Antisemitismus als Meinung

Die Methode Leserbrief

Leserbriefe geben im allgemeinen Verständnis die Meinungen der Leser und Leserinnen einer Zeitung wieder. Nicht jeder Leserbrief an eine Zeitung wird jedoch gedruckt. Ein zuständiger Redakteur wählt die seiner Auffassung nach geeigneten aus, andere ignoriert er. Ein Grund der Auswahl könnte dabei sein, die im Brief geäußerte Meinung zu einem Thema für legitim und wichtig zu halten, nicht zufällig überschreibt die Zeitung die Seite mit „Lesermeinung“. Die exemplarische Darstellung des Ressentiment des Mobs ist sicherlich nicht das Motiv einer Lokalzeitung, bestimmte Leserbriefe zu veröffentlichen.

In Kassel ist in diesem Jahr der Philosoph und Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik für die Franz-Rosenzweig-Professur berufen worden. Brumlik tritt seit einigen Jahren als Kritiker des Zionismus hervor.* Eine Kritik die von der historischen Aufgabe und gegenwärtigen Funktion des Zionismus nicht viel übrig lässt (vgl. Grigat), eine Kritik die Henryk M. Broder als „Abrechnung mit den ‚Lebenslügen‘ des Zionismus“ bezeichnete, deren durchschaubarer Zweck darin bestünde, Anschlußfähigkeit an den Mainstream bundesdeutscher Israelkritik zu beweisen. Brumliks Vorlesungen in Kassel beschäftigen sich u.a. mit der Geschichte des Zionismus. Man kann erwarten, dass er für die, die den groben und einfältigen Israelhass nicht goutieren, gleichwohl aber einen Vorbehalt gegen den jüdischen Staat hegen und gleichzeitig davon überzeugt sind, der jüdischen Religion gegenüber Toleranz zu pflegen, froh sind, mit Micha Brumlik einen auf ihrer Seite zu wissen, der gewissermaßen einen Kosherstempel hat, um für ihren gepflegten Antizionismus und ihrer distinguierten „Israelkritik“ den professoralen Segen zu erhalten.

Meinungen

HNA, 13.04.2016

Doch dem Leserbriefschreiber und Antisemit Michael Eckhardt sind solche Feinheiten egal. Er hat Wind davon bekommen, dass sich ein jüdischer Professor mit dem Thema Zionismus beschäftigt, das reicht und schon schwadroniert er davon, dass er Religionen, die Gewalt rechtfertigen, für fehlgeleitet hält. Als Beispiel religiöser Gewalttätigkeit fällt ihm dann mit schlafwandlerischer Sicherheit die strafrechtliche Verfolgung des Israeli Mordechai Vanuu in Israel ein. Er bringt dann noch die Entführung von Eichmann ins Spiel, für die er ein „gewisses Verständnis“ hegt, mit dem Attribut „gewisses“ schränkt er dieses Verständnis jedoch gleich wieder ein und wenn er dann noch hinzufügt, auf die Gründe käme es an, bedeutet das implizit, die Juden können nur unlautere Gründe haben – so wie eben bei der strafrechtlichen Verfolgung des Vanuu. Das Ganze bettet er dann als guter Deutscher in ein Geschichtsbewusstsein ein, dass viel aufgearbeitet, gedacht und erinnert hat und somit über Erfahrungen verfügt.

Die Kasseler Zeitung hält so etwas, wie vermutlich der größere Teil der Leserschaft und der Gesellschaft für eine legitime Meinungsäußerung. Die Eigenart des Antisemiten ist es, seinen Wahn als legitime Meinungsäußerung zu sehen und wenn man ihn daraufhin kritisiert, sich auf die Meinungsfreiheit zu berufen, in deren Namen er den antijüdischen Kreuzzug predigt. Eine Zeitung, die solche Leserbriefe druckt, befördert diese Weltanschauung

*Der vorher hier vorgenommene Vorwurf, Brumliks sei Antizionist, ist nicht ganz richtig und daher präzisiert worden. H.M. Broder sieht Brumlik noch auf den Weg dorthin. Ob er dort angekommen ist, kann man derzeit in Kassel überprüfen. (jd)

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