Der Antisemit will den Tod des Juden

In Kassel drücken Nazis am 20. Juli 2019 unverblümt die Quintessenz des Antisemitismus aus. Die hier abgebildete Parole, die auf die Öfen in Auschwitz und auf die SS anspielt, geht über den strafbewehrten Tatbestand der Holocaustleugnung hinaus, es ist die Forderung nach Auschwitz. Beschlagnahmt wurde das Plakat nicht, verhaftet wurden die Propagandisten des Vernichtungsantisemitismus auch nicht. Aber auch der Protest gegen die Nazis in Kassel blieb gegenüber dem Kern der Naziideologie mehr oder weniger sprachlos.

„Ist die qualitative Besonderheit der Vernichtung des europäischen Judentums einmal erkannt, wird klar, daß Erklärungsversuche, die sich auf Kapitalismus, Rassismus, Bürokratie, sexuelle Unterdrückung oder die autoritäre Persönlichkeit stützen, viel zu allgemein bleiben.“ (Moishe Postone)

 

Werbeanzeigen

Jahrhundertwende – Ein experimenteller Film

Filmvorführung im Filmladen Kassel, Goethestr. 31, Kassel mit Moritz Liewerscheidt am 17. April um 17.00 Uhr

Der Filmemacher stellt sein Werk wie folgt auf seiner Internetseite vor: „Jahrhundertwende“ ist eine filmische Reflexion zum Verhältnis von Aufklärung und Romantik, Spätkapitalismus und (Neo-)Nazismus. Zugleich hinterfragt der experimentelle Film das vom TV-Dokumentarfilm gewohnte Verhältnis von Publikum und gesprochenem Kommentar. Gegenwartsbilder und Zitate historischer Texte kommentieren sich wechselseitig und lassen Raum, selbst zu denken.

Als Negativfolie und Legitimationsgrundlage für den jeweils eigenen politischen Standpunkt wird der ideologische Kern des Nationalsozialismus höchst unterschiedlich interpretiert. Ein klassischer Linker etwa wird lieber von „Faschismus“ sprechen – und diesen als autoritäre Form bürgerlicher Herrschaft in wirtschaftlichen Krisenzeiten charakterisieren, die es in erster Linie dem Kapital ermögliche, munter weiter Profit zu akkumulieren; ein Liberaler wird entgegnen, der Nationalsozialismus sei gerade nicht bürgerlich gewesen, da er das Individuum unterdrückt habe und es sich im Kern um eine Form des Kollektivismus handle, die dem Kommunismus nicht unähnlich sei – schließlich heiße es ja auch Nationalsozialismus. Ein christlicher Konservativer wird sich Letzterem anschließen, jedoch Wert darauf legen, dass der Nationalsozialismus vor allem „heidnisch“ gewesen sei und die christlichen oder abendländischen Werte zugunsten eines zynischen Nihilismus verraten habe; ein „Grüner“ wiederum wird am Nationalsozialismus gern dessen Militarismus und seine – negativ zu wertenden – Modernisierungsleistungen betonen; und schließlich wäre gar die Position eines Faschisten denkbar, der argumentieren könnte, der Nationalsozialismus habe die ursprüngliche Idee des Faschismus verraten, indem er die Nation durch seine Rassenideologie gespalten habe, während es dem italienischen Original doch um die kämpferische Einheit ihrer Mitglieder gegangen sei, zu welcher der Wille zur Einordnung ins anpackende Kollektiv und nicht die Abstammung entscheidend sei – die biologistische Rassenlehre des Nationalsozialismus dagegen bleibe dem Materialismus des 19. Jahrhunderts verhaftet, den es doch gerade zu überwinden gelte.

Die Nazis, das sind die Anderen. Parallel zur begrifflichen Inflation eines politischen Schmähwortes bis zur absoluten Beliebigkeit hat die politische Linke in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg eine Wende vollzogen, die einer Umkehrung ihrer Grundwerte gleichkommt: Während Karl Marx’ immanente Kritik des real existierenden Liberalismus noch dessen philosophischen Prämissen – dem Universalismus der Aufklärung – verpflichtet war, betreibt die postmoderne Linke eine von deutscher Romantik inspirierte Identitätspolitik, die ihrem politischen Widerpart – dem „Ethnopluralismus“ der Neuen Rechten – in der Ablehnung jenes Universalismus ebenso ähnelt wie in der Idealisierung lokaler Kulturen und ethnisierter Kollektive, aus deren Zwängen ihre vermeintlichen Angehörigen nicht als Individuen auszubrechen haben. So darf heute ein Diktum Carl Schmitts aus den 30er Jahren als verbindendes Credo rechter wie linker Identitätspolitik gelten: „Wer Menschheit sagt, will betrügen.“

In der Konfrontation von Gegenwartsbildern mit historischen Texten des fortschrittsoptimistischen Marxismus des 19. Jahrhunderts und der völkisch-antisemitisch grundierten Fortschrittskritik des frühen 20. Jahrhunderts möchte der Essayfilm „Jahrhundertwende“ noch einmal die Dialektik einer Aufklärung nachvollziehen, die unvollendetes Projekt blieb.

„Antifaschismus“ oder die Dummheit der Spaziergänger

Heute, am 22.10.2016, findet in Kassel ein „Antifaschistischer Stadtspaziergang“ statt. Warum heute? Heute vor 73 Jahren wurde Kassel bombardiert und auch die Antifaschisten meinen zu wissen, womit dieses Bombardement zusammenhängt. Geladen hat die DGB-Jugend zu dieser Veranstaltung. Der Spaziergangsführer ist Dr. Ulrich Schneider. Der gehört der VVN an und schreibt u.a. folgendes: „Geschichte wird dann anschaulich, wenn es gelingt sie zu verorten. Dazu findet ein Stadtrundgang auf den Spuren der Geschichte der Arbeiterbewegung und Antifaschismus durch Kassel statt. Die rassistische Ausgrenzung jüdischer Bürgerinnen und Bürger wird ebenso sichtbar wie das Handeln der Arbeiterparteien gegen den aufkommenden Faschismus.“ Das ist dann auch der Abschnitt, der von der DGB-Jugend zur Bewerbung ihrer Veranstaltung angeführt wird

.antifaschismus_kassel

Wir haben es hier mit einem anschaulichen Beispiel zu tun, dass eine Bewegung, die sich antifaschistisch nennt, keinen Begriff davon hat, wovon sie spricht. Das fängt mit dem Begriff Faschismus an und hört zwangsläufig mit dem Antisemitismus auf. Der antisemitische Wahn und Vernichtungsantisemitismus wird flugs unter den Begriff Rassismus subsumiert und die Verfolgungs- und Vernichtungspraxis der Nazis folglich mit dem Wort (rassistische) Ausgrenzung um ihren wesentlichen Inhalt gebracht, nämlich die Vernichtung. So bleibt der Antisemitismus als die zentrale Ideologie des Nationalsozialismus unbegriffen und man spricht folglich vom Faschismus.

Das geht weiter damit, dass der Begriff Volksgemeinschaft nicht vorkommt und davon gefaselt wird, dass die Arbeiterparteien gegen den aufkommenden Faschismus gehandelt hätten. Es war die KPD, die als einzige organisiert gegen den Nationalsozialismus kämpfte, die aber vollständig auf verlorenem Posten stand, weil zum einen viele ihrer Anhänger nach 1933 schlicht zur SA überliefen, die meisten ihrer standhafteren Kader von ihren proletarischen Nachbarn und Kollegen verraten wurden, weil die KPD bis 1933 vor allem gegen die Sozialdemokratie agitierte, versuchte der NSDAP, in Sachen Nationalismus den Rang abzulaufen und weil sie keinen kritischen Begriff von der Volksgemeinschaft hatte, in die der Großteil nicht nur ihrer Anhängerschaft schließlich integriert wurde.

Der Stadtspaziergang will den „Folgen der faschistischen Kriegspolitik begegnen.“ Begegnung hört sich immer gut an, ob es schon eine entsprechende Begegnungsstätte gibt, weiß man bis heute noch nicht. Vermutlich soll auf die Rüstungsindustrie hingewiesen werden und, das steht ob des Datums zu vermuten an, auf die Bombardierung Kassels. So muss man nicht auf die Engländer schimpfen, sondern hat in der Rüstungsindustrie den Schuldigen und kann das Bombardement beklagen, dass nur die Unschuldigen getroffen habe, anstatt zu konstatieren, dass damals die Richtigen getroffen wurden. Der Nationalsozialismus wird auf die Frage von Rassismus, Krieg und Frieden reduziert, das Volk exkulpiert und zu Widerstandshelden erschwindelt und ergo zum ersten Opfer der Nazis erklärt.

Es ist nicht schwer zu erraten, dass die gleichen, die jetzt an die Bombardierung Kassels erinnern, sich zwar nicht gegen die Bombardierung Aleppos durch die Russen (und Assads Truppen) wenden, sich demnächst aber gegen Rassismus, Krieg und Besatzung empören, wenn mal wieder von der IDF die Hamas oder die Hisbollah nachhaltig daran gehindert werden soll, ihren Vernichtungsantisemitismus in die Tat umzusetzen. (jd)