Naidoo und die Eier in der Hose

Die Stadthalle Kassel, so heißt es auf der Homepage derselben, sei einzigartig, zukunftsweisend und in der Mitte. Am 14.05.2017 tritt dort Xavier Naidoo mit seinen Söhnen Mannheims auf. Xavier Naidoo hat viele Fans unter anderem auch in der NPD, die meint, Naidoo sei der einzige Promi Deutschlands, der noch Eier in der Hose hat. Heute mokiert sich Maja Yüce in einem launigen Artikel in der HNA darüber, dass die Stadt Mannheim rumeiere und dass sich Künstlerkollegen wie Sarah Connor, Gregor Meyle, Sasha Moses Pelham und BossHoss über Naidoos musikalische Qualitäten überschwänglich lobend äußerten, zu seinen fragwürdigen Texten aber schweigen würden. Zu diesen Leuten gehört auch die Kasseler Sängerin Katja Friedenberg, die es eine Schande fand, dass man 2015 Naidoo aus dem Sängerwettbewerb warf.

Zurück zu den Eiern in der Hose, die hat auch die Stadt Kassel nicht. Die HNA stellt in einem anderen Beitrag zu dem Lied „Marionetten“ der Söhne Mannheims am 05.05.2017 völlig richtig fest: „Wer sind die Marionetten, wer die Steigbügelhalter? Indirekt könnte diese harmlos wirkenden Passage jedoch ein altes antijüdisches Vorurteil enthalten – darauf weist unter anderem die Frankfurter Allgemeine Zeitung hin. Das Bild des jüdischen „Puppenspielers“, der die Fäden im Hintergrund zieht, ist schließlich ein bekanntes Element des Antisemitismus. Die Bundeszentrale für politische Bildung warnt, dass „Verschwörungstheorien, die Juden Macht und Einfluss in der Finanz- oder Medienwelt“ zuschreiben, häufig nur unterschwellig und teilweise auch unbewusst transportiert würden.“

Die Stadt Kassel vermarktet und bewirtschaftet die Stadthalle. Die Initiative zum Bau der Stadthalle Kassel geht auf den jüdischen Textilunternehmer und Gründer des Vorderen Westens Sigmund Aschrott zurück. Er stellte seiner Heimatstadt den Bauplatz kostenlos zur Verfügung, mit der Auflage, dort für die Bürger Kassels ein kulturelles Zentrum zu schaffen. Zur Kultur im Verständnis der Stadt Kassel gehören wohl auch solche Bänkelsänger und Wahnmichel wie Naidoo, denn die Stadt hat offensichtlich keine Probleme damit, diesem Propagandisten des völkischen Wahns „das passende Ambiente“ zu bieten, denn egal ob „groß, glamourös und repräsentativ oder klein, gemütlich und geradlinig – wir kreieren die passende Atmosphäre für Ihren Anlass!“ und sei es dafür, dem Volk die Augen zu öffnen, dem wütenden Bauer die Forke in die Hand zu drücken und die Strippenzieher in Fetzen zu zerreißen.

Am Abend des Konzertes, werden ein paar von uns zugegen sein und mit angefügtem Flugblatt die Besucher behelligen: Naidoo

Siehe auch grundsätzlich: Jonas Engelmann: Am seidenen Faden. Xavier Naidoos Song „Marionetten“ steht in der schlechten Tradition populistischer Kapitalismuskritik im Popsong.

(jd)

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Feel Good Inc., Einhörneressenzen und die kleinbürgerliche Wurstigkeit

Wie jedes Jahr in Kassel, schon wieder ein „Tag der Erde“. 2017 im Stadtteil Wolfsanger, die letzte Bastion gegen den bemühten Trend der Stadt, weltstädtisches Flair und Zivilisation zu simulieren, ist auch dieses Jahr das Event für die Besucher*innen, ein voller Erfolg gewesen. Das Publikum dieser Veranstaltung, eine Mischung aus Volksfest, Frühjahrsmesse, Indoktrination und Weltuntergangsprophetie, à la Soylent Green, besteht aus teils gut, teils nicht so gut situiertem links-grün-bürgerlichen Mittelstand, kleinbürgerlichen und lumpenproletarischen Besserwissern und den von allerlei Wahn geplagten Möchtegernrobinsonen und Subsistenzlern. Diesem Publikum, das es laut HNA „massenhaft“ in das ländlich-langweilige Stadtviertel am Ende der Straßenbahnlinie 6 geschafft hat, wurde der Tag der Erde als ein umweltbewusstes Feel-Good-Event bereitet, bei dem für jeden deutschen Spießer etwas dabei war. Vom Dreadlockstand und Friedensforum, vom Wolfsanger Posaunenchor zu den Bürger- und Bachblütenaktivisten bis hin zur indisch-ayurvedischen Küche war alles vertreten, bei dem das Herz der deutschen Schlafmütze höher schlägt. Selbst für die postmoderne Jugend war ein Marktstand für Einhornessenzen bereitet, nach dem Motto, für jeden leeren Kopf ein passender Inhalt.

Also alles war vertreten, was den Wahn befördert und das Bedürfnis nach Weltverbesserung, gutem Gewissen und Sendungsbewusstsein stillt. So wanderten die Massen mit gutem Gefühl und mit Kästen voller Grünzeug (garantiert aus regional-biologischen Anbau) stolz die Wolfsangerstraße entlang, behängt mit Schmuck aus garantiert regionaler Hippieproduktion und die Taschen gefüllt mit Unmengen an Werbeflyern des Öko- und Esobusiness.

Der Tag der Erde – Ein Geschenk des Himmels

Dem alljährlichen Jahrmarkt der Feel Good Inc. wurde dieses Mal eine besonderen Aufmerksamkeit zuteil. Die Veranstalter, wie immer voll im Trend des von Lactoseintoleranz und anderen Ernährungsfetischen geplagten Toleranzbürgertums hatten die Idee, aus der Veranstaltung zusätzlich ein „Veggieday“ zu machen. Das geht in der Welt-Wurst-Erbe-Region Nordhessen natürlich gar nicht. Eine Volksfront der Ahlewurscht- und Weckewerkfresser und -hersteller ward schnell unter Führung der hiesigen Lokalpresse gebildet und faselte etwas vom Wurstverbot und trug dazu bei, dass anlässlich dieser regionalen Nichtigkeit einen Medienrummel ausgelöst wurde, der es bis in das deutschen Kabarett schaffte.

Die Kapitalismuskritik der besseren Deutschen

Andere Highlights dieses Tages waren der obligatorische Kampfpanzer aus Pappe, der notorische weltumspannende Krake der Konzerne und der diesmal von den Bürgerblütenaktivisten etwas verschämt angebrachte Hinweis auf die Rothschilds, sowie der lausigste Zauberer, der sich wohl in der nordhessischen Peripherie finden lies.

(bw)

Das Glas der Unvernunft

Treffen sich ein Konförderierter und der Autor eines Nazissen-Kitsch-Romans – was sich wie der Beginn eines Tarantino Filmes anhört, an dessen Ende all die unsympathischen Protagonisten ein hoffentlich blutiges Ende finden – wird in Kassel nun Wirklichkeit. Aber die Kasseler Story ist kein Film von Tarantino, sondern die Real-Fiktion für die Deutschlands zweitliebster Amerikaner Oliver Stone die Fiktion produziert und praktischer Weise gleichzeitig den Schuldablass mit formuliert – Auch der Ami gehört vor den Nürnberger Gerichtshof, nicht wegen der Indianer, nein wegen des Verbrechens am kommenden Kasseler Preisträger.

Auf Edward Snowden können sich alle einigen, vom Sarrazinversteher Bernhard Schlink  bis zum Sarazenenversteher Heribert Prantl. Deshalb dürfen diese beiden Gegenpole der deutschen Ideologie – der Erforscher dessen, was an Tabubruch gerade noch geht und der Vertreter der politischen Korrektheit in ihrer dogmatischen Form – jetzt dem hoffentlich noch nicht ganz oder teilweise an Ramsan „Ramsay“ A. Kadyrows Privatzoo verfütterten EDV-Experten eine Laudatio halten.

korn

Hat auch etwas mit Glas, deutscher Provinz und der dort hausenden Unvernunft zu tun.

Ohne die geringste Ahnung von der Ideologie der amerikanischen Rechtslibertären* zu haben, und ohne jedwede Bereitschaft, für größere Diskretion bei der Abfassung des eigenen Emailverkehrs auch nur einen müden Cent auszugeben (vgl., Nobody, not even You, really cares about mass surveillance), ist man sich hierzulande einig, dass es sich bei Snowden um einen mutigen Menschen- und Bürgerrechtler** handelt, dem politisches Asyl gebührt.

Auf dem ersten Blick könnte man den Ideologen der Rechtslibertären zugestehen, dass sie die Rechte des Individuums gegen den Staat stärken möchten. Aber ihre Ablehnung des Staates ist nicht etwa eine Ideologiekritik am Staatsfetisch, wie sie etwa Willy Huhn geleistet hat, sondern lediglich Ressentiment gegen das Abstrakt-Allgemeine, welches der Rechtslibertäre im Gegensatz zum durchschnittlichen Linksdeutschen nicht im privatem sondern im staatlichen Sektor des Kapitalismus verkörpert sieht. So wie Globalisierungsgegner den „guten“ Staat gegen das „böse“ Kapital ins Feld führen wollen, so möchten Ron Paul oder Ayn Rand das „gute“ Kapital vom „bösen“ Staat und Snowden das postbürgerliche Subjekt von einem imaginierten auf es selbst angesetzten big brother befreien. Diesen Weltbildern ist gemein, dass sie kein Verständnis dafür haben, dass sich Staat, Volk, Kapital, irre gewordenes Subjekt und Arbeit gegenseitig bedingen und keinesfalls Antagonisten sind.

Aus dem Ressentiment gegen Abstraktion und Vermittlung entsteht struktureller Antisemitismus. Es ist daher auch kein Zufall, dass sich bei der Prämierung sowohl Prantl von der Süddeutschen Zeitung als auch der Nazi-Schmonzetten-Autor Schlink einfinden. Prantl, der es als wohlfeilen Ausdruck liberalen Verständnisses von Meinungsfreiheit verbucht, dem mittlerweile verblichenen SS-Günni einen prominenten Platz für sein Gedicht mit letzter Tinte eingeräumt zu haben, Karikaturen gegen den Willen ihrer Schöpfer antisemitisch zu verwenden und der von Holocaustleugnern professoral beeindruckte Schlink, zudem Meister literarisch aufgemotzter Schuldabwehr, huldigen an diesem Wochenende im Kreise der Kasseler Prominenz den, wie einige bedauernd festgestellt haben, zur Preisverleihung nicht in Kassel weilenden Gepriesenen.

Das links wie rechts zu findende Ressentiment gegen Juden, hilfsweise das gegen die Vermittlung und Abstraktion macht es bei allen sonstigen Gegensätzen eben möglich, dass Guardian und Junge Freiheit in Sachen Snowden am selben Strang ziehen. Dass Rechtslibertäre letzten Endes nicht den Zwangs- und Gewaltcharakter des Staates kritisieren, sondern lediglich dessen abstrakte und vermittelte Form, zeigt sich ja schon allein daran, dass Snowden ausgerechnet beim ehemaligen KGB-Funktionär Putin Zuflucht gesucht hat. Gegen staatliche Gewalt hat er also offensichtlich gar nichts einzuwenden, wenn diese nur direkt und unvermittelt durch Knochenbrecher angewendet wird.

Von Ron Paul oder Ayn Rand hat hierzulande kaum jemand etwas gehört. Zwar fehlt es in Deutschland bekanntlich keineswegs an Zeitgenossen, die sich vor Chemtrails, Reptiloiden und Impfstoffen fürchten, aber wer in Deutschland einen ideologischen Überbau für Größenwahn und Paranoia sucht, der wird sich im Zweifel nicht als souveränes Individuum und Ein-Mann bzw. Ein-Frau Staat, sondern als Angehöriger eines imaginären deutschen Reiches definieren.

Mit anderen Worten, der Wahnsinn des an sich selbst irre gewordenen postbürgerlichen Subjekts nahm*** in den USA die Form des Hyperindividualismus, in Deutschland hingegen die des Zwangskollektives an. Die Ideologie, die Snowden antreibt, ist dem durchschnittlichen deutschen Betrachter somit so fremd, dass es problemlos möglich war, einen Zeitgenossen, dessen wenige deutschen Spießgesellen wie ein André F. Lichtschlag auch gerne mal in der Jungen Freiheit publizieren, als linksliberalen Bürgerrechtler und neuen Martin Luther King zu verkaufen – obwohl die allgemeinen Bürgerrechte in den USA ja gerade gegen die Vertreter jenes Gedankengutes, für das Ron Paul und Edward Snowden stehen, durchgesetzt wurden. Und weil eben auch der gewöhnliche grün-links-sozial-liberale „Amerikakritiker“ und die sich mit ihrer nationalen Herkunft gern versöhnt sehenden Bürger und Kasseler Honoratioren bei der Preisverleihung im Beisein der örtlichen Presse gern ein Stelldichein in schicken Anzügen und Abendkleidern geben und Kassel samt OB einen guten Eindruck machen wollen und sollen, so hält eben nicht ein Lichtschlag oder ein Kasseler Reichsbürger die Laudatio, sondern ein Prantl und der Schlink.

(jh / jd)

*Snowden wird sowohl von Linksliberalen als auch von Anhängern der Tea-Party-Bewegung und Libertären wie Ron Paul gefeiert. (zu den Affinitäten des Snowden – nicht nur, aber auch zu den Rechtslibertären, vergl.: Sean Wilenz, Would you feel differently about Snowden, Greenwald, Assange, if you knew what they really thought? in: New Republic 2014; und: Barton Gellman, Jerry Markon, Edward Snowden says motive behind leaks was to expose ’surveillance state‘, in: Washington Post, 2013)

**Dass Snowden durchaus auch zurecht als Verräter betrachtet werden kann, dessen Taten auch Menschenleben gefährdeten (und vielleicht heute noch gefährden) kann hier nach gelesen werden. Dass diese Erkenntnis nicht gleichbedeutend damit ist, ihm eine Kugel verpassen zu wollen, versteht sich eigentlich von selbst, wird dort aber auch noch mal ausgeführt: (NSA-Affäre: Edward Snowden ist und bleibt ein Verräter).

***Dies hat sich inzwischen auf Grund der in der Obama-Ära eingetretenen Europäisierung bzw. Verdeutschung des ehemaligen Westens geändert. Der Protektionist und Semifaschist Trump hat inzwischen den Tea-Party-Wichteln den Rang abgelaufen.

 

Salafisten – Ein Anfrage – Keine Antworten

Die CDU hatte am 23.06.2016 eine Anfrage über salafistische Aktivitäten in Kassel an den Magistrat gerichtet. Sie wurde im Ausschuss Recht, Sicherheit, Integration und Gleichstellung behandelt. Beantwortet werden sollten Fragen zu Erkenntnissen über eine Veranstaltung mit Abu Walaa in Kassel und mögliche Handlungsoptionen der Stadt Kassel. Am 07. und 8. Mai 2016 veranstaltete die Al-Madina-Moschee zum wiederholten Male ein Seminar mit dem Salafisten Abu Walaa. Der Oberbürgermeister beantwortete die Fragen, hielt sich aber bedeckt. Es gebe einen Austausch mit der Polizei, dem Staats- und Verfassungsschutz, darüber könnte man jedoch keine näheren Auskunft geben. Es lägen keine Erkenntnisse über die Veranstaltung vor, die er dem Ausschuss darlegen könne und die Stadt sehe sich nicht in der Lage und Verantwortung, etwas gegen solche Veranstaltungen zu unternehmen. Gleichwohl verurteilte der Oberbürgermeister diese Aktionen der Salafisten, sie störten den Stadtfrieden.

Der Verfassungsschutz Hessen gibt Auskunft darüber, mit wem man es zu tun hat. Regionaler Schwerpunkt der salafistischen Szene ist auch Nordhessen, gelegentlich gibt es den Büchertisch „Lies“. Die Ergüsse des Abu Walaa kann man auf seiner Facebookseite verfolgen, weiteres ist auf der Seite Al Manhaj nachzulesen und es gibt etliche Propagandavideos von und über Abu Walaa. Auch die eine oder andere Veranstaltung in Kassel ist dort dokumentiert. Walaa indoktriniert Kinder, hält Vorträge über Frauen, Juden usw.

Kein Thema

Im Ausschuss gab es keinen weiteren Diskussionsbedarf. Kein Thema war zum Beispiel das „Bündnis gegen Rechts“, indem immerhin auch Vertreter verschiedener Parteien aktiv sind, die im Kasseler Stadtparlament vertreten sind, aufzufordern, gegen diese faschistoide Gruppe „Gesicht zu zeigen“ zu zeigen, oder unabhängig von den Berufenen, wenn es gegen Rechts geht, einen gemeinsamen Beschluss zu fassen, die Stadt aufzufordern, zu einer Demonstration gegen diese Moschee in der Schäfergasse aufzurufen, um gegen Frauenverachtung, Antisemitismus und, wenn schon nicht für die Freiheit von der Religion, so dann doch wenigstens für die Religionsfreiheit, Freiheit und Demokratie zu demonstrieren. Kein Thema war, von den im „Rat der Religionen“ vertretenen islamischen Gemeinden, eine klare Stellungnahme gegen die Salafisten als Bedingung für die weiterer Einbindung in den Dialog einzufordern.

Ein Thema

Über eine Stunde wurde dagegen über einen Schaufensterantrag aller Fraktionen palavert, der anlässlich eines Antrages der AfD initiiert wurde. In diesem Antrag der AfD wurde mehr Schutz für Kasseler Frauen und Mädchen eingefordert. Die Fraktionen sprangen auf das Thema an und forderten heroisch in einem gemeinsamen Antrag an die Stadt Kassel, die Kampagne „Nein heißt Nein!“ zu unterstützen. Die Aufforderung eines Abgeordneten doch erst einmal die juristischen Implikationen und die rechtsstaatliche Problematik, die im Zusammenhang diese Kampagne durchaus bestünde, zu diskutieren, verhallte wirkungslos.

Alle Beteiligten wiederholten sich in der mantrahaft vorgetragenen Vergewisserung, dass es eine Anmaßung der AfD sei, sich für die Rechte der Frauen einzusetzten – was natürlich stimmt – (keiner kam jedoch auf die Idee auf das ähnliche Frauenbild von AfD und Islam hinzuweisen) und dass diese Partei, die von einer „Flüchtlingsverwaltung“ schwadronierte, die es zum Schutze der deutschen Frau vor „fremden Männern“ (Originalton Werle) einzubinden gelte, nicht gerade von Intelligenz gesegnet sei, – was natürlich auch stimmt – und beschworen eine über vierzigjährige Tradition der Emanzipationsgeschichte der Frau in Deutschland.

Hörte man dem Abgeordneten der AfD zu, der in der Debatte nicht mehr beisteuern konnte, als seine Anträge noch mal vorzulesen, erwies es sich, dass wir es mit ziemlichen Hohlköpfen und Stümpern zu tun haben und man fragt sich, warum es eine Versammlung von Stadtverordneten nötig hat, sich gegenseitig immer wieder dessen zu vergewissern, worin man sich einig ist, dass es die AfD zu verachten gilt, dass wir in einer lebenswerten, toleranten und bunten Stadt leben. Eine Stadt in der es eben auch Salafisten gibt über die keiner spricht und um die sich keiner (außer Polizei, Staats- und Verfassungsschutz) schert. (jd)

„Jud-Süß“ eine Variation aus Kassel

Im einst sehr populären Nazifilm „Jud Süß“ geht es um die Geschichte eines als gierig, geil und intrigant dargestellten Juden Joseph Süßkind Oppenheimer, genannt „Jud Süß“, der den Herzog zu einer Finanzpolitik überredet, unter der das Volk leidet. Der Fürst finanziert sich einen auf Pump gebauten luxuriösen Hofstaat, Süß lebt vortrefflich von den Zinsen. Nachdem er eine arische Frau vergewaltigt hat, entfacht der Volkszorn. Das wütende Volk setzt einen Prozess gegen Süß durch. Wegen Wucher, Erpressung, Hochverrat und Unzucht wird Süß angeklagt und zum Tode verurteilt.

Nicht so populär wie das Machwerk des Veit Harlan im deutschen Volke ist die Rathausfraktion die „Kasseler Linke“ in Kassel. Hierbei handelt es sich um eine Fraktion aus Mitgliedern der Partei „Die Linke“, der SAV, unabhängiger Vertreter sowie einiger Parteigänger linksradikaler Kleinstparteien. Ihr aller Hauptanliegen ist die soziale Gerechtigkeit und Arbeit und bei einigen der Aufstand. Über diese Fraktion berichtet regelmäßig das fraktionseigene Mitteilungsblatt „linKSzeitung“.

Das Fest des Volkes

Ein Fest des Volkes

Einer der kommunalpolitischen Dauerbrenner in Kassel ist ein altes Fabrikgebäude, die Salzmann-Fabrik, das sich einst ein Investor mit der Absicht gekauft hatte, es mit hohem Gewinn wieder zu veräußern. Aus den unterschiedlichsten Gründen ist daraus bis heute nichts geworden. Das Mitteilungsblatt der Fraktion hat immer wieder ausführlich darüber berichtet.

Und weil wir in der Stadt wohnen, die auch gerne eine Brüder-Grimm-Stadt wäre, wird nun ein Märchen „Vom kleinen König“ (linKSzeitung, Ausgabe 22, S. 2) zum Besten gegeben, das versucht, die ganze Geschichte um die Salzmannfabrik fürs einfache Volk zu verpacken. Es geht um einen gierigen Spekulanten und einen einfältigen aber selbstverliebten König. Der Spekulant, der hier der Müller genannt wird, versuchte mit verschiedenen Plänen, die der König für ihn umsetzen soll aber nicht versteht, seine Investition in die o.g. Immobilie zu Lasten des einfachen Volkes zu versilbern. Derweil wird das arme Künstlervolk aus dem Gebäude vertrieben um die Geschäftsmöglichkeiten zu optimieren. Die Lösung des Märchens, ein großes Fest mit dem König und die Vertreibung des gierigen Spekulanten.

Der Autor, Stadtverordneter der o.g. Fraktion in Kassel, dichtet dem Müller keine krumme Nase an und fordert nicht das Pogrom. Er wird den Vorwurf, antisemitische Propaganda zu betreiben, weit von sich weisen. An einer Stelle rutscht ihm dann doch die „falsche Metapher“ (Volkov) raus: „Der Müller aber, wenn er nicht gestorben ist, spekuliert immer noch auf den Reibach.“ Wenn das, von den Linken umworbene Volk auch sonst nichts weiß, so weiß es doch, dass es der Jude ist, der den Reibach macht. Und daher mündet der sich bildende Volkszorn folgerichtig in ein Fest und eine Vertreibung.

Aus dieser Glosse spricht es, wie es in der „Kasseler Linke“ denkt. Der Hass auf das Abstrakte kapitalistischer Produktionsverhältnisse (die Investition um des Gewinns wegen, das Kapital heckende Kapital), die Personifizierung des Abstrakten im gierigen Müller, die Liebe zum Konkreten (das alte Fabrikgebäude, das Künstlervolk, der König – na ja, der wird nicht so richtig geliebt), sowie die konformistische Rebellion (hier das Fest und die Vertreibung), die Volksgemeinschaft ist formiert. Fertig sind die deutsche Ideologie, die das ideologische Hintergrundrauschen des Antisemitismus ist und das Bild von der deutschen Revolution, die Vernichtung des Abstrakten in personam, es ist die Vollendung des Antisemitismus.

Nachbemerkungen

Der oder die, der/die jetzt auf die Idee kommt, hier würde die These vertreten, die Kasseler Linke hefte dem tatsächlich existierenden Immobilienhändler einen Judenstern an, der Immobilienhändler sei also der Jude von heute, bleibt dem hier kritisierten Weltbild verhaftet. Diese Interpretation nämlich wäre die konkretistische Verballhornung des Vorwurfs an die Linke, sie personifiziere und hypostasiere die der kapitalistischen Gesellschaft immanente Abstraktion der Entäußerung im Verwertungsprozess des Kapitals.

Wird hier eine Gleichsetzung von Linken mit Rechtsextremisten betrieben? Nein! Die Linken reklamieren für sich die Kritik an der Spekulation, egal ob der Spekulant Jude ist oder nicht, vom Volk wird Spekulation im Zweifel aber als das Jüdische assoziiert. Die Rechtsextremen hingegen meinen den Juden, wenn sie gegen den Spekulanten wettern, den Arier lässt man walten. Die Linken geben der deutschen Ideologie einen honorigen Touch indem sie von sozialer Gerechtigkeit und Arbeit schwafeln, die Rechtsextremisten schmieden das Bündnis von Blut und Kapital und werden die Ernte einfahren.

Für die Einfältigeren: Man tausche in dem Text einfach den Namen Müller mit „Jud Süß“ aus. Es gehört nur dieser kleine Schritt dazu, das Märchen auch für eine Zeitung der NPD kompatibel zu machen. (jd)

Wachsame Bürger und ein nicht ganz so erfolgreicher Versuch der Aufklärung

Die Juden fühlten schon längst, daß der Kampf der Völker, welche mit Frankreich für ihre nationale Wiedergeburt ringen und kämpfen, ihr eigener Kampf sei … Es ist Zeit, ruft ihnen ein französischer Demokrat zu, daß Ihr auch an Euch selbst denkt, und an Eurer eigenen Wiedergeburt zu arbeiten beginnt. Eins schließt übrigens das Andere nicht aus. Wenn ich für die Wiedergeburt meines eigenen Volkes arbeite, so habe ich darum meine humanitären Bestrebungen nicht aufgegeben. Die heutige nationale Bewegung ist nur ein neuer Anlauf auf dem Wege, den die französische Revolution seit ihrem Beginne eingeschlagen hat. Das französische Volk hat seit dem Anfange seiner großen Revolution … alle Völker zu Hilfe gerufen. … der Lärm der Reaktion … betäubt … in Deutschland das in eine Art wilder Begeisterung für seine ‚Kriegsherren‘ hineingeschwindelte Volk. Alle andere Völker vernehmen und verstehen den Ruf Frankreichs. Auch an unser antikes Volk ist dieser Ruf ergangen, und ich will meine Stimme mit der französischen vereinigen, um wenistens meine Stammesgenossen in Deutschland vor dem reaktionären Gepolter zu warnen. (Moses Hess, Rom und Jerusalem, 1862)

Das BgA-Kassel beabsichtigte im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2015 mit der symbolischen Umbenennung der Körnerstraße, Arndtstraße und Jahnstraße, sowie der Karl-Branner-Brücke in Kassel darauf aufmerksam zu machen, dass nicht die Person Karl Branner in den Focus einer Diskussion um die geschichtliche Bedeutung vom Nationalsozialismus zu stellen ist, sondern vielmehr die Namensgeber der zuerst genanten Straßen.

Sie alle verweisen darauf, dass eine Debatte um den deutschen Nationalsozialismus anders geführt werden muss, würde man den Anspruch hegen, sich kritisch der Geschichte des Nationalsozialismus zu stellen. Es wären dann mindestens auch noch auf die Brentanostraße und die Arnimstraße (sowie die Germaniastraße, dies aber vornehmlich aus anderen Gründen) hinzuweisen. Eine Ausführliche Auseinandersetzung zum Thema findet sich hier: Das Blücherviertel – Ein Stadtviertel der nationalen Wiedererweckung?

Transparent

Zu Beginn an der Ecke Körnerstraße / Blücherstraße mit unserem Banner und etwas mehr als einem Dutzend GesinnungsgenossInnen

Unsere Aktion scheiterte letztendlich an der Wachsamkeit besorgter Bürger. Vorab informierten wir die Anwohner der Unterneustadt und den Ortsbeirat, über unsere Absicht und Sichtweise mit einem Brief an die Anwohner, der auch im Viertel verteilt wurde. Unterstützung erhielten wir von ein paar Genossinnen und Genossen aus der Kasseler Antifa und aus Göttingen. So waren wir immerhin ein Grüppchen mit gut 15 Leuten. Wir schritten zur Tat und kletterten auf die Stangen, an denen die Straßenschilder befestigt sind.

Aktion_Israel-Jacobson-Straße

Der antisemitische Hetzer und Demokratieverächter Ernst M. Arndt wird mit Israel-Jacobson-Straße verhüllt

Das blieb nicht unbemerkt. Ein ortsansässiger Kleingewerbetreibender beschwerte sich, dass unsere Schilder den Straßenverkehr behindern würden und eine Gefahr für sein Auto darstelle. „Wer bezahlt denn den Schaden, der an meinem Auto entsteht? Doch wohl nicht ihr!“ schimpfte er und zog von dannen. Ein weiterer legte sich für Körner ins Zeug und argumentierte, wir sollten doch bitte bedenken, dass unsere Aktion doch eine Beleidigung seiner Angehörigen sei. „Wenn jemand gegen eine Besatzung kämpft, wäre dies doch ein zu würdigender Verdienst!“ Schließlich bemerkte er unser Anliegen, den Antisemitismus der Namenspaten der Straßen im Blücherviertel zu thematisieren und sofort deklamierte er beflissentlich, ja, gegen Antisemitismus sei er auch, aber, was Israel sich so erlaube …

Aktion_Rudolf-Hallo_geschafft

Für Rudolph Hallo mussten wir hoch hinaus

Die meisten besorgten Bürger des Viertels blieben jedoch hinter den Fenstern oder auf den Balkonen und beobachteten uns. Mehrere machten dann wohl Meldung bei der Polizei, die kurz darauf dann aufkreuzte. Ob unsere Aktion genehmigt sei, fragten sie uns, wir könnten doch nicht einfach daher kommen und Straßenschilder überhängen, belehrten sie uns. Doch können wir, entgegneten wir und versuchten auf unser legitimes Anliegen hinzuweisen. Doch war nicht die Legitimität unserer Aktion das Anliegen der Polizei, sondern die Legalität. Die Ordnungshüter bedeuteten uns unter Androhung schwerwiegenderer Folgen, die Schilder schleunigst wieder abzuhängen.

Wir lernten, in Deutschland muss nicht nur vor der Revolution die Bahnsteigkarte gelöst werden, sondern auch eine Genehmigung eingeholt werden, wenn man die Namen antisemitischer, völkischer und kriegsverherrlichender deutschnationale Hetzer aus dem Stadtbild tilgen will.

Aktion_Saul-Asher

Späte Rache für Saul Asher – Seinen Namen antatt des Bücherverbrenners und antisemitischen Hetzers Ludwig Jahn

Am Abend führte dann Martin Blumentritt aus, warum die genannten Namensgeber zu Recht von uns problematisiert werden. Sie widmeten ihr Leben und Schaffen der militanten Beschwörung des Deutschtums, dem Franzosenhass und dem Hass auf die Juden.

Aktion_an der Körner Str

Den Kriegsmaulhelden Körner überdeckten wir mit dem Schild Rudolf Hallo, hier in einer leichter zu erreichenden Höhe

Karl Branner engagierte sich bis etwa 1943/44 für den NS und als ihm dann, wie vielen anderen Volksgenosse auch, schwante, dass die Sache mit Hitler vielleicht doch kein „gutes Ende“ nehmen würde, ging auch er auf Abstand zum NS. Nachdem US-amerikanische Truppen den Nazibürgermeister in die Wüste schickten, war er als der dritte Kasseler Oberbürgermeister braver Sozialdemokrat, wie in anderen Regionen ehemalige Volksgenossen eben zu braven Christdemokraten oder Liberalen wurden. Ein typisch deutscher Weg eben, wie zukünftig völlig zu Recht auf einer Erläuterungstafel stehen wird. Kein Ruhmesblatt für die Geschichte der Sozialdemokratie und Kassel, aber die Aufregung um Karl Branner ist mehr als durchsichtig.

An den Schildern zu Arndt, Jahn und Körner steht u.a. „Dichter“, „Freiheitskämpfer“, „bedeutender Lyriker“ und „Turnvater .. Initiator der deutschen Turnbewegung“. Angesichts dessen, dass sie Begründer des deutschen Weges waren, der 1933 bis 1945 in die absolute Barbarei führte, eine Verharmlosung, die an eine faustdicke Lüge grenzt.

Aktion_Branner-Brücke

Moses Hess deswegen an der Karl Branner Brücker, weil er als Erster angesichts des Zusammenhangs von deutschem Nationalismus und Judenhass die Notwendigkeit des Zionismus erkannte.

Wir hatten die lokalen Medien zu unserer Aktion eingeladen. Sie ließen auf sich warten. Für die lokale Postille HNA war es dann wohl doch wichtiger, dass irgendeiner einen Strafzettel hinter die Windschutzscheibe eines Wagens des Ordnungsamtes heftete.

Unsere GenossInnen aus Göttingen, die uns das Transparent mitbrachten, übergaben uns dies mit dem Hinweis, dass wir es so lange behalten sollen, bis die Straßen im Blücherviertel umbenannt sind. Wir werden nicht locker lassen. (jd)

Die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge – Oder die unvollständige Debatte um Straßennamen in Kassel

In Kassel wird aktuell um die Brannerbrücke diskutiert. Diese Brücke ist nach dem SPD-Mitglied und dem ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Kassel Karl Branner benannt. Vor 1945 war Branner NSDAP-Mitglied. In seiner in den dreißiger Jahren in Göttingen verfaßten Doktorarbeit über die völkische Auslegung der NS-Wirtschafts- und Sozialpolitik markierte er die jüdischen Autoren mit Judensternen. Am Rande wird in Kassel auch noch über den NS-Aktivisten Waldemar Petersen gesprochen, nach dem eine Straße im Kasseler Stadtteil Waldau benannt ist.

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Die Brannerbrücke führt in die Unterneustadt, dort gibt es Straßen, die nach den Vormärzaktivisten Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner benannt sind. Alle drei gehören zu denen, die den Grundstein des Zusammenhanges von deutschem Nationalismus, Antisemitismus, Aufklärungsfeindlichkeit und Haß auf den Westen legten. Über die Straßennamen nach diesen Männern findet keine Debatte statt. Auf den Straßenschildern werden sie beschönigend „bedeutender Lyriker der Befreiungskrieges“ oder „Befreiungskämpfer“ genannt. Antisemitische Haßprediger und nationale Chauvinisten wäre die rechte Bezeichnung. Halbe Wahrheiten eben – oder ganze Lügen.

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Dieses Thema greift das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2015 der Amadeu Antonio Stiftung auf. Wir laden die Anwohner des Blücherviertels und der Unterneustadt, sowie alle Interessierten zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema mit dem Philosophen Dr. Martin Blumentritt und einer vorher stattfindenen Aktion ein.

aktionswochen

Eine ausführliche Auseinandersetzung zum Thema: Das Blücherviertel – Ein Stadtviertel der nationalen Wiedererweckung?

Brief an die Anwohner des Blücherviertels.

03.12.2015, 20.00 Uhr: Arndt, Jahn und Körner – Antisemitismus, Hass auf den Westen und Aufklärungsfeindschaft als konstituierende Elemente des deutschen Nationalismus. Diskussionsveranstaltung mit Dr. Martin Blumentritt. Ort: Kollektiv Café Kurbad Jungborn, Sternstraße 22, Kassel

03.12.2015, 16.00 Uhr: Öffentliche Aktion des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel zu den Straßennamen. Treffpunkt Brannerbrücke