Denn er weiß nicht worüber er schreibt

Wie ich es sehe oder Herr Dr. Ippen sieht etwas, was Du nicht siehst

Dr. Ippen ist Verleger. Als Verleger versteht er sein Geschäft. Die HNA verfügt trotz rückläufiger Zahlen über eine beeindruckend hohe Anzahl an Leserinnen und Lesern und Abonnenten, die so manche überregionale Zeitungen in den Schatten stellt. Geschäftsleute sollten wie Fußballer, Schauspieler und andere Künstler lieber den Mund halten, oder den Stift zur Seite legen, wenn es um Politik geht. Doch der Verleger äußert sich regelmäßig immer samstags in seiner Zeitung in der Kolumne „Wie ich es sehe“ zu allen möglichen Themen. Meist gibt er dann seine, im Duktus eines Wortes zum Sonntag daher kommende, den Zeitgeist reproduzierenden, Kommentare zum Besten – nicht weiter erwähnenswert.

Unrecht

Wer von „Unrecht“ im Zusammenhang des NS redet, hat nicht alle Tassen im Schrank – Aber das Problem ist anders gelagert.

Dieses Mal äußert er sich zum Hype um „Nazi-Jäger“ Fritz Bauer. Nachdem also letztes Jahr gleich zwei Kinofilme sich dem Thema Bauer widmeten, folgte nun ein Fernsehfilm in der ARD. Daneben wurden auf den Kanälen des öffentlich rechtlichen diverse Dokumentarfilme produziert und gezeigt. Aus all diesen kulturindustriellen Produkten wurde mehr oder weniger deutlich, dass Bauer in den fünfziger und sechziger Jahren ziemlich alleine da stand, dass sein Wirken auf massive Widerstände traf, dass seine Erfolge mit bitteren Kompromissen verbunden waren und auf einem nervenaufreibenden Kampf mit einem widerwillig bis sabotierend agierenden Justizapparat beruhten. Das ist der aktuelle und höchst offiziöse state of the art.

Im Gegensatz zu den fünfziger und sechziger Jahren wird Bauer heute also zum Nationalhelden erkoren. Klar, die um die es Bauer ging, sind alle tot, oder fast tot und viel wichtiger, die Schuldabwehr und Verdrängung als beherrschende Bestandteile postnazistischer Ideologie in der Bundesrepublik wurden nach Weizsäckers Rede zum 8. Mai und der Wehrmachtausstellung in den Neunzigern nach und nach von einer zunehmend obsessiv betriebenen Gedenkkultur und der ihr zugehörigen Ideologie abgelöst. Erst heute sind wir Weltmeister der Erinnerung und Aufarbeitung, 1953 waren wir nur „wer“ und Fußballweltmeister.

Ippen mutet daher an wie einer, der 1960 in die Zeitreisemaschine gesetzt wurde und heute ausgestiegen ist. Geradezu grotesk, aberwitzig und aus der Zeit gefallen kommen seine Behauptungen daher, in Deutschland hätte es eine „systematisch praktizierte Verfolgung und Bestrafung von NS-Verbrechen“ in der Folge der Nürnberger Prozesse gegeben. In den Entnazifizierungsverfahren wären „alle irgendwie (sic!) Belastete, …, ihrer Ämter enthoben worden“, „der Wiederaufbau in der Politik, in der Justiz und in der Verwaltung erfolgte im Geist von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit“ und dieser „Neuaufbau konnte sich auf die beste deutsche demokratische Tradition stützten.“ Viele der Spitzenpersönlichkeiten, wären aus den Lagern oder aus der Emigration zurückgekehrt und sie hätten die junge Bundesrepublik geprägt.“

Ippen hat nicht begriffen, dass es heute dem Ruf Deutschlands mehr dient, in akribischer Forschungsarbeit darzulegen, dass so gut wie alle Institutionen der Bundesrepublik, insbesondere aber die Justiz, die Wirtschaft, die Universitäten usw. von ehemaligen Nazis durchsetzt waren, die lediglich nicht mehr ihren Arm hoben, wenn sie ihren Vorgesetzten grüßten und nicht im altersstarrsinnig anmutenden Trotz und bar jeglicher Kenntnis, diese Binsenwahrheit abzustreiten und das Gegenteil zu behaupten. Auch die Erkenntnis, dass der Antisemitismus nicht plötzlich verflogen war, sondern es nun einfach nicht mehr opportun war, offen Hass auf Juden zu artikulieren, sondern es den Juden zu neiden, dass sie und nicht die Volksgemeinschaft Opfer der Nazis waren, hat sich mittlerweile herumgesprochen und dass die den Deutschen von den Alliierten aufgegebene Entnazifizierung eine Farce war, in der sich die Subjekte der Volksgemeinschaft gegenseitig bescheinigten, unbelastet gewesen zu sein, ist seit mehreren Jahrzehnten Bestandteil des Allgemeinwissens.

Erst das Bekenntnis zur Erkenntnis, dass das Nachkriegsdeutschland durch die Kontinuität und nicht durch einen Neuanfang geprägt war, erlaubte es, dass man die damals nicht erfolgte Aufarbeitung um so mehr an der des „Unrechtsstaates DDR“ wiedergutmachen musste, dass man sich als Gewissen der Welt gerieren kann, um um so unbefangener mit Regimes wie dem Iran und Saudi Arabien Geschäfte zu machen und zur Not auch mal Israel daran zu erinnern, es mit der Verteidigung seiner Sicherheit und die seiner Bürger nicht zu weit zu treiben und doch mal die „schmutzige Vergangenheit“ der eigenen Staatswerdung „aufzuarbeiten“, um endlich Frieden im Nahen Osten zu schaffen.

Und nur dann, wenn man heute zugibt, dass die Ahnen im NS-Regime auch als Täter „verstrickt“ gewesen sind, dass es daher logischerweise eben keine Stunde Null gegeben hat, nur dann kann man die deutsche Volksgemeinschaft als traumatisierte Nachkommen der Tätergemeinschaft in einer gesamtnationalen Familienaufstellung exkulpieren um sich heute völlig unbefangen in eine Reihe mit den Nachkommen der Opfern stellen und nicht indem man das Geschwafel von der Scham des Opportunisten Heuss zum besten gibt – dann ist man im deutschen Konsens angekommen.

Ippen! Setzten sechs!
(jd)

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