Neulich in Bebra: Im Namen des Antifaschismus mehr Antisemitismus wagen oder

I’m a Barbie Girl

Aus Bebra kommt nicht nur der Barbier, der einst unter anderem Wolfgang Thierse rasieren und meucheln wollte, es gibt dort auch eine Stiftung, die sich mit dem Namen des antifaschistischen Widerstandskämpfers Adam von Trott zu Solz schmückt. Zu den Förderern dieser Stiftung gehören u.a. das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, aber auch auch die Uni Göttingen.1 Diese Stiftung lud im März 2021 Aleida Assmann ein, die zum Thema „Antisemitismusdebatte in Deutschland und der israelisch-palästinensische Konflikt“ referieren sollte. Schlafwandlerisch erkannte die HNA den Sinn der Veranstaltung und kündigte diese treffsicher mit den Worten an: „Wann ist Kritik an Israel antisemitisch?“2 Eine Gang von Unterschriftstellern3 treibt des engagierten Deutschen größtes Problem um, mit der Antisemitismus-Keule am Kampf für das Gute gehindert zu werden und einem Klima des Verdachts, der Verunsicherung und der Denunziation ausgesetzt zu sein, wenn man sich der Kritik an der israelischen Regierungspolitik gegenüber den Palästinensern widme.4

Assmann ist Anglistin, Ägyptologin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Zusammen mit ihrem Gatten Jan Assmann hat sie 2018 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für die Rolle des dynamischen Duos als „Wegbereiter einer klugen und aufgeklärten Erinnerungskultur“ (Heinrich Riethmüller) bekommen. Riethmüller weiter über die Preisträgerin: „Die Forschungen von Aleida und Jan Assmann sind Grundlagen dafür, wie eine moderne Gesellschaft aus der Vergangenheit lernen kann, um in Frieden und Freiheit leben zu können.“5

Assmann gehört zur oben genannten Gang, die an der zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlichten Jerusalemer Erklärung beteiligt war, die sie auf der Veranstaltung entsprechend spoilerte. (Man beachte die mit Sicherheit nicht ohne Hintergedanken gewählte Kombination von Jerusalem und österlichem Datum!)

Zur Jerusalemer Erklärung selbst ist anderen Ortes bereits alles Notwendige gesagt, so dass auf eine weitere Erläuterung verzichtet werden kann.6

Die Assmanns treten – zumindest nach Meinung der Friedenspreis-Jury – stets im Doppelpack auf, wie Lolek und Bolek, Batman und Robin, etc. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass Aleida die Meinung ihres werten Gemahls teilt. Jan Assman engagierte sich seit 1967 „in Theben-West bei einer epigraphisch-archäologischen Feldarbeit für die Beamtengräber der Saiten- und Ramessidenzeit und leitete ab 1978 ein Forschungsprojekt in Luxor (Oberägypten).“7 Wer die deutsche Expat-Szene in Nassers Ägypten kennt, weiß, wo der Fennek langläuft. Das Ergebnis ist entsprechend. Und so liest man auf Wikipedia: „Weiter über den engeren ägyptologischen Kreis hinaus bekannt wurde Assmann durch seine Deutung der Entstehung des Monotheismus, dessen Anfänge seiner Auffassung zufolge mit dem Zeitpunkt des Auszugs der Israeliten aus Ägypten verbunden sind. Assmann betrachtet es als dringende Notwendigkeit, mehr Verständnis für die Kulturen aufzubringen, die nicht dem Monotheismus anhängen. In diesem Zusammenhang erklärt Jan Assmann den theologischen Wandel vom göttlichen Pluralismus zum israelitischen Monotheismus: ‚Ich sehe die Aufgabe unserer philologischen Beschäftigung mit den biblischen Texten darin, sie zu historisieren, also zu sagen: Das hatte seinen Ort in einer bestimmten Zeit. Aus dieser Zeit heraus versteht man die Sprache. […] Ich lese etwa das fünfte Buch Moses so, dass mit ‚Kanaan‘ eigentlich die eigene heidnische Vergangenheit gemeint ist. Und der glühende Hass auf die Kanaanäer, der sich in diesen Texten ausdrückt, ist in Wahrheit ein retrospektiver Selbsthass, ein Hass auf die Vergangenheit, von der man sich befreien möchte.‘

Damit einhergegangen sei die Entwicklung eines absoluten Wahrheitsbegriffs, der langfristig das pluralistische Nebeneinander des antiken Pantheons unmöglich gemacht habe und tief in das kulturelle Gedächtnis des modernen Menschen eingegangen sei. Seither sei für den Monotheismus ein „Preis“ zu zahlen, der unter anderem in intensiven religiösen, kulturellen und politischen Auseinandersetzungen bestehe.“8

An intensiven politischen Auseinandersetzungen ist somit der Jud‘ schuld! Vor Erfindung des Monotheismus wurde vielleicht einmal ein Bewohner des Nachbardorfes geköpft, weil man aus dessen Schädel eine Trinkschale machen wollte, aber es war nicht böse gemeint: Schwamm drüber.

Zu Assmanns Ehren muss aber gesagt werden, dass er sich gegen eine allzu sehr zur Kenntlichkeit entstellte Deutung seiner Texte verwahrt hat.9

Durch Ausschließung des Wahrheitsbegriffes wird diese romantisierende Vorstellung vom Heidentum als Epoche der Toleranz an die Postmoderne anschlussfähig, obwohl das den historischen Tatsachen Hohn spricht, denn Gottlosigkeit galt in der griechischen und römischen Antike als ein des Todes oder zumindest der Verbannung würdiges Verbrechen.

Was Adam von Trott zu Solz als Old China Hand und Zeitzeuge des japanischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges von der Narrativvielfalt des Shintoismus – Köpfung, Vergasung, Infektion mit Pesterregern oder nur doch einfaches Erstechen mit dem Bajonett – gehalten hätte, sei dahingestellt.

Wer glaubt, nicht der Sieg der Alliierten im 2. Weltkrieg, sondern die Ambiguitätstoleranz des Polytheismus bzw. jahrtausendealtes antijudaistisches Geschwurbel (was man heute schlicht „alternative Fakten“ oder „Fake News“ nennt) seien dafür verantwortlich, dass in Deutschland inzwischen zumindest ansatzweise in Frieden und Freiheit gelebt werden kann, den treibt naturgemäß vor allem eins um: Wie kann ich Israelkritik betreiben, ohne deswegen des Antisemitismus geziehen zu werden, mit der Folge – horribile dictu – am Ende des Tages auf Staatsknete verzichten zu müssen? Gibt es etwa eine Bedienungsanleitung dafür?

Diesem Ziel dienen zahllose Traktate von Zeitgenossen, die sich bemühen, insbesondere die notorische BDS-Bewegung vom Vorwurf des Antisemitismus freizusprechen. Die oben genannte Jerusalemer Erklärung ist das jüngste Elaborat aus diesem Umfeld. Es wird aber nicht das Letzte sein.

Der sog. „Israelkritik“ geht es freilich nicht um die Kritik konkreter administrativer, militärischer oder geheimdienstlicher Maßnahmen, sondern um die Existenz von Israel als Ganzes, die Überlebensversicherung aller Juden dieser Welt. Das wurde auch an dem Abend mit Assmann nur allzu schnell deutlich. Die geladene Referentin kam dann auch schnell vom postmodernen Beharren auf der Vielfalt verschiedener nebeneinander existierender Narrative auf klassische antisemitische Topoi von Verschwörung und sinistren Kräften, die im Hintergrund die Fäden ziehen, zu sprechen. Auf den Vorwurf aus dem Publikum, ihre Argumentation gleiche dem AFD-Spruch „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“, antwortete sie, Netanjahu habe sich mit der AFD gegen die EU verschworen. Weitere Stilblüten, wie zum Beispiel die Forderung, „Täterbiographien zu würdigen“ und die angesichts des berufsbedingt langjährigen Aufenthaltes im mittleren Osten doch recht erstaunliche Behauptung, Araber könnten grundsätzlich nicht antisemitisch sein, weil Antisemitismus per se europäisch sei, blieben nicht aus. Als Beispiel einer ihrer Meinung nach nicht antisemitischen Israelkritik nannte sie den Ausspruch eines nicht genannten Bekannten: „Wir erlauben den Juden, als Gäste in unserem Land zu leben, wenn sie uns erlauben, als Bürger in ihrem Staat zu leben“. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass es zu den ersten Forderungen der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerade in Nordhessen als Partei konstituierenden antisemitischen Bewegung in Deutschland gehörte, die Juden als „Gäste“ dem Ausländerrecht zu unterwerfen.

Nach der Assmannschen Vorstellung sei Gedenken zwar kein Nullsummenspiel, irgendwie aber doch: Wird der Shoah gedacht, so würde das Gedenken an Kolonialverbrechen damit „ausgelöscht“. Zwar hat der Urheber der Theorie von der „multidirektionalen Erinnerung“, Michael Rothberg, diesen Nullsummenspielcharakter zunächst explizit bestritten, dies aber im Interview mit der Zeit10 sogleich wieder revidiert, sogar das Schicksal der ba’athistischen Henkersknechte mit dem der Opfer der Shoah verglichen. Damit hat er seine Theorie als das geoutet, was sie ist: Postmodern aufgehübschte Whataboutery im Stil der 50er-Jahre,11 als es noch normal war, Vergleiche der Shoah mit allem Möglichem – von der Atombombe bis zum Verlust des Familienbesitzes in Ostpreußen – anzustellen. Das Ganze vermengt mit dem Antiimperialismus der 70er- und 80er-Jahre, wie ihn in idealtypischer Weise der Klaus- Barbie-Verteidiger Jacques Verges verkörperte.12

In atemberaubender Irrenlogik behauptet Rothberg, Kritik am Nationalsozialismus diene der Verschleierung von Kolonialverbrechen und damit der „White Supremacy“. Mit anderen Worten: wer gegen Nazis ist, ist selber einer. Das macht ungefähr so viel Sinn wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod, leuchtet aber dem linksdeutschen Leser dennoch intuitiv ein: Die Beschäftigung mit der Shoah verhindere, dass „dissidente Stimmen“ aus dem „globalen Süden“ zu Wort kommen. Dies ist freilich schon denklogisch eine Unmöglichkeit: Wenn Vertreter postkolonialer Staaten den regierungsamtlich verordneten Antizionismus, der im Sinne eines Bündnis zwischen Thron und Altar (ich halte sie arm, du hältst sie dumm) ohnehin staatstragende Ideologie ist, nachplappern, sind sie per se keine Dissidenten. Dissidenten sitzen in bekanntlich in Folterzellen oder schuften in Umerziehungslagern, statt bei der Verleihung der goldenen Birne von Bielefeld oder der des Kitzinger Kleinkunstpreises an Häppchen zu knabbern und Sekt zu schlürfen.

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1 Homepage der Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V.

2 HNA, 10.03.2021

3 Diese Gang ist international aufgestellt, besonders viele kommen jedoch aus Deutschland, einige sogar aus Kassel. Siehe unseren Beitrag: „Aufruf Israel zur Rechenschaft ziehen“ – Unterstützer auch aus Kassel.

4 Siehe die Ankündigung auf Facebook

5 Friedenspreis des Deutschen Buchhandes, Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018 ausgezeichnet. 14.10.2018

6 Matthias Küntzel, Aber irgendwie doch, Perentaucher, 30.03.2021 und Alan Posener, Was ist das, wenn nicht antisemitisch?, welt.de, 29.03.2021

7 Jan Assmann, Wikipedia (abgerufen, 19.04.2021)

8 Ebda.

9 So ließ ihn jedenfalls Hannes Stein in „Ist eine ‚Spiegel‘-Titelgeschichte massiv antisemitisch?“ sich rechtfertigen. Welt.de, 13.01.2007

10 Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg, Entabuisiert den Vergleich, Geschichtsschreibung globalisieren, das Gedenken pluralisieren, Zeit Nr. 14/2021

11 Jan Gerber, Lockerung der Verengung. Kritik an Michael Rothbergs Studie ‚Multidirektionale Erinnerung‘, in jungle World, 2021 /13

12 Multidirektionales Erinnern‘: Michael Rothberg und das Barbie-Setting, Ruhrbarone 1. April 2021

Ein Kommentar zu “Neulich in Bebra: Im Namen des Antifaschismus mehr Antisemitismus wagen oder

  1. Die linken Antisemiten würden auch dann mit Aggression auf die Wegnahme ihres Lollys „Israelkritik“ reagieren, wenn einzig zahnmedizinische Gründe dieses ratsam erscheinen ließen.

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