Feel Good Inc., Einhörneressenzen und die kleinbürgerliche Wurstigkeit

Wie jedes Jahr in Kassel, schon wieder ein „Tag der Erde“. 2017 im Stadtteil Wolfsanger, die letzte Bastion gegen den bemühten Trend der Stadt, weltstädtisches Flair und Zivilisation zu simulieren, ist auch dieses Jahr das Event für die Besucher*innen, ein voller Erfolg gewesen. Das Publikum dieser Veranstaltung, eine Mischung aus Volksfest, Frühjahrsmesse, Indoktrination und Weltuntergangsprophetie, à la Soylent Green, besteht aus teils gut, teils nicht so gut situiertem links-grün-bürgerlichen Mittelstand, kleinbürgerlichen und lumpenproletarischen Besserwissern und den von allerlei Wahn geplagten Möchtegernrobinsonen und Subsistenzlern. Diesem Publikum, das es laut HNA „massenhaft“ in das ländlich-langweilige Stadtviertel am Ende der Straßenbahnlinie 6 geschafft hat, wurde der Tag der Erde als ein umweltbewusstes Feel-Good-Event bereitet, bei dem für jeden deutschen Spießer etwas dabei war. Vom Dreadlockstand und Friedensforum, vom Wolfsanger Posaunenchor zu den Bürger- und Bachblütenaktivisten bis hin zur indisch-ayurvedischen Küche war alles vertreten, bei dem das Herz der deutschen Schlafmütze höher schlägt. Selbst für die postmoderne Jugend war ein Marktstand für Einhornessenzen bereitet, nach dem Motto, für jeden leeren Kopf ein passender Inhalt.

Also alles war vertreten, was den Wahn befördert und das Bedürfnis nach Weltverbesserung, gutem Gewissen und Sendungsbewusstsein stillt. So wanderten die Massen mit gutem Gefühl und mit Kästen voller Grünzeug (garantiert aus regional-biologischen Anbau) stolz die Wolfsangerstraße entlang, behängt mit Schmuck aus garantiert regionaler Hippieproduktion und die Taschen gefüllt mit Unmengen an Werbeflyern des Öko- und Esobusiness.

Der Tag der Erde – Ein Geschenk des Himmels

Dem alljährlichen Jahrmarkt der Feel Good Inc. wurde dieses Mal eine besonderen Aufmerksamkeit zuteil. Die Veranstalter, wie immer voll im Trend des von Lactoseintoleranz und anderen Ernährungsfetischen geplagten Toleranzbürgertums hatten die Idee, aus der Veranstaltung zusätzlich ein „Veggieday“ zu machen. Das geht in der Welt-Wurst-Erbe-Region Nordhessen natürlich gar nicht. Eine Volksfront der Ahlewurscht- und Weckewerkfresser und -hersteller ward schnell unter Führung der hiesigen Lokalpresse gebildet und faselte etwas vom Wurstverbot und trug dazu bei, dass anlässlich dieser regionalen Nichtigkeit einen Medienrummel ausgelöst wurde, der es bis in das deutschen Kabarett schaffte.

Die Kapitalismuskritik der besseren Deutschen

Andere Highlights dieses Tages waren der obligatorische Kampfpanzer aus Pappe, der notorische weltumspannende Krake der Konzerne und der diesmal von den Bürgerblütenaktivisten etwas verschämt angebrachte Hinweis auf die Rothschilds, sowie der lausigste Zauberer, der sich wohl in der nordhessischen Peripherie finden lies.

(bw)

(K)eine Wahlempfehlung

Eine Polemik zum Kasseler Kommunalwahlkampf

Am 5. März ist Oberbürgermeisterwahl in Kassel. Antisemitismus und Kommunalwahl? In Kassel fuhr zwar schon einmal eine Straßenbahn mit der Silhouette der Skyline der Stadt Ramat Gan herum, dieselbe Stadt ist Partnerstadt Kassels, auf der anderen Seite ist Kassel selbst immer wieder Schauplatz antisemitischer Massenkundgebungen, doch in der Programmatik der Kandidaten findet man zu dem Thema nichts. Antisemitismus und Israel spielen im Wahlkampf keine Rolle. Zwar sind im Gegensatz zum Merkava Wahlen kein taugliches Mittel im Kampf gegen Antisemitismus, doch sollte der- oder diejenige wissen, der / die seine Stimme abgeben will, wen er / sie da so ankreuzt.

merkava

Wenn es drauf ankommt: Merkava!

Christian Geselle ist Mitglied der DIG-Kassel. Ob man aufgrund der Ausrichtung der hiesigen Organisation darauf schließen kann, dass bei Geselle ein gewisses Grundverständnis für die Rolle Israels im Nahen Osten und die Juden in der Welt existiert, lässt sich daraus nicht ohne weiteres ableiten. Inwieweit er sich von der in Nordhessen als Nachfolgeorganisation der NSDAP fungierenden SPD und ihrem Faible für Geschichtsvergessenheit abwendet und die Brunner-Brücke z.B. in Moses-Hess-Brücke umbenennen lässt, bleibt abzuwarten. Dass Geselle aktuell als Kämmerer mit dazu beiträgt, den fragwürdigen Dialog mit der DITIB und mutmaßlich über Vereinszuschüsse auch diese direkt, wenn auch nicht entscheidend, finanziert, dürfte kein Spezifikum eines SPD-Politikers sein, sondern liegt in der Logik des allgemeinen gültigen Appeasements deutscher Politik im Angesicht des Islam.

Dominique Kalb sieht aus wie Franz-Josef-Strauß in seinen besten Zeiten. Ob er als OB Kassels Israel einen ebensolchen Dienst wird erweisen, wie es FJS einst tat, wird sich zeigen.

Eva Koch ist die Kandidatin der saturierten grün-ökologischen Bourgeosie, Einwohner Kassels von notorisch guter Gesinnung und BewohnerInnen von Häusern, wo sogar die Wände gut riechen. Tag der Erde, anthroposophisches Zentrum usw. sind Manifestationen des politischen Wahns auf den diese Kandidatin gut zu sprechen ist. Das deutet darauf hin, dass Koch keine Berührungsängste mit dem esotherisch-naturverbundenen Blut-und-Boden-Wahn hat. Aber es gibt schlimmere!

Bernd Hoppe gehört zweifellos zu den Intelligenteren der Kasseler Kandidatenriege. Doch Intelligenz schützt vor Torheit nicht. Hoppe hat 2010 auf dem Ostermärsche geredet  – ein Jahr nach den antisemitischen Ausschreitungen einer Friedenskundgebung – und ist seit einigen Jahren regelmäßig Unterzeichner dieses antiisraelischen Aufmarsches. Andererseits ist Hoppe auch Mitglied der DIG-Kassel, was möglicherweise mehr über die DIG-Kassel aussagt, als über Hoppe. Außerdem schreibt Hoppe immer mal wieder für den Blog des Israelfressers Kai Boeddinghaus KasselerRathausBlog, anstatt ihm einen einzuschenken. Keine Empfehlung.

Murat Cakir, ebenfalls regelmäßiger Unterzeichner des Ostermarschaufrufes, zeigte sich auf dem 1. Mai mit dem nationalbolschewistischen und israelfeindlichen Krampfblatt „Junge Welt“. Cakir ist der einzige, der sich von den hier genannten öffentlich ausdrücklich gegen Israel positioniert. Er hat folgendes zum besten gegeben: „Die pure Ablehnung einer Ein-Staaten-Lösung bedeutet im Umkehrsinn, die Befürwortung von monoethnisch bzw. monoreligiös ausgerichteten Nationalstaaten in Israel und Palästina, die keinen Raum für ethnische und religiöse Minderheiten zulassen.“ Er ist der Meinung der einzig demokratische Staat im Nahen Osten missachte „jegliche Standards eines demokratischen Rechtsstaates. Die von der islamistischen IHH im Bunde mit der Hamas ausgeheckten Bootsfahrt der Mavi Marmara nennt er einelegitime Aktion gegen die völkerrechtswidrige Gaza-Politik der Hamas? Nein natürlich die Israels. (Ausführlich hierzu: Murat Cakir und das Wird-man-ja-noch-mal-sagen dürfen-Prinzip) Definitiv nicht wählbar!

Matthias Spindler hat angesichts des „Kasseler Bratwurststreits“ folgendes verlautbaren lassen: „Die Bratwurst gehört einfach dazu, denn sie symbolisiert Freiheit und westliche Grundwerte und schützt uns vor Grünfaschis- und Islamismus.“ Wenn das keine Wahlempfehlung ist.

Pressemitteilung: cakir-2017

(jd)