Wachsame Bürger und ein nicht ganz so erfolgreicher Versuch der Aufklärung

Die Juden fühlten schon längst, daß der Kampf der Völker, welche mit Frankreich für ihre nationale Wiedergeburt ringen und kämpfen, ihr eigener Kampf sei … Es ist Zeit, ruft ihnen ein französischer Demokrat zu, daß Ihr auch an Euch selbst denkt, und an Eurer eigenen Wiedergeburt zu arbeiten beginnt. Eins schließt übrigens das Andere nicht aus. Wenn ich für die Wiedergeburt meines eigenen Volkes arbeite, so habe ich darum meine humanitären Bestrebungen nicht aufgegeben. Die heutige nationale Bewegung ist nur ein neuer Anlauf auf dem Wege, den die französische Revolution seit ihrem Beginne eingeschlagen hat. Das französische Volk hat seit dem Anfange seiner großen Revolution … alle Völker zu Hilfe gerufen. … der Lärm der Reaktion … betäubt … in Deutschland das in eine Art wilder Begeisterung für seine ‚Kriegsherren‘ hineingeschwindelte Volk. Alle andere Völker vernehmen und verstehen den Ruf Frankreichs. Auch an unser antikes Volk ist dieser Ruf ergangen, und ich will meine Stimme mit der französischen vereinigen, um wenistens meine Stammesgenossen in Deutschland vor dem reaktionären Gepolter zu warnen. (Moses Hess, Rom und Jerusalem, 1862)

Das BgA-Kassel beabsichtigte im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2015 mit der symbolischen Umbenennung der Körnerstraße, Arndtstraße und Jahnstraße, sowie der Karl-Branner-Brücke in Kassel darauf aufmerksam zu machen, dass nicht die Person Karl Branner in den Focus einer Diskussion um die geschichtliche Bedeutung vom Nationalsozialismus zu stellen ist, sondern vielmehr die Namensgeber der zuerst genanten Straßen.

Sie alle verweisen darauf, dass eine Debatte um den deutschen Nationalsozialismus anders geführt werden muss, würde man den Anspruch hegen, sich kritisch der Geschichte des Nationalsozialismus zu stellen. Es wären dann mindestens auch noch auf die Brentanostraße und die Arnimstraße (sowie die Germaniastraße, dies aber vornehmlich aus anderen Gründen) hinzuweisen. Eine Ausführliche Auseinandersetzung zum Thema findet sich hier: Das Blücherviertel – Ein Stadtviertel der nationalen Wiedererweckung?

Transparent

Zu Beginn an der Ecke Körnerstraße / Blücherstraße mit unserem Banner und etwas mehr als einem Dutzend GesinnungsgenossInnen

Unsere Aktion scheiterte letztendlich an der Wachsamkeit besorgter Bürger. Vorab informierten wir die Anwohner der Unterneustadt und den Ortsbeirat, über unsere Absicht und Sichtweise mit einem Brief an die Anwohner, der auch im Viertel verteilt wurde. Unterstützung erhielten wir von ein paar Genossinnen und Genossen aus der Kasseler Antifa und aus Göttingen. So waren wir immerhin ein Grüppchen mit gut 15 Leuten. Wir schritten zur Tat und kletterten auf die Stangen, an denen die Straßenschilder befestigt sind.

Aktion_Israel-Jacobson-Straße

Der antisemitische Hetzer und Demokratieverächter Ernst M. Arndt wird mit Israel-Jacobson-Straße verhüllt

Das blieb nicht unbemerkt. Ein ortsansässiger Kleingewerbetreibender beschwerte sich, dass unsere Schilder den Straßenverkehr behindern würden und eine Gefahr für sein Auto darstelle. „Wer bezahlt denn den Schaden, der an meinem Auto entsteht? Doch wohl nicht ihr!“ schimpfte er und zog von dannen. Ein weiterer legte sich für Körner ins Zeug und argumentierte, wir sollten doch bitte bedenken, dass unsere Aktion doch eine Beleidigung seiner Angehörigen sei. „Wenn jemand gegen eine Besatzung kämpft, wäre dies doch ein zu würdigender Verdienst!“ Schließlich bemerkte er unser Anliegen, den Antisemitismus der Namenspaten der Straßen im Blücherviertel zu thematisieren und sofort deklamierte er beflissentlich, ja, gegen Antisemitismus sei er auch, aber, was Israel sich so erlaube …

Aktion_Rudolf-Hallo_geschafft

Für Rudolph Hallo mussten wir hoch hinaus

Die meisten besorgten Bürger des Viertels blieben jedoch hinter den Fenstern oder auf den Balkonen und beobachteten uns. Mehrere machten dann wohl Meldung bei der Polizei, die kurz darauf dann aufkreuzte. Ob unsere Aktion genehmigt sei, fragten sie uns, wir könnten doch nicht einfach daher kommen und Straßenschilder überhängen, belehrten sie uns. Doch können wir, entgegneten wir und versuchten auf unser legitimes Anliegen hinzuweisen. Doch war nicht die Legitimität unserer Aktion das Anliegen der Polizei, sondern die Legalität. Die Ordnungshüter bedeuteten uns unter Androhung schwerwiegenderer Folgen, die Schilder schleunigst wieder abzuhängen.

Wir lernten, in Deutschland muss nicht nur vor der Revolution die Bahnsteigkarte gelöst werden, sondern auch eine Genehmigung eingeholt werden, wenn man die Namen antisemitischer, völkischer und kriegsverherrlichender deutschnationale Hetzer aus dem Stadtbild tilgen will.

Aktion_Saul-Asher

Späte Rache für Saul Asher – Seinen Namen antatt des Bücherverbrenners und antisemitischen Hetzers Ludwig Jahn

Am Abend führte dann Martin Blumentritt aus, warum die genannten Namensgeber zu Recht von uns problematisiert werden. Sie widmeten ihr Leben und Schaffen der militanten Beschwörung des Deutschtums, dem Franzosenhass und dem Hass auf die Juden.

Aktion_an der Körner Str

Den Kriegsmaulhelden Körner überdeckten wir mit dem Schild Rudolf Hallo, hier in einer leichter zu erreichenden Höhe

Karl Branner engagierte sich bis etwa 1943/44 für den NS und als ihm dann, wie vielen anderen Volksgenosse auch, schwante, dass die Sache mit Hitler vielleicht doch kein „gutes Ende“ nehmen würde, ging auch er auf Abstand zum NS. Nachdem US-amerikanische Truppen den Nazibürgermeister in die Wüste schickten, war er als der dritte Kasseler Oberbürgermeister braver Sozialdemokrat, wie in anderen Regionen ehemalige Volksgenossen eben zu braven Christdemokraten oder Liberalen wurden. Ein typisch deutscher Weg eben, wie zukünftig völlig zu Recht auf einer Erläuterungstafel stehen wird. Kein Ruhmesblatt für die Geschichte der Sozialdemokratie und Kassel, aber die Aufregung um Karl Branner ist mehr als durchsichtig.

An den Schildern zu Arndt, Jahn und Körner steht u.a. „Dichter“, „Freiheitskämpfer“, „bedeutender Lyriker“ und „Turnvater .. Initiator der deutschen Turnbewegung“. Angesichts dessen, dass sie Begründer des deutschen Weges waren, der 1933 bis 1945 in die absolute Barbarei führte, eine Verharmlosung, die an eine faustdicke Lüge grenzt.

Aktion_Branner-Brücke

Moses Hess deswegen an der Karl Branner Brücker, weil er als Erster angesichts des Zusammenhangs von deutschem Nationalismus und Judenhass die Notwendigkeit des Zionismus erkannte.

Wir hatten die lokalen Medien zu unserer Aktion eingeladen. Sie ließen auf sich warten. Für die lokale Postille HNA war es dann wohl doch wichtiger, dass irgendeiner einen Strafzettel hinter die Windschutzscheibe eines Wagens des Ordnungsamtes heftete.

Unsere GenossInnen aus Göttingen, die uns das Transparent mitbrachten, übergaben uns dies mit dem Hinweis, dass wir es so lange behalten sollen, bis die Straßen im Blücherviertel umbenannt sind. Wir werden nicht locker lassen. (jd)

Die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge – Oder die unvollständige Debatte um Straßennamen in Kassel

In Kassel wird aktuell um die Brannerbrücke diskutiert. Diese Brücke ist nach dem SPD-Mitglied und dem ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Kassel Karl Branner benannt. Vor 1945 war Branner NSDAP-Mitglied. In seiner in den dreißiger Jahren in Göttingen verfaßten Doktorarbeit über die völkische Auslegung der NS-Wirtschafts- und Sozialpolitik markierte er die jüdischen Autoren mit Judensternen. Am Rande wird in Kassel auch noch über den NS-Aktivisten Waldemar Petersen gesprochen, nach dem eine Straße im Kasseler Stadtteil Waldau benannt ist.

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Die Brannerbrücke führt in die Unterneustadt, dort gibt es Straßen, die nach den Vormärzaktivisten Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner benannt sind. Alle drei gehören zu denen, die den Grundstein des Zusammenhanges von deutschem Nationalismus, Antisemitismus, Aufklärungsfeindlichkeit und Haß auf den Westen legten. Über die Straßennamen nach diesen Männern findet keine Debatte statt. Auf den Straßenschildern werden sie beschönigend „bedeutender Lyriker der Befreiungskrieges“ oder „Befreiungskämpfer“ genannt. Antisemitische Haßprediger und nationale Chauvinisten wäre die rechte Bezeichnung. Halbe Wahrheiten eben – oder ganze Lügen.

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Dieses Thema greift das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2015 der Amadeu Antonio Stiftung auf. Wir laden die Anwohner des Blücherviertels und der Unterneustadt, sowie alle Interessierten zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema mit dem Philosophen Dr. Martin Blumentritt und einer vorher stattfindenen Aktion ein.

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Eine ausführliche Auseinandersetzung zum Thema: Das Blücherviertel – Ein Stadtviertel der nationalen Wiedererweckung?

Brief an die Anwohner des Blücherviertels.

03.12.2015, 20.00 Uhr: Arndt, Jahn und Körner – Antisemitismus, Hass auf den Westen und Aufklärungsfeindschaft als konstituierende Elemente des deutschen Nationalismus. Diskussionsveranstaltung mit Dr. Martin Blumentritt. Ort: Kollektiv Café Kurbad Jungborn, Sternstraße 22, Kassel

03.12.2015, 16.00 Uhr: Öffentliche Aktion des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel zu den Straßennamen. Treffpunkt Brannerbrücke