Neulich in Bebra: Im Namen des Antifaschismus mehr Antisemitismus wagen oder

I’m a Barbie Girl

Aus Bebra kommt nicht nur der Barbier, der einst unter anderem Wolfgang Thierse rasieren und meucheln wollte, es gibt dort auch eine Stiftung, die sich mit dem Namen des antifaschistischen Widerstandskämpfers Adam von Trott zu Solz schmückt. Zu den Förderern dieser Stiftung gehören u.a. das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, aber auch auch die Uni Göttingen.1 Diese Stiftung lud im März 2021 Aleida Assmann ein, die zum Thema „Antisemitismusdebatte in Deutschland und der israelisch-palästinensische Konflikt“ referieren sollte. Schlafwandlerisch erkannte die HNA den Sinn der Veranstaltung und kündigte diese treffsicher mit den Worten an: „Wann ist Kritik an Israel antisemitisch?“2 Eine Gang von Unterschriftstellern3 treibt des engagierten Deutschen größtes Problem um, mit der Antisemitismus-Keule am Kampf für das Gute gehindert zu werden und einem Klima des Verdachts, der Verunsicherung und der Denunziation ausgesetzt zu sein, wenn man sich der Kritik an der israelischen Regierungspolitik gegenüber den Palästinensern widme.4

Assmann ist Anglistin, Ägyptologin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Zusammen mit ihrem Gatten Jan Assmann hat sie 2018 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für die Rolle des dynamischen Duos als „Wegbereiter einer klugen und aufgeklärten Erinnerungskultur“ (Heinrich Riethmüller) bekommen. Riethmüller weiter über die Preisträgerin: „Die Forschungen von Aleida und Jan Assmann sind Grundlagen dafür, wie eine moderne Gesellschaft aus der Vergangenheit lernen kann, um in Frieden und Freiheit leben zu können.“5

Assmann gehört zur oben genannten Gang, die an der zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlichten Jerusalemer Erklärung beteiligt war, die sie auf der Veranstaltung entsprechend spoilerte. (Man beachte die mit Sicherheit nicht ohne Hintergedanken gewählte Kombination von Jerusalem und österlichem Datum!)

Zur Jerusalemer Erklärung selbst ist anderen Ortes bereits alles Notwendige gesagt, so dass auf eine weitere Erläuterung verzichtet werden kann.6

Die Assmanns treten – zumindest nach Meinung der Friedenspreis-Jury – stets im Doppelpack auf, wie Lolek und Bolek, Batman und Robin, etc. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass Aleida die Meinung ihres werten Gemahls teilt. Jan Assman engagierte sich seit 1967 „in Theben-West bei einer epigraphisch-archäologischen Feldarbeit für die Beamtengräber der Saiten- und Ramessidenzeit und leitete ab 1978 ein Forschungsprojekt in Luxor (Oberägypten).“7 Wer die deutsche Expat-Szene in Nassers Ägypten kennt, weiß, wo der Fennek langläuft. Das Ergebnis ist entsprechend. Und so liest man auf Wikipedia: „Weiter über den engeren ägyptologischen Kreis hinaus bekannt wurde Assmann durch seine Deutung der Entstehung des Monotheismus, dessen Anfänge seiner Auffassung zufolge mit dem Zeitpunkt des Auszugs der Israeliten aus Ägypten verbunden sind. Assmann betrachtet es als dringende Notwendigkeit, mehr Verständnis für die Kulturen aufzubringen, die nicht dem Monotheismus anhängen. In diesem Zusammenhang erklärt Jan Assmann den theologischen Wandel vom göttlichen Pluralismus zum israelitischen Monotheismus: ‚Ich sehe die Aufgabe unserer philologischen Beschäftigung mit den biblischen Texten darin, sie zu historisieren, also zu sagen: Das hatte seinen Ort in einer bestimmten Zeit. Aus dieser Zeit heraus versteht man die Sprache. […] Ich lese etwa das fünfte Buch Moses so, dass mit ‚Kanaan‘ eigentlich die eigene heidnische Vergangenheit gemeint ist. Und der glühende Hass auf die Kanaanäer, der sich in diesen Texten ausdrückt, ist in Wahrheit ein retrospektiver Selbsthass, ein Hass auf die Vergangenheit, von der man sich befreien möchte.‘

Damit einhergegangen sei die Entwicklung eines absoluten Wahrheitsbegriffs, der langfristig das pluralistische Nebeneinander des antiken Pantheons unmöglich gemacht habe und tief in das kulturelle Gedächtnis des modernen Menschen eingegangen sei. Seither sei für den Monotheismus ein „Preis“ zu zahlen, der unter anderem in intensiven religiösen, kulturellen und politischen Auseinandersetzungen bestehe.“8

An intensiven politischen Auseinandersetzungen ist somit der Jud‘ schuld! Vor Erfindung des Monotheismus wurde vielleicht einmal ein Bewohner des Nachbardorfes geköpft, weil man aus dessen Schädel eine Trinkschale machen wollte, aber es war nicht böse gemeint: Schwamm drüber.

Zu Assmanns Ehren muss aber gesagt werden, dass er sich gegen eine allzu sehr zur Kenntlichkeit entstellte Deutung seiner Texte verwahrt hat.9

Durch Ausschließung des Wahrheitsbegriffes wird diese romantisierende Vorstellung vom Heidentum als Epoche der Toleranz an die Postmoderne anschlussfähig, obwohl das den historischen Tatsachen Hohn spricht, denn Gottlosigkeit galt in der griechischen und römischen Antike als ein des Todes oder zumindest der Verbannung würdiges Verbrechen.

Was Adam von Trott zu Solz als Old China Hand und Zeitzeuge des japanischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges von der Narrativvielfalt des Shintoismus – Köpfung, Vergasung, Infektion mit Pesterregern oder nur doch einfaches Erstechen mit dem Bajonett – gehalten hätte, sei dahingestellt.

Wer glaubt, nicht der Sieg der Alliierten im 2. Weltkrieg, sondern die Ambiguitätstoleranz des Polytheismus bzw. jahrtausendealtes antijudaistisches Geschwurbel (was man heute schlicht „alternative Fakten“ oder „Fake News“ nennt) seien dafür verantwortlich, dass in Deutschland inzwischen zumindest ansatzweise in Frieden und Freiheit gelebt werden kann, den treibt naturgemäß vor allem eins um: Wie kann ich Israelkritik betreiben, ohne deswegen des Antisemitismus geziehen zu werden, mit der Folge – horribile dictu – am Ende des Tages auf Staatsknete verzichten zu müssen? Gibt es etwa eine Bedienungsanleitung dafür?

Diesem Ziel dienen zahllose Traktate von Zeitgenossen, die sich bemühen, insbesondere die notorische BDS-Bewegung vom Vorwurf des Antisemitismus freizusprechen. Die oben genannte Jerusalemer Erklärung ist das jüngste Elaborat aus diesem Umfeld. Es wird aber nicht das Letzte sein.

Der sog. „Israelkritik“ geht es freilich nicht um die Kritik konkreter administrativer, militärischer oder geheimdienstlicher Maßnahmen, sondern um die Existenz von Israel als Ganzes, die Überlebensversicherung aller Juden dieser Welt. Das wurde auch an dem Abend mit Assmann nur allzu schnell deutlich. Die geladene Referentin kam dann auch schnell vom postmodernen Beharren auf der Vielfalt verschiedener nebeneinander existierender Narrative auf klassische antisemitische Topoi von Verschwörung und sinistren Kräften, die im Hintergrund die Fäden ziehen, zu sprechen. Auf den Vorwurf aus dem Publikum, ihre Argumentation gleiche dem AFD-Spruch „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“, antwortete sie, Netanjahu habe sich mit der AFD gegen die EU verschworen. Weitere Stilblüten, wie zum Beispiel die Forderung, „Täterbiographien zu würdigen“ und die angesichts des berufsbedingt langjährigen Aufenthaltes im mittleren Osten doch recht erstaunliche Behauptung, Araber könnten grundsätzlich nicht antisemitisch sein, weil Antisemitismus per se europäisch sei, blieben nicht aus. Als Beispiel einer ihrer Meinung nach nicht antisemitischen Israelkritik nannte sie den Ausspruch eines nicht genannten Bekannten: „Wir erlauben den Juden, als Gäste in unserem Land zu leben, wenn sie uns erlauben, als Bürger in ihrem Staat zu leben“. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass es zu den ersten Forderungen der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerade in Nordhessen als Partei konstituierenden antisemitischen Bewegung in Deutschland gehörte, die Juden als „Gäste“ dem Ausländerrecht zu unterwerfen.

Nach der Assmannschen Vorstellung sei Gedenken zwar kein Nullsummenspiel, irgendwie aber doch: Wird der Shoah gedacht, so würde das Gedenken an Kolonialverbrechen damit „ausgelöscht“. Zwar hat der Urheber der Theorie von der „multidirektionalen Erinnerung“, Michael Rothberg, diesen Nullsummenspielcharakter zunächst explizit bestritten, dies aber im Interview mit der Zeit10 sogleich wieder revidiert, sogar das Schicksal der ba’athistischen Henkersknechte mit dem der Opfer der Shoah verglichen. Damit hat er seine Theorie als das geoutet, was sie ist: Postmodern aufgehübschte Whataboutery im Stil der 50er-Jahre,11 als es noch normal war, Vergleiche der Shoah mit allem Möglichem – von der Atombombe bis zum Verlust des Familienbesitzes in Ostpreußen – anzustellen. Das Ganze vermengt mit dem Antiimperialismus der 70er- und 80er-Jahre, wie ihn in idealtypischer Weise der Klaus- Barbie-Verteidiger Jacques Verges verkörperte.12

In atemberaubender Irrenlogik behauptet Rothberg, Kritik am Nationalsozialismus diene der Verschleierung von Kolonialverbrechen und damit der „White Supremacy“. Mit anderen Worten: wer gegen Nazis ist, ist selber einer. Das macht ungefähr so viel Sinn wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod, leuchtet aber dem linksdeutschen Leser dennoch intuitiv ein: Die Beschäftigung mit der Shoah verhindere, dass „dissidente Stimmen“ aus dem „globalen Süden“ zu Wort kommen. Dies ist freilich schon denklogisch eine Unmöglichkeit: Wenn Vertreter postkolonialer Staaten den regierungsamtlich verordneten Antizionismus, der im Sinne eines Bündnis zwischen Thron und Altar (ich halte sie arm, du hältst sie dumm) ohnehin staatstragende Ideologie ist, nachplappern, sind sie per se keine Dissidenten. Dissidenten sitzen in bekanntlich in Folterzellen oder schuften in Umerziehungslagern, statt bei der Verleihung der goldenen Birne von Bielefeld oder der des Kitzinger Kleinkunstpreises an Häppchen zu knabbern und Sekt zu schlürfen.

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1 Homepage der Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V.

2 HNA, 10.03.2021

3 Diese Gang ist international aufgestellt, besonders viele kommen jedoch aus Deutschland, einige sogar aus Kassel. Siehe unseren Beitrag: „Aufruf Israel zur Rechenschaft ziehen“ – Unterstützer auch aus Kassel.

4 Siehe die Ankündigung auf Facebook

5 Friedenspreis des Deutschen Buchhandes, Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018 ausgezeichnet. 14.10.2018

6 Matthias Küntzel, Aber irgendwie doch, Perentaucher, 30.03.2021 und Alan Posener, Was ist das, wenn nicht antisemitisch?, welt.de, 29.03.2021

7 Jan Assmann, Wikipedia (abgerufen, 19.04.2021)

8 Ebda.

9 So ließ ihn jedenfalls Hannes Stein in „Ist eine ‚Spiegel‘-Titelgeschichte massiv antisemitisch?“ sich rechtfertigen. Welt.de, 13.01.2007

10 Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg, Entabuisiert den Vergleich, Geschichtsschreibung globalisieren, das Gedenken pluralisieren, Zeit Nr. 14/2021

11 Jan Gerber, Lockerung der Verengung. Kritik an Michael Rothbergs Studie ‚Multidirektionale Erinnerung‘, in jungle World, 2021 /13

12 Multidirektionales Erinnern‘: Michael Rothberg und das Barbie-Setting, Ruhrbarone 1. April 2021

Antisemitismus heute: Lügen mit Methode

Die französische AFP ist die älteste internationale Nachrichtenagentur. Diese Nachrichtenagentur ist im Kurznachrichtendienst MSN mit folgendem Teaser zu sehen: „Netanjahu droht erneut mit Vernichtung“

Der zugehörige Artikel ist dann wie folgt überschrieben „Netanjahu warnt Iran vor Angriffen auf Israel.“ Der Leser dichtet sich nun zusammen: Israel droht dem Iran mit Vernichtung. Der Teaser verbreitet eine dreiste Lüge und die folgende Nachricht erzählt nur die Hälfte, insgesamt ist das eine kurze und wirksame Propaganda gegen Israel. Die Tatsachen, dass im Iran von führenden Militärs und Politikern regelmäßig Vernichtungsdrohungen gegen Israel ausgesprochen werden und dass das Land ein Raketenprogramm betreibt, das militärisch nur dann Sinn macht, wenn die Raketen mit Atomsprengköpfen bestückt werden, werden im Artikel nicht erwähnt.

 

Screenshot: MSN-Dienst am 12.02.2019

 

Dass Israel gegen den Iran noch nie eine Vernichtungsdrohung gerichtet hat und dass die Aussage Netanjahus, dass man im Iran nach einem Angriff, den Jahrestag der Revolution nicht mehr feiern wird, natürlich keine Vernichtungsdrohung gegen den Iran ist, sondern auch von vielen Menschen im Iran sehnlichst herbei gewünscht wird, ist natürlich auch nicht Inhalt der Meldung.

 

Agitation und Propaganda – Das Café Buch-Oase mal wieder

Wollte man sich dem o.g. Café lückenlos widmen, man müsste eigen zu diesem Zweck einen Blog gründen. Aber der folgende Termin im Café Jihad sei dann doch mal wieder erwähnt. Der Hydrogeologe Clemens Messerschmidt stattet diesem Ort für antiisraelische Propaganda und ungepflegtem Antizionismus am 21. November 2016 einen Besuch ab um die Mär vom Wasserraub der Israelis zu verbreiten.

Messerschmidts Behauptung ist, dass der Pro-Kopf-Wasserverbrauch in Israel mit fast 250 Litern pro Tag doppelt so hoch sei wie in Deutschland, während die Bewohner der Westbank nur mit 70 Litern auskommen müssten. Der Gast des Cafés, so seine Claqueure sei Israelkritiker und kein Antisemit, denn in seinem „sauber durchstrukturierten Referat“ liefere er nur Fakten. 1.)

Nun schön, kommen wir zu den Fakten. Der heutige Wasserverbrauch der palästinensischen wie auch israelischen Bevölkerung des Westjordanlands unterscheidet sich nur geringfügig. Gemäß Daten aus dem Jahr 2015 nutzten Palästinenser im Westjordanland 124 m3/c/y, die israelischen Bürger 143 m3/c/y inklusive der jeweiligen landwirtschaftlichen Nutzung.

wasser

„Die Wasserräuber“. Das Bild zeigt eine Illustration auf der Seite der israelischen Wasserbehörde.

Auch bei der Betrachtung der privaten Verbrauchszahlen pro Kopf ist kein Skandal aufzudecken. Nach der etwas älteren Erhebungen aus dem Jahr 2006 lag er bei den Palästinenser bei 58 m3/c/y pro Kopf, bei den Israelis waren es 84 m3/c/y pro Einwohner. Aber die Unterschiede gibt es auch in Israel selber und deuten auf ein soziales Gefälle denn auf eine wasserräuberische Politik. So lag im Jahr 2006 der Wasserverbrauch in der Metropole Tel Aviv mit 115 m3/c/y deutlich höher als in Jerusalem, dort waren es 65 m3/c/y. 2.)

Trotzdem gibt es Probleme bei der Wasserversorgung in den palästinensischen Gebiete, die jedoch der mangelhaften Organisation und dem fehlenden Willen der dort zuständigen palästinensischen Behörden zuzuschreiben sind, denn einer gewollten Politik Israels.

Aber who cares, wenn es gegen Israel geht. Um Fakten geht es nicht, was zählt ist der Wahn und die Tradition uralter Schauergeschichten, da sind sich die Kasseler Berufspalästinenser des Café Jihad, die notorischen Protagonisten der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Forums-Gewerkschafter und die in diesen Dingen unvermeidliche Friedensbewegung mal wieder einig. Sie bieten dem Antizionismus zum x-ten Mal eine Bühne, um das lang bewährte Schauermärchen vom Juden als Brunnenvergifter in moderner Form aufzuwärmen. Mögen Sie es „Israelkritik“ nennen, wir bleiben bei dem Begriff, den zu kritisieren unser Programm ist.

Ob wir wieder mit der Abrissbirne kommen, verraten wir dieses mal nicht vorher.

1.) Proteste bei Vortrag über Wasserknappheit

2.) Water Authority Israel

Die GEW und das Grundrecht der Engagierten auf „Israelkritik“

Ein Beispiel aus Oldenburg

Ein Lehrer einer Schule in Oldenburg, die tatsächlich „Flötenteich“ heißt, übt sein Grundrecht an „Israelkritik“ aus. Er gehört der Israel-Boykottbewegung BDS an und hat u.a. einen Beitrag in einem lokalen GEW-Mitteilungsblättchen geschrieben, indem er u.a. die Aufhebung „jeglicher Besatzung“ und das Rückkehrrecht der Flüchtlinge forderte, d.i. die verklausulierte Forderung nach der Liquidierung des Staates Israel.

Die GEW verteidigt Glanz als „engagierten Pädagogen“ und „sachkundigen Kollegen“. Sachkundig ist die GEW offensichtlich nicht, „Die GEW könne die Arbeit der israel-kritischen Kampagne nicht bewerten. Eine Beurteilung der BDS-Bewegung en détail wäre eine Überforderung des kleinen Personenkreises, …“ heißt es. (jd)

Nachgetreten: Demagogie, Pädagogik und Diskurs

Prof. Werner Ruf war zusammen mit Dr. Rabani Alekuzei als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion am Friedrichsgymnasium in Kassel eingeladen, an der, so Rabani 300 Schüler teilnahmen. Das Friedrichsgymnasium genießt in Kassel den Ruf, vorbildliche Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit zu leisten. Schüler des Friedrichsgymnasiums besuchten als Kasseler Schüler erstmals seit längerem wieder Kassels Partnerstadt Ramat Gan, widmen sich der Flüchtlingsthematik und beteiligen sich an der Arbeit des Vereins Stolpersteine Kassel e.v.

Thema der Podiumsdiskussion war der islamistische Terroranschlag, oder vielleicht doch der „Widerstand gegen den Imperialismus“ in Paris? Im Vorfeld schrieb das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel einen offenen Brief an das Friedrichsgymnasium und verlangte die Ausladung Prof. Rufs. Vergebens. Sowohl Schule als auch die politisch Verantwortlichen – die Kasseler Schulderzentin Anne Janz, das hessische Kultusministerium – hüllten sich in Schweigen.

Die beiden Diskutanten auf der FB-Seite des Kasseler SPD Stadtverordneten Dr. Rabani Alekuzei

Die beiden Diskutanten auf der FB-Seite des Kasseler SPD Stadtverordneten Dr. Rabani Alekuzei

Eine Reaktionen gab es dann zunächst doch. Eine in Kassel als Lehrkraft tätige Person schrieb uns an und führte aus, „die Kolleginnen und Kollegen des Friedrichsgymnasiums [hätten sicherlich] diese Veranstaltung inhaltlich verantwortungsvoll vorbereitet und in einen unterrichtlichen Kontext eingebettet.“

Wie kann der unterrichtlich Kontext wohl an einer Schule aussehen, die „sich auf vielfältige Weise an den Festveranstaltungen anlässlich der Jubiläen der deutsch-israelischen Beziehungen beteiligt [hat]“? Wie kann jemand wie Ruf sinnvoll in einen unterrichtlichen Kontext eingebettet werden, noch dazu, wenn sein Partner auf dem Podium aus dem gleichen Stall kommt – außer dass man ihn auslädt?

In einem Aufsatz, den Ruf zum Thema Islamismus verfasste und den wir zur Illustration der Problematik mit unserem offenen Brief zusammen versandten, führt Ruf aus:

„Die antiimperialistische Symbolik und die wachsende Gewalttätigkeit des sich auf den Islam berufenden Widerstands fördern in weiten Kreisen der arabisch-islamischen Welt Stolz und Selbstbewusstsein, ganz so wie die Selbstmordanschläge von Palästinensern in Israel die Botschaft vermitteln: Der Feind ist übermächtig, aber wir können ihn treffen, verletzen, verwunden; wir können Rache üben!“

Diese Ausführung – sieht man mal von der problematischen Verwendung des Begriffs „Widerstand“ ab – klingt zunächst wie eine wertfreie Darstellung des Politikverständnisses extremistischer Palästinenser und Islamisten. Doch spätestens durch die Koppelung mit dem Folgesatz:

„Die Hauptziele dieses Widerstands aber sind politische, nicht religiöse: …[nämlich] Israel zu einem diesen Namen verdienenden Friedensschluss mit den Palästinensern zu zwingen“

wird die vermeintliche Neutralität der ersten Aussage aufgehoben.

Frieden, der hier Israel aufgezwungen werden soll, gilt gemeinhin als löbliches und legitimes Ziel. Der Zuhörer, bzw. Leser, der diese Auffassung teilt – und davon kann Werner Ruf ausgehen, teilt doch die überwältigende Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung dieses Ziel – soll der ersten Aussage über den „Widerstand“ zustimmen, handelt es sich doch beim palästinensischen Terror um einen Kampf für einen Friedensschluss. Diese Verknüpfung wird mit der Floskel „diesen Namen verdienenden“ noch zusätzlich verstärkt.

Wir haben es hier also mit einem rhetorischen Trick zu tun. Dem Zuhörer wird zunächst die Beschreibung des Selbstverständnisses von palästinensischen Terroristen präsentiert, die sich dann der Leser durch den auf die Zustimmung setzenden zweiten Teil zueigen machen soll. Diese Figur transportiert zudem einen unausgesprochenen Subtext, nämlich dass Israel kein Interesse an einem Frieden hätte, bzw. die israelischen Vorstellungen von einer friedlichen Regelung den Namen Frieden nicht verdienten. In der Zusammenschau wird dann die Beschreibung zu einer Wertung: Der gegen einen übermächtigen Feind geleistete Widerstand und Friedenskampf führt in der arabischen Welt zu Stolz und Selbstbewusstsein.

Ehrlicher wäre es, wenn W. Ruf schreiben würde, „ich halte Selbstmordattentate für ein legitimes Mittel im Kampf gegen Israel!“, das macht er aber nicht, weil er weiß, dass so eine Position – offen ausgesprochen – indiskutabel ist, noch dazu an einer Schule, die sich damit brüstet, Teil der Gemeinde der vielen Freunde Israels zu sein. Also bedient er sich eines rhetorischen Tricks um diese erwünschte Schlussfolgerung, dem in einem unterrichtlichen Kontext eingebetteten Zuhörer aufzuerlegen. Denn dass es sich bei der Lehrer- und Schülerschaft dieser Schule um Anhänger des Friedens handelt, die als „Freunde“ Israel, Israel, bzw. um die Rechtfertigung des vor kurzem ebenfalls in Kassel aufgetretenen, sogenannten Antisemitismusforschers, Wolfgang Benz zu bemühen, Israels Regierung auch mal kritisieren dürfen wollen, sprich, dem ungehörigen Juden auch mal auf gut Deutsch Mores zu lehren, dass weiß auch ein Werner Ruf.  Seine rhetorischen Figuren kann man daher auch Demagogie nennen, die, so weiß es der Professor, auf fruchtbaren Boden bei den in einem unterrichtlichen Kontext eingebetteten Schülern fallen wird.

Die Kasseler Grünen haben uns dann auch noch geantwortet. Sie können keine strafrechtlichen Äußerungen Rufs erkennen – wir auch nicht – und wollten daher eine politische Diskussion auch nicht verbieten – das woll(t)en wir auch nicht. Sie finden eine Auseinandersetzung mit den Thesen Werner Rufs aber wichtig. Nun, auch das halten wir für notwendig. Eine Auseinandersetzung kann für uns jedoch nur bedeuten, weder mit solchen Experten wie Werner Ruf zu diskutieren, noch ihnen ein Podium zu bieten. Aber auf uns hört ja keiner. Hier der Brief der Fraktion die Grünen: Brief der Kasseler Grünen (jd)