Die HNA, ein runder Tisch und ein „Konfliktforscher“

Die HNA bringt es fertig im Zusammenhang des Berichts über unser Pressegespräch am Freitag, den 25. Juli, ausgerechnet Prof. Dr. Werner Ruf seines Zeichens „Friedens- und Konfliktforscher“ zu interviewen. Überschrieben ist die Seite in der Zeitung mit „Mehr zum Thema: Jüdische Gemeinde in Kassel hat Angst“. Herr Ruf fordert die Menschen in der Stadt zum Dialog auf, „Ein runder Tisch ist nötig.“ Die Illustration des Artikels (siehe am Ende des Textes) verweist auf die Absurdität des Appells. Der in der Berichterstattung schon durch seine seltsame Wahrnehmung aufgefallene Journalist Bastian Ludwig stellt die Fragen.

Nach den Allahu-Akbar-Rufen befragt, sagt Ruf: „Es gibt keinen Grund für Ängste“, Allahu Akbar sei zwar auch ein Ruf der Islamisten, könne aber andererseits bedeuten „Gott, tu was, richte das.“ Wer die Rufe am Dienstag und am Freitag gehört hat, weiß was sie bedeuten, wer hier zu richten ist.

Die Frage nach den Rufen „Israel Kindermörder“ beantwortet der „Nah-Ost-Experte“ wie folgt: „Ein Ausdruck der Verzweiflung und Verweis auf Dinge die tatsächlich stattfinden.“ Klar, am Gerücht über die Juden muss was dran sein, der Ruf (sowohl der Herr Professor, als auch der auf den Strassen) kann daher nicht antisemitisch sein, sondern ist ein Ruf der Verzweifelten.

Dann verweis der der Reporter auf „vereinzelt antisemitische Beschimpfungen“. Hier flüchtet der emeritierte Professor sich ins kryptische und meint, es gäbe viele Leute, die sagen, die Juden dürfen alles, „das geht in die antisemitische Richtung.“ Das – was in den Köpfen der Menschen so west – geht also irgendwo hin, aber ist noch kein Antisemitismus, sondern ist Ressentiment, immerhin, aber dieses Ressentiment sitze in der deutschen Bevölkerung tiefer als bei Muslimen. Was will der Professor uns damit sagen? Die Demonstranten hätten gar nichts gegen die Juden, aber …, alles sei gar nicht so schlimm. „Die Muslime“ – als wären nur Muslime auf den Straßen gewesen – hätten nur ihren Emotionen freien Lauf gelassen? Ihre Sprüche seien ihnen im Affekt nur so herausgerutscht? Antisemitismus? Der äußere sich aber doch wo anders. Zum Schluss nimmt seine Antwort eine unvorhergesehene aber vorhersehbare Wendung, „in Israel, aber auch hier und in den USA gibt es viele jüdische Menschen, die den Krieg verurteilen.“ Das ist richtig. Keiner in Israel wünscht sich den Krieg der Hamas gegen Israel, und man darf annehmen, dass auch die überwiegende Mehrheit der Israelis, der Bevölkerung im Gaza etwas anderes wünscht, als ein Terrorregime der Hamas und als die Bomben der israelischen Flieger, die versuchen die Stellungen der Hamas zu vernichten. Aber Ruf meint die, die Israels Verteidigungspolitik verdammen und der Auffassung sind, Israel beginge einen Bruch des Völkerrechts. Die gibt es in Israel auch und die Antizionisten sind froh, dass es sie gibt und dass sie Juden sind, die so etwas von sich geben, weil wenn man so einen Juden oder eine Jüdin als Gewährsmann für seine israelfeindlichen Thesen findet, dann kann man auch kein Antisemit sein und die Beschimpfungen der Demonstranten sind ergo nicht antisemitisch.

Ruf findet auch andere Gewährsmänner. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte nämlich, sie spreche von Verletzungen des Kriegsvölkerrechts. Und dann fällt der Satz, „auf beiden Seiten eskaliert Nationalismus.“ Diese Sprachregelung fasst die Sichtweise der HNA-Reporter und der Lokalprominenz incl. OB Hilgen zusammen. „Statt sich anzubrüllen, sollte man miteinander reden.“ Wir sind doch alles nette Menschen, sind wir nicht alle ein bisschen Gauck, von der adeligen Chanteuse für die Völkerfreundschaft Donata Freifrau Schenk zu Schweinsberg über einen nationalbesoffenen Dirk Schaller bis hin zur Predigerin des seichten Blödsinns Rebecca Siemoneit-Barum oder wie sie noch alle heißen mögen, die doch alle dafür eintreten, „ein Zeichen für den Frieden zu setzten“ und das als Appell gegen Antisemitismus verkaufen. (Mehr hier: Das Valium für die empörten Bürger) Wie und vor allem warum man mit denen reden soll, die einen als Kindermörder, als Hunde Israels, als Judenschweine usw. bezeichnen, das bleibt ihr Geheimnis und das des „Konfliktforschers“ aus Edermünde.

Was lernt man daraus? „Ich kotze gleich, … So schnell kannst du gar nicht gucken, wie du da lächelnd verarscht wirst,“ meinte einer unserer Mitstreiter zum Versuch, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, was da am 15.07. und am 18.07.2014 in Kassel passiert ist. Es ist ziemlich müßig zu versuchen, einem Pressorgan und einem Journalisten, die bar jeden Begriffs von Antisemitismus sind, zu verklickern, was auf den Straßen Kassels (und anderswo) passiert ist. In der Presserunde am Freitag postulierte einer der anwesenden Journalisten, die Jüdische Gemeinde könne doch die israelische Antwort auf die Raketenangriffe als unverhältnismäßig verurteilen und damit etwas zur Deeskalation beitragen. Diese Frage wirft ein bezeichnendes Licht auf die, die z. Zt. damit hausieren gehen, großflächige Bekenntnisse gegen Antisemitismus zu verbreiten. Für sie ist die Jüdische Gemeinde irgendwie ein Konsulat Israels, es muss also etwas dran sein, wenn Demonstranten Juden dafür verantwortlich machen was im Nahen-Osten passiert und sie als Adressaten ihres Hasses auf Israel auserwählen, bzw. ihrer Wut, wenn sie die Politik der Israelis verdammen wollen.

Man könnte den alten Slogan ausgraben und das Lied über die Lügenpresse anstimmen. Die HNA lügt jedoch nicht, sie schnappt Informationsschnipsel auf, verdreht sie, ist nicht in der Lage Ursache und Wirkung auseinander zu halten, verkauft Kolportagen die wesentliches auslassen als sich seriös gebende Serien über Geschichte, interviewt „Nah-Ost-“ und „Antisemitismus-Experten“ und umgibt sich gleichzeitig mit dem Glorienschein, gegen Hass, Gewalt und das Böse in der Welt schlechthin und für das Gemeinsame in der Stadt aufzutreten und reproduziert dadurch nichts anderes als Nebel, der den Judenhass, der sich auf den Straßen artikuliert und in den Köpfen der Mehrheit des überwiegenden Teils der Bevölkerung spukt, unkenntlich macht.

Das Interview mit dem Professor ist hier dokumentiert: Ein runder Tisch

Ein unspektakulärer sonniger Nachmittag und eine kleine Geste der Solidarität

Mitstreiter und Mitstreiterinnen des BgA-Kassel, der Raccoons/T.A.S.K. aus Kassel und weitere Interessierte hatten sich zu einem Picknick auf einem Freizeitgelände vis-à-vis der Kasseler Synagoge heute ab 15.00 Uhr versammelt. Eine Gruppe von Aktivisten hatte heute erneut zu einer Demo, dieses mal unter dem Motto „Freiheit für Palästina“ aufgerufen, sie meinten dabei weniger „Free Gaza from Hamas“, als vielmehr befreit ganz Palästina von Israel. Dass sie dabei ihr Mütchen zunächst an den Kasseler Juden hätten versuchen können zu kühlen, war nach den Ereignissen am Dienstag in Kassel, den bedrohlichen Postings auf ihrem Facebook-Account und den Ereignissen in anderen deutschen Städten zu befürchten. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde fürchteten um die Sicherheit der Besucher ihrer Synagoge.

 

Kassel_Synagoge01

Wir hätten es nicht verhindern können, wenn es denn die Demonstranten für die „Freiheit“ Palästinas darauf angelegt hätten, die Besucher der Synagoge zu überfallen. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, die Sicherheit für die Kasseler Juden sicher zu stellen, sondern das ist die Aufgabe der Exekutive dieses Staates. Die Kundgebung blieb aber ruhiger als am Dienstag und sie war auch nicht mehr ganz so machtvoll wie das letzte Mal, vor allem war der antisemitische Krawallblock dieses mal nicht ganz so eindrücklich wie am Dienstag und es fehlte ihnen auch der Anlass leidenschaftlich auszuflippen, nämlich die Präsenz israelischer Fahnen. Auch am Rathaus wurden, etwa wie es aus Solidarität zu Israel und zu seiner Partnerstadt Ramat Gan aktuell geboten wäre, keine israelischen Fahnen gehisst. Der OB Hilgen soll die Synagoge zum Gebet besucht haben, er wurde mit dem Dienstwagen hingekarrt und wieder weggekarrt.

Das Gelände wurde weiträumig durch die Polizei gesichert. Wir wollten durch unsere Anwesenheit den Besucherinnen und Besuchern der Synagoge einfach klar machen, dass es in Kassel Menschen gibt, denen es nicht egal ist, wenn sich Juden in Deutschland fürchten müssen. Wir wollten durch unsere Anwesenheit – wir waren zeitweise 30 Leute, also deutlich wahrzunehmen – mit einer bescheidenen Geste, unsere Solidarität mit den Mitglieder der jüdischen Gemeinde Kassels ausdrücken.