Zwei ausgewiesene Antizionisten an der Kunsthochschule Kassel

Von der Öffentlichkeit nahezu unbeachtet, berief auch die Uni Kassel zwei antizionistische Aktivisten als Gastprofessoren für zwei Semester.1 Die Internetseite der Kunsthochschule Kassel führt folgendes aus: „Reza Afisina und Iswanto Hartono, Mitglieder des Künstler*innenkollektivs ruangrupa, künstlerische Leitung der documenta fifteen in Kassel, lehren im Sommersemester 2022 und im folgenden Wintersemester an der Kunsthochschule Kassel. Im Rahmen der Lehrveranstaltung erhalten Studierende der Kunsthochschule Kassel die Möglichkeit, die theoretischen und praktischen Grundlagen der documenta fifteen aus unterschiedlichsten Perspektiven kennenzulernen, dabei mit beteiligten Künstler*innen und -Gruppen zu diskutieren und sich mit dem kuratorischen Team auszutauschen.“

An der Uni Kassel geht es um Kunst und künstlerischen Aktivismus (aus: Publik, Magazin der Uni Kassel, 14.06.2022)

Zu den „theoretischen und praktischen Grundlagen der documenta fifteen“ gehörte es antizionistischen Aktivisten und Kollektiven eine Bühne zu bieten, was dazu führte, dass z.T. antisemitische und antiisraelische Exponate unter den Augen der Weltöffentlichkeit in Kassel präsentiert wurden. Zur Perspektive, die hier angesprochen wird, gehört die des „antikolonialen Kampfes“ der Palästinenser gegen Israel. Die Ruangrupa hatte als Gruppe das Pamphlet „We are angry, we are sad, we are tired, we are united: Letter from lumbung community“ unterzeichnet, in dem Israel der Kampf angesagt wird. Israel sei ein Staat des „settler colonialism, which uses apartheid, ethnic cleansing, and occupation, as forms of oppression.“ Dieser Staat dürfe nicht existieren. Persönlich haben die jetzt als Gastprofessoren an der Uni Kassel agitierenden Reza Afisina und Iswanto Hartono neben drei weiteren Mitgliedern der Ruangrupa den antisemitischen Brandbrief „A Letter Against Apartheid“2 unterzeichnet.

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1 Afisina und Hartono wurden auch an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg als DAAD-Gastprofessoren berufen. Vgl., Antisemitismus verpflichtet: Ruangrupa-Mitglieder lehren künftig in Hamburg, Ruhrbarone, 06.10.2022.

2 Siehe dazu: Kein Platz für Antisemitismus auf der documenta?

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Zur Kritik des politischen Kunsthandwerks

Auf unserer Tagung „Antisemitismus im Nah-Ost-Konflikt und in der Kunst der postbürgerlichen Gesellschaft“ am 16. Juli 2022 beschäftigte sich das Podium II unter dem Titel „Antisemitismus und das Kunstwerk in der postbürgerlichen Gesellschaft“ mit der Entwicklung der Szene der „Kulturschaffenden“ im Kulturbetrieb der Gesellschaft des „antirassistischen“ Deutschland. Es ging darum herauszustellen wie sich im kulturpolitischen Ansatz der documenta die pseudokritische Weltsicht postkolonialer und postmoderner Ansätze als Verfall jeder Kritik darstellt, dessen notwendiges Produkt der Hass auf Israel und die Zivilisation ist.

Lukas Savari (Thunder in Paradise) leitete das Podium II mit dem Vortrag „Heiligung und Exorzismus. Wie in Kassel Judenkarikaturen zu einem Denkmal für den Dialog werden konnten“ ein, der auf dem Podcast des freie-radios.net angehört werden kann.1 Eine ausgearbeitete Fassung des Vortrags ist in der aktuellen Bahamas 90 „Der globale Süden liegt in Kassel“ nachzulesen.

Justus Wertmüller hielt auf dem Podium II den Vortrag „Triumph über die musealen Kulturgüter„, der ebenfalls in der aktuellen Bahamas 90 veröffentlicht wurde und online in Gänze auf der Homepage der Zeitschrift Bahamas nachzulesen ist.

Der zweite Vortrag des Podiums von Jan Gerber stellte heraus, dass die Documenta 15 nicht zufällig zum Festival des Antisemitismus geriet. Der Vortrag wurde in überarbeiteter Fassung in der FAZ unter dem Titel „Der Antisemitismus der postkolonialen Theorie“ am 24.09.2022 veröffentlicht.

„Keiner war dabei, und niemand hat’s gesehen. Das ist das Motto des Antisemitismusskandals der Documenta 15. Das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus hatte zwar schon im Januar darauf hingewiesen, dass Mitglieder der Kuratorengruppe und der künstlerischen Leitung der Israel-Boykottbewegung BDS nahestehen, die vom Bundestag als antisemitisch eingeschätzt wird. Auch die schon früh geäußerten Bedenken des Zentralrats der Juden in Deutschland wurden von den politisch Verantwortlichen in Kassel, Wiesbaden und Berlin nicht ernst genommen. Seine Stimme wird in der öffentlichen Debatte immer weniger beachtet. Auch das ist spätestens seit der Mbembe-Debatte 2019 eine Tendenz.

Doch nicht erst die Nähe zur BDS-Bewegung, sondern schon die überdeterminierte Berufung auf den Postkolonialismus hätte stutzig machen können. Das heißt nicht, dass die postkoloniale Theorie per se antisemitisch ist. Ihr kommen große Verdienste zu. Die Postcolonial Studies haben die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte, den Verbrechen und dem Nachleben des Kolonialismus befördert. Zugleich haben sie dazu beigetragen, dass Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika im Westen stärker beachtet wird.

Dennoch fällt auf, dass es viele namhafte postkoloniale Theoretiker gibt, die BDS-Positionen vertreten. Gayatri Chakravorty Spivak und Gauri Viswanathan gehören ohnehin zu den regelmäßigen Unterstützern der Kampagne; Homi K. Bhabha boykottierte erst im letzten Jahr eine Konferenz in Israel, zu der er eingeladen worden war. Weitere prominente Beispiele ließen sich finden.

Diese Affinitäten haben auch strukturelle Gründe. Auch wenn der Postkolonialismus weder eine in sich geschlossene noch eine antisemitische Theorie ist, hat er offene Flanken zum traditionellen und israelbezogenen Antisemitismus. […]

Die Vorträge des Podium I: BDS – zu den Hinter- und Abgründen einer antisemitischen Bewegung. Wo BDS drauf steht ist Antisemitismus drin; Antizionismus, Antisemitismus und der Schatten des Nationalsozialismus auf der documenta 15.

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1 Unser Dank gilt beim Freien Radio Kassel, das die Vorträge der Veranstaltung aufnahm und ganz besonders Michael S. vom Radio T (Chemnitz), der sich die außerordentliche Mühe machte, die Aufnahmen zu bearbeiten.

Ein Kasseler Credo: Antisemitismus? Politik darf nie inhaltlich eingreifen!

Es war nicht alles schlecht. (Ein deutscher Journalist)

Der besondere Zauber einer jeden documenta, der auch diesen Sommer wieder für ein besonderes Flair und eine internationale Atmosphäre in unserer Stadt gesorgt hat, wurde diesmal leider getrübt. (Ein deutscher Bürgermeister)

Das klassische Phänomen des Antisemitismus nimmt aktuelle Gestalt an. Der alte besteht weiter, das nenn ich mir Koexistenz. Was war, das blieb und wird bleiben: der krummnasige, krummbeinige Jude, der vor irgendwas – was sag ich? – der vor allem davonläuft. So ist er auch zu sehen auf den Affichen und in den Pamphleten der arabischen Propaganda, an der angeblich braune Herren deutscher Muttersprache von einst, wohlkaschiert hinter arabischen Namen, mitkassieren sollen. Die neuen Vorstellungen aber traten auf die Szene gleich nach dem Sechs-Tage-Krieg und setzen langsamerhand sich durch: der israelische Unterdrücker, die mit dem ehernen Tritt römischer Legionen friedliches palästinensisches Land zerstampft. Anti-Israelismus, Anti-Zionismus in reinstem Vernehmen mit dem Antisemitismus von dazumal. Der ehern tretende Unterdrücker-Legionär und der krummbeinige Davonläufer stören einander nicht. Wie sich endlich die Bilder gleichen! (Jean Améry, Der ehrbare Antisemitismus, 1969)

documenta 15: 100 Tage Antizionismus – 100 Tage Israelhass – 100 Tage Antisemitismus

Jean Améry formulierte diese Sätze im Jahre 1969 angesichts der zu beobachtenden Wende unter den Linken in ihrer Haltung zu Israel, die von Bewunderern Israels zu Israelhassern wurden. Was er beschrieb ist seit diesen Jahren in immer wieder kehrenden Wellen zu beobachten: Der ehrbare Antisemitismus, der nicht von Nazis und Faschisten artikuliert wird, sondern von Akademikern, Schriftstellern, Politikern, Publizisten und Aktivisten der Linken, indem sie sich mit den Kampf der palästinensischen Nationalbewegung gegen Israel solidarisierten und indem sie Israel das vorwarfen, was sie kurz zuvor noch ihren Vätern vorwarfen, nämlich einen Vernichtungskrieg zu führen. Liest man die eingangs zitierten Sätze Amérys, fällt sofort ins Auge: in einigen Bildern und Exponaten der documenta 15 konnte man genau das illustriert sehen, was er 1969 beschrieb.

100 Tage der documenta 15 sind vorbei. Es waren 100 Tage, an denen Agitation gegen Israel möglich war, während denen Kritikern des Antizionismus und Antisemitismus Rassismus unterstellt wurde, an denen antiisraelische Agitation unter den Schutz der Kunstfreiheit gestellt wurde. Es waren 100 Tage, während denen jüdischen Verbänden unzulässige Einflussnahme vorgeworfen wurde. Es waren 100 Tage, während denen Kritikern an der dezidiert politischen Ausrichtung der documenta 15 die Forderung nach Zensur und das Handeln als Kolonialherren unterstellt wurde. Es waren 100 Tage, während denen man erfolglos der Chimäre vom Diskurs nachjagte. Es waren 100 Tage, während denen man sich von den unbelehrbaren Antisemiten, die beanspruchten, die Sichtweise des Südens zu vertreten, an der Nase herumführen ließ.

In der Presseerklärung der Stadt Kassel zur Verabschiedung der documenta 151 wird der Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der documenta-gGmbH Christian Geselle zitiert: „Einzelne Kunstwerke verletzten durch mangelnde Einordnung Gefühle, […]“ Die Kunstwerke, die er vielleicht meinte, waren das Banner der Taring Padi und die Filme, die das Kollektiv Subversive Film zeigte, vielleicht auch der Guernica-Gaza-Zyklus des Antisemiten Mohammed al Hawajri, die PFLP-Anleihen des Hamja Ahsan, die am Porticus des Fridericianums angebracht waren, die israelfeindlichen und antisemitischen Karikaturen, die das Kollektiv Archives des luttes des femmes en Algérie ausstellte. Nicht die fehlende Einordnung, der in den genannten Werken z.T. offen ausgedrückte, z.T. in Form antizionistischer Propaganda daherkommende Antisemitismus verletzte mit Sicherheit Gefühle, insbesondere die der betroffenen Juden.

Kontextualisierung und Antisemitismus

Aber Antisemitismus ist nicht nur zu kritisieren, weil er Gefühle verletzt. Dazu im Folgenden eine kurze Einordnung (Kontextualisierung): Antisemitismus ist keine Meinungsäußerung, keine Bildsprache, kein Kunstwerk, das provoziert oder Gefühle verletzt. Antisemitismus ist die wahnhafte Weltanschauung des Antisemiten. Jean Paul Sartre formulierte mit dem Satz – „Der Antisemit will den Tod des Juden“ – das, worauf der Antisemitismus hinausläuft. Der Jude gilt in der Wahnidee des völkischen Deutschen als die Verkörperung des Gegenprinzips zum deutschen Volk. Spätestens seit 1948 gilt der nationalbewusste Jude als derjenige, der die islamische und arabische Idee von der Umma infrage stellte, in der es für ihn – wenn überhaupt – nur den Platz als Dhimmi gab und gibt. Die deutschen Volksgemeinschaft schickte sich daher an, den Juden zu vernichten, den panarabischen Nationalisten und arabischen Muslimen im Nahen Osten ging und geht es um die Vertreibung der meisten Juden aus dem Nahen Osten – was sie seit 1948 konsequent umsetzten – und um die Vernichtung des jüdischen Staates. Letzteres umzusetzen verhinderte alleine die Israelische Armee.

Die deutschen Volksgemeinschaft war es, die in den Jahren 1933 – 1945 das umsetzte, was Sartre als das wesentliche Motiv des Antisemiten beschrieb. Auschwitz war, ist und bleibt die Essenz des Antisemitismus.

Heute ist es die PLO, die nach wie vor Israel nicht anerkennt, wenn sie in ihrer Charta2 schreibt, dass die Schaffung Israels völlig illegal sei und wenn sie den Juden abspricht, eine Nation zu sein. Das sind Formulierungen, die auf die Vernichtung Israels, die Zerschlagung der jüdischen Nation zielen und die auf die Vertreibung der in Israel lebenden Juden hinausläuft. Es sind Formulierungen, die im Zuge der Osloer Friedensverträge hätten längst gestrichen sein müssen, die aber bis heute aufrecht erhalten werden und damit Gültigkeit besitzen.

Heute ist es die Hamas, die in ihrer Charta3 diese islamische Hadithe zitiert: „Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken“. Es ist die Hamas, die in ihrer Charta formuliert: „Palästina darf weder als Ganzes noch in Teilen aufgegeben werden“ und die sich auf die Protokolle der Weisen von Zion beruft. Auch das sind Formulierungen, die auf die Vernichtung Israels und die Zerschlagung der jüdischen Nation zielen, die auf die Vertreibung der in Israel lebenden Juden hinausläuft.

Die PLO herrscht in den palästinensischen Autonomiegebieten der Westbank, die Hamas im Gaza-Streifen. In diesen Gebieten leben, von den schwer bewachten Siedlungen in der Westbank abgesehen, keine Juden mehr. Sie sind „judenfrei“, so wie die meisten arabischen Staaten es seit 1948 auch sind. Beide Gruppen repräsentieren die palästinensische Nationalbewegung, mit der sich eine große Anzahl von Künstlern der documenta 15 solidarisch erklärten. In der von vielen Künstlern und „Kulturschaffenden“ präferierten Ideologie des Postkolonialismus4, wird die palästinensische Nationalbewegung als zu unterstützende antikoloniale Befreiungsorganisation gesehen, Israel als die Kolonialmacht. Dem Kolonialismus werden vergleichbare Methoden zur Unterdrückung oder gar Ausrottung der Kolonisierten unterstellt, wie sie das nationalsozialistische Deutschland zur Umsetzung der Judenvernichtung anwandte.

PLO und Hamas repräsentieren die palästinensische Nationalbewegung, mit deren Agenda sich auch die Mehrheit der Findungskommission resp. des documenta-Beirats, des Artistic-Teams und Ruangrupa solidarisch erklärten. Das war seit Januar durch unsere Recherche bekannt und wurde zuletzt in der Erklärung der „lumbung community“, also den Künstlern und Kollektiven der documenta 15, „We are angry, we are sad, we are tired, we are united: Letter from lumbung community“ noch einmal ausdrücklich betont.

Vom Kasseler Credo nicht einzugreifen

Von einer Ausstellung, auf der es möglich war, dass antisemitische Karikaturen von und über Juden gezeigt wurden, kann kein Zauber ausgehen, wie es Geselle formuliert hat. Es war eine Ausstellung, die völlig zurecht und zum Glück in einigen überregionalen Zeitungen scharf kritisiert wurde. Wenn Geselle bedauert, „dass viele Bilder und Schlagzeilen, die über die documenta und Kassel gezeichnet wurden, negativ haften blieben“ bestraft er den Boten der schlechten Nachricht und unterschlägt oder verharmlost das der Botschaft zugrundeliegende Problem, nämlich den Antizionismus, den Israelhass und den Antisemitismus, der auf der documenta 15 möglich war. Sein Statement zeugt auch davon, dass er vom Wesen des Antisemitismus nichts begriffen hat. Und weil das so ist, haben er als Aufsichtsratsvorsitzender der documenta-gGmbH, wie auch zunächst die Generaldirektorin Dr. Sabine Schorman und ihr Nachfolger Alexander Fahrenholtz und die anderen politisch Verantwortlichen, die hessische Ministerin Angela Dorn und auch die Staatsministerin Claudia Roth, auch nichts von der Notwendigkeit begriffen, dem Antisemitismus entgegenzutreten. Alle folgten dem von Geselle auf der Abschiedsveranstaltung nochmals verkündeten Motto: „Politik darf nie inhaltlich eingreifen.“ Was für ein Unsinn. Mit diesem Kasseler Credo haben sie den Propagandisten des palästinensischen Volkstumskampfes das Feld überlassen.

Geselle fordert nun, es „müsse dringend eine neue Basis geschaffen werden. Ziel muss sein, eine kulturpolitische Debatte einzuleiten und Gespräche wiederaufzunehmen. Es gilt, auf Augenhöhe zu diskutieren.“ Dabei sei „wieder Maß und Mitte zu finden.“

Mit Antisemiten und Israelhassern diskutiert man nicht, schon gar nicht auf Augenhöhe. Es ist die Aufgabe jeder Politik, einzugreifen, wenn sich Antisemitismus artikuliert. „Nie wieder Auschwitz!“ heißt nicht „Maß und Mitte“ zu finden, sondern klar zu äußern: Antisemiten und Antizionisten ist kompromisslos entgegenzutreten und das heißt auch unmissverständlich Solidarität mit Israel zu üben.

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1 15. Ausgabe der Weltkunstausstellung endet – Kassel freut sich auf die documenta 16 im Jahr 2027, Presseerklärung der Stadt Kassel, 25.09.2022.

2 Wikipedia: Palästinensische Nationalcharta.

3 Wikipedia: Hamas-Charta.

4 Vgl. dazu: Steffen Klävers, Postkoloniale Normalisierung: Anmerkungen zur Debatte um eine koloniale Qualität von Nationalsozialismus und Holocaust, Rote Ruhr Uni 2022.

Kassel: 100 Tage Israelhass – 100 Tage Antizionismus – 100 Tage Antisemitismus

Am 10.09.2022 erklärten Mitglieder des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen es zur dringlichsten Aufgabe „die Vorführung der unter dem Namen ‚Tokyo Reels Film Festival‘ gezeigte Kompilation von propalästinensischen Propagandafilmen aus den 1960er-1980er des Kollektivs ‚Subversive Film‘ zu stoppen“. Eine richtige Erklärung, die fast drei Monate zu spät kommt und angesichts der Tatsache, dass die documenta am 25.09.2022 die Tore schließt schlicht deplatziert wirkt.

Die Autoren sehen die Ursache für die monierte Einseitigkeit der präsentierten Positionen im kuratorischen Konzept der künstlerischen Leitung, „das bewusst auf Kontrolle über die Zusammenstellung und Präsentation der Ausstellung verzichtet hat.“ Das ist nur die halbe Wahrheit, denn im Fall der Kuratoren, sprich mit der Ruangrupa haben wir es mit Überzeugungstätern zu tun.

Wer Antizionisten kuratieren lässt bekommt Antisemitismus geliefert

Am 07.01.2022 und in den folgenden Tagen und Wochen deckten wir auf, dass in den leitenden Gremien der documenta (Ruangrupa, Artistic Team, documenta-Beirat) bekennende Israelgegner, Befürworter antiisraelischer Boykottinitiativen und Antizionisten vertreten waren.

Die Verantwortung für die insgesamt problematische Ausrichtung der documenta 15 lässt sich am folgenden Beispiel darstellen. Mit der unter Beteiligung Christian Geselles erfolgten Berufung der Findungskommission wurde das faule Ei in das Nest gelegt. In dieser Findungskommission, die später als documenta-Beirat fortgeführt wurde, sind mit Amar Kanwar, Charles Esche, Gabi Ngcobo, Elvira Dyangani Ose, Ute Meta Bauer mindestens fünf Personen dem antizionistischem Spektrum zuzuordnen.1 Auch der Städeldirektor Philippe Pirotte fiel zumindest mit indifferenten Positionen zum Thema Israel, Antizionismus und Antisemitismus auf.2 Dieses Gremium berief die Ruangrupa, von der mindestens vier Personen dem antizionistischen Spektrum oder der Szene der Israel-Boykottbewegungen zuzuordnen sind. Die Ruangrupa kuratierte das palästinensische und antiisraelische Kollektiv The Question of Funding, welches wiederum dem Antisemiten Mohammed Al Hawajris die Möglichkeit bot, seine Machwerke der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Angesichts dieser auch von uns dargelegten Problematik organisierten wir am 18.06.2022, dem Eröffnungstag der documenta, zusammen mit Malca Goldstein-Wolf eine Kundgebung. Aus Kassel schlossen sich lediglich das Junge Forum DIG und die Junge Union Kassel dieser Kundgebung an.

Dort sagten wir in unserem Beitrag:

„Die documenta GmbH ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die von der Stadt Kassel und dem Land Hessen als Gesellschafter getragen und zudem durch die Kulturstiftung des Bundes finanziell unterstützt wird. Akteure wie Ruangrupa wurden von einer Expertenkommission explizit eingeladen und vom Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle bestätigt. Dass die Dämonisierung Israels im Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts nicht die Ausnahme sondern die Norm ist, hätte umso mehr eine vorherige Kontrolle bedingen müssen, die zum Resultat hat, dass es nicht öffentlich als solche erkennbare Antisemiten sind, deren Arbeit man mit zigmillionen Euro an Steuergeldern fördert und deren Ressentiments man eine internationale Bühne bietet.“3

Im Redebeitrag vom Jungen Forum DIG hieß es:

„Auch unter den Künstlern der jetzigen Documenta sind eingefleischte Israelhasser, die Kunst anfertigen, die mit dem Begriff ‚BDS-Kunst‘ noch milde umschrieben ist. […] Es ist also zu befürchten, dass die Documenta durch das Agieren ihrer Leitung und ihrer Künstler den Beschluss des Bundestages de Facto untergräbt und so einer antisemitischen Bewegung verhilft, weiter salonfähig zu werden. Dieser Antisemitismus des Kulturbetriebs darf nicht unwidersprochen bleiben, […]“4

Dieses Bild steht für das Verhältnis des Aufsichtsrates zum Kuratorenteam Ruangrupa bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erklärung der fachwissenschaftlichen Begleitung. Das Bild zeigt Christian Geselle mit den beiden Antizionisten Ade Darmawan und Farid Rakun

Es war also schon vor der Eröffnung der documenta klar, was zu erwarten war. Denn wer Antizionisten einlädt, eine Ausstellung zu kuratieren, darf sich nicht wundern, dass Antisemitismus präsentiert wird. Den absehbaren antisemitischen Umtrieben auf der documenta 15 wurde, als es noch sinnvoll und notwendig war, von den politisch Verantwortlichen nichts entgegengesetzt. Im Gegenteil der Aufsichtsratsvorsitzender der documenta-GmbH Christian Geselle, die hessische Ministerin Angela Dorn und die Bundesministerin Claudia Roth wischten die Kritik mit den Hinweisen auf die Kunstfreiheit und auf eine Multiperspektivität seit Januar vom Tisch und widerholten diesen Standpunkt auch auf der Pressekonferenz am 16.06.2022. Der Tenor der Kritikabwehr seitens der Kuratoren, der ausstellenden Künstler und Kunstkollektive lautete damals wie heute: Die Kritik am Antisemitismus und Israelhass der Kuratoren und einiger Künstler sei eine rassistische Kampagne der Medien, der Antizionismus und Antisemitismus sei „legitime Kritik“ an Israel als Kolonial- oder Apartheidstaat.

Es kam, wie es von uns und verschiedenen anderen kritischen Stimmen befürchtet wurde. Der „Guernica – Gaza – Zyklus“ des antisemitischen Künstlers Mohammed Al Hawajris wurde schon kurz vor der Eröffnung bekannt. Am Eröffnungstag kam es zu dem krassesten Fall, als die Gruppe Taring Padi das Banner „People’s Justice“ auf dem Friedrichsplatz präsentierte, das einen Juden im Stil des Stürmers karikierte. Die antisemitischen und israelfeindlichen Graphiken, die die Gruppe Archives des luttes des femmes en Algérie präsentierte und die Anleihen an ein Logo der Terrorgruppe PFLP, die der antisemitischen Künstler Hamja Ahsan direkt am Eingang des Fridericianums präsentierte, wurden einige Tage später bekannt und kritisiert.

Dass auf der documenta 15 antisemitische Propaganda-Filme gezeigt werden ist nicht neu

Am 20.06.2022 erschien in der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Hinter den Propaganda-Filmen in Kassel steht ein Ex-Terrorist und RAF-Freund“.5 Dort konnte man unter anderem lesen: „Besonders problematisch sind Filmarbeiten des Kollektivs Subversive Films aus Brüssel und Ramallah, zu sehen an den Documenta-Spielorten Hübner-Areal und Gloria-Kino unter dem Namen Tokyo Reels Film Festival. Das Künstlerkollektiv um Mohanad Yaqubi und Reem Shillem traf sich, wie sie auf der Website der Documenta schreiben, vor dem Projekt mit dem japanischen Agit Prop-Filmemacher und ehemaligem Mitglied von Terrororganisationen Masao Adachi, dies war demnach der Ausgangspunkt ihres Projekts. Danach erhielten sie Filme aus den Siebzigern diverser Regisseure mit Propaganda auch für die palästinensische Sache. Der 1939 geborene Adachi war lange führender Kader der Japanischen Roten Armee. Diese trainierte in den Siebzigerjahren im Libanon für einen ‚revolutionären Krieg‘. Die Terrorgruppe verübte eine Reihe von Anschlägen in etlichen Ländern, darunter den Anschlag auf den Flughafen in Tel Aviv am 30. Mai 1972. Dabei starben 26 Menschen, 80 wurden verletzt. […] Problematisch sind die Werke nicht, weil sie die palästinensische Binnenperspektive einnähmen – das tun sie gerade nicht. Zu sehen ist Propaganda, und zwar eine in Demokratien gewachsene. In einem heute unfassbaren Revolutionskitsch werden etwa wild geschnittene Bilder aus US-Western assoziiert mit den Palästinensern, diese also implizit als moralisch angeblich überlegene Ureinwohner verherrlicht. Was ein vergiftetes Kompliment ist, transportiert es doch alle Stereotypen vom edlen Wilden und läuft damit der Intention der Documenta entgegen, Menschen des globalen Südens eine Stimme zu geben. […] Den Film „The Urgent Call of Palestine“ hat der damalige Direktor der PLO-Organisation für Kunst und Nationale Kultur Ismail Shammout verantwortet. Es zeigt die Sängerin Zeinab Shaath, wie sie auf Englisch singt, die Alternative zum Kämpfen sei der Tod. Andere Filmausschnitte preisen die japanischen Unterstützer palästinensischer Kämpfer wie eine schlechte Dauerwerbesendung. Das Kollektiv beruft sich auf den Archivgedanken, es will bewahren. Wer aber in die Werke hereinschaut, bekommt den Eindruck, dass die Künstler auf der Documenta auch eine neue radikale Unterstützerwelle für Palästinenser initiieren möchten. […] Und da fragt sich dann doch, ob das Oberkollektiv Ruangrupa kuratiert, also die Arbeiten mit ausgewählt und begleitet hat. Wenn ja, haben sie diese Propaganda so gewollt. Und wenn nein: ist es ohnehin ein Fehler.“

Die ausführliche Kritik Kia Vahlands an den Machwerken der Tokyo Reels Film Festival war also schon lange bekannt und blieb auch nicht unbeachtet. Verschiedene andere überregionale Zeitungen, u.a. Die Welt, griffen das Thema auf. Dagegen sind die Ausführungen des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung, die zwei Wochen vor dem Ende der documenta veröffentlicht wurden, recht dürr.

Die Erklärungen der Gesellschafter der documenta, also Christian Geselles, Angela Dorns und Claudia Roths, die sich dem Votum des Gremiums anschließen, dürften, weil viel zu spät, folgenlos bleiben oder der Kosmetik dienen. Sie liefern, weil sie die Ursachen des kulturpolitischen Skandals ersten Ranges nicht benennen, letztendlich auch keine Erklärung, sondern beschreiben, wie es schon nach der Präsentation der Nazi-Ästhetik durch Taring Padi geschah, nur das, was nicht mehr zu leugnen ist. Nicht nur „dass die Documenta GmbH zuvor immer betont hatte, dass die Entscheidungen für den künstlerischen Teil der Ausstellung allein bei Ruangrupa liege, wirkt zunehmend bizarr.“6

In zwölf Tagen schließt die sogenannte Weltkunstausstellung. Angesichts dieser Tatsache ist es jetzt für wirksame Schritte gegen die Präsentation antisemitischer und antizionistischer Machwerke zu spät. Angemessen wäre es die Ruangrupa und ihre Spießgesellen „unehrenhaft zu entlassen“, sprich sie nach Beendigung der „Weltkunstausstellung“ ohne Verabschiedung zum Gehen aufzufordern. Und Kassel sollte der Schandtitel „Antisemita-Stadt“ zuerkannt werden.

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1 Entscheiderin nannte Israel „Apartheidstaat“. Der Antisemitismusskandal auf der documenta war absehbar, in: Tagesspiegel, 12.07.2022.

2 Pirotte äußerte sich laut HNA wie folgt: „Die Antisemitismusvorwürfe gegen Künstler und Kuratoren der documenta fifteen seien eine Instrumentalisierung, um das Projekt zu diskreditieren“, in: Antisemitismus auf drei Ebenen, HNA, 13.09.2022.

3 Siehe unseren Beitrag: Solidarität mit Israel – Dem Antisemitismus entgegentreten – Stoppt BDS.

4 Siehe Fußnote 1

5 Hinter den Propaganda-Filmen in Kassel steht ein Ex-Terrorist und RAF-Freund, in: SZ, 20.06.2022.

6 Documenta. „Die Gesellschafter schließen sich dem Votum“ an, in: FR, 13.09.2022.

documenta 15: Werke, die die Existenz Israels in Frage stellen

Zwei Wochen vor dem Ende der documenta 15, am 10.09.2022 erklären es Mitglieder des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen zur dringlichsten Aufgabe „die Vorführung der unter dem Namen ‚Tokyo Reels Film Festival‘ gezeigte Kompilation von propalästinensischen Propagandafilmen aus den 1960er-1980er des Kollektivs ‚Subversive Film‘ zu stoppen“. Die Mitglieder begründen diese Forderung damit, dass nicht nur „die antisemitischen und antizionistischen Versatzstücke“ in den Filmen „hoch problematisch“ seien, sondern auch die zwischen den Filmen eingefügten Kommentare der Künstler, weil diese „den Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus des Quellmaterials durch ihre unkritische Diskussion legitimieren. […] Nach Auffassung der unterzeichnenden Mitglieder des Gremiums ist das ‚Tokyo Reels Film Festival‘ das eklatanteste Beispiel für eine Einseitigkeit der documenta fifteen in Hinblick auf den arabisch-israelischen Konflikt, mit dem sich vergleichsweise viele Werke beschäftigen. Nahezu in allen diesen Werken werden einseitig kritische bis hin zu dezidiert israelfeindlichen Haltungen zum Ausdruck gebracht. Diese schlagen sich in den bildlichen Darstellungen und Aussagen nieder, die nach gängigen Kriterien als antisemitisch bewertet werden können.“ Die Autoren sehen die Ursache für die monierte Einseitigkeit der präsentierten Positionen im kuratorischen Konzept der künstlerischen Leitung, „das bewusst auf Kontrolle über die Zusammenstellung und Präsentation der Ausstellung verzichtet hat.“1

Der Befund der fachwissenschaftlichen Begleitung bestätigt unsere Kritik und widerlegt die kolportierte Redewendung, bei unseren Darlegungen habe es sich um Antisemitismusvorwürfe gehandelt, die nicht aufrecht zu erhalten seien, oder die gar als widerlegt galten. Anfang Januar 2022 hatten wir in einer Presseerklärung dargelegt, dass es, wie schon auf der Documenta 14, nun erneut zu befürchten ist, „dass Kassel während der documenta ein Ort der antiisraelischen und antisemitischen Agitation wird.“ Unsere Annahme hatte sich bereits am Eröffnungstag der documenta 15 bestätigt, als es der Gruppe Taring Padi gelang, auf dem zentral gelegenen Friedrichsplatz ein großes Banner aufzuhängen, in dessen Mitte eine im Stil des Stürmers gehaltene Karikatur eines Juden prangte. Weitere antisemitische oder israelfeindliche Ausstellungsstücke, wie der Zyklus „Guernica-Gaza“ folgten.

Im Gegensatz zu den Mitgliedern der fachwissenschaftlichen Begleitung sehen wir jedoch die Verantwortung für die Tatsache, dass israelfeindliche und z.T. antisemitische Machwerke auf der documenta 15 präsentiert werden und wurden darin, dass in der künstlerischen Leitung, sowohl in der Ruangrupa, im ArtisticTeam als auch im documenta-Beirat Verteidiger der Israel-Boykott-Bewegung, deren Unterstützer, ja z.T. sogar deren Aktivisten agieren. Diesen Tatbestand hatten wir in unserem Beitrag „Kein Platz für Antisemitismus auf der documenta?“ am 06. Juni 2022 nochmals ausführlich dargelegt. Dass der Zyklus „Guernica-Gaza“ des antisemitischen Künstlers Mohammed al Hawajris im WH22 präsentiert wurde, ist von der Gruppe The Question of Funding zu verantworten, die Anlass unserer ausführlichen Kritik „Documenta fifteen: Antizionismus und Antisemitismus im lumbung“ im Januar 2022 war. Dass das Banner der Gruppe Taring Padi der Ruangrupa nicht bekannt gewesen sei, ist höchst unglaubwürdig. Beide Gruppen kommen aus Indonesien, Mitglieder beider Gruppen sind aktiv in der Israel-Boykottbewegung.

Die Illustration des Briefes der „lumbung community“. Die Poster „BDS: Being in Documenta is a Struggle“ und „Free Palestine from German guilt“ hängen im Fridericianum.

Und als bedürfte es eines Beweises, dass wir in der Annahme recht hatten, wer Antizionisten die Kuratierung einer Ausstellung überlässt, bekommt Israelhass und Antisemitismus geliefert, veröffentlichte am 10.09.2022 eine „lumbung community“ eine Antwort auf die Erklärung der Mitglieder der fachwissenschaftlichen Begleitung. Der Brief zeugt davon, dass diese Community aus Personen, Aktivisten oder Kollektiven besteht, denen nicht nur jedes Problembewusstsein in Sachen Israelhass und Antisemitismus fehlt, sondern dass von ihnen wie zum Trotz darüber hinaus Israel als jüdischer Staat infrage gestellt und diffamiert wird. So heißt es in der Erklärung z.B.: „Resistance to the State of Israel is resistance to settler colonialism, which uses apartheid, ethnic cleansing, and occupation, as forms of oppression.“ Der Kampf der Palästinenser gegen Israel wird zum antikolonialen Kampf erklärt und die Kritik der fachwissenschaftlichen Begleitung wird als unwissenschaftlich zurückgewiesen. Sie sehen in der Stellungnahme der Mitglieder der fachwissenschaftlichen Begleitung eine rassistische Tendenz und schädliche Zensur. In der Kritik am Antisemitismus der Israelfeinde sehen sie einen Ausdruck deutscher Schuld, die auf den Kampf der Palästinenser und andere antikoloniale Kämpfe übertragen werde.2 Zu den Unterzeichnern gehören die Ruangrupa – also die Kuratoren der „Weltkunstausstellung“ – und drei Personen aus dem Artistic Team, Frederikke Hansen, Gertud Flentge und Lara Khaldi, sprich die künstlerischen Leitung der documenta, u.a. die Kollektive Archives des luttes des femmes en Algérie, INLAND, Party Office, Subversive Film, Taring Padi, The Question of Funding und Trampoline House sowie die Einzelpersonen Graziela Kunsch, Jumana Emil Abboud, Kiri Dalena, Lara Khaldi, Safdar Ahmed und viele andere mehr. Die trotzige und höchst larmoyante Erklärung der Unterzeichner beweist, dass man es mit Überzeugungstätern zu tun hat, die sich zu allem Überfluss auch noch als Opfer stilisieren.

Die fachwissenschaftliche Begleitung der documenta 15 hat mit der Forderung die Terrorismus propagierende Filmvorführung des Kollektivs Subversive Film zu stoppen eine dringende Konsequenz gefordert. Die Forderung wäre zu erweitern: Die Liste der Unterzeichner verweist darauf, wer dringend nach Hause geschickt werden sollte.

Die Erklärung des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen kommt freilich zu spät, insbesondere wenn man zur Kenntnis nimmt, dass die Problematik der israelfeindlichen Ausrichtung der documenta 15 seit Januar 2022 bekannt ist und die Beispiele, die unsere Darlegungen bewiesen haben, seit der Ausstellungeröffnung vielfach dokumentiert und diskutiert wurden. Für Konsequenzen ist es jetzt zu spät.

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1 Presserklärung der unterzeichnenden Mitglieder des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen. Siehe auch den Eintrag am 10.09.2022: Pressemitteilungen – documenta

2 We are angry, we are sad, we are tired, we are united: „A new line [is] crossed. This line marks a racist drift in a pernicious structure of censorship. […] The Palestinian anti-colonial struggle emerges in many lumbung artists’ works because of the historical solidarities between these transnational anti-colonial struggles. […] We refuse the simplistic, oppressive, pseudo-scientific approach of the Supervisory Board and the preliminary report’s lack of rigour. We understand this as a way of projecting onto and transposing German guilt and history into the Palestinian and other anti-colonial struggles.“

BDS – zu den Hinter- und Abgründen einer antisemitischen Bewegung

Wo BDS drauf steht ist Antisemitismus drin

Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel hatte im Januar nicht nur aufgedeckt, dass mit „The Question of Funding“ eine Gruppe kuratiert wurde, die aus antiisraelischen Aktivisten besteht, die aus dem Umfeld des Khalil Sakakini Cultural Center kommen, sondern dass die Führung der documenta 15 (documenta-Beirat und das Artistic Team) und auch die kuratierende Gruppe ruangrupa von Befürwortern des Boykotts gegen Israel durchsetzt sind, bzw. von diesen dominiert werden.1 Die am 16. Juli 2022 abgesetzte Generaldirektorin Sabine Schorman führte über die BDS-Bewegung folgendes aus: „Aber BDS ist eine breite und vielschichtige Bewegung, in der leider Antisemitismus nicht ausgeschlossen ist, die aber auch weltweit von einer Vielzahl von Kulturschaffenden unterstützt wird – die dies als Zeichen friedlichen Protests in Ausübung von Kunst und Meinungsfreiheit verstehen.“2

Auf unserer Tagung „Antisemitismus im Nah-Ost-Konflikt und in der Kunst der postbürgerlichen Gesellschaft“ am 16. Juli 2022 in Kassel hatten wir Alex Feuerherdt eingeladen, über das Thema BDS zu referieren.

Wir veröffentlichen hier den Mitschnitt3 seines Vortrages: „BDS – zu den Hinter- und Abgründen einer antisemitischen Bewegung„.

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1 Im Beitrag „Kein Platz für Antisemitismus auf der documenta?“ findet sich ein Überblick zu den antiisralischen Aktivisten in den Führungsstrukturen der documenta 15.

2 HNA, 12. April 2022.

3 Auch hier bedanken wir uns beim Freien Radio Kassel und ganz besonders beim Radio T (Chemnitz), dessen Mitarbeiter M.S. die Aufnahme bearbeitete.

Antizionismus, Antisemitismus und der Schatten des Nationalsozialismus auf der documenta 15

Am 7. Januar 2022 deckten wir vom Bündnis gegen Antisemitismus Kassel auf, dass für die documenta 15 mit dem Künstlerkollektiv „The Question of Funding“ eine palästinensische Gruppe von Künstlern kuratiert wurden, die eng mit dem Khalil Sakakini Cultural Center (KSCC) aus Ramallah verbunden sind. Der Namensgeber des KSCC, Khalil al-Sakakini war überzeugter Antizionist, äußerte sich verschiedentlich antisemitisch und lobend über Hitler.1

Auf unserer Tagung „Antisemitismus im Nah-Ost-Konflikt und in der Kunst der postbürgerlichen Gesellschaft“ am 16. Juli 2022 in Kassel hatten wir Ralf Balke geladen, über das Thema Antisemitismus und den Einfluss der NS-Ideologie in der palästinensischen Nationalbewegung zu referieren.

Wir veröffentlichen hier den Mitschnitt2 der Einführung zur Tagung und den Vortrag Ralf Balkes.

Jonas Dörge: Einleitung. Unser Auftrag ist es, Kassel in Schutt und Asche zu legen

Ralf Balke: Die Entstehung von Feindbildern: Antisemitismus in der palästinensischen Nationalbewegung

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1 vgl. hierzu im wesentlichen: Tom Segev, Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels, München 2005.

2 Wir bedanken uns an dieser Stelle beim Freien Radio Kassel und ganz besonders beim Radio T (Chemnitz), dessen Mitarbeiter M.S. die Aufnahme bearbeitete.

Hier kommt Alex – Oder das Problem heißt documenta

Der Vorhang für die Antisemita bleibt offen

Wenn eine Initiative von Personen geleitet wird, die eine bestimmte Agenda verfolgen, ist es nicht verwunderlich, dass ein bestimmtes Ergebnis dabei herauskommt. Im Januar 2022 und in den folgenden Monaten stellten wir heraus, dass der documenta-Beirat (ursprünglich die Findungskommission), die künstlerische Leitung, das Artistic-Team und das kuratierend Kollektiv ruangrupa von Personen dominiert werden, die verschiedenen Boykott-Bewegungen gegen Israel nahestehen, sie unterstützen oder gar aktiv für diese tätig sind.1 So war es nicht überraschend, dass mit dem Kollektiv „The Question of Funding“ eine Gruppe für die documenta 15 kuratiert wurde, deren Mitglieder aktive Gegner des israelischen Staates sind. Auch einige andere Feinde Israels und Antisemiten sind unter den ausstellenden „Künstlern“ der documenta zu finden. Und bis heute werden immer wieder neue Kunstwerke entdeckt, die klassische oder verdeckte antijüdische oder antizionistische Elemente enthalten.

Zur Ausstellungseröffnung am 18. Juni stellte ein Ereignis diese Tatsachen und die bis dahin stattfindende Debatte um die Rolle der BDS-Bewegung auf der documenta in den Schatten. Das indonesische Künstlerkollektiv „Taring Padi“ präsentierte eine antisemitische Figur im Stile des nationalsozialistischen Stürmers mitten auf dem Friedrichsplatz. Das Banner der Agit-Prop-Gruppe ist über 20 Jahre alt. Deshalb dürfte es den – ebenfalls aus Indonesien kommenden – Kuratoren, der ruangrupa, durchaus bekannt gewesen sein. Doch abgesehen von dem Umstand, dass das Banner zunächst verhüllt und dann umgehend abgehängt wurde, hatte dieser politische Skandal keine weitergehenden Folgen gehabt.

Schon zuvor wurde bekannt, dass mit dem „Kunstwerk“ des Antisemiten Mohammed Al Hawajri „Guernica-Gaza“ antiisraelische Agitation par excellence ausgestellt und dass eine Party des Party-Office mit „Pro-BDS“ angekündigt wurde. Kurz danach wurde bekannt, dass das Kollektiv „Subversive Film“ distanzlos Filme über palästinensische und japanische Terroristen als „antiimperialistische Solidaritätsbeziehungen“ präsentiert und dass der „Künstler“ und Hisbollah-Anhänger Hanja Ahsan mit PFLP-ähnlichen Insignien kokettierte, dass die Veranstaltungskuratorin Emily Dische-Becker die Guides der documenta briefte, wie Antisemitismus-Vorwürfe beiseite zu räumen sind. Die Thematisierung der antiisraelischen Propaganda von wasserstehlenden Siedlern der bekennenden Antizionistin Jumana Emil Abboud, blieb hingegen wenig beachtet.2

Ein Bauernopfer und weiter geht’s

Die Generaldirektorin Susanne Schormann wurde schließlich abberufen. Man machte sie dafür verantwortlich, dass die vom Zentralrats der Juden angebotene Beteiligung am schließlich abgesagten Diskussionsformats „We need to talk“ ausgeschlagen wurde. Auch die widerstreitenden Aussagen über das Agieren Claudia Roths und zuletzt der Umstand, dass der sich als Experte andienende Meron Mendel entnervt das Handtuch warf, wurden ihr zur Last gelegt. Die im Aufsichtsrats vertretenen Personen insbesondere Christian Geselle und die anderen politisch verantwortlichen Angela Dorn und Claudia Roth verrieten damit ihre treue Mitstreiterin und dachten, sie wären fein raus. Dass dieser Versuch, Dampf aus dem Kessel zu lassen, nichts anderes als Kosmetik ist, beweisen die ersten Stellungnahmen von Axel Fahrenholtz. So berichtete er von seiner Zusammenkunft mit ruangrupa und dem Artistic Team. Diese sei herzerfrischend gewesen sei, man habe sich in die Arme genommen und er wäre mit ‚Hallo Alex‘ begrüßt worden. Er fühlte sich sofort gut aufgehoben. Eine Zusammenkunft mit den unmittelbar Verantwortlichen des größten antisemitischen Skandals der letzten Jahre in Deutschland stellen wir uns anders vor. Dann verkündete Fahrenholtz, die kritisch geltenden Werke seien juristisch begutachtet worden oder werden noch begutachtet. Bislang seien sie unbedenklich. Er betont, es wird durch ihn keine Entscheidung über Inhalte der Ausstellung geben. Entscheidungen fällen lediglich ruangrupa.3

Wer Antizionisten, Israelhassern und Antizionisten – und darum handelt es sich bei den wichtigen Personen sowohl der ruangrupa als auch des Artistic Teams – die Konzeption einer Ausstellung und die Entscheidung darüber überlässt, welche Kunstwerke präsentiert werden und welche nicht, muss sich nicht wundern, wenn Israelhass und Antisemitismus präsentiert werden. Würde der Bundestagsbeschluss zur antisemitischen BDS-Bewegung, würde das Bekenntnis der Lokalpolitiker zur besonderen Verantwortung gegenüber Israel und den Juden in Kassel, würde die zu den diversen historischen Daten hinausposaunte Verantwortung vor der Geschichte irgendeine Rolle spielen, hätten die politisch Verantwortlichen und hätte die Generaldirektorin schon im Januar handeln müssen. Doch der Aufsichtsratsvorsitzende der documenta 15, Christian Geselle gab schon im Januar die Linie vor, die nach Sabine Schormanns Abberufung nun auch Fahrenholtz verkündet: Eine Überprüfung findet nicht statt.

Da es sich um klare politische Bekenntnisse sowohl der „Künstler“ als auch derjenigen handelt, die für die documenta 15 führend tätig sind, hat die Kritik an diesen Personen, an ihren Werken und die Infragestellung ihrer Funktion im Rahmen einer öffentlich geförderten Kunstausstellung weder mit der Frage Kunstfreiheit, noch mit Zensur etwas zu tun und schon gar nichts mit Gesinnungsschnüffelei.

Nachdem jetzt antisemitische Zeichnungen im Fridericianum gesichtet wurden4, versucht sich die documenta-Leitung in der Tradition, mit der sie von Beginn an aufgefallen ist: mit peinlichen und dümmlichen Ausflüchten und Statements, mit sturer Verleugnung des existierenden Problems und mit dem penetranten Verweis auf die Freiheit der Kunst. „Juden seien als solche nicht bebildert worden“, eine staatsanwaltliche Prüfung habe ergeben, strafrechtlich seien die Bilder nicht relevant, heißt es nun. Man arbeite nun an einer Kontextualisierung aber ein Screening nach antisemitischen Motiven wird es auch unter Fahrenholtz nicht geben.

Weitgehend unbeachtet blieb das untere Bild, dass ein Motiv des klassischen Judenhasses wiedergibt. Der steinewerfende Christus ist eine Variante des antisemitischen Motivs von den Juden als Christus-Mörder. (Quelle: WerteInitiative)

Es gibt keinen Antizionismus ohne Antisemitismus!

Eine Ausstellung, die von Antizionisten und Antisemiten, wie sie eben in der ruangrupa, im Artistic Team und im documenta-Beirat eine entscheidende Rolle spielen, kuratiert und geleitet wird, hat nicht ein Problem, sie ist das Problem. Wenn dann noch der Aufsichtsratsvorsitzende und auch der neue Geschäftsführer schlicht und ergreifend über keinerlei Problembewusstsein verfügen, ist Land unter. Nicht die Kunstwerke sind zu überprüfen, dieses Vorhaben gestaltet sich wie das Wettrennen von Hase und Igel. ruangrupa ist die kuratorische Arbeit zu entziehen. Das Artistic-Team muss entlassen werden, der documenta-Beirat ist aufzulösen und als politisch Verantwortlicher für die desaströse Entwicklung der Ausstellung muss Christian Geselle die Konsequenz ziehen, die ein Politiker zu ziehen hat, wenn er auf der ganzen Linie versagt hat. Er muss von seiner Funktion zurücktreten.

Diese Minimalforderungen dürften das Ende der documenta 15 bedeuten, deswegen bleibt die logische Konsequenz: Macht die documenta 15 dicht.


1 Siehe vor allem unsere Beiträge „Kein Platz für Antisemitismus auf der documenta“ und „Documenta fifteen. Antisemitismus im lumbung„. Die Übersicht über alle unsere Beiträge zum Thema finden Sie mit dem Tag: documenta fifteen

2 Die Hessenschau pries in vollkommener Ahnungslosigkeit das Kunstwerk dieser Dame als Ort zum Entspannen. documenta 15. Kann  die Kunst die Antisemitismus-Debatte beenden?

3 HNA, 23.07.2022, Neuer documenta-Geschäftsführer: Inhaltliche Entscheidungen fällen nur Ruangrupa.

4 Jüdische Allgemeine, 27.07.22, Hakennase, Armeehelm und Davidstern (Siehe Abbildung)

Sie wussten was sie taten

Die Probleme einer Weltanschauung und die Ignoranz der politisch Verantwortlichen

Am 09.01.2022 schrieben wir dem Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzenden der documenta gGmbH eine E-Mail. Hier der Text:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Christian Geselle,

Sie stehen persönlich dafür ein, dass Kassel eine besondere Verbundenheit zu Israel und zur Partnerstadt Ramat Gan auszeichnet. Seit zwei Jahren wird zum Zeichen der Verbundenheit mit Israel am 14. Mai die Fahne Israels am Rathaus gehisst. Wir begrüßen diese auch heute nicht selbstverständliche Haltung in der Kommunalpolitik.

Als Vorsitzender des Aufsichtsrates der documenta-GmbH können Sie sicherlich nicht alle Persönlichkeiten und Künstler kennen, die im Rahmen der kommenden documenta fifteen kuratiert werden und dort in den diversen Gremien sitzen. Der Bundestag fordert in seinem Beschluss vom 17. Mai 2019, „BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen“, Organisationen und Personen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen nicht mit öffentlichen Geldern finanziell zu fördern und hat Länder, Städte und Gemeinden aufgefordert, sich dieser Haltung anzuschließen.

Mit der „Künstlergruppe“ „The Question of Funding“ aus Ramallah, die zunächst als „Cultural-Center Khalil Sakakini (KSCC)“ vorgestellt wurde, ist jedoch genau eine Gruppe als „member“ des „lumbung“ geladen worden, die die BDS-Bewegung und ähnliche Initiativen unterstützt. Auch weitere Künstler, die sich in dieser Richtung engagieren, werden als member des lumbung genannt. Das verwundert nicht, weil in den verschiedenen Gremien der documenta fifteen Unterstützer der Boykottbewegung gegen Israel agieren.

Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel hat eine Presse-Erklärung und einen ausführlichen Blogbeitrag zu dem unmittelbar dem KSCC zuzurechnenden Personenkreis, zu den zu verurteilenden Bezügen des KSCC und zu weiteren Personen aus dem Unterstützerkreis der Boykottbewegung gegen Israel veröffentlicht.

Wir wünschen uns eine klare Stellungnahme und Intervention von Seiten der Stadt und von Ihnen als Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der documenta-GmbH, der Absicht von BDS-Unterstützern und anderen Boykottbefürwortern gegen Israel, namentlich der Gruppe „The Question of Funding“ im Rahmen der international beachteten documenta auszustellen und zu agieren, entgegenzutreten.

Für Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Eine Antwort gab es nicht.

Inkompetenz, Desinteresse und Abwehr der Kritik auf allen Ebenen

Was war der Anlass unserer E-Mail?

Am 07. 01.2022 veröffentlichten wir den Beitrag „Documenta fifteen: Antizionismus und Antisemitismus im lumbung“. Dort kritisierten wir in einigen Sätzen die grundlegende Ausrichtung der documenta, die unseres Erachtens in einem systematischen Zusammenhang mit Antizionismus, Israelhass und Antisemitismus steht. Wir nannten Gründe dafür, warum die Gefahr bestand, dass die Kunstausstellung antizionistischer Propaganda eine Bühne bietet. In der Findungskommission, die als documenta-Beirat während der documenta 15 fortgeführt wird, sitzt mit Amar Kanwar eine Person, die die Boykottbewegung gegen Israel unterstützt und mit Charles Esche eine, die den Bundestagsbeschluss zur antisemitischen BDS-Bewegung kritisierte. Im aus fünf Personen bestehenden „Artistic Team“, der künstlerischen Leitung der documenta 15, unterstützen vier den antiisraelischen Hassbrief „A Letter Against Apartheid“. Die von der Findungskommission berufene ruangrupa besteht aus zehn Personen. Sie soll die kuratorische Arbeit der documenta 15 übernehmen. Vier, davon die beiden führend tätigen Ade Darmawan und Farid Rakun gehören zu den Unterstützern dieses Briefes oder andere antiisraelische Pamphlete. Der „A Letter Against Apartheid“, und das ist in diesem Kontext das Entscheidende, fordert auch den kulturellen Boykott Israels. Er steht für die Parole: Israelis raus!

Wir stellten am Beispiel der kuratierten palästinensischen Gruppe „The Question of Funding“ heraus, dass deren Protagonisten, insbesondere einer der beiden bekannten Akteure dieser Gruppe, Yazan Khalili, sich in antisemitischer Art und Weise öffentlich geäußert hat und zu den Unterstützern der BDS-Bewegung zählt. Ferner stellten wir heraus, dass diese Gruppe aus dem Umfeld des „Khalil Sakakini Cultural Centers“ kommt, das zu den Mitgründern der antisemitischen BDS-Bewegung gehört und sich nach einem palästinensischen Pädagogen und Nationalisten benennt, der sowohl antisemitische Aussagen getroffen als auch sich lobend über Hitler geäußert hat.

Sofern der Bundestagsbeschluss zur antisemitischen BDS-Bewegung und die Bekenntnisse der Stadt Kassel und ihrer Repräsentanten zu Israel, zu den hier lebenden Juden und zur deutschen Vergangenheit irgendeine politische Bedeutung haben sollen, gab es zu diesem Zeitpunkt genug Gründe, erstens mit uns in Kontakt zu treten, zweitens darauf hinzuwirken, dass die Arbeit der Kuratoren kritisch begleitet wird und drittens vielleicht sogar zu erwägen, das „Artistic Team“ abzulösen und die Gruppe „The Question of Funding“ nach Hause zu schicken.

Ein Problembewusstsein ließen weder Christian Geselle noch irgendein anderer Akteur der Stadt erkennen. Im Gegenteil. Der Oberbürgermeister ließ am 16.01.2022 in einer Pressemitteilung verlauten: „Mit dem indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa kuratieren 2022 zum ersten Mal Vertreter aus Asien die documenta, die auch die Perspektive des globalen Südens berücksichtigen. Dabei seien unter anderem die Hinterfragung von Machtverhältnissen und dekoloniale Ansätze zentrale Gegenstände. […] Die Freiheit der Kunst zu wahren und zu verteidigen sei [..] Aufgabe aller, die an die Werte unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung glauben. Eine Überprüfung […] dürfe es nicht geben […]“.1

Nachdem zunächst die CDU-Fraktion eine Resolution für die Stadtverordnetenversammlung entwarf, in der die Überprüfung der von uns geschilderten Tatsachen gefordert wurde, zog die CDU nach der Stellungnahme des Oberbürgermeisters und der dünnen Erklärung der documenta, sie wende sich auch gegen Antisemitismus, diese Resolutionsentwurf zurück.2

Dass genau der vom Oberbürgermeister angeführte postkoloniale Ansatz problematisch ist, sollte seit den Ereignissen um die Ruhrtriennale 2020 und der darauf folgenden Debatte bekannt sein. Uns ist klar, dass es nicht die Aufgabe eines Bürgermeisters einer Provinzstadt ist, die verschiedenen Facetten der Diskussionen und Auseinandersetzungen zum zeitgenössischen Antisemitismus, zur postmodernen Ideologie im Allgemeinen und zum Postkolonialismus im Besonderen zu kennen. Vor dem Hintergrund des Bundestagsbeschlusses und spätestens nach unserer E-Mail hätte es aber gute Gründe gegeben, einfach mal beim BgA-Kassel nachzufragen, anstatt dieses dem Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit auszusetzen. Aber es kam noch schlimmer. Weil wir angeblich eine urheberrechtlich geschützte Zeichnung des lumbung verfremdeten und zur Illustration unseres Blogbeitrages nutzten, erreichte uns am 07.02.2022 ein Abmahnschreiben einer renommierten Anwaltskanzlei im Auftrag der documenta-gGmbH. Aus dem Text des Abmahnschreibens ging hervor, dass man wohl zuerst versuchte, uns der „unzulässigen Meinungsäußerung“ zu überführen. Zusammengefasst, man nahm uns zwar ernst, versuchte uns aber mundtot zu machen.

Obwohl dann einige Autoren wichtiger überregionaler Zeitungen (Die Zeit, NZZ, FAZ, TAZ und Die Welt und zuletzt sogar Spiegel) so etwas wie ein Problembewusstsein hatten3 und sich im Mai dann auch der Zentralrat der Juden, die WerteInitiative und das American Jewish Comittee (AJC) sehr deutlich zu Wort meldeten4, fochten dies weder die Verantwortlichen und die Leitung der documenta 15, noch die lokale Politik oder andere Akteure der sogenannten Zivilgesellschaft in Kassel an. Noch am Mittwoch, den 15.06.2022, also unmittelbar vor der Eröffnung der documenta 15, feierten sich Christian Geselle, Angela Dorn und Sabine Schormann im Auestadion selbst und Kassel und wiesen die mittlerweile immer deutlicher werdende Kritik als von außen aufgezwungen und dem Gegenstand als unangemessen zurück. Wie zum Trotz überließen sie dem Israelfeind Agus Nur Amal (Pmtoh) die Bühne.

Der offene Antisemitismus war kein Zufall

Am 18.06.2022 hängte die Gruppe Taring Padi das nun weltbekannte Banner auf, dessen Mitte eine im Stil des Stürmers gehaltenen Karikatur eines Juden zeigte. Hätte die Partei „Der Dritte Weg“ oder „Die Rechte“ ein solches Banner aufgehängt, halb Kassel hätte auf den Beinen gestanden und „No Pasaran!“ skandiert. Man hätte nicht nur die Entfernung des Plakats, sondern mit dem sattsam bekannten Slogan „Nazis raus!“ die Verbannung der Gruppe aus Kassel gefordert. Nichts dergleichen passierte anlässlich des Propaganda-Coups durch die Gruppe Taring Padi. Man nahm die fadenscheinige Entschuldigung der Gruppe hin, die im Duktus fast gleichlautend daher kam, wie man ihn von rechten Politikern vernehmen kann, wenn sie bei antisemitischen Rülpsern erwischt werden. Man suchte den Diskurs und war froh, dass zunächst mit Meron Mendel ein Experte engagiert werden konnte, der sowohl weiß, wovon er spricht, wenn er sich zum Thema Antisemitismus äußert und der gleichzeitig, sich dem von der documenta verkündeten Dogma der Multiperspektivität unterwerfend, die palästinensische Perspektive als legitim betrachtet und keinen strukturellen Zusammenhang von Postkolonialismus und Antisemitismus erkennen will.5

Allen, bis auf den Anführer der VVN-BdA Kassel, Ulrich Schneider6, war klar, dass die Karikatur des Juden auf dem indonesischen Banner antisemitisch ist. Dennoch, die einhellige Verurteilung des Banners – wohlgemerkt nicht der Gruppe – verstellt die Debatte, um die es eigentlich gehen müsste: Warum war es möglich und was hat es zu bedeuten, dass eine sich progressiv gebende Gruppe einen Juden im Stürmer-Stil als Repräsentant für das Schlechte in der Welt präsentiert?

Das jetzt abgehängte Banner der Gruppe Taring Padi wäre ohne die Judenkarikatur und ohne den Mossad-Mann genauso unbeanstandet goutiert worden, wie das am Opernplatz aufgehängte Bild, in dem die Ami-Sau unten rechts im Bild zu finden ist, oder die zahllosen Papp-Aufsteller am Hallenbad Ost, die in bisweilen rassistischer Überzeichnung, Kapitalisten und Politiker als Ratten und Schweine darstellen. In diesen vermeintlich kritischen Darstellungen von Unterdrückung und Ausbeutung sowie der Illustration des Kampfes für eine angeblich bessere Welt zeigt sich die gemeinsame Grundlage der Ideologie der umworbenen Aktivisten aus dem Süden und der saturierten Kunstschaffenden und -konsumenten in den Metropolen des sich selbst hassenden Westens.

Die Ideologie, die sich im Banner der Gruppe Taring Padi mit oder ohne Jude in der Mitte darstellt, ist geprägt von einem simplen Gut-Böse-Dualismus, der Personalisierung abstrakter Herrschaftsverhältnisse, einem zivilisationsfeindlichen Zurück-zur-Natur-Mythos und in der Verherrlichung des Landlebens. Die als Befreiung interpretierte Anbetung des Kollektivs und autochtone Tradition und die letztendlich autoritäre Verachtung des Individuums paart sich mit der auf der documenta allenthalben gefeierten Ursprünglichkeit, die sich in der politischen Aufladung der präsentierten Kollektive, Gemüsebeete, und Komposthaufen darstellt. Heraus kommt dabei ein Gebräu einer Weltanschauung, die sich durch die Feindschaft gegenüber der Moderne und ihrer Ideen von der Freiheit des Individuums, der Aufklärung, von der Befreiung aus der Knechtschaft und aus den Zwängen der Natur auszeichnet und die der Nährboden antisemitischer Weltanschauung ist. Dieses Konglomerat an Vorstellungen von einer „anderen Welt“ der ruangrupa und ihrer Protegés und Anhänger kommt als eine Weltanschauung der Antimoderne daher, die schlicht und ergreifend eine offene Flanke zum Antisemitismus hat. Und zu dieser Weltanschauung gehört das Bündnis mit den Antizionisten aus dem Nahen Osten, wie der Komposthaufen zum Gemüsebeet an der documenta-Halle. Aus diesen Gründen war die von Mendel erwogene Schnüffelei nach weiteren offen antisemitischen Exponaten fehl am Platze.

Es ist kein Wunder, dass so lupenreine Antisemiten wie Mohammed Al Hawajri, Hamja Ahsan, dass beinharte Israelfresser wie Khalid Albaih, Jumana Emil Abboud, das Party-Office und mindestens 60 weitere Unterzeichner des „A Letter Against Apartheid“ auf der documenta präsentiert werden7, nur dass diese es im Gegensatz zu den Indonesiern vielleicht verinnerlicht haben, dass man nach 1945 in Deutschland den Juden nicht (mehr) mit Hakennase und blutunterlaufenen Augen, ihn nicht als Gottesmörder oder blutrünstigen Militär präsentiert. Das macht man zuhause, wenn die Weltöffentlichkeit nicht hinschaut. Sie wissen, dass man es ihnen als „Israelkritik“ durchgehen lässt, wenn die einzige Demokratie im Nahen Osten als Apartheid-Regime bezeichnet wird und wenn Israel selbst dafür verantwortlich gemacht wird, wenn die Hamas Israel mit Raketen beschießt. In der Sitzung des Ausschusses für Kultur und Medien des Bundestages konnte man nachvollziehen wie das funktioniert. Einer der beiden Sprecher der ruangrupa, Ade Darmawan, äußerte sich gemäß eines Artikels des Tagesspiegels wie folgt: „‘Es gibt keinen stillen Boykott gegen Israel oder gegen Juden.‘ Jüdische und israelische Künstler seien bei der documenta vertreten, würden auf eigenen Wunsch namentlich nicht genannt, da sie mit dem Konzept des Nationalstaates nicht in Verbindung gebracht werden möchten.“8 Damit dürfte er den antizionistischen Konsens der documenta 15 ausgedrückt haben, den Yazan Khalili so ausdrückte, dass er die Juden vom Zionismus emanzipieren wolle. Nach der Expertise der Elke Buhr und eines Joseph Croitoru ist das kein Antisemitismus, nach Meron Mendel Ausdruck des legitimen Widerstandes gegen die „Besatzung“ und als Äußerung mindestens von der Kunstfreiheit gedeckt. Zwar ist Antizionismus nicht das gleiche, wie Antisemitismus, aber es gibt keinen Antizionismus ohne Antisemitismus. Dieser Zusammenhang wurde nirgends deutlicher als auf der aktuellen documenta. Dafür stehen die Gruppe Taring Padi, die Personen Mohammed Al Hawajri, Hamja Ahsan, Khalid Albaih, das Party-Office u.a.

Die offensichtliche Hoffnung der Ausstellungsmacher, dass man zwar die Judenkarikatur des Taring-Padi-Banners von Experten und Juristen als antisemitisch definieren lässt, die Bildreihe Gaza-Guernica aber als schlechte Kunst, als „Israelkritik“ oder im Rahmen der Multiperspektivität als künstlerischen Ausdruck des legitimen Widerstands gegen die „Besatzung“ durchgehen lässt, dürfte also nicht ganz abseitig sein. Zudem werden die Bilder Gaza-Guernica an einem Ort präsentiert, der den traditionsbewussten Kasseler Bürger an die „Luftgangster“ erinnert, die in ihrer Vorstellung gleich der Legion Condor, die wunderschöne Stadt Kassel aus Rachsucht in Schutt und Asche legten.

Es stellt sich die Frage, ob es die Sache besser gemacht hätte, wenn man, wie es sich mittlerweile herausgestellt hat, auf den Rat Claudia Roths gehört hätte, die Arbeit der Kuratoren kritisch zu begleiten.9 Die HNA berichtete jüngst, dass auch die documenta-Generaldirektorin versuchte, einen Dialog mit dem Zentralrat der Juden mit Vertretern des „Artistic Teams“ über den Ansatz der Multiperspektivität zu initiieren. Ob man über die Naivität, die den Versuch auszeichnet, Vertreter des Zentralrats der Juden mit Israelhassern an einen Tisch zu setzen, lachen oder weinen soll, ist die eine Frage. Dass man es gleichzeitig für eine probate Maßnahme hält, die Gegner und Feinde Israels durch die Teilhabe an der Erinnerungskultur Deutschland davon abzuhalten, ihrem Hass Ausdruck zu verleihen ist die andere Frage.10 Dass darüber hinaus der Zentralrat der Juden, oder die örtliche Jüdische Gemeinde herangezogen werden, wenn es um die Frage Antisemitismus, Antizionismus, Israelhass und „Israelkritik“ geht, verdeutlicht, dass man Antisemitismus offensichtlich für ein jüdisches Problem hält.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der documenta, Oberbürgermeister Christian Geselle, die hessische Ministerin Angela Dorn und die Bundesministerin Claudia Roth, sie alle wussten vom Problem und schwiegen oder taten so, als ob die Luftnummern Hauensteins, Buhrs und des Dünnbrettbohrers Croitorus und letztlich auch die Versuche der tragischen Figur Mendels die Quadratur des Kreises hinzubekommen, irgendeine Substanz gehabt hätten. Obwohl Mendel bekanntlich die palästinensische Sichtweise für legitim hält, immer wieder davor warnte, die documenta unter Generalverdacht zu stellen, musste er erfahren, dass man im WH22 mit Juden nicht spricht und dass auf seiner Diskussionsveranstaltung der Vertreter der ruangrupa (und Unterzeichner des „A Letter Against Apartheid“) Ade Darmawan sich frech hinstellte und bekundete: Hier bin ich.11

Geselle, Dorn und Roth sind für das Desaster, dass vor den Augen der Weltöffentlichkeit faktisch Nazi-Propaganda gegen Juden und Israel betrieben wurde, politisch verantwortlich. Als Generaldirektorin steht Frau Sabine Schormann im engeren Sinne in der Verantwortung dafür, was im Namen der documenta der Öffentlichkeit präsentiert wird. Direkt dafür verantwortlich sind die Künstlerische Leitung, also die ruangrupa und das leitend tätige „Artistic Team“. Während Schormann sich vielleicht nicht ganz der Tragweite ihrer den Antisemitismus relativierenden und verharmlosenden Ideologie von der Multiperspektivität bewusst ist, sind die Vertreterinnen des „Artistic Teams“ und Teile des documenta-Beirats, sowie der ruangrupa Überzeugungstäter. Letzteres war durch unsere Veröffentlichung seit Januar bekannt.

Wollte man das, was mit dem Bundestagsbeschluss gegen die BDS-Bewegung intendiert wurde, ernst nehmen, müssten alle hier genannten Beteiligten von ihren Funktionen entbunden werden. Die ruangrupa und alle hier genannten members of the lumbung müssten schlicht nach Hause geschickt werden.

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1 Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta fifteen: Stellungnahme von Oberbürgermeister und documenta-Aufsichtsratsvorsitzenden Christian Geselle, Pressemitteilung, 16.01.2022

2 Die Resolution der CDU ist am 13.01.2022 formuliert worden. Dort hieß es: „Die Stadtverordnetenversammlung distanziert sich von jeglichen antisemitischen Umtrieben, die möglicherweise im Umfeld der Organisation der documenta 15 Raum greifen. Die Organisatoren der documenta 15 mögen Stellung dazu nehmen, ob der Vorwurf zutrifft, dass Unterstützer der so genannten BDS-Bewegung und andere Boykottbefürworter gegen Israel, namentlich der Gruppe „The Question of Funding“, im Rahmen der international beachteten documenta ausstellen und agieren. Falls das der Fall ist, verwahrt sich die Stadtverordnetenversammlung ausdrücklich und nachdrücklich gegen antisemitische Tendenzen im Rahmen des Programms der documenta 15.

3 Israelkritik, Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit sind keineswegs dasselbe, Die Zeit, 02.02.2022; Documenta in der Kritik. Hetzkunst, FAZ, 13.01.2022; Kassel. Antisemiten, Sexisten und falsche Indianer?, NZZ, 10.01.2022; Kunstfreiheit und Antisemitismus. Debatte um BDS und documenta 15, taz, 14.01.2022; Wie man die rote Linie klar und deutlich markiert, Die Welt, 22.01.2022. In der Folge war es vor allem Die Welt, die kontinuierlich Kritik an der documenta 15 formulierte.

4 Dahinter verbirgt sich ordinärer Antisemitismus, Die Welt, 25.05.2022.

5 Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, sieht den Vorwurf des Antisemitismus gegen das Kollektiv nicht begründet. Klaren Antisemitismus würde er der NGO „auf keinen Fall“ vorwerfen, sagt er. Es gebe sicherlich Grauzonen, wo sich der legitime Widerstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung mit antisemitischen Narrativen vermische, so Mendel. Doch habe sich die Organisation nicht besonders durch Antisemitismus hervorgetan. Palästinenser hätten sehr wohl das Recht, die Forderung zu stellen, dass Israel boykottiert werde, unterstreicht der Bildungsstättendirektor. „Diese Forderung würde ich nicht per se als antisemitisch sehen.“ Vorwürfe gegen Kasseler Kunstschau. Hat die Documenta ein Antisemitismusproblem?, Deutschland Funk, 13.01.2022.

6 Die HNA zitiert am 23.06.2022 Dr. Ulrich Schneider wie folgt: „Dagegen verteidigt der Historiker Ulrich Schneider (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) das Kollektiv und weist darauf hin, dass die ‚Figur mit einem Schweinegesicht‘ und einem Helm, auf dem Mossad steht, Teil einer Gruppe von Geheimdiensten ist. Es würde aber nur die Mossad-Figur kritisiert. Die Antisemitismusvorwürfe entbehrten jeglicher Grundlage.“

7 Hier sind die Unterzeichner des „Letter Against Apartheid“ und anderer Pamphlete aufgelistet, die als Künstler auf der documenta 15 präsentiert werden oder für diese tätig sind. Die Liste wurde von Markus Hartmann zusammengestellt, dem wir an dieser Stelle zu danken haben. https://bgakasselblog.files.wordpress.com/2022/07/documenta-fifteen-beteiligte-an-antisemitischen-briefen-1.pdf

8 Documenta-Skandal ist Thema im Bundestag. Kasseler Verantwortliche bleiben fern, Tagesspiegel, 06.07.2022.

9 Skandal um antisemitische Kunstwerke. Documenta-Leitung ließ Claudia Roth abblitzen, Spiegel, 27.06.2022.

10 Was Schormann unternommen hat, HNA, 09.07.2022 In der HNA wird berichtet, dass Schormann für die Künstlerische Leitung einen Besuch an den Kasseler Gedenkstätten initiierte. Den toten Juden zu gedenken, den Antizionismus jedoch mit Gleichgültigkeit oder Ablehnung zu begegnen, sind typisch für die deutsche Erinnerungskultur. Nichts verdeutlicht das so, wie die Kombination der Stolpersteine vor dem Kasseler Kino Gloria indem den japanischen und palästinensischen Terroristen unter dem Motto „antiimperialistischen Solidaritätsbeziehungen“ zwischen Japan und Palästina gehuldigt wird. Die Attentäter der japanischen „Roten Armee“ und palästinensischer Terroristen ermordeten am 30.05.1972 auf dem israelischen Flughafen Lod 26 Menschen. Vgl.: Documenta ehrt Initiatoren eines Selbstmordattentats, Mena-Watch, 24.06.2022.

11 Obwohl Meron Mendel mehrfach Verständnis für Sache der Palästinenser geäußert hat, die Kritik des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel als unzutreffend zurückgewiesen hat, musste er erfahren, dass der Künstler Al Hawajri aus dem Gazastreifen nicht mit Juden reden wolle und biss mit seinem Vorhaben, sich als Experte der documenta 15 zum Zwecke der Sensibilisierung in Sachen Antisemitismus anzudienen auf Granit und . Vgl.: „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, Meron Mendel über das Versagen der Documenta-Verantwortlichen – und den antisemitismus-Vorwurf als politisches Spiel, Tagesspiegel 24.06.2022; Eine Unverschämtheit, die keiner bemerkte, FAZ, 01.07.2022; Antisemitismus-Eklat. Meron Mendel nicht länger Berater der documenta, hessenschau, 08.07.2022.

Illustrationen: There ist no Antizionism without Antisemitism!

Der durch die im WH22 ausgestellte Bilderserie „Guernica-Gaza“ bekannt gewordene Künstler aus dem Gaza-Streifen Mohammed Al Hawajri (Eltiqa) hat hier ein Bild geschaffen, das eindeutig das antisemitische Stereoptyp vom Juden als Christusmörder bemüht und dieses antijüdische Feindbild auf die aktuelle Situation des Konflikts zwischen Israel und Palästinensern überträgt. Jesus tritt mit dem Schlüssel auf dem Rücken vor seine Mörder. Der Schlüssel steht für den Anspruch der Palästinenser auf das israelische Staatsgebiet. Das Bild ist nicht auf der documenta 15 ausgestellt, verbürgt aber die Weltanschauung des ausstellenden Künstlers, der vom Kollektiv The Question of Funding eingeladen wurde.

Der Künstler Khalid Albaih, der für das Kollektiv Trampolin House auf der documenta ausstellt, hat sich auch als israelfeindlicher Karikaturist versucht. Einige seiner Karikaturen präsentieren seine Weltsicht von der Grausamkeit und von dem mörderischen Wesen der israelischen Politik. Hier wird Palästina tranchiert.

Jumana Emil Abboud ist eine der wenigen Künstlerinnen, die als Personen und nicht als Kollektiv als member des Lumbung auf der documenta 15 kuratiert wurden. Auch sie hat den „A Letter Against Apartheid“ unterzeichnet und verbreitet durch Steuern finanziert im documenta-Handbuch und auf der Ausstellung anitiisraelische Propaganda: „Abbouds Arbeit für die documenta fifteen erweitert ihre bisherige künstlerische Praxis um das Thema Wasser. […] In den sogenannten ‚Wünschelruten-gänger*innen‘-Workshops […] ging es darum, den hier lebenden Menschen ihr Recht auf Wasser symbolisch zurückzugeben. Der Verlust von Wasserrechten erscheint hier als Bestandteil der Siedlungspolitik des israelischen Staates: Wasser wird von den Quellen in Palästina abgezapft und in nahe gelegene Neusiedlungen umgeleitet. […] Um ‚Rückgabe des Wassers‘ geht es sowohl in konkreter als auch in kultureller Hinsicht.“

Solidarität mit Israel – Dem Antisemitismus entgegentreten – Stoppt BDS!

Am 16. Juni 2022 riefen Malca Goldstein, das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel, das Junge Forum DIG-Kassel, die Gruppe Thunder in Paradise, die Gruppe AG Antifa Halle und das Bündnis gegen Antisemitismus Kiel zur Kundgebung gegen die Präsentation antizionistischer und antisemitischer Agitatoren auf der documenta 15 auf.

Wir eröffneten unsere Kundgebung mit Bob Dylans „Neighborhood Bully“

Auf der Kundgebung redeten Malca Goldstein-Wolf, Stefan Naas (Landtagsabgeordneter der FDP in Hessen), Daniel Kohn (WerteInitiative.jüdisch-deutsche Positionen), Franziska Schwedes (Junge Union Kassel), Thunder in Paradise, Junges Forum DIG Kassel und zuletzt gab es einen Beitrag vom BgA-Kassel. Malca Goldstein-Wolf verlas das Statement des Antisemitismusbeauftragten des Landes Hessen Uwe Becker. Der geplante Beitrag der Gruppe AG Antifa Halle fiel krankheitsbedingt leider aus.

Den ersten Teil der Kundgebung kann man hier hören: Redebeiträge Kundgebung am 16.06.2022.

Den zweiten Teil der Kundgebung leiteten wir mit dem Song Counterstrike von Sabaton ein.

Der Beitrag der Gruppe Thunder in Paradise kann hier nachgelesen werden: Volkskunst gegen Israel. Zum Elend des Kulturbetriebs.

Der Beitrag des JuFo DIG-Kassel kann hier nachgelesen werden: Redebeitrag

Im Folgenden veröffentlichen wir unseren Beitrag:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen,

erinnern Sie sich an Andreas Kalbitz? Kalbitz war Vorsitzender der Brandenburger AfD bis ihm 2020 seine Parteimitgliedschaft entzogen wurde, weil er in den Neunzigerjahren Mitglied in eindeutig neonazistischen Organisationen war. Oder Wolfgang Gedeon – AfD-Abgeordneter im Landtag in Baden-Württemberg. Nachdem ans Licht kam, dass dieser in seinen Büchern unter anderem davon schrieb, die Juden arbeiteten an der Versklavung der Menschheit, forderte sein Parteikollege Jörg Meuthen, den Parteiausschluss, womit er schließlich auch Erfolg hatte. Man sah sich zum Handeln gezwungen, da es eine offensichtliche Diskrepanz gab zwischen dem Licht, in dem man im Auge der Öffentlichkeit gern stünde – im Falle der AfD das einer bürgerlichen Partei – und jenem, das die besagten Akteure stattdessen auf die eigene Gruppe warfen. Es wurden pragmatische Schlüsse gezogen und zumindest für den tatsächlich bürgerlichen Teil der AfD-Anhängerschaft konnte nach außen hin demonstriert werden, wie ernst man es mit den eigenen Idealen meint. Die Parteien links der AfD zeigten sich empört doch wenig überrascht, wussten sie doch schon immer von der faschistischen Bedrohung, die von der Partei ausgehe.

Fragt man nach dem Licht, in dem die Veranstalter der documenta sich gerne sonnten, so würden sie womöglich antworten, dass es die natürlichen Textilfarben Indonesiens seien – stellvertretend für das der Ausstellung zu Grunde liegende lumbung-Prinzip mit Fokus auf Kollektivität, gemeinschaftlichen Ressourcenaufbau und gerechte Verteilung. Ein Traum von Gemeinwohlökonomie und Harmonie mitten im durch seine optische Erscheinung immer noch an das Elend vom verlorenen Weltkrieg erinnernden Kassel – ein Schelm, wer dahinter böses vermutet. Und genau dieser Schelm fand sich – im Bündnis gegen Antisemitismus Kassel. Meine Vorredner sind bereits auf die Recherche des BgA-Kassel sowie das durch sie losgetretene mediale Echo eingegangen, das den postmodernen Diversitätsglanz der Kunstaktivisten trüben sollte.

Auf den antisemitischen „Letter Against Apartheid“, den unter anderem der regelmäßig als Sprecher der ruangrupa auftretende Ada Darmawan unterzeichnet hat, möchte ich etwas näher eingehen. In diesem Brief aus dem Mai 2021, wird dem israelischen Staat unter anderem vorgeworfen, er „massakriere“ die Bevölkerung Gazas, lösche ganze Familien aus und zerstöre gezielt die Infrastruktur dieses „ohnehin beinahe unbewohnbaren“ Gebietes. Dass es die mörderische Infrastruktur der Hamas-Raketenlager ist, die seitens der israelischen Streitkräfte gezielt zerstört wird, dass diese Lager von der islamistischen Terrororganisation bewusst inmitten von dicht bewohnten Gebieten positioniert werden, deren Bewohner als menschliche Schutzschilde fungieren und dass ebenjene Hamas der Grund für das Elend der in Gaza lebenden Bevölkerung ist, wird bewusst verschwiegen. Und selbstverständlich werden auch die 4360 Raketen mit keinem Wort erwähnt, die zur gleichen Zeit von palästinensischer Seite in Richtung israelischer Wohngebiete abgeschossen wurden, mit dem Ziel, die dort lebenden Juden zu vernichten, aus dem einzigen Grund, dass sie Juden sind.

Von den zahlreichen Unterstützern israelfeindlicher Kampagnen, die in entscheidenden Positionen an der documenta 15 mitwirken, möchte ich an dieser Stelle mit Lara Khaldi und Yazan Khalili zwei weitere Akteure beleuchten. Erstere ist die ehemalige Direktorin des „Khalil al Sakakini Cultural Center“ aus Ramallah. Der Namensgeber einer der laut Eigenbeschreibung „führenden palästinensischen Kunst- und Kulturvereine“ ist der arabische Nationalist und Anhänger Hitlers Khalil al Sakakini. Ihm zufolge habe Hitler „der Welt die Augen geöffnet.“ Bevor er an die Macht gekommen ist, habe die Menschheit die Juden und ihren grenzenlosen Einfluss gefürchtet. Hitler habe die Juden in ihre Schranken gewiesen. Damit steht er den eingangs zitierten Aussagen des AfD-Mannes Wolfgang Gedeon an Judenhass in nichts nach. Nun stellen Sie sich einmal vor, eine documenta-Künstlerin entspränge einem Wolfgang Gedeon Kunst- und Kulturzentrum, die Konsequenzen muss ich Ihnen wohl kaum ausmalen. Zwar tritt die Gruppe um Lara Khaldi inzwischen als „The Question of Funding“ unter geändertem Namen auf, eine Distanzierung vom Antisemitismus ihres Namensgebers wird jedoch damit nicht einhergegangen sein. Yazan Khalili, neben der eben erwähnten Lara Khaldi einer der Sprecher des Kollektivs, ist nicht nur BDS-Unterstützer. Der seitens meiner Vorredner erwähnte Umstand, dass die BDS-Kampagne sich in Bezug auf das Existenzrecht Israels im Nebel hält, trifft auf ihn nicht zu. Er fordert die Beendigung des Zionismus und damit die Auslöschung Israels als jüdischer Staat. Dass die für deutsche Verhältnisse überraschend deutliche Positionierung des Bundestages gegenüber der BDS-Kampagne klare Richtlinien liefert, wie man sich gegenüber Unterstützern dieser Gruppe zu verhalten hat, haben meine Vorredner bereits ausführlich zur Sprache gebracht. Genauso die persönlichen Angriffe und Verleumdungen gegenüber den Mitgliedern des BgA-Kassel. Mit der Diffamierung dieser als „Antideutsche“ will man, beispielsweise bei der Lokalzeitung HNA, den womöglich unvoreingenommenen Lesern die Arbeit ersparen, sich mit den tatsächlichen Vorwürfen auseinanderzusetzen, da mit dieser „anti-islamischen“ und wahrscheinlich sogar „rassistischen“ Gruppe ohnehin kein vernünftiges Wort zu reden sei. Wie auch, wenn sie mit dem Antisemitismusvorwurf als Totschlagargument um sich schmeißen?

Diese Argumentation steht dabei ganz in deutscher Nachkriegstradition. So sprach auch schon der Schriftsteller Martin Walser bei seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 1998 von Auschwitz als Moralkeule, die Deutschland auf ewig seine Schande vor Augen führen solle. Ähnliche Behauptungen wie die, dass „Vergangenheitsbewältigung als gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe (…) ein Volk (lähmt)“ des Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke hatten im Januar 2017 noch zu einem empörten Aufschrei der deutschen Tagesblätter geführt. Stehen im Zentrum der Kritik nicht mehr die Rechtspopulisten, sondern solche, die der Volksgemeinschaft gegen rechts ihren multikulturellen Anstrich geben, dann bedienen sich die wiedergutgewordenen Deutschen in ihrer Entrüstung derselben Argumentationsschemata wie ihr blaues Feindbild aus Thüringen.

Ein weiterer Vorwurf gegenüber den Kritikern des sich im documenta-Team manifestierenden Antisemitismus ist schließlich der, es ginge ihnen um eine Zensur der Kunst. Nun ist die documenta keine private Kunstausstellung, die frei nach Lust und Laune unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit ideologisch aufgeladenen Aktivismus gegen Israel nach Nordhessen bringt. Die documenta GmbH ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die von der Stadt Kassel und dem Land Hessen als Gesellschafter getragen und zudem durch die Kulturstiftung des Bundes finanziell unterstützt wird. Akteure wie Ruangrupa wurden von einer Expertenkommission explizit eingeladen und vom Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle bestätigt.

Dass die Dämonisierung Israels im Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts nicht die Ausnahme sondern die Norm ist, hätte umso mehr eine vorherige Kontrolle bedingen müssen, die zum Resultat hat, dass es nicht öffentlich als solche erkennbare Antisemiten sind, deren Arbeit man mit zigmillionen Euro an Steuergeldern fördert und deren Ressentiments man eine internationale Bühne bietet.

Sind es Beschlüsse wie der des Bundestages, der BDS-Bewegung entgegenzutreten oder die zuletzt vom heutigen Bundeskanzler Olaf Scholz im Mai 2021 verkündete Zusage, die Sicherheit Israels müsse Teil der deutschen Staatsräson sein, die eine Idee davon geben könnten, welches Licht es ist, in dem die zentralen Akteure der Bundesrepublik gern erstrahlen würden? Dann muss man mit Blick auf die documenta feststellen, dass es ihnen so ernst mit diesem Bestreben nicht sein kann. Der Schatten, den der schon im Vorhinein grassierende Antisemitismus aus dem documenta Umfeld auf den bunten Heiligenschein der lumbung-Bewegten wirft, trägt bislang – und wohl auch in Zukunft – keine personellen Konsequenzen mit sich.

Seit Januar haben viele Zeitungen von Welt und FAZ bis zur New York Times die Kritik des BgA aufgegriffen. Damit haben sie der Debatte die Reichweite verschafft, die auch Claudia Roth letztendlich zu dem in der letzten Rede zitierten Lippenbekenntnis bewegte. Diesem Umstand zum trotz trat mit dem Künstler Agus Nur Amal vergangenen Mittwoch ein weiterer Unterzeichner des antisemitischen „Letter Against Apartheid“ vor Journalisten aus aller Welt im Zuge der Pressekonferenz im hiesigen Auestadion auf. Damit zeigt sich in der Institution documenta die Manifestation einer antisemitischen Kontinuität, die schon mit völkischen Ideologen wie Joseph Beuys deutlich zum Vorschein trat und zuletzt in der Performance „Auschwitz on the Beach“ im Zuge der documenta 14 gipfelte. Ihr progressiver Schein fällt ab und ans Licht kommt das, was diese weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst tatsächlich darstellt, ein postmodernes Happening gegenaufklärerischer Selbstbeweihräucherung, in dem der Hass auf Israel nicht nur zum guten Ton gehört, sondern Teil der ihm immanenten Ideologie ist.

Wir fordern: keine Safe-Spaces für Antisemiten, keine Zusammenarbeit mit der BDS-Bewegung und Kampf den Feinden des jüdischen Staates!
(JB)