Naidoo und die Eier in der Hose

Die Stadthalle Kassel, so heißt es auf der Homepage derselben, sei einzigartig, zukunftsweisend und in der Mitte. Am 14.05.2017 tritt dort Xavier Naidoo mit seinen Söhnen Mannheims auf. Xavier Naidoo hat viele Fans unter anderem auch in der NPD, die meint, Naidoo sei der einzige Promi Deutschlands, der noch Eier in der Hose hat. Heute mokiert sich Maja Yüce in einem launigen Artikel in der HNA darüber, dass die Stadt Mannheim rumeiere und dass sich Künstlerkollegen wie Sarah Connor, Gregor Meyle, Sasha Moses Pelham und BossHoss über Naidoos musikalische Qualitäten überschwänglich lobend äußerten, zu seinen fragwürdigen Texten aber schweigen würden. Zu diesen Leuten gehört auch die Kasseler Sängerin Katja Friedenberg, die es eine Schande fand, dass man 2015 Naidoo aus dem Sängerwettbewerb warf.

Zurück zu den Eiern in der Hose, die hat auch die Stadt Kassel nicht. Die HNA stellt in einem anderen Beitrag zu dem Lied „Marionetten“ der Söhne Mannheims am 05.05.2017 völlig richtig fest: „Wer sind die Marionetten, wer die Steigbügelhalter? Indirekt könnte diese harmlos wirkenden Passage jedoch ein altes antijüdisches Vorurteil enthalten – darauf weist unter anderem die Frankfurter Allgemeine Zeitung hin. Das Bild des jüdischen „Puppenspielers“, der die Fäden im Hintergrund zieht, ist schließlich ein bekanntes Element des Antisemitismus. Die Bundeszentrale für politische Bildung warnt, dass „Verschwörungstheorien, die Juden Macht und Einfluss in der Finanz- oder Medienwelt“ zuschreiben, häufig nur unterschwellig und teilweise auch unbewusst transportiert würden.“

Die Stadt Kassel vermarktet und bewirtschaftet die Stadthalle. Die Initiative zum Bau der Stadthalle Kassel geht auf den jüdischen Textilunternehmer und Gründer des Vorderen Westens Sigmund Aschrott zurück. Er stellte seiner Heimatstadt den Bauplatz kostenlos zur Verfügung, mit der Auflage, dort für die Bürger Kassels ein kulturelles Zentrum zu schaffen. Zur Kultur im Verständnis der Stadt Kassel gehören wohl auch solche Bänkelsänger und Wahnmichel wie Naidoo, denn die Stadt hat offensichtlich keine Probleme damit, diesem Propagandisten des völkischen Wahns „das passende Ambiente“ zu bieten, denn egal ob „groß, glamourös und repräsentativ oder klein, gemütlich und geradlinig – wir kreieren die passende Atmosphäre für Ihren Anlass!“ und sei es dafür, dem Volk die Augen zu öffnen, dem wütenden Bauer die Forke in die Hand zu drücken und die Strippenzieher in Fetzen zu zerreißen.

Am Abend des Konzertes, werden ein paar von uns zugegen sein und mit angefügtem Flugblatt die Besucher behelligen: Naidoo

Siehe auch grundsätzlich: Jonas Engelmann: Am seidenen Faden. Xavier Naidoos Song „Marionetten“ steht in der schlechten Tradition populistischer Kapitalismuskritik im Popsong.

(jd)

Advertisements

Wahnfrieden in Wanfried

Lieberknecht heißt er, und lieber Knecht unter der Knute des Zaren will er auch sein, als sich mit den Glücksversprechen des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie sowie der Frage, warum diese niemals vollständig eingelöst werden, auseinander setzen zu müssen. Aus Wanfried kommt er, und in seinem Tun geht es denn auch um Wahn und Frieden.

Somit gehörte Wolfgang Lieberknecht zum kleinen, aber lautstarken Grüppchen der Wahnwichtel und Blechhüte, die um die Jahreswende 2014/15 den deutschen Friedenswinter ausgerufen haben.

Bekanntlich ist der nicht so gut gelaufen, da die etwa zur selben Zeit die Pe-, Le-, Ka- und sonstigen -gidas aufgekommen sind und das Potential derer, welche bereit waren, für Putin auf die Straße zu gehen, absorbiert haben. Anscheinend war es für den größten Teil dieser Klientel doch attraktiver, den eigenen Rassismus offen auszuleben, an Stelle sich um des – wortwörtlich – lieben Friedens willen in Wortwahl und Habitus an die Veteranen der Friedensbewegung des kalten Krieges anzupassen und auf diesem Wege auch für seriöse Partner in der Politik, den Gewerkschaften oder in der akademischen Friedens- und Konfliktforschung anschlussfähig zu werden.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und da der Wahn in Wanfried noch keinen Frieden gefunden hatte, gründete Lieberknecht einen von ihm ein als „Think Tank“ – kleiner hat er es nicht – bezeichnetes „Friedenszentrum“ in seiner Heimatstadt, das er – wahrscheinlich ganz ohne Ironie – „Demokratische Werkstatt Wanfried“ (DWW) nannte.

koenig-zauselbart

König Zauselbart vor dem Zeugungsakt

Dort darf zum Beispiel Kai Ehlers, ein Anhänger des Neoeurasianismus, erfunden vom notorisch rechten postmodernen Zauselbart und Dampfplauderer Alexander Dugin (der böse Zwilling des notorisch linken postmodernen Zauselbarts und Dampfplauderers Slavoj Zizek) darüber berichten, wie er das Nibelungenlied aus dem Tschuwaschischen Original ins Deutsche übersetzt hat. Trotzt des kleinen Rückschlags auf den katalaunischen Feldern und der bedauerlichen Tatsache, dass es mit Kriemhild und Etzel letzten Endes eher suboptimal gelaufen ist, wird in Wanfried fleißig weiter am eurasischen Imperium gearbeitet, das dem dekadenten Westen dereinst endgültig den Garaus machen soll.

eurasier

Kein Spitz wie Nachbars Lumpi: Der Eurasier

Eine Meinung zu Israel hat man im Wanfrieder Friedensthinktank natürlich auch, aber keine eigene, sondern praktischer Weise gleich die des unvermeidlichen Noam „Pycelle“ Chomsky, der sich dort darüber auslassen darf, Israel plane nicht nur den Atomkrieg gegen den Iran, sondern sei durch seine U-Boote auch an der Flüchtlingskrise schuld. Das U-Boot ist in der Kanalisation von Homs und Aleppo ja auch bestimmt eine wirksame Waffe.

Auch andere Koniferen wie Charles Enderlin, Urheber der inzwischen gerichtsnotorischen Mohammed-al-Durrah Kolportage, kommen gern und viel zu Wort. Über all dies wäre eigentlich in Kasseler Zusammenhängen kein weiteres Wort zu verlieren, auch wenn Lieberknecht schon zusammen mit anderen einschlägig bekannten Größen aus der Blechhutszene wie Ken Jebsen und Lars vom Mars schon in Kassel aufgetreten ist, wenn es der DWW nicht gelungen wäre, die Bürgermeister der Nachbarstädte Treffurt und Wanfried davon zu überzeugen, am 08.09.2016 einen Friedensmarsch über die ehemalige Zonengrenze hinweg zu veranstalten.

Der DWW ist also im lokal begrenzten Maßstab das gelungen, woran der Friedenswinter seinerzeit noch gescheitert ist: Sie hat honorige Provinzpolitiker, die höchstwahrscheinlich weder an Echsenmenschen noch an Chemtrails glauben, für ihre Ziele gewinnen können.

Das Bemerkenswerte am diesjährigen Antikriegstag war weniger der Basteleifer (das Basteln scheint eine Passion der Friedensbewegten zu sein) des Nachwuchses als die positiven Bezüge auf die Wahnwichtel aus Wanfried.

img-20160901-wa0001

Der Kasseler Friedenssratschlag hat den Wanfrieder Wahnfriedensmarsch in seiner Veranstaltung zum Antikriegstag am 01.09. sowohl verbal als auch mit Flugblättern heftig beworben. Mit der Sicherheitsdistanz zu den Blechhüten, die der Friedensratschlag zunächst noch bewahrt hatte, ist es somit endgültig vorbei. Dass hier vor einem überwiegend kurdischen (!) Publikum – das mutmaßlich von den Hintergründen nicht allzu viel gewusst haben dürfte, sonst wäre die Friedensdemo recht unfriedlich geendet – mit den grauen Wölfen das Lied vom Ergenekontal geheult wurde, beweist einmal mehr, das für das Kasseler Friedensforum längst alle Schamgrenzen gefallen sind.

(jh)