszüge auf Gedenktafeln, für das Andenken an jeweils eine Person. Auf Gedenktafeln wird in summarischer Art und Weise einem massenhaften Sterben gedacht. Allen einzeln, das erreicht eine Gedenktafel dadurch, dass sowohl die Gesamtheit der jeweiligen Toten und der Einzelne durch seinen Namen sichtbar gemacht werden. Das wird klar, wenn man die vielen in den meisten Gemeinden aufgestellten Gedenktafeln für die gefallenen Soldaten sieht. Doch ein jeder, der die Namen auf diesen Tafeln liest, weiß, auch wenn er sonst nichts weiß, es waren viele aber eben nicht alle Deutschen, die für das Vaterland und den Führer ins Gras beißen mussten, denn der Krieg wurde seitens der Alliierten nicht dazu geführt, die Deutschen auszulöschen, sondern um sie zu besiegen. Meist entdeckt der Betrachter solcher Tafeln dann den einen oder anderen Namen von Familien, die nach wie vor am Ort leben. Dass es dagegen das Ziel der Deutschen war, alle Juden umzubringen und dies auch annähernd von ihnen umgesetzt wurde, das werden die Stolpersteine nie vermitteln können, da sie dem Betrachter nicht den Blick auf das Ganze eröffnen, eben nicht verdeutlichen, dass in der Regel keiner und keine derjenigen, deren Namen auf dem jeweiligen Stein zu lesen ist, übrig geblieben ist, bzw. übrig bleiben sollte.

Dem antisemitischen Terror und Vernichtungswahn der Deutschen bahnte die deutsche Wehrmacht ab 1938 den Weg. So blieb der deutsche Antisemitismus nicht auf Deutschland beschränkt, sondern wurde fast in ganz Europa umgesetzt. 6 Millionen Menschen aus ganz Europa wurden von den Deutschen nur deswegen umgebracht, weil sie Juden waren. Angesichts der Tatsache also, dass ca. 97 % der ermordeten Juden vor allem in Polen, in der Sowjetunion (heute: Weißrussland, der Ukraine, Russland, den baltischen Staaten) in Ungarn, Rumänien etc. lebten, wird schnell deutlich, dass die Form des Gedenkens, in Deutschland Steine für die von dort Deportierten und Umgebrachten zu verlegen, nie und nimmer, auch nur annähernd den Opfern des nationalsozialistischen Vernichtungswahns „gerecht“ werden oder einen Begriff der Shoah vermitteln kann.

Allein für die an zwei Tagen im September 1941 bei Babyn Jar von deutschen Einsatzkräften ermordeten Juden Kiews, müsste der Pflastersteinverleger weitere 20 Jahre lang Stolpersteine verlegen. Es ist unwahrscheinlich, dass er dies tun wird und kann. Die Form mit Stolpersteinen den Opfern der Shoah zu gedenken muss immer selektiv bleiben, sie kann aber auch nicht exemplarisch sein, also dass ein Stein oder eine Gruppe von Steinen stellvertretend für die Opfer der Shoah steht und den Betrachter dazu bringt, sich Gedanken über das deutsche Menschheitsverbrechen zu machen.

Es wird immer die Frage bleiben, warum den Opfern gedacht werden soll, für die ein Stein gelegt wird, und für die überwiegende Anzahl derer, für die kein Stein verlegt wird, aber offensichtlich nicht. Nach der Logik des Demnig und seinen Anhängern wird diese Aktion immer bedeuten, die überwiegende Anzahl der Ermordeten bleibt vergessen. Die Ansicht, ein Stein stehe stellvertretend für das Schicksal aller, löst diesen Widerspruch nicht auf, denn dann würde es reichen in jedem Ort einen Stein zu verlegen. Sobald mehrere verlegt werden taucht unvermeidbar die o.g. Frage auf.

Warum diese beflissene Art des Gedenkens? So sorgsam und penibel die Deutschen die Juden erfassten, zusammen trieben und ermordeten, so macht sich jetzt ein deutscher Künstler, sich selbst dabei in Szene setzend, daran, eine dieser Tat gegenüber untauglich bleibend müssende Gedenkform zu installieren. Der monströsen und nichts sagenden zentralen Gedenkstätte in Berlin, setzt er eine dezentrale aber vom Anspruch her nicht minder monströse Form des Gedenkens entgegen. So wie Deutschland sich brüsten kann, seht her, wir haben nicht nur das größte Menschheitsverbrechen begangen, sondern auch die größte Gedenkform geschaffen, so können sich ein Vertreter der Volksgemeinschaft und seine ihn unterstützenden Vereine damit brüsten, die eifrigste Form des Gedenkens schaffen zu wollen. Ohne Fleiß kein Preis.

Jochen Boczkowski, der Vorsitzende der lokalen Initiative in Kassel ist der Auffassung, dass die Steine „ein großes, dezentrales Denkmal gegen Intoleranz und Rassenhass“ darstellen würden. Den Nationalsozialismus als System der Intoleranz und des Rassenhasses zu interpretieren, heißt ihn nicht zu begreifen. Die NS-Ideologie stützte sich zwar auch auf den Rassenhass und Nazis waren gewiss intolerant gegenüber den politisch anders Denkenden, aber das zentrale Moment der nationalsozialistischen Ideologie sind Führerideologie, Volksgemeinschaft und untrennbar damit verknüpft der Antisemitismus und dessen konsequente Umsetzung, eben die systematische Ermordung der Juden. Doch davon wollen die Kasseler nichts wissen.

Der Staat Israel und die Überlebenden sind tagtägliches Zeugnis dafür, dass sämtliche hehren Ansprüche der Aufklärung, die der bürgerlichen und proletarischen Revolution, die Deklamierung der Emanzipation, der Gleichheit und des Rechts, der von Würde und Gerechtigkeit sich dann als leeres Gerede entpuppten, als der antisemitische Furor in der deutschen Tat zu sich selbst fand und Millionen völlig Unschuldiger in Rauch aufgingen und als Individuen ausgelöscht wurden. Die heute lebenden Nachkommen der Opfer beanspruchen, nicht verachtenswertes oder geliebtes, beschütztes oder dem Hass ausgeliefertes Objekt nationaler Kollektive zu sein, sondern als Subjekte in die Geschichte zu treten. Dies tun die heute lebenden Juden nicht als Mitbürger sondern als Bürger der demokratischen Nationen und als Menschen, die den Staat Israel gegründet haben und den sie bis heute gegen jede Anfechtungen der antisemitischen Internationale verteidigen.

Die Kasseler Protagonisten der Stolpersteininitiative tun sich nicht nur dadurch hervor, beflissentlich einen Stein neben den anderen zu setzten, sondern auch dadurch, dass sie ein Problem mit eben diesen lebenden Juden haben. Hierzu haben wir verschiedene Beiträge verfasst, auf die wir hier nur verweisen:

* Demnig gehört zur Generation der 68er. Mit seiner Familie, auch wegen des Nazivaters, aus der DDR nach Westberlin gezogen, fing er dort an zu studieren. In Berlin machte er auf sich aufmerksam, indem er eine US-Fahne mit Totenköpfen drapierte, was ihm ein Ermittlungsverfahren einhandelte. Rechtlich beraten wurde er damals von O. Schily. Zur RAF hat dann seine Wut auf die USA aber doch nicht gereicht. Als Konzeptkünstler widmete er in den Achtzigern dem 40sten Jahrestag der Bombardierung der Kasseler Volksgenossen durch eine ganz andere RAF eines seiner Projekte. Für diese RAF hatte er kein Verständnis, richtete sich ihr Bombardement doch nicht nur gegen die Rüstungsindustrie, sondern auch gegen jene, die dort arbeiteten und gegen jene, die sich als formierte Volksgemeinschaft als die Herren Europas wähnten.

(jd)

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