Hyänen und Hygiene – das Abbild der Gesellschaft im Wildwechsel

Zum wiederholten Male – der Blick auf den Journalismus kostenloser Blättchen oder Obdachlosenzeitungen verrät viel vom Dünkel der Aufstrebenden oder Hängengebliebenen einer Zunft, die den Anspruch hat, vierte Gewalt im Staate zu sein.

Auch wenn die Hyäne vom palästinensischen Heldenvolk nicht so sehr geliebt wird – der Hygiene bedürfen auch die wackersten Kämpfer für ein judenreines Palästina vom Fluss bis ans Meer. Aber auch in der Kultur- und Medienbranche und den akademischen Disziplinen, die als deren Zulieferer von Menschenmaterial fungieren, führt der Weg zur Praktikantenstelle und möglicher Weise vielleicht sogar zu einem bezahlten Job im Zweifel über persönliche Beziehungen. Netzwerke und die gute alte Besetzungscouch, da kann Mann oder Frau sich ein ungepflegtes Äußeres am allerwenigsten leisten. Was tun also, wenn man nicht nur ethnisch säubern, sondern sich auch ethisch säubern möchte? Denn ach, die Kosmetikindustrie ist, wie der Rest der Welt, zionistisch unterwandert. Da kommt eine beachtliche Liste von zu boykottierenden Produkten zusammen aber auch eine rühmliche Ausnahme, nämlich der Seifenbrauer Lush, welcher folgerichtig auf o. g. Liste der Judenboykotteure wärmstens empfohlen wird.

wildwechsel

Der geschulte Blick, wird die Aufforderung zum sexuellen Übergriff ohne weiteres erkennen. Aber im Wimmelbild des Wildwechsels gilt es mehr zu entdecken.

Dieses Unternehmen rühmt sich seit jeher seines ethischen Engagements und seines Einsatzes für alle erdenklichen noblen Anliegen, von der Rettung des Hühnerhabichts bis „Freedom for Palestine“. Ein Machwerk, der in den Neunziger Jahren einst bedeutenden, aber nunmehr vergessenen Kapelle Faithless, welches vom Sänger vollmundig mit „Free Nelson Mandela“ von AKA Special verglichen wird.

Der Text lautet:

So many years of catastrophe, more than six million refugees,
it could be you and your family,
Forced from your home and your history.

We are the people, and this is our time,
Stand up, sing out, for Palestine
No matter your faith or community, this is a crime against humanity,
Gaza turned into a prison camp, apartheid wall divides the West Bank.

We’ll break down the wall, Freedom for Palestine
Demand Justice for all, Freedom For Palestine
Enough illegal occupation, violence and racial segregation, all religious communities unite.

Freedom is a human right,
We are the people, and this is our time,
Stand up, sing out, for Palestine,
We’ll break down the wall, Freedom for Palestine
Demand Justice for all, Freedom For Palestine.

We are the people, and this is our time,
Stand up, sing out, for Palestine,
We’ll break down the wall, Freedom for Palestine
Demand Justice for all, Freedom For Palestine(repeat X5)
We are the people, this is our time, unite together, for justice in Palestine.

Sechs Millionen also. Da gab es doch schon mal was mit Juden, und der gute Deutsche weiß, das sich das niemals wiederholen darf, schließlich hat man, im Gegensatz zu denjenigen, die nach dem Weltbild der vom Wahn geplagten, nach wie vor dem alttestamentarischem Grundsatz Auge um Auge, Zahn um Zahn folgten, aus der Geschichte gelernt. Ganz besonders gute Deutsche arbeiten beim kostenlosen ostwestfälischem Anzeigenblättchen Wildwechsel. Deswegen prangt auf dem Titel der Slogan „Kein Bock auf Nazis“, und im Gegensatz zu den Zeiten, wo so ein Disclaimer in erster Linie dazu diente, eine ideologische Distanz zwischen den hinter dem Blättchen stehenden Jungunionisten und den dörflichen Wehrsportprolls* darzustellen, die in Wirklichkeit gar nicht existierte, ist das heute sogar einigermaßen ernst gemeint.

Mit Schmuddelnazis möchte man auch in der ostwestfälischen Provinz nichts (mehr) zu tun haben, und tatsächlich setzt sich der Herausgeber des Wildwechsels Fedor Waldschmidt im Internet von Zeit zu Zeit recht wortgewaltig mit allerlei Kremltrollen auseinander, sofern sich deren Ansichten gegen die EU, den Islam und die USA richten, allerdings im letzteren Fall nur dann, wenn deren Präsident Obama heißt und sich europäischer als die Europäer gibt. Auch gegen den hier in Kassel einschlägig aufgefallenen Christian Gherhard hat Waldschmidt schon seine Stimme erhoben, was ihm nicht nur Freunde gemacht hat.

Das einst reaktionäre Profil scheint nur noch beim Schlager- und Classic-Rock-lastigen Musikgeschmack und in der zu Weilen frauenfeindlicher Werbung durch, insofern ist der Wildwechsel, so unbedeutend er auch ansonsten sein mag, ein getreues Abbild der Berliner Republik, geprägt vom Aufstand der Anständigen, der Willkommenskultur und von der poststrukturalistischen wissenschaftlich verbrämten Begleitmusik und dem Wirken der Ritter der Zivilgesellschaft.

Der Wildwechsel ist somit ein Lackmustest dessen, was noch geht, wenn man in den Grenzen des Mainstreams bleiben möchte. Lush und deren notdürftig als Antizionismus camouflierter Antisemitismus gehen offenbar oder werden als solcher nicht erkannt. Jedenfalls widmet man der Paderborner Niederlassung von Lush eine halbe Seite garniert mit Abbildungen von edlen Wilden und deren volkstümlich dem Blut und Boden entsprungenen Handwerk.

Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, das Lush versucht hat, sich von „Freedom for Palestine“ halbherzig zu distanzieren, allerdings sei dahingestellt, ob die verwendeten Formulierungen nicht doch eher eine Rechtfertigung darstellen. Auf jeden Fall gibt es immer noch keine Niederlassung von Lush in Israel, denn dort sei der „multikulturelle Charakter der Belegschaft“ nicht gewährleistet. Mit solchen Bastionen des Multikulturalismus und der Toleranz wie Saudi Arabien und Sri Lanka hingegen hat Lush anscheinend keine Probleme.

* informativ über die ostwestfälischem Verhältnisse von einst ist dieses Interview: „Das unmögliche im Popsongformat.“ Die Jungs von der Rheinarmee dürften in der Dorfdisco oft genug schlagkräftig das Schlimmste verhindert haben.

(jh)

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