Ökumene und eine Bierzeltbotanikerin im Vorderen Westen

daß sie 
einmal mit uns Heiden umgehen könnten, 
wie sie zur Zeit Esthers in Persien mit den Heiden 
umgingen. O wie lieb haben sie das Buch Esther, das so 
fein zu ihrer blutdürstigen, rachgierigen, mörderischen 
Begier und Hoffnung stimmt! Kein blutdürstigeres und 
rachgierigeres Volk hat die Sonne je beschienen, als die 
sich dünken lassen, sie seien darum Gottes, daß sie sollen 
und müssen die Heiden morden und würgen. Und es ist 
auch das vornehmste Stück, das sie von ihrem Messias 
erwarten, er solle die ganze Welt durch ihr Schwert 
ermorden und umbringen. Wie sie denn im Anfang an uns 
Christen in aller Welt wohl erwiesen und noch gerne täten, 
wenn sie es könnten, habens auch oft versucht und darüber 
auf die Schnauze weidlich geschlagen worden sind.
Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen

Das Lutherjahr ist doch erst 2017, wieso also der Verweis auf den Begründer des Protestantismus und seine Lehre über die Juden? Das Evangelische Forum, die evangelische Kirchengemeinde der Friedenskirche und die dort ebenfalls beheimatete katholische Kirche in Kassel laden Sumaya Farhat-Naser, seit 1982 Dozentin für Botanik und Ökologie an der Universität Bierzelt – Entschuldigung (what a mess) Birzeit in Palästina, in das Stadtteilzentrum Vorderer Westen ein. Das Friedensforum freut sich, ob dieser Schützenhilfe der in dieser Angelegenheit vereinigten Kirchen.

Zäumen wir das Pferd von hinten auf. Wie eine Zwingburg thront der Vordere Westen über dem Rest der Stadt, den die Bewohner dieser Mops-, Mac-Donaldsfreien und einer Zone mit vergleichsweise wenig Migranten, meist nur zum Arbeiten in Behörden und zum Goutieren der Produkte kulturindustrieller Institutionen oder anlässlich des Ostermarsches und der Anti-TTIP Demonstration aufsuchen. Diese gleichen den Strafexpeditionen eines Drusus oder Germanicus: Man marschiert ins Land der Barbaren um ihnen zu zeigen, wer das Sagen hat, guckt sich die drei bösen M eine Weile mit angenehmen Gruseln oder multikulturellem Wohlgefallen an und geht dann wieder nach Hause.

Am Eingang der Zwingburg, an der Straßenbahnhaltestelle Annastraße, war jahrelang das Graffiti „Tsunami US Bomb – Tsunami Israeli Bomb“ zu lesen, gleichsam als Warnung, dass, wie Pur einst gesungen hat, der Eintritt in diesen Stadtteil den Verstand kostet, oder entsprechend des Eingangs zu Dantes Inferno: Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.

Sogar Bomber Harris hatte die Hoffnung, die Bewohner dieses Stadtteils zur Vernunft bomben zu können, fahren lassen, deswegen blieb die wilhelminische Bausubstanz 1943 weitgehend erhalten. Wäre die Besatzung der Zwingburg zu dem Maß an Selbstreflektion fähig, dem es bedarf, um Ironie empfinden zu können, so wäre es wohl ironisch zu nennen, dass der Stadtteil, der vor 1945 den überzeugtesten Nazis und heutzutage den überzeugtesten Antizionisten eine Heimat bot bzw. bietet, seine Existenz einem leibhaftigen jüdischen „Immobilienspekulanten“, nämlich Sigmund Aschrott verdankt.

Wer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Stadtteil für das gehobene bürgerliche Publikum aus dem Boden stampfen wollte, musste für entsprechende Kirchen sorgen, denn der Protestantismus galt nach Kulturkampf und Sozialistengesetz dem damaligen nationalliberalen Bildungsbürgertum als eine Art Staatsshintoismus, also als ein Religionssurrogat, an das zwar niemand wirklich glaubte, das aber Loyalität gegenüber Staat und herrschender Gesellschaftsordnung bekundete. (In anschaulicher Weise dokumentiert dies der Film Das Weisse Band.) Nachdem also Katholiken und gottloses Sozialistengezücht auf ihre Plätze verwiesen waren, lag es nahe, sich als nächstes der Juden anzunehmen. Der 3. Antisemitenkongress in der Kasseler Stadthalle war zwar eine eher klägliche, denn eine machtvolle Demonstration, gleichwohl nistete sich der Antisemitismus in Nordhessen als fester Bestandteil politischer Kultur ein. Die Wahlergebnisse der antisemitischen Parteien waren gut, Abgeordnete aus der Region waren im Reichstag vertreten und in der Weimarer Republik erzielte die NSDAP gute Wahlergebnisse in Kassel. Der Vorderer Westen war Wohn- und Wirkungsort des Politgangster Roland Freislers und seiner Anhänger. Die Kasseler Synagoge wurde in eigener Initiative der Volksgenossen zwei Tage früher als im restlichen Reichsgebiet verwüstet. Die von den Nazis angeführte deutsche Revolution führte das zu Ende, von dem die deutschen Antisemiten seit Beginn des 19. Jahrhunderts träumten und so wurden auch die Kasseler Juden in den sicheren Tod deportiert. Nicht wenige von ihnen wohnten im Vorderen Westen – fast keine/r von ihnen kehrte zurück. 

Springen wir in die Gegenwart: Heute übt man sich in der Ökumene, besonders dann, wenn es darum geht, Vertreter des Heldenvolkes von heute als „Friedensarbeiter“ zu ehren. Diese Heldenverehrung, der mit dieser komplementär sich äußernde Hass auf Israel und der Antiamerikanismus sind das letzte, was das im Vorderen Westen versammelte Milieu noch zusammenhält, denn vom protestantischen Glauben ist so wenig übrig*, dass der protestantische Habitus von dem eines Anhängers Blavatskis oder eines Willi Dickhuts nicht mehr zu unterscheiden ist, gleichsam als ob es keinen Unterschied mehr macht, ob an einen abstrakten Gott in jüdisch christlicher Tradition geglaubt wird, an einen Rentner aus dem Ruhrgebiet oder an Ur-Arier aus Atlantis.

Auch mit der protestantischen Ethik im Sinne eines Max Webers ist es nicht mehr weit her, denn durch Disziplin und andere Sekundärtugenden Kapital zu akkumulieren, ist für diejenigen, welche ein „Projekt“ betreuen und letzten Endes ökonomisch ebenso überflüssig weil von halb staatlicher, halb bandenförmiger Subvention abhängig, wie nur irgendein Hartz IV-Empfänger, ebenso unmöglich wie sinnlos. Askese ist hier nur noch Selbstquälerei, um auf jene hinab schauen zu können, die ihre Zeit vor dem Flachbildfernseher totschlagen und nicht mit Einradunterricht, Eurythmiestunden oder bei Volkstumskitsch, Kaffee und Kuchen in mediterranem Flair, antizionistische Propaganda sich zu Gemüte führen, sich in der vormals noch im Arbeiterviertel beheimateten „Volksbibliothek“ mit ausgesuchtem Werken über die „Zärtlichkeit der Völker“ oder entsprechenden Vorträgen das Hirn zu vernebeln. Als in Stein gewandelte Form, des oben genannten Spruchs, wacht nun heute ein Café, das sich Buch-Oase nennt, und besser Café Jihad heißen möge, darüber, dass der Verstand an der Pforte zum Stadtteil abgegeben wird.

So führt man in den Gebäuden, die das einstige Bürgertum hinterlassen hat, ein schattenhaftes Dasein wie Geister in einem Spukschloss, schenkt sich nichts zu Weihnachten, ist lactoseintolerant, schaut Tatort und die Anstalt und redet über schlechten Sex wie die Figuren in einem Updike-Roman oder einem Film von Ingmar Bergmann, ohne verstehen zu wollen und können, dass diese Künstler ihr Werk als Kritik an den postbürgerlichen Zuständen verstanden und nicht als Gebrauchsanweisung zur Nachahmung haben.

Aber immer wenn es um den großen und den kleinen Satan geht, erwachen die Geister zum Leben, gar zur Raserei. Passender Weise gibt es mit Sumaya Farhat-Naser ein Bindeglied zwischen deutschem Protestantismus, katholischem Pax-Christi-Betschwester- und -brüder-Habitus, sowie Berufspalästinensertum, nämlich eine von deutschen Diakonissen im Mädcheninternat Talitha Kumi als Vandani Shiva-Klon herangezüchtete promovierte Ökologin und „Friedensvermittlerin“, welche laut Wikipedia bekannt ist „für ihre klaren Meinungsäußerungen gegenüber den Medien und, insbesondere, für ihre verschiedenen Projekte, in denen sie Frauen motiviert, eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes herbeizuführen“. Sie ist außerdem Autorin von Büchern wie Thymian und Steine. Eine palästinensische Lebensgeschichte; Verwurzelt im Land der Olivenbäume. Eine Palästinenserin im Streit für den Frieden, Disteln im Weinberg. Tagebuch aus Palästina und Im Schatten des Feigenbaums heißen, so was verspricht, was der Anhänger des Volkstumskampfes erwartet, viel Tümelei und verwurzeltes Volk. So wie Farhat-Naser also über ihr eigenes Volk Bescheid weiß, so weiß sie Schauergeschichten über das andere wurzellose zu berichten: „In Sachen Gewalt steht Israel an erster Stelle in der Welt. Auf der Straße schlagen sich die Leute. Und wie oft im Bus. Sie schlagen sich, weil der eine vor dem anderen auf den Sitz will. Um Parkplätze, das ist bekannt in Israel: viele erschießen sich gegenseitig wegen einem Parkplatz.“ (Mädchen steh auf) Zum Glück gibt es unsere o.g. friedfertige Vertreterin und ihr Volk, die ja bekanntlich das genaue Gegenteil verkörpern, weswegen sie von den Kirche ja auch eingeladen wird.

Wie sieht nun die gewaltfreie Kommunikation, die Überwindung religiöser und interkultureller Schranken durch Integration, Kennenlernen, Anerkennung und Gemeinsamkeit der Frau Dr. Dr. Farhat-Naser in der Praxis aus? Hierüber gibt die kurze Zusammenfassung eines Auftritts der Doppeldoktorin im Gymnasium bei St. Stephan Auskunft, verfasst von Abt Theodor Hausmann**.

Schuld am Judenmord ist also nach dieser Lesart nicht etwa die Flut antisemitischer Propaganda, der palästinensische Jugendliche durch Medien, Schule, Universität etc. ausgesetzt sind, sondern die „Perspektivlosigkeit“, die ja schon 1991 die armen Ossis dazu trieb, aus Mangel an Tischtennisplatten, Flüchtlingsunterkünfte und Wohnungen von Asylbewerbern anzuzünden, oder 1930 folgende folgende Antrieb des deutschen Proletariats war, anstatt zur revolutionären Tat, dem Führer und der SA mitsamt des verlotterten Kleinbürgertums zur Formierung der Volksgemeinschaft zu folgen, um dann ein für alle mal zur deutschen Revolution, sprich zum Judenmord, zu schreiten.

Auch an der Verfolgung der Christen in islamisch dominierten Ländern sei letzten Endes nicht der Islam schuld, sondern die bösen Juden und die mit Ihnen verbündeten evangelikalen Christen: „Die Verheißung des Landes gelte eben nicht nur den Juden als erstem Gottesvolk, sondern diese Zusage gelte auch Christen und Muslimen als Kindern Abrahams. Sie kritisierte, dass sich evangelikale Christen aus den USA in Israel anmaßten, die „christliche Stimme“ zu sein und den Landraub an den Palästinensern als Vollzug des göttlichen Willens darstellten. Dies missachte die im Land seit der Zeit Jesu anwesenden Christen der orientalischen Kirchen und schüre Ablehnung und Hass der Muslime, die dann genau Angehörige dieser Kirchen träfen.“ Moslems sind somit keine denkenden Menschen, die Verantwortung für ihr Tun tragen, sondern Reiz-Reaktions Automaten; Schuld ist immer der Jude. Bei so viel Integration, Kennenlernen Anerkennung und Gemeinsamkeit kann ja nichts mehr schief gehen. (jh / jd)

* dies gilt wohlgemerkt für die offiziellen Staatskirchen. Das evangelikale Milieu ist ein Ding für sich, häufig „israelsolidarisch“, wenn auch aus Gründen, die meist wenig mit Aufklärung und Vernunft zu tun haben. Immerhin ist der evangelikale Protestantismus angelsächsischer Prägung als Relikt der Renaissance und frühbürgerlichen Revolution anzuerkennen, dem das Versprechen anhaftet, das die unmittelbare Beziehung zu Gott ohne Dazwischenschaltung kirchlicher Hierarchien nicht nur barbarischen Verzicht auf Vermittlung, sondern auch Befreiung von grausamer und ungerechter Autorität bedeuten kann.

** auch der Katholizismus ist gegen antizionistische Tendenzen und Antisemitismus keineswegs immun, handelt aber, im Gegensatz zum deutschen Protestantismus nicht aus reinem Wahn, sondern mit einem realen machtpolitischen Interesse, weil bestimmte Bevölkerungsgruppen im Nahen Osten und die ihnen angeschlossenen Parteien und Milizen dem Vatikan verbunden sind.

 

 

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