Viele Jahre ein Tabuthema …

Mit der Behauptung bestimmte Themen seien mit einem Tabu belegt, ist es so eine Sache. Die Flucht und Umsiedlung der Deutschen aus den sogenannten Ostgebieten, die Bombardements deutscher Städte durch die Alliierten und natürlich die „Gewalt gegen Frauen durch russische Soldaten“, wie es nun wiederholt in der HNA, mit entsprechender Bebilderung behauptet wird, seien in Deutschland tabuisiert worden. Flucht und Umsiedlung ist seit den 50iger Jahren, millionenschwer subventioniert, ständig Thema eines penetranten Opferdiskurses gewesen. Sowohl die sogenannte Vertreibung als auch die Bombardierung deutscher Städte im Weltkrieg ist in Geschichtsbüchern für die Schüler und in massenmedialer „Aufarbeitung“ schon lange Thema.

Die Gewalt an Frauen durch „den Russen“ war kurz nach dem Krieg kein Thema, dann aber wurden seit den fünfziger Jahren „in Westdeutschland die Übergriffe sowjetischer Soldaten thematisiert“ (Miriam Gebhardt). Zum kollektiven Gedächtnis hat die Goebbelsche Propaganda ihren wesentlichen Teil beigetragen, so dass sich bis heute das Zerrbild vom gewalttätigen und frauenschändenden Russen hält und zum wiederholten Male als Bildunterschrift in der hiesigen Lokalpresse ihren Widerhall findet.

TabuThema russischer Soldat

„Der Russe“ und die deutsche Frau – Der ewige Widerhall Goebbelscher Propaganda (in der HNA am 25.04.2015)

Die Zuschreibung, an der diese Zeitung festhält, wiegt doppelt schwer. Zum einen wird das Buch der Historikerin Miriam Gebhardt „Als die Soldaten kamen“ im Artikel aufgeführt, das nun gerade mit einigen sich hartnäckig haltenden Mythen aufräumt, zum anderen bemüht die Zeitung in uralter Tradition das Feindbild vom Russen. Es waren sowjetische (Russen, Weißrussen, Ukrainer, Balten, Kasachen usw.) Soldaten, also nicht nur Russen, die Frauen vergewaltigten, aber es waren auch die Soldaten der Westalliierten, Engländer, Franzosen und Amerikaner, wie Gebhard betont. Dass Gebhardt die mutmaßlich maßlos übertriebenen Zahlen deutlich nach unten korrigiert, auch davon ist in dem Artikel nichts zu lesen. Durch das Anführen von wissenschaftlicher Literatur, auf die sich ausdrücklich bezogen wird, wird aber Seriösität suggeriert.

Sicher, die Gewalt an den Frauen ist nicht zu rechtfertigen und wurde – vor allem von der Roten Armee – auch drakonisch bestraft, was der HNA keinen Hinweis Wert ist. Die deutschen Soldaten hingegen, sie vergewaltigten nicht nur, sondern zogen mordbrennend und völkermordend durch ganz Europa – eine Bestrafung fand fast überwiegend nur durch eine Kugel, Granate oder Bombe alliierter Soldaten oder statt.

Mit den Taten der Deutschen befasst sich, ganz ausgewogen, die HNA auf der nächsten Seite, den Historiker Hannes Heer interviewend. Es gelingt in Knoppscher Manier ein Bild vom schrecklichen Krieg zu konstruieren, der Opfer auf allen Seiten forderte und der auf beiden Seiten Täter fand. Den „gewalttätigen Russen“ auf der einen, auf der anderen Seite eine deutsche „Generation  von Frontsoldaten“, die, so stellt die HNA die Frage, doch zu Unrecht an den Pranger gestellt wurde.

Es gab viele Tabuthemen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Die Vergewaltigung von Frauen gehört sicher nicht dazu.

Miriam Gebhardt im Interview: „Viele Frauen schwiegen aus Scham oder Angst

jd

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