Ostermarsch: Gewaltspiralen und Unterwerfung

The Upper Class Twit of every Year in Kassel

Und täglich grüßt das Murmeltier? In Kassel tut es das jährlich, aber man beleidigt ein harmloses Tierchen, wenn man den Marsch der Unbelehrbaren, der jährlich in Kassel zu Ostern abgehalten wird, mit diesem assoziiert. Angesichts des russischen Angriffskrieges, der klar geäußerten Kriegsziele Russlands und des politischen Charakters des russischen Regimes verblüfft das Ausmaß an kognitiver Dissonanz des Aufrufs des diesjährigen Ostermarsches. Dagegen zu argumentieren mutet an, wie Eulen nach Athen zu tragen. Wir tun es trotzdem.

Vor über einem Jahr überfiel Russland die benachbarte Ukraine. Mit dem diesem Krieg zugrundeliegenden großrussischen Nationalchauvinismus hielten weder Putin noch seine Satrapen hinterm Berg. Jeder, der will, kann das nachlesen. „Als Wladimir Putin am 18. März 2014 in seiner Rede vor der Duma anlässlich der Krim-Annektion die Ukrainer als ‚Brudervolk‘ bezeichnete, konnte das für die allermeisten ukrainischen Brüder nur als Drohung zu verstehen sein, weil diese Bezeichnung nicht erst seit dem real existierenden Sozialismus und der Breschnew-Doktrin immer schon die verklausulierte Forderung nach Unterwerfung unter den russischen Hegemon bedeutet hat. Das russische Herrenvolkdenken wurde in der Geschichte nur für den kurzen Moment von 1917 bis in die 1920er Jahre durch Lenins Nationalitätenpolitik etwas zurückgedrängt, die vor allem von der Bekämpfung dieses großrussischen Chauvinismus motiviert war.“1 Auch in Sachen Charakter des russischen Regimes kann man sich höchstens darüber streiten, ob man es mit einem faschistischen Regime postmodernen Zuschnitts zu tun hat oder mit einer Gangsterbande aus den Strukturen des FSB, der es gelang, die staatlichen Strukturen des riesigen Landes zu okkupieren.2 Wir wollen uns aber nicht länger mit diesen Fragen hier aufhalten, denn jeder der möchte, kann auch dies ausgiebig anhand der zur Verfügung stehenden Literatur selbst tun.

Der Ostermarsch wird auch von der VVN-BdA Kassel und ihrem Anführer Dr. Ulrich Schneider unterstützt. Vor dem Hintergrund der von dieser Vereinigung wie eine Monstranz vor sich hergetragenen Losung “ Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ zeigt sich deren wahre Intention einmal mehr in der Interpretation: „Nie wieder Krieg gegen Faschismus!“

Unterwerfung schaffen ohne Waffen

Der diesjährige Aufruf zum Ostermarsch3 beginnt pflichtschuldigst mit der Erklärung: „Der letzte Ostermarsch wurde überschattet vom Einmarsch Russlands in die Ukraine. Damals wie heute verurteilen wir diesen Angriffskrieg und die damit verbundene Annexion ukrainischen Territoriums.“ Ok, von einem Angriffskrieg ist die Rede. Er wird sogar verurteilt. Es scheint den Ostermarschierern wichtig zu sein, das zu betonen. Über die Absichten der russischen Angriffskrieger und wie man sich als ein im Verhältnis zu Russland kleines und bitterarmes Land diesen entgegenstellt, darüber erfahren wir in den nächsten Zeilen aber nichts.

Gleich im nächsten Absatz aber heißt es: „Die Sanktionen und Waffenlieferungen der NATO-Staaten hatten und haben das Ziel, Russland wirtschaftlich massiv zu schaden und militärisch zu besiegen.“ Prima erkannt! Was für eine gute Idee, den Angriffskriegern massiv zu schaden, ihnen also das Handwerk zu legen, indem man dazu beiträgt, dem Aggressor eine militärische Niederlage beizufügen. Haben die Ostermarschierer nach über 62 Jahren die Agitation gegen die NATO endlich aufgegeben und pflichten ihr darin bei, dass den Opfern eines Angriffskrieges beizustehen sei?

No Pasaran? Putin Pasará!

Doch dann heißt es im nächsten Halbsatz der Ostermarschierer, die Waffen und Sanktionen würden den Krieg nicht beenden. Als 1937 die faschistischen Putschisten vor Madrid standen, wurden sie von den bewaffneten Republikanern, die damals entscheidende Unterstützung vieler linker und demokratischer Organisationen und der Sowjetunion erhielten, vor Madrid gestoppt. Die Nichteinmischungspolitik Großbritanniens, Frankreichs und der USA, zu der ein Waffenembargo (gegen alle Kriegsparteien) gehörte, führte jedoch dazu, dass die Republikaner gegenüber den gut ausgerüsteten Faschisten zunehmend ins Hintertreffen gerieten. Der Ausruf „No Pasaran!“ hörte sich mutig und entschlossen an, entscheidend war, dass die Faschisten Waffen und Soldaten von Deutschland und Italien erhielten. Findet sich wenigsten ein „Stoppt Putin!“ im Aufruf? Doch noch nicht einmal das hören wir im Aufruf der Ostermarschierer! Die Republik konnte sich gegen diese Übermacht nicht halten. Die gegen Ende des Bürgerkrieges geführten Verhandlungen mit den übermächtigen Faschisten konnten das Massaker an hunderttausenden Republikanern nicht verhindern.4

Auch der nur bedingt zulässige Vergleich mit dem deutschen Angriffskrieg gegen Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien und Griechenland mit dem Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen Polen, Jugoslawien und dann gegen die Sowjetunion zeigt, wie absurd und geschichtsvergessen diese These ist. Die seit 1941 Seite an Seite stehenden Alliierten hielten der Naziwehrmacht nur stand, weil sie in großem Stil von den USA, die UdSSR sogar von dem bedrängten Großbritannien mit Waffen beliefert wurden.5

Der historisch passendere Vergleich ist der mit dem Ersten Weltkrieg. 1914 überfiel Deutschland seine Nachbarnationen Belgien und Frankreich. In Belgien verübten deutsche Soldaten zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung, ganze Landstriche und Städte wurden in Schutt und Asche gelegt. Deutschland beanspruchte in seiner Kriegszielpolitik ganz offen große Gebiete beider Nachbarländer oder stellte die Existenzberechtigung Belgiens als Nation gleich ganz in Frage. Frankreich, Belgien und die sie unterstützenden Briten konnten den Angriff der kaiserlichen Armee nur standhalten, weil sie massiv von den USA unterstützt wurden. Alle Versuche, Verhandlungen aufzunehmen, um das entsetzliche Gemetzel an den Fronten zu beenden, scheiterten vor allem an den Maximalzielen des deutschen Kaiserreiches.6

Der Satz „Die militärische Unterstützung der Ukraine durch die NATO-Staaten intensiviert und verlängert den Krieg“ stimmt nur insofern, als dass die Unterstützung der Ukraine diese vor dem Zusammenbruch bewahrte, also Russlands Angriffskrieger daran hinderte, nach Kiew durchzumarschieren und dort wie schon im Donbass eine moskauhöriges Regime zu installieren. Die Waffenlieferungen der Nato-Staaten halfen der ukrainischen Armee standzuhalten: No Pasaran! Die Einstellung der Waffenlieferungen würden den russischen Truppen den Weg freimachen, die Forderung der Ostermarschierer bedeutet im Klartext: Putin Pasará!

Damit der deutsche Michel wieder ruhig schlafen kann – Verhandlungen um jeden Preis!

Die Friedensbewegten meinen zu wissen, dass es im Krieg zwischen der Ukraine und Russland anders zugeht. In ihrem Aufruf kann man nachlesen: „Im März 2022 gab es in Istanbul Verhandlungen zur Lösung des Konfliktes.“ Der Krieg ging bekanntlich trotzdem weiter, warum? Ein Schuldiger ist gefunden. Es ist der Westen. Im Aufruf der Ostermarschierer heißt es: „Der Westen sei für ein Kriegsende nicht bereit“. Ob diese Behauptung tatsächlich stimmt, darüber scheinen sich die Verfasser nicht so ganz sicher zu sein, denn sie schieben den Satz hinterher: „So äußerte sich General a.D. Harald Kujat in einem Interview.“ Wo dieses Interview stand, verschweigen die Friedensfreunde vornehm. Es erschien zuerst in der bei vielen Linken als rechtsextrem geltenden Preußische Allgemeine am 30.11.2022.7 Kujats Thesen machten dann aber auch in einigen seriöseren Presseorganen die Runde, obwohl sie jeder Grundlage entbehrten.

Der bisher gewiss nicht als Propagandist des Krieges und der Aufrüstung aufgefallene Soziologe Paul Schäfer8 führt dazu näher aus: „[…] Selenskyj [erklärte] noch am 10. April 2022, dass er trotz der Grausamkeiten der russischen Armee wie in Butscha und Irpin weiter Frieden wolle. […] als Politiker wolle er keine Gelegenheit für eine diplomatische Lösung verpassen. Putin dagegen verkündete am 12. April, Kiew habe die Friedensgespräche zum Scheitern gebracht, indem es in Butscha russische Kriegsverbrechen inszeniert habe. Bereits zuvor gab es entsprechende Aussagen russischer Regierungsvertreter: Am 3. April sagte Wladimir Medinski, Leiter der russischen Verhandlungsdelegation, Russlands Haltung zum Donbass und zur Krim sei unverhandelbar und Gespräche zwischen den Präsidenten seien nicht möglich.“9

Im Folgenden seien die Ausführungen der Wissenschaftlerin Sabine Fischer über die Rahmenbedingungen zitiert, die dazu führten, dass die Verhandlungen in Istanbul abgebrochen wurden. „Für die Beurteilung des Verhandlungsverlaufs im April 2022 muss jedoch der politische und militärische Kontext berücksichtigt werden. Die drastische Verschlechterung der Atmosphäre erklärt sich aus dem Kriegsverlauf. Nach dem Scheitern des Angriffs auf Kyjiw gab Moskau die Nordfront auf und konzentrierte seine Kriegsanstrengungen auf den Donbas und den Süden der Ukraine.10 Schäfer bringt in Auswertung der Gespräche Draghis mit Putin die Situation auf den Nenner, dass Putin deutlich macht, die erreichten und formulierten Kriegsziele stünden nicht zur Disposition. „Die Formel des Kreml lautet seitdem: Friedensverhandlungen Ja, aber zu unseren Bedingungen. Und: Von den Ergebnissen unserer Militäroperation, der Annexion nämlich, rücken wir nicht ab.“11

Der Historiker Hans-Henning Schröder sieht zwar nur in Verhandlungen eine Perspektive den Krieg zu beenden, denn „der Krieg wird [..] voraussichtlich nicht durch einen militärischen Sieg einer Seite beendet, sondern am Verhandlungstisch. Der weitere Verlauf der Kriegshandlungen wird aber unmittelbare Auswirkungen auf den Ablauf der Gespräche und deren Ergebnis haben. Insofern versuchen beide Seiten auf dem Schlachtfeld Vorteile zu erzielen, die sich politisch ummünzen lassen. Für die ukrainische Seite gibt es keinen anderen Weg. Sie kämpft um das Überleben ihres Staates. Ihre Verteidigungserfolge schaffen erst die Voraussetzungen für Verhandlungen.“12 Die Plädoyers aber nach Verhandlungen bei gleichzeitiger Forderung, die Waffenlieferungen einzustellen, bedeuten dagegen nichts anderes, als die Ukraine den Großmachtphantasien Russlands auszuliefern.

Und daher kommen wir jetzt nochmal auf die historischen Analogien zurück. Obwohl Russlands Militärführung Welle auf Welle ihrer schlecht ausgerüsteten und geführten Soldaten in das massive und präzise Abwehrfeuer der Ukrainer treibt, ist ein militärischer Sieg über die Ukraine aktuell nicht in Sicht. Doch die ja tatsächlich schon seit 2014 laufenden Verhandlungen scheitern vor allem daran, woran auch die Versuche mit Friedensverhandlungen im Ersten Weltkrieg scheiterten, an den unverhüllt formulierten Annexionsplänen Moskaus und der bis heute kaum hinter dem Berg gehaltenen Absicht, der Ukraine nur eine Teilsouveränität zuzugestehen.13

Das fleischgewordene Elend der Unterwerfung wird durch den unvermeidlichen Harald Fischer, ehemals Dechant des katholischen Dekanates Kassel-Hofgeismar, verkörpert. Diesem Herrn und dem Ostermarsch widmete die HNA am 04.04.2023 eine ganze Seite. Man kann die überaus peinliche Naivität Fischers auf zwei Sätze zusammendampfen, die er der HNA auf die Frage „Lässt sich Putin ohne Waffen stoppen?“ antwortet: „Die Frage ist zu kurz gestellt. Und zu einfach. Gegenfrage: Lässt er sich mit Waffen stoppen […] Wir brauchen einen Weg raus aus der Gewaltspirale. [….] Ich setze mich ein für einen gewaltfreien Widerstand gegen Unrecht und imperiale Machtgelüste von Verbrechern.“14 Angesichts der Massaker an der wehrlosen Zivilbevölkerung durch russische Truppen in einigen ukrainischen Städten ist diese Aussage nicht nur naiv, sondern skandalös. Wir müssen an dieser Stelle die Ausführungen über die deutsche Sehnsucht nach Unterwerfung der Ukraine beenden. Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Unterstützer und angekündigten Redner des Ostermarsches.

Kassels Frühstücksverleumder: GEW, Deutsch-Palästinensische Gesellschaft, VVN-BdA Kassel, und „Dylans Dream“

Unterstützt wird der Ostermarsch bestürzender Weise von der GEW Kassel-Land und Kassel-Stadt. Wir haben es mit einer Gewerkschaft zu tun, die Lehrer und Lehrerinnen, Erzieher und Erzieherinnen vertritt, also mit Personen, die man als Multiplikatoren bezeichnet. Weiter finden wir die VVN-BdA Kassel und die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft (DPG), die den Aufruf unterstützen. Das ist eine alte Liebe, die wir schon mehrfach beschrieben haben.

Neben dem MLPD-U-Boot, dem „VW-Komitee“ ist die DPG die einzige Gruppe aus Nordhessen, die die antisemitische BDS-Bewegung unterstützt. Das Thema Israel und Palästina spielt im aktuellen Aufruf keine Rolle. In Kassel wird neben Fischer auch die ehemalige „Chefin“ (HNA) der DPG Brigitte Domes, die mittlerweile unter dem Label „Kasseler Friedensforum“ segelt, eine Rede halten. Frau Domes unterzeichnete u.a. 2017 einen Brief eines „Instituts für Palästinakunde“.15 Ja, so etwas gab oder gibt es tatsächlich. Man muss sich über gar nichts mehr wundern, auch nicht darüber, dass Lokalbarden den Namen Bob Dylan schänden, in dem sie ihr alljährlichen Paktieren mit den deutschen Friedensfroinden als Dylans Traum verkaufen. Aus diesem Grunde schließen auch wir mit Bob Dylan.16

Sing of Sherman – Montgomery and Scott
Sing of Zhukov and Patton and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved out the path for Martin Luther King
Who did what they did and then went on their way
Man, I could tell their stories all day

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1 Das Hilfsvolk der Russen. Zur Geschichte des ukrainischen Nationalismus bis 1945, Bahamas, Heft 69. Die Reden Wladimir Putins und Dmitij Medwedews sind im Heft Osteuropa1-3/2022, „Russlands Krieg gegen die Ukraine. Propaganda, Verbrechen, Widerstand“ nachzulesen.

2 Dazu, Thorsten Fuchshuber / David Hellbrück: Ein Meister der Rackets ist noch kein Gegenhegemon. Gespräch über Russlands Machtgefüge und den Ukraine-Krieg 2022 und Andreas Umland, Aleksandr Dugins Kreuzzug gegen den Liberalismus und seine Verbindungen nach Deutschland, kritiknetz.de, 01.01.2023.

3 Der Aufruf zum diesjährigen Ostermarsch ist hier nachzulesen: Den Frieden gewinnen – nicht den Krieg! Aufruf zum Ostermarsch 2023.

4 Einen guten Überblick über den spanischen Bürgerkrieg bietet Antony Beevor, Der Spanische Bürgerkrieg, München 2006.

5 Hierzu z.B.: Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges, Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen, Stuttgart 2000.

6 Über die deutschen Kriegsziele, z.B.: Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht, Düsseldorf, 1961; Deutschland im Ersten Weltkrieg, Berlin 1971; Über die Massaker deutscher Truppen in Belgien: John Horne und Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914, Hamburg 2004.

7 Paul Schäfer, Die Johnson-Legende. Wie der Westen angeblich einen Friedensvertrag verhinderte, Blätter für Deutsche und internationale Politik, April 2023, S. 100. Ob die Bezeichnung „rechtsextrem“ die Preußische Allgemeine Zeitung richtig kategorisiert, ist eine Frage, die wir hier nicht vertiefen wollen. In dem Spektrum dessen, welches die Friedensbewegung bis vor einigen Jahren mobilisierte, war es undenkbar sich auf andere Vertriebenenorganisationen als die des Heldenvolkes im Nahen Osten zu berufen, galten diese doch per mindestens als rechtslastig.

8 Homepage, Paul Schäfer.

9 Schäfer, S. 102.

10 Sabine Fischer, Friedensverhandlungen im Krieg zwischen Russland und der Ukraine: Mission impossible, SWP-Aktuell 2022/A 66, 28.10.2022.

11 Schäfer, S. 106.

12 Hans-Henning Schröder, Krieg und Verhandlungen. Voraussetzungen für Frieden in der Ukraine, online-Beitrag Osteuropa, 16.02.2023.

13 Die Verhandlungen im sogenannte Normandieformat und das Minsker Abkommen scheiterten letztendlich daran, dass Moskau weder mit der Ukraine direkt verhandeln wollte, noch die Rückgabe der annektierten Krim und der de facto annektierten ostukrainischen Oblaste in Aussicht stellte. Dazu ausführlich: Desinformationsexpertin. Russland, die Ukraine und Frau Krone-Schmalz, in Osteuropa 9-10/2022; Auch: Hans-Henning Schröder, ob.cit.

14 Waffen sind nicht die Lösung. Interview mit Pfarrer Harald Fischer, HNA, 04.04.2023. Im Frühjahr 2022 kam es in einigen ukrainischen Städten wie in Cherson und Nowa Kachowka zu Protesten der Zivilbevölkerung gegen die russischen Besatzer. Russland zog die Besatzungstruppen nicht ab und ging z. T. gegen die Proteste mit Waffengewalt vor. Befreit wurden die Städte durch vorstoßende ukrainische Truppen. Siehe z.B. Verletzte bei Protesten gegen Besatzer, Tagesschau, 06.03.2022. In anderen Städten kam es bekanntlich zu Massakern an der ukrainischen Zivilbevölkerung durch die russischen Besatzungstruppen.

15 Institut für Palästinakunde, Gegen Verstrickung in Raub und ethnische Säuberung, Neue Rheinische Zeitung, 07.06.2017.

16 Bob Dylan hat sich nicht nur mit seinem Song „Neighborhood Bully“ klar für Israel ausgesprochen, sondern sich dagegen gewandt, sich für die „Sache des Friedens“ vor den Karren spannen zu lassen. Dazu möchten wir auf den Blogbeitrag des Musikjournalisten Thomas Waldherr verweisen: „Bob Dylan, der Frieden, und der Krieg in der Ukraine. Der Songwriter großer Friedenslieder und seine jüdischen Wurzeln in Odessa.“: Dylans klassische Protestsongs sind großartige Hymnen gegen den Wahnwitz des Krieges […]. Sie sind aber nicht die Gedanken eines Pazifisten. […] Von ihm [Bob Dylan] ist auch die interessante Aussage überliefert, dass er sehr wohl sich für den Frieden einsetze, aber nicht für die „Sache des Friedens“.

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Freiheit der Kunst? It‘s politics, stupid!

Knapp daneben ist auch vorbei

Die HNA titelte am Montag, den 23. Januar: „Gutachten des Juristen Christoph Möllers entlastet documenta“.1 Der Autor der HNA fasst die Position des Gutachters wie folgt zusammen: „Meinungs- und Kunstfreiheit sind nur so weit beschränkbar, wie sie andere Rechte verletzen“, was nach Ansicht des Juristen im Fall der vom indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa verantworteten Ausstellung nicht der Fall gewesen sei. Weiter wird Möllers zitiert: „Jede freiheitliche Verfassung schützt auch Meinungsäußerungen, die uns schrecklich oder obszön erscheinen“ und dann folgt eine zentrale These des Gutachtens: sich antisemitisch oder rassistisch zu äußern erscheine skandalös, aber es ist der Skandal einer liberalen Ordnung, die nicht alles rechtlich sanktioniert, was sie politisch verurteilt.“

Abgesehen davon, dass der Autor des Gutachtens die Initiative GG 5.3. Weltoffenheit beriet, also dem Dunstkreis der „israelkritischen“ Szene zuzurechnen ist2, kann den zentralen Aussagen des Gutachtens zugestimmt werden – alleine, die documenta und ihre Verantwortlichen werden durch dieses Gutachten nicht entlastet. Und, viel wichtiger ist: Das Gutachten hat mit dem Problem, welches am Beispiel der documenta zu Tage trat, relativ wenig zu tun. Der Anspruch politisch zu sein, wurde von den documenta-Machern ausdrücklich formuliert. Zur politischen Agenda gehörte für eine beträchtliche Zahl der documenta-Macher der Kampf gegen Israel.3 Zu diesem Kampf gehörte die Forderung Israel auch kulturell zu boykottieren. Dieser politischen Agenda galt (und gilt) es zu widersprechen. Sicher, es gab angesichts dieser politischen Ausrichtung auch die Forderung, die documenta 15 abzubrechen oder zu schließen. Vor dem Hintergrund der impertinenten Abwehr jeglicher Kritik seitens der Verantwortlichen sowie der passiven wie aktiven Unterstützung antiisraelischer Aktivisten und veritabler Antisemiten, denen man eine weltweit beachtete und mit Steuergeldern geförderte Bühne geboten hat, sind diese Stimmen aber eher als verständliche Empörung und Teil des notwendigen politischen Protests zu werten, als eine direkte Aufforderung die künstlerische Freiheit zu unterbinden.

Auch wir vom Bündnis gegen Antisemitismus Kassel haben nicht gefordert, die antizionistischen Aktivisten und Kollektive anzuklagen, zu bestrafen oder gar zu verhaften, also die Meinungsfreiheit von Künstlern und Aktivisten zu beschneiden. Im Mittelpunkt unserer Argumentation stand die Kritik an der politischen Ausrichtung der Kuratoren, der geladenen Künstler und Kollektive und nicht die Forderung, die documenta zu schließen und Ruangrupa nach Hause zu schicken. Der Fokus unser Kritik richtete sich explizit gegen die öffentliche Förderung einer Weltkunstausstellung, die von bekennenden Israelhassern und Antizionisten kuratiert und geleitet wurde.

Die Freiheit der Kunst: Das Banner „Solidarität mit dem palästinensischen Volk“ und der Bezug auf die palästinensische Terrorgruppe PFLP bleiben am Ausstellungsgebäude hängen.

Zur Chronik eines absehbaren Skandals

Der Skandal, der in der Präsentation von im Stil des Stürmers gehaltenen Karikaturen von Juden auf dem zentral gelegenen Friedrichsplatz kulminierte, war nicht nur absehbar, es war ein Skandal mit Ansage!

Vor gut einem Jahr – also fünf Monate vor der Eröffnung der documenta – stellten wir heraus, dass es nicht verwunderlich ist, dass Ausstellungsmacher, die überwiegend als Antizionisten und Israelhasser zu bezeichnen sind, Künstler und Künstlerkollektive engagierten, die die Abschaffung Israels fordern oder sich antisemitisch äußerten und äußern. Wir stellten heraus, dass die Unterstützung und Förderung antisemitischen und antizionistischen Gedankenguts einer Traditionslinie zuzuordnen ist, die man, mit dem SS-Soldaten und Partisanenbekämpfer Werner Haftmann beginnend, über den völkischen Ideologen Joseph Beuys fortführend bis hin zur explizit politischen, postmodernen und poststrukturalistischen Ausrichtung der Ausstellungen, die man spätestens seit Carolyn Christov-Bakargiev und Adam Szymczyk nachverfolgen kann.4

Insbesondere vor dem Hintergrund des Bundestagsbeschlusses zur antisemitischen BDS-Bewegung aus dem Jahr 2019, der darauf folgenden Diskussion im deutschen Kulturbetrieb und den politischen Auseinandersetzungen um die Ruhrtriennalen – in Zusammenhang mit der Einladungen des israelfeindlichen Ideologen des Post-Kolonialismus Achille Mbembe und des Auftritts der Band Young Fathers – hielten wir es für geboten, die kuratorische Tätigkeit von Ruangrupa zu hinterfragen, sie öffentlich zu kritisieren und auch dazu beizutragen, dass durch öffentlichen Druck auf die Kuratoren der eine oder andere Künstler wieder nach Hause geschickt wird.5

Am Beispiel der documenta konnte man deutlich den Zusammenhang von offen geäußerter Gesinnung, unverblümtem politischem Aktionismus und der Indienststellung des Kunstwerkes für eine politische Agenda sehen. Wir machten das vor einem Jahr insbesondere am Beispiel der Gruppe The Question of Funding deutlich, die als eines der ersten Kollektive von Ruangrupa für die documenta 15 ausgewählt wurden. Am Beispiel dieser Gruppe und ihrer Protagonisten, die aus dem Umfeld des ursprünglich der Palästinensischen Autonomiebehörde unterstellten Khalil Sakakini Cultural Centers kommen, konnte man die politische Instrumentalisierung des Kunstwerkes im Dienste des Kampfes gegen den jüdischen Staat deutlich aufzeigen. Das Zentrum der Palästinensischen Autonomiebehörde, welches ursprünglich auf der Liste der eingeladenen Künstler stand, das Kollektiv The Question of Funding (das dann an dessen Stelle trat) und seine Protagonisten sind in der Tradition des gewalttätigen Kampfes arabischer Freischärler und Terroristen gegen die jüdischen Einwohner und Einwanderer in Palästina und ihrem Bestreben, einen jüdischen Staat zu gründen und zu verteidigen, zu sehen. Die Begeisterung des Namensgebers des Kulturzentrums für Hitler verweist darauf, dass der palästinensische Nationalismus im Nationalsozialismus einen Verbündeten fand. Eine Tradition, die sich bis heute fortsetzt, nur dass deren wichtigste Bündnispartner heute einerseits der politische Islam, andererseits linke und linksextreme Parteien, Gruppen und Personen sind, die sich vor allem im akademischen Betrieb und in der staatlich geförderten Kulturszene, in mächtigen NGOs und Parteienstiftungen tummeln und die bis hinein in die Ministerialbürokratie zu finden sind.

Einer politischen Agenda muss politisch geantwortet werden

Insbesondere angesichts der ausdrücklich gewollten und formulierten politischen Positionierung der Ausstellung und ihrer zahllosen Protagonisten und Aussteller war und ist eine politische Reaktion auf die dort propagierte Agenda vollkommen berechtigt. Protest, Skandalisierung und das Mittel der Polemik waren und sind auch gerade deswegen die einzig adäquate Reaktion, weil sich von Beginn an die politisch Verantwortlichen, von Oberbürgermeister Christian Geselle, bis zur hessischen Ministerin Angela Dorn, zur Staatsministerin Claudia Roth und bis hin zur Direktorin der Ausstellung Sabine Schormann weigerten das offensichtliche Problem überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.6 Sie stemmten sich nicht nur gegen jede Form der Debatte, vielmehr gingen sie so weit, den Kritikern Rassismus und Demokratiefeindlichkeit vorzuwerfen und sie als von außen kommende Störenfriede zu denunzieren.

Gerade der Versuch, das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel mundtot zu machen, indem man uns und den Blog Ruhrbarone mit einer ungerechtfertigten und völlig überzogenen Abmahnung beschwerte und das durchsichtige Manöver, unsere Kundgebung zur Eröffnung der Ausstellung zu unterbinden, zeigte, dass eine Diskussion mit den Kritikern nicht erwünscht war und verwies auf die ignorante und autoritäre Haltung der Verantwortlichen. Den Stellungnahmen der Ausstellungsmacher und der ihnen zur Seite springenden „Experten“ aus den Kulturredaktionen einschlägiger Presseorgane und Rundfunksender, die nicht nur offensichtliche Tatsachen leugneten, sondern den Kritikern der documenta Rassismus, wahlweise die Nähe zum Rechtsextremismus oder Linksextremismus und das Schüren von Gewalt vorwarfen, wurde weder widersprochen noch wurden sie kommentiert. In der HNA präsentierte man angesichts der eindeutig antiisraelischen Propagandastückchen den faktenresistenten Dünnbrettbohrer Joseph Croitoru, der selbst in der Präsentation von Propagandafilmchen über palästinensische und japanische Terroristen keine antisemitische Propaganda sehen wollte. Croitoru und vor allem Elke Buhr dienten mit ihren Methoden der Auslassungen und Verharmlosungen7 nicht nur der nordhessischen Lokalzeitung immer wieder dazu, die Kritiker der Übertreibung, Falschinterpretation und Inkompetenz zu überführen.

Nicht die Freiheit der Kunst ist in Gefahr – Die Ignoranz vor dem Antisemitismus ist die Gefahr

Die Vernichtung der Juden durch die vom Nationalsozialismus geführte deutsche Volksgemeinschaft war und ist ein in der Geschichte der Menschheit einmaliges Ereignis. Dieser deutschen Tat liegt der Antisemitismus als treibendes Element zugrunde. In mannigfaltiger Art und Weise wird seither versucht, den kritischen Blick auf den Antisemitismus zu verwässern. Heute wird das jedoch meist nicht mehr von Historikern und Politikern mit rechts-nationalem Hintergrund betrieben, vielmehr von Agitatoren der postmodernen Linken, die an den Universitäten und im Kulturbetrieb dominant vertreten sind.8 Heute wird Antisemitismus als eine Erscheinung der „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ dem Rassismus, der Islamfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit usw. gleichgestellt, teils sogar untergeordnet. Zum anderen wird Antisemitismus mit dem Verweis auf eine „Multiperspektivität“ und eine angebliche Sichtweise des „Globalen Südens“ relativiert und das Erschrecken angesichts dessen Artikulation als Ausdruck einer zu vernachlässigenden, weil eurozentristischen, deutschen (im Grunde genommen jüdischen) Empfindlichkeit deklariert. Derlei Manöver tragen immer dazu bei, dass die deutsche Geschichte und die in ihr zu Tage tretende Quintessenz des Antisemitismus relativiert und aus dem Blick genommen wird.9

Wenn die Verantwortung vor der deutschen Geschichte, wenn das „Nie wieder!“, wenn der Bundestagsbeschluss gegen die antisemitische BDS-Bewegung und die Behauptung einer Staatsräson, Israel, den Staat der Holocaustüberlebenden und ihrer Nachkommen, gegen Bestrebungen ihn zu vernichten, zur Seite zu stehen, irgendeine Bedeutung haben sollen, dann ist und bleibt es wichtig und völlig legitim, allen Propagandisten des Israelhasses entgegenzutreten und dafür einzutreten, dass diesen nicht auch noch zu einem mit Steuergeldern finanzierten Renommee des Erhabenen im Kulturbetrieb und Seriösen an den Universitäten verholfen wird.

Das einzufordern und darauf zu beharren, bedeutet keine Einschränkung der Kunstfreiheit, sondern hätte im letzten Jahr nur bedeutet, die Kuratoren der documenta 15, also Ruangrupa und ihre Spießgesellen nicht als Bereicherung und willkommene Gäste Kassels zu feiern, ihnen nicht ob ihrer vermeintlichen Freundlichkeit und Fröhlichkeit Honig um‘s Maul zu schmieren, sie nicht mit Posten an den Universitäten in Kassel und Hamburg zu belohnen, sondern ihnen klar und unmissverständlich zu verdeutlichen: Wir stehen fest an der Seite Israels, wir verachten und verurteilen jede antisemitische Propaganda, auch wenn sie im Mäntelchen der Kunst und als „Israelkritik“ daherkommt. Es hätte heißen müssen: Wir weisen jeden Versuch zurück, die kritische Debatte über Antisemitismus und den Zusammenhang von Israelhass, Antizionismus und Antisemitismus mit einer Agenda über „Islamophobie“ und „antipalästinensischen Rassismus“ zu kontern oder Kritik am Antisemitismus als Rassismus zu denunzieren.

Die Rede Frank-Walter Steinmeiers zur Eröffnung der documenta 15 oder die Weigerung des Bundeskanzlers Olaf Scholz, die documenta zu besuchen und ebenso die vielfach und fundiert geäußerte Kritik in renommierten, überregional erscheinenden Presseorganen10 machten deutlich, dass in der politischen Klasse und in der öffentlichen Diskussion bis zu einem gewissen Grade die Einsicht vorherrscht, Israelhass und Antisemitismus ist nicht kommentarlos zu übergehen.

Davon ist man im Kulturbetrieb meilenweit entfernt. Das beweist das Bestreben, nicht nur Ruangrupa, sondern auch Adam Szymczyk in die kommende Findungskommission berufen zu wollen. Deren Aufgabe wird es sein, den Kurator oder das Kuratorenteam für die nächste documenta auszuwählen.11 Nicht zuletzt die von den Aufsichtsorganen der documenta 15 bzw. die vom Bundesministerium beauftragten Gutachten verweisen auf den Holzweg, auf dem sich der semistaatliche Kulturbetrieb befindet. Angesichts des mit großen Summen öffentlicher Gelder finanzierten Kulturbetriebes ist es widersinnig, von staatlicher Einflussnahme zu fabulieren, die die Freiheit der Kunst gefährde. Die Freiheit der Kunst ist in Deutschland nicht gefährdet, vielmehr besteht die Gefahr, dass die Kritik an der politischen Ausrichtung des staatlich protegierten Kulturbetriebs als unliebsam, als Nestbeschmutzung, wenn nicht gar als jüdische Einflussnahme denunziert wird. Es stellt sich also die Frage, warum Kritik an der selbst gewählten ideologischen Ausrichtung des staatsnahen Kulturbetriebes in die Nähe verfassungsfeindlicher Bestrebungen gerückt wird, oder als Gefahr angesehen wird, die Meinungsfreiheit einzuschränken und die Freiheit der Kunst in Frage zu stellen. Es geht weiter um die Frage, warum in einer vom Kulturbetrieb geführten politischen Auseinandersetzung Widerspruch nicht geduldet wird, oder dieser erst dann statthaft sein soll, wenn staatlich veranlasste Gutachten das bestätigen, was die Spatzen längst von den Dächern pfiffen oder das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel von Beginn an formulierte.12

Am Beispiel der documenta wird und wurde deutlich: Es geht um das schamlose Ignorieren eines gesellschaftlichen Problems in Deutschland und das Problem heißt Antisemitismus, Antizionismus und Israelhass.

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1 Am 20. Januar 2023 erschien in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift „Lehren aus dem Documenta-Skandal. Zwischen Antisemitismus und Kunstfreiheit“ ein Artikel mit dem Titel „Einmischung unerwünscht. Was in Möllers‘ Kunstfreiheits-Gutachten steht“ und ein Interview mit dem Juristen Christoph Möllers, der das Gutachten geschrieben hat. In der HNA fasste der Autor der HNA Mark-Christian Busse am 23. Januar 2022 die zentralen Aussagen des Gutachtens unter dem Titel „Kunstfreiheit geht sehr weit. Gutachten entlastet documenta“ zusammen.

2 Die Initiative GG 5.3., die auch in Kassel Anhänger fand, wendete sich explizit gegen den Bundestagsbeschluss zur BDS-Bewegung, siehe unseren Beitrag: Israel zur Rechenschaft ziehen – Unterstützer auch in Kassel. Zur Rolle Möllers: Stefan Laurin, Documenta: Gutachten und Wirklichkeit, Ruhrbarone, 25.01.2023.

3 Der von zahlreichen in der künstlerischen Leitung der documenta tätigen Personen sowie von 4 der 10 Mitglieder des Kollektivs Ruangrupa, unterzeichnete „A Letter against Apartheid“ fordert unter anderem den kulturellen Boykott Israels. Siehe dazu mehr in unserem Beitrag: Kein Platz für Antisemitismus auf der documenta?

4 Dem Antizionismus und der „Israelkritik“ verpflichteter Agit-Prop wurde mindestens seit der documenta X präsentiert. Die von Catherine David kuratierte documenta X veranstaltete die Gesprächsreihe „100 Tage – 100 Gäste“. Zu einem der Gespräche wurde der Israel feindlich gesinnte Wissenschaftler und Begründer des Postkolonialismus Edward Said geladen. Dieses aufgezeichnete Gespräch sollte dann Auftakt der Gesprächsreihe „We need to talk“ sein, mit der die Macher der documenta 15 versuchten, die Kritik an der antizionistischen und israelfeindlichen Ausrichtung der documenta 15 zu konterkarieren. (Zu Edward Said, vgl., Andreas Harstel, Das Gründungsdokument des Postkolonialismus. Edward Saids Orientalism und Israel, in: Die Untiefen des Postkolonialismus, 2021, S. 184 – 197.) Auf der documenta 12 präsentierte Peter Friedel mit „Brownie“ die „Giraffe gegen Zionismus„, mit ausdrücklicher Erlaubnis der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev konnten während der documenta 13 Aktivisten der Aktivisten-Gruppe doccupy den dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ nachempfundenen Slogan „Konsum macht froh“ mitten auf dem Friedrichsplatz präsentieren (vgl. unseren Beitrag: Doccupy – It’s antisemitism, Stupid!) und den kulturpolitischen Skandal um die Performance „Auschwitz on the beach“ auf der documenta 14 hatte Adam Szymczyk zu verantworten. (Vgl. hierzu unseren Beitrag: Ein Maulheld und das große Einseifen).

5 Die aktuelle Diskussion über den geplanten Auftritts der Band Pantera auf dem Festival Rock am Ring zeigt, dass ein solches Vorgehen durchaus als legitim erachtet wird. Obwohl der Bassist der Gruppe Pantera Phil Anselmo sich mehrfach für seinen Auftritt im Jahr 2016 entschuldigte und von seinem Gebahren distanziert hat, wurde die Band wegen dieses Auftritts aus dem Programm genommen. (Vgl.: Pantera. Metalband tritt doch nicht bei „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ auf, Spiegel 24.01.2023) Eine öffentlich wahrnehmbare Position, die hier die Freiheit der Kunst reklamierte, ist uns nicht bekannt. Die israelfeindlichen Akteure haben ihre Positionen nie revidiert, im Gegenteil, in mehreren Erklärungen wurden sie sogar bekräftigt. Der auch von der Ruangrupa mit unterzeichnete Aufruf „We are angry, we are sad, we are tired, we are united“ spricht sich mit dem Satz „The question is not the right of Israel to exist; the question is how it exists“deutlich gegen den jüdischen Staat aus.

6 Der Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der documenta GmbH sprach völlig kenntnisfrei von agrarischen Themen, der sich die auf der documenta vertretenen palästinensischen Gruppen angenommen hätten. Siehe: Ist das alles von der Kunstfreiheit gedeckt? Hessenschau, 19.01.2022. Die Staatsministerin Claudia Roth sah nach der Veröffentlichung der windigen Apologie des Khalilis durch Croitorus in der FAZ (die ein paar Tage später auch in der HNA erschien) alle Vorwürfe als entkräftet an. Vgl., Das Humboldtforum ist nicht der Vatikan. Ein Gespräch mit der Kulturstaatsministerin Claudia Roth, FAZ, 07.02.2022.

7 In der HNA wurden mehrere Statements von Joseph Croitorus veröffentlicht, in denen dieser gegen jede Evidenz antizionistische und antisemitische Inhalte in Aussagen von Künstlern und Kunstwerken leugnete. So wurde von Croitoru z.B. der ehemalige Präsident des Khalil Sakakini Cultural Centers und Sprecher der Gruppe The Question of Funding Yazan Khalili davon freigesprochen, mit seinem Engagement für die Abschaffung Israels einzutreten. Er äußere sich kritisch gegen jeden Nationalismus, auch gegen den palästinensischen. (Joseph Croitoru: Künstler Yazan Khalili zum Antisemitismus-Vorwurf. Gründlich missverstanden, HNA, 10.02.2022) Die in einigen renommierten Sendungen herumgereichte Kulturjournalistin Elke Buhr meinte den Tatbestand, dass die Verantwortung eines Kulturzentrums, das sich nach einem Verehrer Hitler benennt mit der Verantwortung von Bewohnern einer Straße auf eine Stufe zu stellen, die nach Wagner benannt ist. Wenn jemand wie Khalili unter Emanzipation der Juden versteht, dass diese sich vom Zionismus zu lösen hätten, ist das ein Plädoyer gegen den jüdischen Staat. Die vermeintliche auch gegen den palästinensischen Nationalismus gerichtete Kritik läuft dagegen ins Leere, weil es gar keinen palästinensischen Staat gibt. An anderer Stelle meinte Croitoru es gebe in dem Filmprojekt Tokyo Reals keine Verbindungen von Japanischer Roter Armee zu palästinensischen Terrorgruppen (Joseph Croitoru, Pauschale Vorwürfe so nicht haltbar, HNA, 15.09.2022), obwohl sogar im documenta-Handbuch klar formuliert wurde, dass die Gruppe Subversive Film die „transnationalen Beziehungen zwischen unterschiedlichen Befreiungsbewegungen durch eine Institutionalisierung der Archivierungsarbeit“ wiederaufbauten und damit heutige „Solidaritäts-Konstellationen“ reaktiviere. (documenta fifteen Handbuch, S. 190). Die HNA wiederholte daher immer wieder die Behauptung „die documenta-Kritiker haben einige Fehler gemacht. Sie legten mit immer neuen Vorwürfen nach (von denen ein Großteil widerlegt wurde).“ (z.B., Matthias Lohr, Kritiker von Ruangrupa müssen zuhören, HNA, 14.10.2022)

8 Dazu z.B.: Ingo Elbe, „…it’s not systemic“ Antisemitismus im postmodernen Antirassismus, in: ders., Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne, Würzburg 2020, S. 242 – 275.

9 Grundlegend dazu: Steffen Klävers, Decolonizing Auschwitz. Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung, Oldenburg 2019.

10 In den großen überregionalen Zeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, Neue Züricher Zeitung, in den gewöhnlich eher „israelkritischen“ Organen Süddeutsche Zeitung und TAZ und vor allem in der Die Welt wurden – freilich erst nachdem wir unseren Beitrag „Documenta fifteen: Antizionismus und Antisemitismus im lumbung“ hier und auf dem Blog Ruhrbarone veröffentlichten – sowohl die israelkritische Schlagseite der documenta 15, die Tatenlosigkeit der Aufsichtsorgane, als auch verschiedene Kunstwerke kritisch rezipiert.

11 Adam Szymczyk soll neben Carolyn Christov-Bakargiev, Roger Buergel und anderen in der neuen Findungskommission vertreten sein. Die Ruangrupa wurde angefragt, lehnte ein Beteiligung aber ab. Vgl.: Bewährte Kräfte, in SZ, 11.11.2022. Dass diese Auswahl Besorgnis in der Jüdischen Allgemeinen hervorrief, verleitete den Kulturredakeur der HNA zur kenntnisfreien Behauptung die Kollegin des jüdischen Presseorgans würden reflexartig reagieren, denn Szymczyk sei in Sachen Antisemitismus nichts vorzuwerfen. Das „Schnüffeln“ nach öffentlichen Bekenntnissen der Kulturfunktionäre gegen Israel sei eine Reminiszenz an die McCarthy Ära. (Mark-Christian von Busse, Reflexhafte Urteile, HNA, 19.01.2023)

12 Der Aufsichtsrat der documenta GmbH (in dem Vertreter der Stadt Kassel, des Landes Hessens und dem Grunde nach auch des Bundes sitzen) beauftragte eine Expertenkommission, einige Kunstwerke zu überprüfen, ob sie antisemitische oder israelfeindliche Propagandawerke sind. Es gab zwar eine unterschiedliche Gewichtung in den Stellungnahmen der Mitglieder des „Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen“. In der am 10.09.2022 (also kurz vor dem Ende der Ausstellung) veröffentlichten Presseerklärung spricht das Gremium im Zusammenhang der „Kompilation pro-palästinensischer Propagandafilmen“ des Kollektivs Subersive Film von mit „antisemitischen und antizionistischen Versatzstücken versehenen Filmdokumente[n]“ und von „Israelhass und Glorifizierung von Terrorismus“ in den eingefügten Kommentaren.

Kassel: 100 Tage Israelhass – 100 Tage Antizionismus – 100 Tage Antisemitismus

Am 10.09.2022 erklärten Mitglieder des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen es zur dringlichsten Aufgabe „die Vorführung der unter dem Namen ‚Tokyo Reels Film Festival‘ gezeigte Kompilation von propalästinensischen Propagandafilmen aus den 1960er-1980er des Kollektivs ‚Subversive Film‘ zu stoppen“. Eine richtige Erklärung, die fast drei Monate zu spät kommt und angesichts der Tatsache, dass die documenta am 25.09.2022 die Tore schließt schlicht deplatziert wirkt.

Die Autoren sehen die Ursache für die monierte Einseitigkeit der präsentierten Positionen im kuratorischen Konzept der künstlerischen Leitung, „das bewusst auf Kontrolle über die Zusammenstellung und Präsentation der Ausstellung verzichtet hat.“ Das ist nur die halbe Wahrheit, denn im Fall der Kuratoren, sprich mit der Ruangrupa haben wir es mit Überzeugungstätern zu tun.

Wer Antizionisten kuratieren lässt bekommt Antisemitismus geliefert

Am 07.01.2022 und in den folgenden Tagen und Wochen deckten wir auf, dass in den leitenden Gremien der documenta (Ruangrupa, Artistic Team, documenta-Beirat) bekennende Israelgegner, Befürworter antiisraelischer Boykottinitiativen und Antizionisten vertreten waren.

Die Verantwortung für die insgesamt problematische Ausrichtung der documenta 15 lässt sich am folgenden Beispiel darstellen. Mit der unter Beteiligung Christian Geselles erfolgten Berufung der Findungskommission wurde das faule Ei in das Nest gelegt. In dieser Findungskommission, die später als documenta-Beirat fortgeführt wurde, sind mit Amar Kanwar, Charles Esche, Gabi Ngcobo, Elvira Dyangani Ose, Ute Meta Bauer mindestens fünf Personen dem antizionistischem Spektrum zuzuordnen.1 Auch der Städeldirektor Philippe Pirotte fiel zumindest mit indifferenten Positionen zum Thema Israel, Antizionismus und Antisemitismus auf.2 Dieses Gremium berief die Ruangrupa, von der mindestens vier Personen dem antizionistischen Spektrum oder der Szene der Israel-Boykottbewegungen zuzuordnen sind. Die Ruangrupa kuratierte das palästinensische und antiisraelische Kollektiv The Question of Funding, welches wiederum dem Antisemiten Mohammed Al Hawajris die Möglichkeit bot, seine Machwerke der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Angesichts dieser auch von uns dargelegten Problematik organisierten wir am 18.06.2022, dem Eröffnungstag der documenta, zusammen mit Malca Goldstein-Wolf eine Kundgebung. Aus Kassel schlossen sich lediglich das Junge Forum DIG und die Junge Union Kassel dieser Kundgebung an.

Dort sagten wir in unserem Beitrag:

„Die documenta GmbH ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die von der Stadt Kassel und dem Land Hessen als Gesellschafter getragen und zudem durch die Kulturstiftung des Bundes finanziell unterstützt wird. Akteure wie Ruangrupa wurden von einer Expertenkommission explizit eingeladen und vom Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle bestätigt. Dass die Dämonisierung Israels im Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts nicht die Ausnahme sondern die Norm ist, hätte umso mehr eine vorherige Kontrolle bedingen müssen, die zum Resultat hat, dass es nicht öffentlich als solche erkennbare Antisemiten sind, deren Arbeit man mit zigmillionen Euro an Steuergeldern fördert und deren Ressentiments man eine internationale Bühne bietet.“3

Im Redebeitrag vom Jungen Forum DIG hieß es:

„Auch unter den Künstlern der jetzigen Documenta sind eingefleischte Israelhasser, die Kunst anfertigen, die mit dem Begriff ‚BDS-Kunst‘ noch milde umschrieben ist. […] Es ist also zu befürchten, dass die Documenta durch das Agieren ihrer Leitung und ihrer Künstler den Beschluss des Bundestages de Facto untergräbt und so einer antisemitischen Bewegung verhilft, weiter salonfähig zu werden. Dieser Antisemitismus des Kulturbetriebs darf nicht unwidersprochen bleiben, […]“4

Dieses Bild steht für das Verhältnis des Aufsichtsrates zum Kuratorenteam Ruangrupa bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erklärung der fachwissenschaftlichen Begleitung. Das Bild zeigt Christian Geselle mit den beiden Antizionisten Ade Darmawan und Farid Rakun

Es war also schon vor der Eröffnung der documenta klar, was zu erwarten war. Denn wer Antizionisten einlädt, eine Ausstellung zu kuratieren, darf sich nicht wundern, dass Antisemitismus präsentiert wird. Den absehbaren antisemitischen Umtrieben auf der documenta 15 wurde, als es noch sinnvoll und notwendig war, von den politisch Verantwortlichen nichts entgegengesetzt. Im Gegenteil der Aufsichtsratsvorsitzender der documenta-GmbH Christian Geselle, die hessische Ministerin Angela Dorn und die Bundesministerin Claudia Roth wischten die Kritik mit den Hinweisen auf die Kunstfreiheit und auf eine Multiperspektivität seit Januar vom Tisch und widerholten diesen Standpunkt auch auf der Pressekonferenz am 16.06.2022. Der Tenor der Kritikabwehr seitens der Kuratoren, der ausstellenden Künstler und Kunstkollektive lautete damals wie heute: Die Kritik am Antisemitismus und Israelhass der Kuratoren und einiger Künstler sei eine rassistische Kampagne der Medien, der Antizionismus und Antisemitismus sei „legitime Kritik“ an Israel als Kolonial- oder Apartheidstaat.

Es kam, wie es von uns und verschiedenen anderen kritischen Stimmen befürchtet wurde. Der „Guernica – Gaza – Zyklus“ des antisemitischen Künstlers Mohammed Al Hawajris wurde schon kurz vor der Eröffnung bekannt. Am Eröffnungstag kam es zu dem krassesten Fall, als die Gruppe Taring Padi das Banner „People’s Justice“ auf dem Friedrichsplatz präsentierte, das einen Juden im Stil des Stürmers karikierte. Die antisemitischen und israelfeindlichen Graphiken, die die Gruppe Archives des luttes des femmes en Algérie präsentierte und die Anleihen an ein Logo der Terrorgruppe PFLP, die der antisemitischen Künstler Hamja Ahsan direkt am Eingang des Fridericianums präsentierte, wurden einige Tage später bekannt und kritisiert.

Dass auf der documenta 15 antisemitische Propaganda-Filme gezeigt werden ist nicht neu

Am 20.06.2022 erschien in der Süddeutschen Zeitung der Artikel „Hinter den Propaganda-Filmen in Kassel steht ein Ex-Terrorist und RAF-Freund“.5 Dort konnte man unter anderem lesen: „Besonders problematisch sind Filmarbeiten des Kollektivs Subversive Films aus Brüssel und Ramallah, zu sehen an den Documenta-Spielorten Hübner-Areal und Gloria-Kino unter dem Namen Tokyo Reels Film Festival. Das Künstlerkollektiv um Mohanad Yaqubi und Reem Shillem traf sich, wie sie auf der Website der Documenta schreiben, vor dem Projekt mit dem japanischen Agit Prop-Filmemacher und ehemaligem Mitglied von Terrororganisationen Masao Adachi, dies war demnach der Ausgangspunkt ihres Projekts. Danach erhielten sie Filme aus den Siebzigern diverser Regisseure mit Propaganda auch für die palästinensische Sache. Der 1939 geborene Adachi war lange führender Kader der Japanischen Roten Armee. Diese trainierte in den Siebzigerjahren im Libanon für einen ‚revolutionären Krieg‘. Die Terrorgruppe verübte eine Reihe von Anschlägen in etlichen Ländern, darunter den Anschlag auf den Flughafen in Tel Aviv am 30. Mai 1972. Dabei starben 26 Menschen, 80 wurden verletzt. […] Problematisch sind die Werke nicht, weil sie die palästinensische Binnenperspektive einnähmen – das tun sie gerade nicht. Zu sehen ist Propaganda, und zwar eine in Demokratien gewachsene. In einem heute unfassbaren Revolutionskitsch werden etwa wild geschnittene Bilder aus US-Western assoziiert mit den Palästinensern, diese also implizit als moralisch angeblich überlegene Ureinwohner verherrlicht. Was ein vergiftetes Kompliment ist, transportiert es doch alle Stereotypen vom edlen Wilden und läuft damit der Intention der Documenta entgegen, Menschen des globalen Südens eine Stimme zu geben. […] Den Film „The Urgent Call of Palestine“ hat der damalige Direktor der PLO-Organisation für Kunst und Nationale Kultur Ismail Shammout verantwortet. Es zeigt die Sängerin Zeinab Shaath, wie sie auf Englisch singt, die Alternative zum Kämpfen sei der Tod. Andere Filmausschnitte preisen die japanischen Unterstützer palästinensischer Kämpfer wie eine schlechte Dauerwerbesendung. Das Kollektiv beruft sich auf den Archivgedanken, es will bewahren. Wer aber in die Werke hereinschaut, bekommt den Eindruck, dass die Künstler auf der Documenta auch eine neue radikale Unterstützerwelle für Palästinenser initiieren möchten. […] Und da fragt sich dann doch, ob das Oberkollektiv Ruangrupa kuratiert, also die Arbeiten mit ausgewählt und begleitet hat. Wenn ja, haben sie diese Propaganda so gewollt. Und wenn nein: ist es ohnehin ein Fehler.“

Die ausführliche Kritik Kia Vahlands an den Machwerken der Tokyo Reels Film Festival war also schon lange bekannt und blieb auch nicht unbeachtet. Verschiedene andere überregionale Zeitungen, u.a. Die Welt, griffen das Thema auf. Dagegen sind die Ausführungen des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung, die zwei Wochen vor dem Ende der documenta veröffentlicht wurden, recht dürr.

Die Erklärungen der Gesellschafter der documenta, also Christian Geselles, Angela Dorns und Claudia Roths, die sich dem Votum des Gremiums anschließen, dürften, weil viel zu spät, folgenlos bleiben oder der Kosmetik dienen. Sie liefern, weil sie die Ursachen des kulturpolitischen Skandals ersten Ranges nicht benennen, letztendlich auch keine Erklärung, sondern beschreiben, wie es schon nach der Präsentation der Nazi-Ästhetik durch Taring Padi geschah, nur das, was nicht mehr zu leugnen ist. Nicht nur „dass die Documenta GmbH zuvor immer betont hatte, dass die Entscheidungen für den künstlerischen Teil der Ausstellung allein bei Ruangrupa liege, wirkt zunehmend bizarr.“6

In zwölf Tagen schließt die sogenannte Weltkunstausstellung. Angesichts dieser Tatsache ist es jetzt für wirksame Schritte gegen die Präsentation antisemitischer und antizionistischer Machwerke zu spät. Angemessen wäre es die Ruangrupa und ihre Spießgesellen „unehrenhaft zu entlassen“, sprich sie nach Beendigung der „Weltkunstausstellung“ ohne Verabschiedung zum Gehen aufzufordern. Und Kassel sollte der Schandtitel „Antisemita-Stadt“ zuerkannt werden.

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1 Entscheiderin nannte Israel „Apartheidstaat“. Der Antisemitismusskandal auf der documenta war absehbar, in: Tagesspiegel, 12.07.2022.

2 Pirotte äußerte sich laut HNA wie folgt: „Die Antisemitismusvorwürfe gegen Künstler und Kuratoren der documenta fifteen seien eine Instrumentalisierung, um das Projekt zu diskreditieren“, in: Antisemitismus auf drei Ebenen, HNA, 13.09.2022.

3 Siehe unseren Beitrag: Solidarität mit Israel – Dem Antisemitismus entgegentreten – Stoppt BDS.

4 Siehe Fußnote 1

5 Hinter den Propaganda-Filmen in Kassel steht ein Ex-Terrorist und RAF-Freund, in: SZ, 20.06.2022.

6 Documenta. „Die Gesellschafter schließen sich dem Votum“ an, in: FR, 13.09.2022.

BDS – zu den Hinter- und Abgründen einer antisemitischen Bewegung

Wo BDS drauf steht ist Antisemitismus drin

Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel hatte im Januar nicht nur aufgedeckt, dass mit „The Question of Funding“ eine Gruppe kuratiert wurde, die aus antiisraelischen Aktivisten besteht, die aus dem Umfeld des Khalil Sakakini Cultural Center kommen, sondern dass die Führung der documenta 15 (documenta-Beirat und das Artistic Team) und auch die kuratierende Gruppe ruangrupa von Befürwortern des Boykotts gegen Israel durchsetzt sind, bzw. von diesen dominiert werden.1 Die am 16. Juli 2022 abgesetzte Generaldirektorin Sabine Schorman führte über die BDS-Bewegung folgendes aus: „Aber BDS ist eine breite und vielschichtige Bewegung, in der leider Antisemitismus nicht ausgeschlossen ist, die aber auch weltweit von einer Vielzahl von Kulturschaffenden unterstützt wird – die dies als Zeichen friedlichen Protests in Ausübung von Kunst und Meinungsfreiheit verstehen.“2

Auf unserer Tagung „Antisemitismus im Nah-Ost-Konflikt und in der Kunst der postbürgerlichen Gesellschaft“ am 16. Juli 2022 in Kassel hatten wir Alex Feuerherdt eingeladen, über das Thema BDS zu referieren.

Wir veröffentlichen hier den Mitschnitt3 seines Vortrages: „BDS – zu den Hinter- und Abgründen einer antisemitischen Bewegung„.

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1 Im Beitrag „Kein Platz für Antisemitismus auf der documenta?“ findet sich ein Überblick zu den antiisralischen Aktivisten in den Führungsstrukturen der documenta 15.

2 HNA, 12. April 2022.

3 Auch hier bedanken wir uns beim Freien Radio Kassel und ganz besonders beim Radio T (Chemnitz), dessen Mitarbeiter M.S. die Aufnahme bearbeitete.

Schutz des jüdischen Lebens? Wo kämen wir da hin!

Im Schatten der documenta: Der ganz normale Antisemitismus in der nordhessischen Provinz

Man sollte meinen, dass es nach Auschwitz eine Selbstverständlichkeit sei, dass jüdisches Leben eines besonderen Schutzes bedarf und dass man sich dem Bestreben der Juden nach nationaler Selbstbestimmung in einer jüdischen Nation nicht entgegenstellt.

Doch dem Deutschen ist jüdisches Selbstbewusstsein ebenso suspekt, wie die Einsicht der wenigen Deutschen, für die „Nie wieder!“ nur die „Wiederaneignung von Kraft und Gewalt durch die Juden“ (Claude Lanzmann) heißen kann.

Der HNA-Journalist Axel Welch formuliert vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um die documenta 15 in einem kurzen Artikel der Zeitung folgendes: „Der Antisemitismus-Eklat offenbart, wie stark externe Fliehkräfte auf die documenta wirken.“

Schon der Aufsichtsratsvorsitzende der documenta-gGmbH, Christian Geselle, sah in der Kritik an den antizionistischen Akteuren in der documenta 15 und deren Wirken nicht eine Debatte der Gesellschaft, sondern eine von außen auf die documenta einwirkende Kampagne. Jetzt ist es die Kritik, die Fliehkräfte hervorrufe. Fliehkräfte können dazu führen, dass ein Objekt sich wie in einer Zentrifuge in seine Einzelbestandteile auflöst. Sie wirken also zersetzend. Die mittlerweile wichtigsten Kritiker am Antizionismus und Antisemitismus auf der documenta 15 sind, neben verschiedenen Autoren der Zeitung „Die Welt“, vor allem die Vertreter des Zentralrats der Juden Daniel Botmann, Doron Kiesel und Joseph Schuster und z. B. Elio Adler von der WerteInitiative und des American Jewish Commitee (AJC), also Juden. Der Vorwurf der Zersetzung gehört zu den typischen antisemitischen Argumentationsmustern.

Welch führt weiter aus: „Eingebunden in dieses Geflecht sind auch die Medien. Differenziertheit bleibt da mal auf der Strecke, wenn etwa die Springerpresse reflexartig ihren Schutzschirm ausbreitet, weil jüdisches Leben aus einem anderen Blickwinkel, einer anderen Hemisphäre betrachtet wird.“ Dem Autor ist zunächst einmal die Verteidigung („Schutzschirm“) „jüdischen Lebens“, sprich der Juden, gegen Angriffe (der „andere Blickwinkel“) offensichtlich ein Ärgernis. Wenn der Begriff „Springerpresse“ fällt, weiß der geneigte Leser seit 1968: Hier sind unseriöse Kräfte, rechte Hetzer oder gar Faschisten am Werk. Einen Schutz haben Juden, die sich zersetzend betätigen, nicht verdient. Es ist allenfalls die Springerpresse (oder das Werk linksradikaler Antideutscher, wie es ein anderer Journalist der HNA zu wissen meinte), die sich dazu hinreißen lässt. Ein anständiger Kasseler oder Deutscher tut so etwas nicht, schon gar nicht dann, wenn die „weltweit bedeutendste Ausstellung moderner Kunst“ (Geselle, Eichel, Hilgen, Bremeier) der Kritik ausgesetzt ist, weil sie zur Spielwiese antiisraelischer Aktivisten geworden ist.

Was unter einem „anderen Blickwinkel“ gemeint ist, ist bekannt: Damit ist die Diffamierung Israels als Apartheidstaat, die BDS-Bewegung, andere Boykottinitiativen, der palästinensische „Widerstand gegen die Besatzung“ etc. gemeint. Ziel dieses „anderen Blickwinkels“ ist die Abschaffung des Staates Israel, also die schutzlose Auslieferung des jüdischen Lebens an die antisemitische Internationale. Der BDS-Bewegung geht es den Beteuerungen vieler ihrer Protagonisten nach um Israel und dessen Politik und nicht um Juden. Doch Welch spricht das aus, was gemeint ist, wenn bei diesen Kräften von Israel, von israelischer Politik und von Zionismus die Rede ist, es geht um das „jüdisches Leben“, das ihnen ein Dorn im Auge ist.

Sie wussten was sie taten

Die Probleme einer Weltanschauung und die Ignoranz der politisch Verantwortlichen

Am 09.01.2022 schrieben wir dem Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzenden der documenta gGmbH eine E-Mail. Hier der Text:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Christian Geselle,

Sie stehen persönlich dafür ein, dass Kassel eine besondere Verbundenheit zu Israel und zur Partnerstadt Ramat Gan auszeichnet. Seit zwei Jahren wird zum Zeichen der Verbundenheit mit Israel am 14. Mai die Fahne Israels am Rathaus gehisst. Wir begrüßen diese auch heute nicht selbstverständliche Haltung in der Kommunalpolitik.

Als Vorsitzender des Aufsichtsrates der documenta-GmbH können Sie sicherlich nicht alle Persönlichkeiten und Künstler kennen, die im Rahmen der kommenden documenta fifteen kuratiert werden und dort in den diversen Gremien sitzen. Der Bundestag fordert in seinem Beschluss vom 17. Mai 2019, „BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen“, Organisationen und Personen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen nicht mit öffentlichen Geldern finanziell zu fördern und hat Länder, Städte und Gemeinden aufgefordert, sich dieser Haltung anzuschließen.

Mit der „Künstlergruppe“ „The Question of Funding“ aus Ramallah, die zunächst als „Cultural-Center Khalil Sakakini (KSCC)“ vorgestellt wurde, ist jedoch genau eine Gruppe als „member“ des „lumbung“ geladen worden, die die BDS-Bewegung und ähnliche Initiativen unterstützt. Auch weitere Künstler, die sich in dieser Richtung engagieren, werden als member des lumbung genannt. Das verwundert nicht, weil in den verschiedenen Gremien der documenta fifteen Unterstützer der Boykottbewegung gegen Israel agieren.

Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel hat eine Presse-Erklärung und einen ausführlichen Blogbeitrag zu dem unmittelbar dem KSCC zuzurechnenden Personenkreis, zu den zu verurteilenden Bezügen des KSCC und zu weiteren Personen aus dem Unterstützerkreis der Boykottbewegung gegen Israel veröffentlicht.

Wir wünschen uns eine klare Stellungnahme und Intervention von Seiten der Stadt und von Ihnen als Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der documenta-GmbH, der Absicht von BDS-Unterstützern und anderen Boykottbefürwortern gegen Israel, namentlich der Gruppe „The Question of Funding“ im Rahmen der international beachteten documenta auszustellen und zu agieren, entgegenzutreten.

Für Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Eine Antwort gab es nicht.

Inkompetenz, Desinteresse und Abwehr der Kritik auf allen Ebenen

Was war der Anlass unserer E-Mail?

Am 07. 01.2022 veröffentlichten wir den Beitrag „Documenta fifteen: Antizionismus und Antisemitismus im lumbung“. Dort kritisierten wir in einigen Sätzen die grundlegende Ausrichtung der documenta, die unseres Erachtens in einem systematischen Zusammenhang mit Antizionismus, Israelhass und Antisemitismus steht. Wir nannten Gründe dafür, warum die Gefahr bestand, dass die Kunstausstellung antizionistischer Propaganda eine Bühne bietet. In der Findungskommission, die als documenta-Beirat während der documenta 15 fortgeführt wird, sitzt mit Amar Kanwar eine Person, die die Boykottbewegung gegen Israel unterstützt und mit Charles Esche eine, die den Bundestagsbeschluss zur antisemitischen BDS-Bewegung kritisierte. Im aus fünf Personen bestehenden „Artistic Team“, der künstlerischen Leitung der documenta 15, unterstützen vier den antiisraelischen Hassbrief „A Letter Against Apartheid“. Die von der Findungskommission berufene ruangrupa besteht aus zehn Personen. Sie soll die kuratorische Arbeit der documenta 15 übernehmen. Vier, davon die beiden führend tätigen Ade Darmawan und Farid Rakun gehören zu den Unterstützern dieses Briefes oder andere antiisraelische Pamphlete. Der „A Letter Against Apartheid“, und das ist in diesem Kontext das Entscheidende, fordert auch den kulturellen Boykott Israels. Er steht für die Parole: Israelis raus!

Wir stellten am Beispiel der kuratierten palästinensischen Gruppe „The Question of Funding“ heraus, dass deren Protagonisten, insbesondere einer der beiden bekannten Akteure dieser Gruppe, Yazan Khalili, sich in antisemitischer Art und Weise öffentlich geäußert hat und zu den Unterstützern der BDS-Bewegung zählt. Ferner stellten wir heraus, dass diese Gruppe aus dem Umfeld des „Khalil Sakakini Cultural Centers“ kommt, das zu den Mitgründern der antisemitischen BDS-Bewegung gehört und sich nach einem palästinensischen Pädagogen und Nationalisten benennt, der sowohl antisemitische Aussagen getroffen als auch sich lobend über Hitler geäußert hat.

Sofern der Bundestagsbeschluss zur antisemitischen BDS-Bewegung und die Bekenntnisse der Stadt Kassel und ihrer Repräsentanten zu Israel, zu den hier lebenden Juden und zur deutschen Vergangenheit irgendeine politische Bedeutung haben sollen, gab es zu diesem Zeitpunkt genug Gründe, erstens mit uns in Kontakt zu treten, zweitens darauf hinzuwirken, dass die Arbeit der Kuratoren kritisch begleitet wird und drittens vielleicht sogar zu erwägen, das „Artistic Team“ abzulösen und die Gruppe „The Question of Funding“ nach Hause zu schicken.

Ein Problembewusstsein ließen weder Christian Geselle noch irgendein anderer Akteur der Stadt erkennen. Im Gegenteil. Der Oberbürgermeister ließ am 16.01.2022 in einer Pressemitteilung verlauten: „Mit dem indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa kuratieren 2022 zum ersten Mal Vertreter aus Asien die documenta, die auch die Perspektive des globalen Südens berücksichtigen. Dabei seien unter anderem die Hinterfragung von Machtverhältnissen und dekoloniale Ansätze zentrale Gegenstände. […] Die Freiheit der Kunst zu wahren und zu verteidigen sei [..] Aufgabe aller, die an die Werte unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung glauben. Eine Überprüfung […] dürfe es nicht geben […]“.1

Nachdem zunächst die CDU-Fraktion eine Resolution für die Stadtverordnetenversammlung entwarf, in der die Überprüfung der von uns geschilderten Tatsachen gefordert wurde, zog die CDU nach der Stellungnahme des Oberbürgermeisters und der dünnen Erklärung der documenta, sie wende sich auch gegen Antisemitismus, diese Resolutionsentwurf zurück.2

Die documenta reagierte am 12.01.2022 mit einem vollkommen inhaltsleeren Dementi, das in der überregionalen Presse auf Unverständnis stieß.3 Einige Tage später, am 19.01.2022 folgte dann eine ausführlichere Stellungnahme in der zunächst die Rede von rassistischen Diffamierungen und von Falschmeldungen war: man habe Künstler eingeladen, die sich im „Sinne der lumbung-Praxis mit künstlerischen Mitteln für ihre jeweiligen lokalen Kontexte engagieren. […] Grundlage der documenta fifteen ist die Meinungsfreiheit einerseits und die entschiedene Ablehnung von Antisemtismus, Rassismus, Extremismus, Islamophobie und jeder Form gewaltbereitem Fundamentalismus andererseits.“ Die Macher der documenta kündigten dann an, unter dem Titel „We need to talk! Art – Freedom – Limits“ eine vielstimmige Debatte zu führen.4 Für den Aufsichtsratsvorsitzenden der documenta gmbH Christian Geselle war damit alles erledigt. In dem ihm eigenen Stil ließ er am verlautbaren: „Für mich ist die Angelegenheit mit dieser Erklärung erledigt“. Die HNA berichtete am 20.01.2022, der Kasseler Oberbürgermeister sehe keine Anzeichen dafür, dass das Existenzrecht Israels seitens der documenta fifteen infrage gestellt werde. Die Menschen in Palästina hätten ebenso das Recht auf ein selbstbestimmtes, friedliches und würdevolles Leben – ein Wunsch, den die Künstler mit ihrem Ansinnen einer ökonomischen und sozialen Autonomie zum Ausdruck brächten.“ Geselle und die hessische Kunstministerin Angela Dorn sahen keine Notwendigkeit, das Gremium des Aufsichtsrates einzuberufen.5

Am 16. März besuchte die Kulturstaatsministerin Claudia Roth Kassel. Auf sie dürfte zurückgehen, dass sich die documenta-Macher dazu herabließen, eine Diskussion zu simulieren. In der HNA führte sie aus, dass sie es gewesen sei, die diese Gesprächsreihe angeregt hätte. Die HNA zitiert Roth: „Antisemitismus ist keine Meinung, für Antisemitismus, für Rassismus, für jede Form der Menschenfeindlichkeit ist in unserer Gesellschaft überhaupt kein Platz. Das ist nicht verhandelbar. Das Existenzrecht Israels infrage zu stellen, ist absolut inakzeptabel.“ Man müsse sich zwar auch auf Menschen aus Weltregionen wie Indonesien einlassen, die einen anderen kulturellen und religiösen Hintergrund haben. […] Nach dem Gespräch mit Ruangrupa teilte Roth gestern mit, sie habe sich ein Bild von den Vorbereitungen gemacht und wolle den Verantwortlichen sowie den Gesellschaftern Dank und Respekt aussprechen: „Das Engagement aller Beteiligter im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus ist noch einmal deutlich unterstrichen worden, und ich messe den Versuchen aller Beteiligter, die notwendigen Diskussionen offen und transparent zu führen, eine hohe Glaubwürdigkeit bei. Ich würde mich freuen, wenn deren Gesprächsangebot zu einer friedlichen und lösungsorientierten Debatte breite Zustimmung erhält.“6

Dieses Statement nahmen wir dann wiederum zum Anlass, der Kulturstaatsministerin am 21.03.2022 eine E-Mail zu schreiben:

Sehr geehrte Frau Staatministerin Claudia Roth,

am 16.03.2022 besuchten Sie, Frau Staatsministerin Roth, Kassel. Anlass war ein Gespräch mit den künstlerischen Leitern der documenta fifteen, Ruangrupa. Gegen das Künstler- und Kuratorenkollektiv aus Indonesien hatte es wegen der Nähe zur israelkritischen BDS-Bewegung Antisemitismusvorwürfe gegeben. In einem Gespräch mit der HNA verkündeten Sie, dass Sie „den Versuchen aller Beteiligten, die notwendige Diskussion offen und transparent zu führen, eine hohe Glaubwürdigkeit“ beimessen. Die documenta stehe „beispielhaft als geschützter Raum für eine offene Debatte.“

Wir, die Mitglieder des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel (BgA-Kassel), hatten in einem am 07.01.2022 veröffentlichten Blogartikel nachgewiesen, dass zahlreiche Personen in wichtigen Gremien der documenta 15 dem Umfeld der Israel-Boykott-Bewegung angehören oder zu den Kritikern des Bundestagsbeschlusses zur antisemitischen BDS-Bewegung zählen. Ferner hatten wir darauf hingewiesen, dass mit „The Question of Funding“ eine Personengruppe aus dem unmittelbaren Umfeld des palästinensischen „Khalil Sakakini Cultural Centrum (KSCC)“ von den Documenta – Verantwortlichen zur Weltausstellung eingeladen wurde. Das KSCC war, bevor es sich in eine NGO wandelte, eine Institution der Palästinensischen Autonomiebehörde und ist nach dem palästinensischen Nationalisten, einem Anhänger Hitlers und einem Befürworter des Terrors, Khalil al-Sakakini benannt. Die beiden Personen, Yazan Khalili und Fayrouz Sharkawi, die bisher für diese Gruppe in Erscheinung getreten sind, sind Anhänger der Boykottbewegung gegen Israel. Deren Sprecher, Yazan Khalili, hat sich außerdem mit antisemitischen Äußerungen und Gewaltfantasien hervorgetan.Unsere Recherche fand große Beachtung in den Medien.

Versuche, die Argumentation des BgA-Kassel zu entkräften, erwiesen sich als substanzlos.

[…]

Wir vom BgA-Kassel interpretieren die gegen uns an den Tag gelegte Gesprächsverweigerung und die gleichzeitig gegen uns unternommenen rechtlichen Schritte jedoch als Verweigerung, sich mit unangenehmen Fragen auseinander zu setzten. Uns drängt sich der Verdacht auf, dass es nicht darum geht, eine offene Debatte zu führen, sondern die angeschlagene Reputation der documenta 15 zu retten. Es ist offensichtlich, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus, Boykott-Bewegung gegen Israel unter den „Kulturschaffenden“ und in der postmodernen Kunst-Szene nicht stattfinden soll. Diese Auseinandersetzung ist jedoch notwendig und falsche Rücksichtnahme wäre hier fehl am Platz.

[…].

Wir jedenfalls werden diese Debatte öffentlich führen! Außerdem gehen wir davon aus, wenn Sie dabei bleiben, dass eine offene und transparent zu führende Diskussion notwendig sei, dass am Ende auch an uns vom BgA-Kassel seitens der Stadt und den Verantwortlichen der documenta und aus Kunst und Kultur ein Gesprächsangebot gerichtet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Eine Antwort gab es auch auf dieser Ebene nicht.

Dass genau der von allen Beteiligten angeführte postkoloniale Ansatz, vulgo „Sichtweise des globalen Südens“ oder die sogenannte Multiperspektivität problematisch ist, sollte seit den Ereignissen um die Ruhrtriennale 2020 und der darauf folgenden Debatte bekannt sein. Uns ist klar, dass es nicht die Aufgabe eines Bürgermeisters einer Provinzstadt ist, die verschiedenen Facetten der Diskussionen und Auseinandersetzungen zum zeitgenössischen Antisemitismus, zur postmodernen Ideologie im Allgemeinen und zum Postkolonialismus im Besonderen zu kennen. Vor dem Hintergrund des Bundestagsbeschlusses und spätestens nach unserer E-Mail hätte es aber gute Gründe gegeben, einfach mal beim BgA-Kassel nachzufragen, anstatt dieses dem Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit auszusetzen. Aber es kam noch schlimmer. Weil wir angeblich eine urheberrechtlich geschützte Zeichnung des lumbung verfremdeten und zur Illustration unseres Blogbeitrages nutzten, erreichte uns am 07.02.2022 ein Abmahnschreiben einer renommierten Anwaltskanzlei im Auftrag der documenta-gGmbH. Aus dem Text des Abmahnschreibens ging hervor, dass man wohl zuerst versuchte, uns der „unzulässigen Meinungsäußerung“ zu überführen. Zusammengefasst, man nahm uns zwar ernst, versuchte uns aber mundtot zu machen.

Obwohl dann einige Autoren wichtiger überregionaler Zeitungen (Die Zeit, NZZ, FAZ, TAZ und Die Welt und zuletzt sogar Spiegel) so etwas wie ein Problembewusstsein hatten7 und sich im Mai dann auch der Zentralrat der Juden, die WerteInitiative und das American Jewish Comittee (AJC) sehr deutlich zu Wort meldeten8, fochten dies weder die Verantwortlichen und die Leitung der documenta 15, noch die lokale Politik oder andere Akteure der sogenannten Zivilgesellschaft in Kassel an. Noch am Mittwoch, den 15.06.2022, also unmittelbar vor der Eröffnung der documenta 15, feierten sich Christian Geselle, Angela Dorn und Sabine Schormann im Auestadion selbst und Kassel und wiesen die mittlerweile immer deutlicher werdende Kritik als von außen aufgezwungen und dem Gegenstand als unangemessen zurück. Wie zum Trotz überließen sie dem Israelfeind Agus Nur Amal (Pmtoh) die Bühne.

Der offene Antisemitismus war kein Zufall

Am 18.06.2022 hängte die Gruppe Taring Padi das nun weltbekannte Banner auf, dessen Mitte eine im Stil des Stürmers gehaltenen Karikatur eines Juden zeigte. Hätte die Partei „Der Dritte Weg“ oder „Die Rechte“ ein solches Banner aufgehängt, halb Kassel hätte auf den Beinen gestanden und „No Pasaran!“ skandiert. Man hätte nicht nur die Entfernung des Plakats, sondern mit dem sattsam bekannten Slogan „Nazis raus!“ die Verbannung der Gruppe aus Kassel gefordert. Nichts dergleichen passierte anlässlich des Propaganda-Coups durch die Gruppe Taring Padi. Man nahm die fadenscheinige Entschuldigung der Gruppe hin, die im Duktus fast gleichlautend daher kam, wie man ihn von rechten Politikern vernehmen kann, wenn sie bei antisemitischen Rülpsern erwischt werden. Man suchte den Diskurs und war froh, dass zunächst mit Meron Mendel ein Experte engagiert werden konnte, der sowohl weiß, wovon er spricht, wenn er sich zum Thema Antisemitismus äußert und der gleichzeitig, sich dem von der documenta verkündeten Dogma der Multiperspektivität unterwerfend, die palästinensische Perspektive als legitim betrachtet und keinen strukturellen Zusammenhang von Postkolonialismus und Antisemitismus erkennen will.9

Allen, bis auf den Anführer der VVN-BdA Kassel, Ulrich Schneider10, war klar, dass die Karikatur des Juden auf dem indonesischen Banner antisemitisch ist. Dennoch, die einhellige Verurteilung des Banners – wohlgemerkt nicht der Gruppe – verstellt die Debatte, um die es eigentlich gehen müsste: Warum war es möglich und was hat es zu bedeuten, dass eine sich progressiv gebende Gruppe einen Juden im Stürmer-Stil als Repräsentant für das Schlechte in der Welt präsentiert?

Das jetzt abgehängte Banner der Gruppe Taring Padi wäre ohne die Judenkarikatur und ohne den Mossad-Mann genauso unbeanstandet goutiert worden, wie das am Opernplatz aufgehängte Bild, in dem die Ami-Sau unten rechts im Bild zu finden ist, oder die zahllosen Papp-Aufsteller am Hallenbad Ost, die in bisweilen rassistischer Überzeichnung, Kapitalisten und Politiker als Ratten und Schweine darstellen. In diesen vermeintlich kritischen Darstellungen von Unterdrückung und Ausbeutung sowie der Illustration des Kampfes für eine angeblich bessere Welt zeigt sich die gemeinsame Grundlage der Ideologie der umworbenen Aktivisten aus dem Süden und der saturierten Kunstschaffenden und -konsumenten in den Metropolen des sich selbst hassenden Westens.

Die Ideologie, die sich im Banner der Gruppe Taring Padi mit oder ohne Jude in der Mitte darstellt, ist geprägt von einem simplen Gut-Böse-Dualismus, der Personalisierung abstrakter Herrschaftsverhältnisse, einem zivilisationsfeindlichen Zurück-zur-Natur-Mythos und in der Verherrlichung des Landlebens. Die als Befreiung interpretierte Anbetung des Kollektivs und autochtone Tradition und die letztendlich autoritäre Verachtung des Individuums paart sich mit der auf der documenta allenthalben gefeierten Ursprünglichkeit, die sich in der politischen Aufladung der präsentierten Kollektive, Gemüsebeete, und Komposthaufen darstellt. Heraus kommt dabei ein Gebräu einer Weltanschauung, die sich durch die Feindschaft gegenüber der Moderne und ihrer Ideen von der Freiheit des Individuums, der Aufklärung, von der Befreiung aus der Knechtschaft und aus den Zwängen der Natur auszeichnet und die der Nährboden antisemitischer Weltanschauung ist. Dieses Konglomerat an Vorstellungen von einer „anderen Welt“ der ruangrupa und ihrer Protegés und Anhänger kommt als eine Weltanschauung der Antimoderne daher, die schlicht und ergreifend eine offene Flanke zum Antisemitismus hat. Und zu dieser Weltanschauung gehört das Bündnis mit den Antizionisten aus dem Nahen Osten, wie der Komposthaufen zum Gemüsebeet an der documenta-Halle. Aus diesen Gründen war die von Mendel erwogene Schnüffelei nach weiteren offen antisemitischen Exponaten fehl am Platze.

Es ist kein Wunder, dass so lupenreine Antisemiten wie Mohammed Al Hawajri, Hamja Ahsan, dass beinharte Israelfresser wie Khalid Albaih, Jumana Emil Abboud, das Party-Office und mindestens 60 weitere Unterzeichner des „A Letter Against Apartheid“ auf der documenta präsentiert werden11, nur dass diese es im Gegensatz zu den Indonesiern vielleicht verinnerlicht haben, dass man nach 1945 in Deutschland den Juden nicht (mehr) mit Hakennase und blutunterlaufenen Augen, ihn nicht als Gottesmörder oder blutrünstigen Militär präsentiert. Das macht man zuhause, wenn die Weltöffentlichkeit nicht hinschaut. Sie wissen, dass man es ihnen als „Israelkritik“ durchgehen lässt, wenn die einzige Demokratie im Nahen Osten als Apartheid-Regime bezeichnet wird und wenn Israel selbst dafür verantwortlich gemacht wird, wenn die Hamas Israel mit Raketen beschießt. In der Sitzung des Ausschusses für Kultur und Medien des Bundestages konnte man nachvollziehen wie das funktioniert. Einer der beiden Sprecher der ruangrupa, Ade Darmawan, äußerte sich gemäß eines Artikels des Tagesspiegels wie folgt: „‘Es gibt keinen stillen Boykott gegen Israel oder gegen Juden.‘ Jüdische und israelische Künstler seien bei der documenta vertreten, würden auf eigenen Wunsch namentlich nicht genannt, da sie mit dem Konzept des Nationalstaates nicht in Verbindung gebracht werden möchten.“12 Damit dürfte er den antizionistischen Konsens der documenta 15 ausgedrückt haben, den Yazan Khalili so ausdrückte, dass er die Juden vom Zionismus emanzipieren wolle. Nach der Expertise der Elke Buhr und eines Joseph Croitoru ist das kein Antisemitismus, nach Meron Mendel Ausdruck des legitimen Widerstandes gegen die „Besatzung“ und als Äußerung mindestens von der Kunstfreiheit gedeckt. Zwar ist Antizionismus nicht das gleiche, wie Antisemitismus, aber es gibt keinen Antizionismus ohne Antisemitismus. Dieser Zusammenhang wurde nirgends deutlicher als auf der aktuellen documenta. Dafür stehen die Gruppe Taring Padi, die Personen Mohammed Al Hawajri, Hamja Ahsan, Khalid Albaih, das Party-Office u.a.

Die offensichtliche Hoffnung der Ausstellungsmacher, dass man zwar die Judenkarikatur des Taring-Padi-Banners von Experten und Juristen als antisemitisch definieren lässt, die Bildreihe Gaza-Guernica aber als schlechte Kunst, als „Israelkritik“ oder im Rahmen der Multiperspektivität als künstlerischen Ausdruck des legitimen Widerstands gegen die „Besatzung“ durchgehen lässt, dürfte also nicht ganz abseitig sein. Zudem werden die Bilder Gaza-Guernica an einem Ort präsentiert, der den traditionsbewussten Kasseler Bürger an die „Luftgangster“ erinnert, die in ihrer Vorstellung gleich der Legion Condor, die wunderschöne Stadt Kassel aus Rachsucht in Schutt und Asche legten.

Es stellt sich die Frage, ob es die Sache besser gemacht hätte, wenn man, wie es sich mittlerweile herausgestellt hat, auf den Rat Claudia Roths gehört hätte, die Arbeit der Kuratoren kritisch zu begleiten.13 Die HNA berichtete jüngst, dass auch die documenta-Generaldirektorin versuchte, einen Dialog mit dem Zentralrat der Juden mit Vertretern des „Artistic Teams“ über den Ansatz der Multiperspektivität zu initiieren. Ob man über die Naivität, die den Versuch auszeichnet, Vertreter des Zentralrats der Juden mit Israelhassern an einen Tisch zu setzen, lachen oder weinen soll, ist die eine Frage. Dass man es gleichzeitig für eine probate Maßnahme hält, die Gegner und Feinde Israels durch die Teilhabe an der Erinnerungskultur Deutschland davon abzuhalten, ihrem Hass Ausdruck zu verleihen ist die andere Frage.14 Dass darüber hinaus der Zentralrat der Juden, oder die örtliche Jüdische Gemeinde herangezogen werden, wenn es um die Frage Antisemitismus, Antizionismus, Israelhass und „Israelkritik“ geht, verdeutlicht, dass man Antisemitismus offensichtlich für ein jüdisches Problem hält.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der documenta, Oberbürgermeister Christian Geselle, die hessische Ministerin Angela Dorn und die Bundesministerin Claudia Roth, sie alle wussten vom Problem und schwiegen oder taten so, als ob die Luftnummern Hauensteins, Buhrs und des Dünnbrettbohrers Croitorus und letztlich auch die Versuche der tragischen Figur Mendels die Quadratur des Kreises hinzubekommen, irgendeine Substanz gehabt hätten. Obwohl Mendel bekanntlich die palästinensische Sichtweise für legitim hält, immer wieder davor warnte, die documenta unter Generalverdacht zu stellen, musste er erfahren, dass man im WH22 mit Juden nicht spricht und dass auf seiner Diskussionsveranstaltung der Vertreter der ruangrupa (und Unterzeichner des „A Letter Against Apartheid“) Ade Darmawan sich frech hinstellte und bekundete: Hier bin ich.15

Geselle, Dorn und Roth sind für das Desaster, dass vor den Augen der Weltöffentlichkeit faktisch Nazi-Propaganda gegen Juden und Israel betrieben wurde, politisch verantwortlich. Als Generaldirektorin steht Frau Sabine Schormann im engeren Sinne in der Verantwortung dafür, was im Namen der documenta der Öffentlichkeit präsentiert wird. Direkt dafür verantwortlich sind die Künstlerische Leitung, also die ruangrupa und das leitend tätige „Artistic Team“. Während Schormann sich vielleicht nicht ganz der Tragweite ihrer den Antisemitismus relativierenden und verharmlosenden Ideologie von der Multiperspektivität bewusst ist, sind die Vertreterinnen des „Artistic Teams“ und Teile des documenta-Beirats, sowie der ruangrupa Überzeugungstäter. Letzteres war durch unsere Veröffentlichung seit Januar bekannt.

Wollte man das, was mit dem Bundestagsbeschluss gegen die BDS-Bewegung intendiert wurde, ernst nehmen, müssten alle hier genannten Beteiligten von ihren Funktionen entbunden werden. Die ruangrupa und alle hier genannten members of the lumbung müssten schlicht nach Hause geschickt werden.

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1 Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta fifteen: Stellungnahme von Oberbürgermeister und documenta-Aufsichtsratsvorsitzenden Christian Geselle, Pressemitteilung, 16.01.2022

2 Die Resolution der CDU ist am 13.01.2022 formuliert worden. Dort hieß es: „Die Stadtverordnetenversammlung distanziert sich von jeglichen antisemitischen Umtrieben, die möglicherweise im Umfeld der Organisation der documenta 15 Raum greifen. Die Organisatoren der documenta 15 mögen Stellung dazu nehmen, ob der Vorwurf zutrifft, dass Unterstützer der so genannten BDS-Bewegung und andere Boykottbefürworter gegen Israel, namentlich der Gruppe „The Question of Funding“, im Rahmen der international beachteten documenta ausstellen und agieren. Falls das der Fall ist, verwahrt sich die Stadtverordnetenversammlung ausdrücklich und nachdrücklich gegen antisemitische Tendenzen im Rahmen des Programms der documenta 15.

3 Statement zu den Antisemitismusvorwürfen, 12.01.2022.

4 Stellungnahme zu Antisemitismus-Vorwürfen gegen die documenta fifteen, 19.01.2022.

5 Das sagen OB Christian Geselle und Kunstministerin Angela Dorn, HNA, 20.01.2022.

6 „Für die Freiheit kämpfe ich wie eine Löwin“, Kulturstaatsministerin Claudia Roth traf Ruangrupa und war bei der HNA zum Gespräch, HNA, 17.03.2022.

7 Israelkritik, Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit sind keineswegs dasselbe, Die Zeit, 02.02.2022; Documenta in der Kritik. Hetzkunst, FAZ, 13.01.2022; Kassel. Antisemiten, Sexisten und falsche Indianer?, NZZ, 10.01.2022; Kunstfreiheit und Antisemitismus. Debatte um BDS und documenta 15, taz, 14.01.2022; Wie man die rote Linie klar und deutlich markiert, Die Welt, 22.01.2022. In der Folge war es vor allem Die Welt, die kontinuierlich Kritik an der documenta 15 formulierte.

8 Dahinter verbirgt sich ordinärer Antisemitismus, Die Welt, 25.05.2022.

9 Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, sieht den Vorwurf des Antisemitismus gegen das Kollektiv nicht begründet. Klaren Antisemitismus würde er der NGO „auf keinen Fall“ vorwerfen, sagt er. Es gebe sicherlich Grauzonen, wo sich der legitime Widerstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung mit antisemitischen Narrativen vermische, so Mendel. Doch habe sich die Organisation nicht besonders durch Antisemitismus hervorgetan. Palästinenser hätten sehr wohl das Recht, die Forderung zu stellen, dass Israel boykottiert werde, unterstreicht der Bildungsstättendirektor. „Diese Forderung würde ich nicht per se als antisemitisch sehen.“ Vorwürfe gegen Kasseler Kunstschau. Hat die Documenta ein Antisemitismusproblem?, Deutschland Funk, 13.01.2022.

10 Die HNA zitiert am 23.06.2022 Dr. Ulrich Schneider wie folgt: „Dagegen verteidigt der Historiker Ulrich Schneider (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) das Kollektiv und weist darauf hin, dass die ‚Figur mit einem Schweinegesicht‘ und einem Helm, auf dem Mossad steht, Teil einer Gruppe von Geheimdiensten ist. Es würde aber nur die Mossad-Figur kritisiert. Die Antisemitismusvorwürfe entbehrten jeglicher Grundlage.“

11 Hier sind die Unterzeichner des „Letter Against Apartheid“ und anderer Pamphlete aufgelistet, die als Künstler auf der documenta 15 präsentiert werden oder für diese tätig sind. Die Liste wurde von Markus Hartmann zusammengestellt, dem wir an dieser Stelle zu danken haben. https://bgakasselblog.files.wordpress.com/2022/07/documenta-fifteen-beteiligte-an-antisemitischen-briefen-1.pdf

12 Documenta-Skandal ist Thema im Bundestag. Kasseler Verantwortliche bleiben fern, Tagesspiegel, 06.07.2022.

13 Skandal um antisemitische Kunstwerke. Documenta-Leitung ließ Claudia Roth abblitzen, Spiegel, 27.06.2022.

14 Was Schormann unternommen hat, HNA, 09.07.2022 In der HNA wird berichtet, dass Schormann für die Künstlerische Leitung einen Besuch an den Kasseler Gedenkstätten initiierte. Den toten Juden zu gedenken, den Antizionismus jedoch mit Gleichgültigkeit oder Ablehnung zu begegnen, sind typisch für die deutsche Erinnerungskultur. Nichts verdeutlicht das so, wie die Kombination der Stolpersteine vor dem Kasseler Kino Gloria indem den japanischen und palästinensischen Terroristen unter dem Motto „antiimperialistischen Solidaritätsbeziehungen“ zwischen Japan und Palästina gehuldigt wird. Die Attentäter der japanischen „Roten Armee“ und palästinensischer Terroristen ermordeten am 30.05.1972 auf dem israelischen Flughafen Lod 26 Menschen. Vgl.: Documenta ehrt Initiatoren eines Selbstmordattentats, Mena-Watch, 24.06.2022.

15 Obwohl Meron Mendel mehrfach Verständnis für Sache der Palästinenser geäußert hat, die Kritik des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel als unzutreffend zurückgewiesen hat, musste er erfahren, dass der Künstler Al Hawajri aus dem Gazastreifen nicht mit Juden reden wolle und biss mit seinem Vorhaben, sich als Experte der documenta 15 zum Zwecke der Sensibilisierung in Sachen Antisemitismus anzudienen auf Granit und . Vgl.: „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, Meron Mendel über das Versagen der Documenta-Verantwortlichen – und den antisemitismus-Vorwurf als politisches Spiel, Tagesspiegel 24.06.2022; Eine Unverschämtheit, die keiner bemerkte, FAZ, 01.07.2022; Antisemitismus-Eklat. Meron Mendel nicht länger Berater der documenta, hessenschau, 08.07.2022.

Illustrationen: There ist no Antizionism without Antisemitism!

Der durch die im WH22 ausgestellte Bilderserie „Guernica-Gaza“ bekannt gewordene Künstler aus dem Gaza-Streifen Mohammed Al Hawajri (Eltiqa) hat hier ein Bild geschaffen, das eindeutig das antisemitische Stereoptyp vom Juden als Christusmörder bemüht und dieses antijüdische Feindbild auf die aktuelle Situation des Konflikts zwischen Israel und Palästinensern überträgt. Jesus tritt mit dem Schlüssel auf dem Rücken vor seine Mörder. Der Schlüssel steht für den Anspruch der Palästinenser auf das israelische Staatsgebiet. Das Bild ist nicht auf der documenta 15 ausgestellt, verbürgt aber die Weltanschauung des ausstellenden Künstlers, der vom Kollektiv The Question of Funding eingeladen wurde.

Der Künstler Khalid Albaih, der für das Kollektiv Trampolin House auf der documenta ausstellt, hat sich auch als israelfeindlicher Karikaturist versucht. Einige seiner Karikaturen präsentieren seine Weltsicht von der Grausamkeit und von dem mörderischen Wesen der israelischen Politik. Hier wird Palästina tranchiert.

Jumana Emil Abboud ist eine der wenigen Künstlerinnen, die als Personen und nicht als Kollektiv als member des Lumbung auf der documenta 15 kuratiert wurden. Auch sie hat den „A Letter Against Apartheid“ unterzeichnet und verbreitet durch Steuern finanziert im documenta-Handbuch und auf der Ausstellung anitiisraelische Propaganda: „Abbouds Arbeit für die documenta fifteen erweitert ihre bisherige künstlerische Praxis um das Thema Wasser. […] In den sogenannten ‚Wünschelruten-gänger*innen‘-Workshops […] ging es darum, den hier lebenden Menschen ihr Recht auf Wasser symbolisch zurückzugeben. Der Verlust von Wasserrechten erscheint hier als Bestandteil der Siedlungspolitik des israelischen Staates: Wasser wird von den Quellen in Palästina abgezapft und in nahe gelegene Neusiedlungen umgeleitet. […] Um ‚Rückgabe des Wassers‘ geht es sowohl in konkreter als auch in kultureller Hinsicht.“

Antisemitismus im Nah-Ost-Konflikt und in der Kunst der postbürgerlichen Gesellschaft

Eine Tagung am 16. Juli 2022 in Kassel. Beginn 14:00 Uhr
Phillip-Scheidemann-Haus, Holländische Str. 72

Mit der Einladung des Kollektivs „The Question of Funding“ aus Ramallah wurde eine antiisraelische Künstler- und Aktivistengruppe zur documenta 15 eingeladen. Unsere im Zusammenhang dieser Einladung getätigten Recherchen förderten zu Tage, dass zahlreiche Funktionäre und Macher der Kunstausstellung zur antiisraelischen und bisweilen auch antisemitischen „israelkritischen“ Szene der Kulturschaffenden gehören. Dieses Phänomen ist nicht ganz neu, das Gespräch mit Edward Said auf der documenta 10, die „antizionistische Giraffe“ des Künstlers Peter Friedl auf der documenta 12 und der Auftritt des Antisemiten Franco Berardi auf der documenta 14 verweisen darauf, dass wir es mit einem systematischen Zusammenhang zu tun haben.

„Aber BDS ist eine breite und vielschichtige Bewegung, in der leider Antisemitismus nicht ausgeschlossen ist, die aber auch weltweit von einer Vielzahl von Kulturschaffenden unterstützt wird – die dies als Zeichen friedlichen Protests in Ausübung von Kunst und Meinungsfreiheit verstehen.“ Dr. Sabine Schormann (Generaldirektorin documenta).

„Mit dem indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa kuratierten 2022 zum ersten Mal Vertreter aus Asien die documenta, die auch die Perspektive des globalen Südens berücksichtigen.“ Christian Geselle (Aufsichtsratsvorsitzender documenta GmbH und Oberbürgermeister der Stadt Kassel)

Stehen diese beiden Zitate für die Problematik die sich in der skandalösen Entwicklung der Debatte um die manifeste Israelfeindlichkeit, den Antizionismus und teilweise auch den Antisemitismus im Zusammenhang der aktuellen documenta 15 ausdrückt? Stehen sie für die Ignoranz oder die schlichte Unkenntnis darüber, mit wem wir es mit der antisemitischen Bewegung BDS zu tun haben? Was hat dies alles mit der politischen Ideologie der postmodernen Linken, insbesondere der des Postkolonialismus zu tun? Es scheint uns kein Zufall zu sein, dass das Konzept der documenta 15 sich wie eine Mischung aus dem „Tag der Erde“, einem Tag der Offenen Tür eines Eine-Welt-Ladens oder als ein Potpourri des Veranstaltungskalenders des Palästina-Fan-Clubs aus dem Café Buch-Oase liest. Gibt es also eine notwendig ideologische Nähe der documenta-Macher zu den Volkstumskämpfern im Nahen-Osten und worin liegt diese begründet? Was hat die stoische Abwehrhaltung und das fehlende Problembewusstsein der politisch Verantwortlichen in Stadt und Land angesichts der geladenen Gäste und der politischen Schlagseite der documenta-Macher zu bedeuten?

Diesen Fragen wollen wir auf zwei Podien nachgehen.

1. Podium: BDS und die Rolle des Antisemitismus im Nah-Ostkonflikt mit Alex Feuerherdt und Ralf Balke

Auf dem ersten Podium wird es darum gehen, die Entwicklung, den politischen Charakter und die gesellschaftliche Bedeutung der BDS-Bewegung herauszustellen, um dann auf die spezifische Rolle des Antisemitismus als ein zentrales Element in der Ideologie der palästinensischen Nationalbewegung einzugehen.

Alex Feuerherdt ist freier Autor. Er schreibt u.a. für Jungle World und Mena-Watch. Feuerherdt ist zusammen mit Florian Markl Autor des Buches: Die Israelboykottbewegung. Alter Hass im Neuem Gewand, (Hentrich & Hentrich, 2020).

Ralf Balke ist Historiker und Journalist und schreibt u.a. für die Jüdische Allgemeine und Jungle World. Balke hat über den Einfluss der NSDAP in Palästina mit der Arbeit „Die Landesgruppe der NSDAP in Palästina“ promoviert. Balke hat u.a. das Buch „Israel. Geschichte, Politik, Kultur“ (C.H. Beck, 2013) veröffentlicht.

2. Podium: Antisemitismus und das Kunstwerk in der postbürgerlichen Gesellschaft mit Justus Wertmüller und Jan Gerber

Das zweite Podium wird die Entwicklung der Szene der „Kulturschaffenden“ im Kulturbetrieb der Gesellschaft des „antirassistischen“ Deutschland aufzeigen, um dann einen genaueren Blick darauf zu werfen, wie sich im kulturpolitischen Ansatz der documenta die pseudokritische Weltsicht postkolonialer und postmoderner Ansätze als Verfall jeder Kritik darstellt, dessen notwendiges Produkt der Hass auf Israel und die Zivilisation ist.

Justus Wertmüller ist Autor und Redakteur der Zeitschrift Bahamas. 2015 hat er im Aufsatz „Der deutsche Anschlag auf die Souveränität“ über den Zusammenhang von Souveränitätsverzicht, Djihad und der Veralltäglichung des Ausnahmezustandes im postnationalen Deutschland geschrieben.

Jan Gerber ist Historiker und Politikwissenschaftler, Herausgeber und Autor mehrerer Bücher über die Geschichte und Gegenwart der Linken. Zuletzt hat er den ersten Band der „Hallischen Jahrbücher“ mit dem Schwerpunkt „Die Untiefen des Postkolonialismus“ (Edition Tiamat, 2021) und das Buch „Geschichtsoptimismus und Katastrophenbewusstsein, Europa nach dem Holocaust“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 2022) herausgegeben.

A Letter Against Apartheid, der Hass auf Israel und die documenta fifteen

„Es sei kein israelischer Künstler eingeladen, [es] wäre es ein Leichtes, all die vielen Staaten aufzuzählen, die auch nicht in Kassel vertreten sind …“ (HNA, 28.05.2022)

Sabine Schormann sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung am 27.05.2022: „Die documenta wendet sich klar gegen Antisemitismus“. Die Generaldirektorin der documenta 15 führte dazu aus: „Alle Künstlerinnen und Künstler, die künstlerische Leitung Ruangrupa, die Träger und die Geschäftsführung distanzieren sich eindeutig vom Antisemitismus. Es ging auch nie darum, aus der documenta eine Veranstaltung im Sinn des israelkritischen Bündnisses BDS (Boycott, Divestment and Sanktions) zu machen.“1 Die Journalisten nahmen dies zur Kenntnis. Die Hessenschau z.B. reproduzierte diese Nebelkerze ohne die Aussage zu hinterfragen.2

BDS ist keine „israelkritische“3 sondern ein antisemitische Initiative, die maßgeblich von palästinensischen Terrorgruppen ins Leben gerufen wurde. Das Ziel von BDS ist die Abschaffung des Staates Israel. Erreicht werden soll dieses Ziel durch den umfassenden wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, politischen und eben auch den kulturellen Boykott. Der Zentralrat der Juden stellte fest, es sei schwierig, „an einen Zufall zu glauben, wenn kein einziger israelischer Künstler vertreten sein wird […] Bei den Gesamtumständen, die wir bei der documenta sehen, drängt sich der Eindruck geradezu auf, dass BDS mit seinem Aufruf zum Boykott israelischer Kunst und Kultur bereits wirkt.“4 Ein Gegenargument, das die Wahrnehmung des Zentralrates entkräften könnte, führte Schormann nicht an. Ihre Ausführung bleibt eine schlichte Behauptung, die sich einfach widerlegen lässt.

Die ruangrupa ist sozusagen das Herz der documenta 15. Diese Gruppe besteht aus zehn Künstlern. Von diesen zehn Künstlern haben der Direktor der ruangrupa, Ade Darmawan, und als weitere Mitglieder Farid Rakun, Iswanto Hartono und Reza Afisina den sogenannten A Letter Against Apartheid unterzeichnet bzw. unterstützen diesen Brief. Die künstlerische Leitung der documenta 15, das „Artistic Team“, besteht aus fünf Personen. Von diesen fünf haben Andrea Linnenkohl, Ayşe Güleç, Gertrud Flentge und Lara Khaldi diesen Brief unterzeichnet. Insgesamt haben aus den maßgeblichen Strukturen der documenta 15 16 Personen das antiisraelische Pamphlet A Letter Against Apartheid unterzeichnet.5

A Letter Against Apartheid – ein Dokument des Israelhasses

Diesen Brief sollte man sich näher ansehen. Er wurde im Zuge der Auseinandersetzungen im Jerusalemer Stadtviertel Sheikh Jarrah6 von zahlreichen palästinensischen Künstlern unterzeichnet, von denen einige auch in Israel leben. Sie werfen in dem Brief den israelischen Soldaten und Zivilisten vor, in den Straßen Jerusalems, Lyddas, Haifas und Jaffas wandelnde („roaming the streets“) Palästinenser straflos zu attackieren und zu töten. Ja, es habe sogar eine Anzahl von Lynchmorden („several lynchings“)7 an unbewaffneten und ungeschützten Palästinensern gegeben. Israel betreibe eine Politik der ethnischen Säuberung. Da die Hamas die Auseinandersetzungen in Jerusalem zum Anlass nahm, Israel mit einer bisher nicht gekannten Anzahl von Raketen wahllos zu beschießen und Brandballons über die Grenze zu schicken, bombardierte die israelische Luftwaffe Stützpunkte der Hamas, Fertigungsstätten von Raketen und Tunnel, die von den Terroristen unter die israelische Grenze getrieben wurden. Diese legitimen Maßnahmen der Selbstverteidigung bezeichnet der Brief als Massaker. Weiter heißt es, der Gaza sei kein separiertes Land, vielmehr wäre er gewaltsam durch die Architektur des israelischen Staates vom dem „einen Volk“ der Palästinenser („one people“) getrennt. Palästina sei ein kolonisiertes Land, Israel die Kolonialmacht und die Palästinenser würden gegen diese Kolonialmacht einen Befreiungskampf führen. Bei dem seit 1948 andauernden Krieg gegen Israel handele es sich nicht um einen (militärischen) Konflikt, sondern um Apartheid, denn der palästinensischen Gemeinschaft würde seit den Anfängen des „Siedler-Kolonialismus“ die Rückkehr in die Heimat („right of return“) systematisch verwehrt. Der Terminus „Siedler-Kolonialismus“ steht für eine Besiedlung in der Absicht, die Urbevölkerung auszurotten.8 Das ist eine geradezu wahnhafte Interpretation der Geschichte Israels und der arabischen Staaten: Arabische Israelis stellen rund 20 % der israelischen Bevölkerung, sie sind gleichberechtigte Bürger des Staates Israel. 1948 und in den folgenden Jahren wurden aus den arabischen Staaten über 700.000 Juden vertrieben. Manche arabische Staaten (Libyen, Syrien, Irak u.a.) sind wie die palästinensischen Autonomiegebiete heute „judenfrei“.

Die Unterzeichner fordern das Ende der militärischen Unterstützung Israels, vor allem die der USA. Sie fordern die Auflösung des Apartheid-Regimes. Weil Israel mit Apartheid gleichgesetzt wird, ist klar was mit dieser Forderung gemeint ist. Die Regierungen anderer Länder werden aufgefordert, die Verbrechen gegen die Menschheit („crime against humanity“), die Israel begehen würde, durch Sanktionen entgegenzutreten, den Handel mit Israel einzustellen und ökonomische und kulturelle Beziehungen zu Israel zu kappen. Die Unterzeichner fordern alle Aktivisten und Künstler auf, den palästinensischen Kampf gegen die Kolonialmacht Israel zu unterstützen.

„Rassismus, Antisemitismus und alle Formen des Hasses seien im palästinensischen Kampf nicht erwünscht.“ A Letter Against Apartheid.
Foto: Twitterbeitrag der IDF, 23.08.2019

Der Brief ist ein unbändiger Ausdruck des Hasses auf Israel. Kaum verklausuliert wird die Abschaffung Israels gefordert. Mit keinem Wort geht er auf den Terror palästinensischer Gruppierungen wie den der Fatah, der Hamas und des Islamic Jihad u.a. ein. Mit keinem Wort wird der andauernde massive und wahllose Beschuss Israels durch Raketen aus dem Gaza erwähnt. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Wer sich mit einer solchen Erklärung einverstanden erklärt und sie unterstützt, der kann sich keinesfalls von Antisemitismus freisprechen.

Die Unterzeichner unterstützen mit ihrer Unterschrift wie die BDS-Bewegung explizit aber auch die kulturelle Isolation Israels. Eine Forderung, die im Zusammenhang der documenta von herausragender Bedeutung ist. Insofern ist die Aussage, es ginge nicht darum, aus der documenta eine Ausstellung im Sinne von BDS zu machen, unglaubhaft. Dem Zentralrat ist schlicht Recht zu geben: Es scheint kein Zufall zu sein, dass auf der documenta keine Künstler aus Israel präsentiert werden.

Die Verwurzelten und die Unerwünschten

Der Redaktion der HNA stand am gleichen Tag ein Teil der „künstlerischen Leitung“ der documenta „Rede und Antwort“.9 Daraus machte die nordhessische Lokalzeitung einen eine ganze Seite füllenden Artikel. Dieser wird auf der ersten Seite wie folgt angekündigt: Die ruangrupa sei in der Stadt verwurzelt. Ziel sei es: „Alle sollen sich wohlfühlen, Mitwirkende, Künstler und Besucher.“ Es wurden Ayşe Güleç („Artistic Team“), Farid Rakun und Reza Afisina („ruangrupa“) befragt. Alle drei haben den oben genannten „A Letter Against Apartheid“ unterzeichnet. Die HNA wusste dies entweder nicht oder sie interessierte sich dafür nicht.

Es gehört nicht viel dazu zu vermuten, wer sich aufgrund der Haltung maßgeblicher Macher der documenta und einiger auf der dort eingeladenen Künstler nicht wohl fühlen wird.

Die Gesprächspartner der HNA: Reza Afisina, Ayşe Güleç, Farid Rakun. Alle drei haben den „A Letter Against Apartheid“ unterzeichnet. Kritische Nachfragen der Redaktion? Keine.
(Screenshot; HNA)

Güleç stellt im Gespräch fest: „Die Unterstellung eines israelfeindlichen Antisemitismus werde von außen an die Ausstellung herangetragen.“ Dass wir als BgA-Kassel in der Stadtgesellschaft und -politik nicht wohl gelitten sind, ist bekannt. Wenn wir Kritik üben, tun wir das ohne Rücksicht auf Ansehen und Position der betroffenen Personen und Gruppen. Man schneidet uns dafür systematisch, namhafte Stadtpolitiker betiteln Einzelne von uns mit „der unmögliche …“, andere bezichtigen uns „auf Rassismus bezogener Antisemitismusvorwüfe“. So what. Wenn nun aber Güleç die Kritik als von außen herangetragen sieht und die HNA gleichzeitig vermeldet, die ruangrupa sei in der Stadt fest verwurzelt, dann wird in dieser Wortwahl klar, dass die jüdischen Organisationen: der Zentralrat der Juden in Deutschland, das AJC Berlin, die WerteInitiative und die Jüdische Studierendenunion Deutschland, die sich kürzlich in aller Deutlichkeit geäußert haben, genau nicht zu dieser Gemeinschaft der Verwurzelten gehören.10 Dass es Zeitungen gibt, die diese Kritik auch in die Öffentlichkeit bringen, macht sie laut HNA zum Sprachrohr des Zentralrats der Juden.11 Güleç aber ist nicht nur von jedem Verdacht erhaben, sondern gibt darüber hinaus noch die theoretisch versierte Fachfrau: „Antisemitismus und Rassismus hingen zusammen – nicht umsonst habe der Attentäter von Halle, als er sich keinen Zugang zur Synagoge verschaffen konnte, in einem Imbiss irgendwie ‚migrantisch‘ aussehende Opfer gesucht.“

Es ist in der Forschung unumstritten, dass Antisemiten auch Rassisten sein können. Rassismus ist im Wesentlichen eine auf Vorurteilen beruhende Ideologie, die tatsächlich oder vermeintlich anders Aussehende, in anderen Gesellschaften Sozialisierte und Angehörige anderer Nationen abwertet. Antisemitismus ist dagegen eine wahnhafte Weltanschauung, die den Juden als allmächtig halluziniert und in ihm ein Gegenvolk sieht, das es letztendlich zu vernichten gilt. Dass nicht nur Nazis sondern auch „antirassistische“ Kulturschaffende, „People of Colour“, linke Aktivisten, Kämpfer für Diversität und Nachhaltigkeit veritable Antisemiten sein können, darüber spricht weder die HNA noch irgendjemand in der Stadt Kassel, denn die ruangrupa ist „in der Stadt verwurzelt“ und alle wollen dazu gehören und sich wohl fühlen.

Aber auch für die HNA ist mit der Aussage der Güleç, „es gebe aber viele Künstler, die sich […] gegen Rassismus aussprächen“ alles erledigt. Und überhaupt, worüber regen die jüdischen Verbände sich auf: „Es sei kein israelischer Künstler eingeladen, [es] wäre es ein Leichtes, all die vielen Staaten aufzuzählen, die auch nicht in Kassel vertreten sind. Auf der Venedig-Biennale ist auch kein Künstler aus Israel dabei,“ meinte der Journalist Mark-Christian Busse am folgenden Tag in der HNA anmerken zu müssen.

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1 Neue Osnabrücker Zeitung, Generaldirektorin Sabine Schormann: „Documenta wendet sich klar gegen Antisemitismus“, Presseportal.de, 27.05.2022.

2 documenta-Chefin positioniert sich gegen Judenhass, Hessenschau, 27.05.2022; ähnlich auch „documenta-Generaldirektorin positioniert sich gegen Judenhass“, Deutschlandfunk Kultur, 27.05.2022.

3 „Israelkritik“ ist dem Grunde nach eine antisemitische Anwandlung. Denn weder gibt es Frankreichkritik, noch Islandkritik und auch wenn es angebracht wäre, keine China- oder Russlandkritik. Im Zusammenhang von Russland spricht man vom großrussischen Chauvinismus, vom russischen Angriffskrieg, Kriegsverbrechen usw. Angesichts der großen Zustimmung in Russland für den Krieg, ist die Rede von einer Verantwortung des russischen Volkes, von einer der Russen für diesen verbrecherischen Krieg. Angesichts dieser richtigen Schlußfolgerungen dürfen die zahlreichen Stimmen nicht fehlen, die mahnen, nicht alle Russen pauschal zu verurteilen.

4 Jüdische Kritik an der documenta. „Dahinter verbirgt sich ordinärer Antisemitismus“, Die Welt, 26.05.2022.

5 Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn je tiefer man bohrt, desto größer ist der Unrat, den man zutage fördert. Darüber hinaus gibt es andere Pamphlete des Israelhasses, deren Unterzeichner wir jetzt nicht alle überprüft haben. Die auf der documenta fifteen tätigen Unterzeichner werden in unserem Beitrag „Hätten sie lieber geschwiegen“ aufgezählt.

6 Zum Hintergrund der Auseinandersetzungen in Sheikh Jarrah, vgl.: Nadav Shragai, Sheikh Jarrah: Ein Immobilienstreit, der nicht nur um Immobilien geht, in: mena-watch, 12.09.2021.

7 Im Mai 2021 kam es zu gewalttätigen Übergriffen auf arabische Israelis, wie umgekehrt durch arabische Israelis auf Juden. Der israelische Ministerpräsident verurteilte diese Taten: „Was in den vergangenen Tagen in den Städten Israels geschehen ist, ist inakzeptabel“, erklärte er. „Nichts rechtfertigt den Lynchmord an Arabern durch Juden, und nichts rechtfertigt den Lynchmord an Juden durch Araber.“ Vgl.: Erneut Raketenalarm in Tel Aviv, Zeit.online, 13.05.2021.

8 Über die Bedeutung des Begriffs „Siedler-Kolonialismus“ in Bezug auf den Zionismus, vgl.: Zionism as settler colonialism, wikipedia.

9 Die Eisdielentipps gehören dazu. So funktioniert die ruangrupa: documenta fifteen zu Gast bei der HNA, HNA, 27.05.2022. Auf der Titelseite der Zeitung hieß es am gleichen Tag: „Im Redaktionsgespräch wurde deutlich, wie tief Ruangrupa in der Stadt verwurzelt ist, …“

10 Siehe Fußnote 4

11 In der HNA bezichtigte der Journalist Mark-Christian von Busse am 28.05.2022 „Die Welt“ „zuletzt als Sprachrohr des Zentralrats der Juden“ zu fungieren und munkelte über die Einflussnahme jüdischer Organisationen: Diese forderten, ein ‚Expertengremium‘ das über die Kunst in Kassel wachen solle. „Das wäre genau die Einflussnahme, vor der Hans Eichel gewarnt hat.“

Aufruf zur Kundgebung: 18. Juni 2022

Solidarität mit Israel – Dem Antisemitismus entgegentreten – Stoppt BDS

Dem Israelboykott keine Bühne auf der mit Steuergeldern finanzierten documenta 15!

18. Juni ab 14:00 Uhr, Friedrichsplatz, Kassel

Die documenta ist eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die weltweit Beachtung findet. Recherchen des Bündnisses gegen Antisemitismus Kassel förderten zu Tage, dass zahlreiche Anhänger der BDS-Bewegung und Kritiker des Bundestagsbeschlusses sowohl unter den berufenen Künstlern als auch in den Leitungsgremien der documenta 15 vertreten sind. Auch im Kuratorenteam „ruangrupa“ unterstützen die führenden Mitglieder Ade Darmawan und Farid Rakun Israelboykottbewegungen. Zahlreich sind insbesondere auch in den leitenden Gremien der documenta die Unterstützer des notorisch gegen Israel hetzenden „A Letter against Apartheid“.

Ohne dass es jemanden aufgefallen oder gar aufgestoßen wäre, wurde 2021 das palästinensische Kollektiv „The question of Funding“ in den „lumbung“ – das künstlerische Herz der documenta – berufen. Das Kollektiv steht in der Tradition des palästinensischen Nationalisten Khalil al Sakakini, der sich als Anhänger Hitlers bezeichnete. Akteure dieses Kollektivs, wie Yazan Khalili, sind Anhänger verschiedener Israelboykottinitiativen und treten für die Abschaffung Israels ein.

Nachdem die Recherchen des BgA-Kassel überregional in den Medien Beachtung fanden, taten die Stadt Kassel, die leitenden Kräfte der documenta und die politisch Verantwortlichen im Land Hessen zunächst alles dafür, dass unter den Augen der Weltöffentlichkeit und im Namen der Kunstfreiheit, Antizionismus als zu tolerierende Position einer multiperspektivischen Sicht auf die Welt als Kunst zu gelten habe. Unter dem Verweis auf die Freiheit der Kunst, wurde der Zusammenhang von Israelhass, Antizionismus und Antisemitismus schlicht ignoriert. Es reichte aus, dass die documenta 15 erklärte, Antisemitismus zu verurteilen. Der Kasseler Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der documenta Christian Geselle dekretierte: Eine Überprüfung findet nicht statt!

Nach dem sich die gerade berufene Kulturstaatsministerin Claudia Roth – ebenfalls Kritikerin des BDS-Beschlusses – einschaltete, rangen sich die Verantwortlichen der documenta 15 dazu durch, eine Diskussionsrunde zu organisieren, um über Antisemitismus und Islamophobie (sic!) zu diskutieren. Im April wurde klar, dass die Hälfte der geladenen „Experten“ entweder Kritiker des BDS-Beschlusses oder Anhänger der BDS-Bewegung sind. Nachdem bekannt wurde, dass die documenta auch die Expertise des Zentralrats der Juden Deutschlands ausschlug, wurde die angekündigte Diskussion wieder abgesagt. Im Nachgang verkündete die Kulturstaatsministerin, Boykotten gegen israelische Künstlerinnen und Künstler im Kulturbetrieb sei gemeinsam entgegenzutreten.

Wie das bei einer Kunstschau funktionieren soll, in der leitende Personen (Kuratoren, Künstlerische Leitung und Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit) Israel als Apartheidssystem verunglimpfen, die den Beschluss des Bundestages zur antisemitischen BDS-Bewegung ablehnen und die Künstler aus Palästina eingeladen haben, die offen die BDS-Bewegung unterstützen und Israel abschaffen wollen und deren Generaldirektorin Sabine Schormann keinerlei Problembewusstsein über den Zusammenhang von Israelhass, Antizionismus und Antisemitismus zeigt, bleibt das Geheimnis derer, die sich mit den Erklärungen und Absichtserklärungen der Kulturstaatsministerin zufrieden geben.

Wir geben uns nicht damit zufrieden, einfach abzuwarten, ob die künstlerischen Aktionen der Antizionisten und Israelhasser sich vielleicht gerade im Bereich des zu Duldenden bewegen.

Wir verurteilen, dass mit viel öffentlichen Geldern Antisemiten, Israelhassern und Antizionisten eine Bühne geboten wird, die weltweit Beachtung findet.

Auch auf der documenta muss gelten: Keine Toleranz dem Antizionismus – Gegen Antisemitismus heißt: Stoppt BDS!

Bündnis gegen Antisemitismus Kassel

TIP – Thunder in Paradise

AG Antifa (Uni Halle)

Junges Forum DIG Kassel

Bündnis gegen Antisemitismus Kiel

und Einzelpersonen

Karl Pfeifer, Simon Wiesenthalpreisträger (Wien)

Malca Goldstein-Wolf (Köln)

Jonas Dörge (Kassel)

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Kein Platz für Antisemitismus auf der documenta?

Hätten sie lieber geschwiegen! Wie die documenta auszog um einen Brief zu schreiben – oder Künstler bleibt bei deinem Pinsel

Don‘t talk about BDS. Über die postmodernen Taschenspielertricks in den „Blank Spots“

Documenta fifteen: Antizionismus und Antisemitismus im lumbung

Hätten sie lieber geschwiegen!

Wie die documenta auszog um einen Brief zu schreiben – oder Künstler bleibt bei deinem Pinsel

Ob ein Offener Brief1 eine adäquate Aktion ist, um auf gesellschaftliche Probleme zu reagieren, darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. In der Regel bespiegeln sich damit die Verfasser, die sich in einem Gestus der Empörung bzw. einer moralischen Erhabenheit gefallen und sie vergewissern sich mit solchen Veröffentlichungen der eigenen Gefolgschaft. Da es in dem aktuellen Brief der documenta 15 keine erkennbaren Personen als Verfasser gibt, bleibt das übrig, was Offene Briefe ebenfalls intendieren, eine gesellschaftlich relevante Debatten auszulösen. Das ist gründlich schief gegangen. Mehr als einen wiederholten Versuch, die antisemitische BDS-Bewegung2 reinzuwaschen haben die Verfasser nicht zustande gebracht. Entsprechend verheerend ist, bis auf wenige Ausnahmen, das Echo in den Medien.

Nachdem wir im Januar d.J. aufgedeckten, dass mehrere Akteure der documenta 15 und der eingeladenen Künstler aus dem Umfeld der antisemitischen BDS-Bewegung kommen oder diese direkt unterstützen, wurde unsere Kritik daran, Antizionismus und Antisemitismus auf einer mit öffentlichen Geldern finanzierten Kunstausstellung eine Bühne zu geben, mit großer Empörung zurückgewiesen. Antisemitismus habe keinen Platz auf der documenta 15 und Antisemitismus würde wie Rassismus, politische Gewalt und „Islamophobie“ verurteilt. Um das zu unterstreichen, wollte man sich diesen Themen widmen und kündigte eine Veranstaltungsreihe an. Für die politisch Verantwortlichen war mit diesem Statement ‚der Drops gelutscht‘. Mehr als dieses Bekenntnis und die Ankündigung zu einer Diskussion sollte es nicht geben.

Nachdem die documenta 15 die Veranstaltungsreihe präsentierte, stellte sich heraus, dass etwa die Hälfte der geladenen Gäste dem BDS-Umfeld oder denen zuzurechnen sind, die den Bundestagsbeschluss zur antisemitischen BDS-Bewegung kritisieren. Außerdem sollte sich eins der drei Podien mit „anti-palästinensischem Rassismus“3 beschäftigen. Beabsichtigt war, die Veranstaltungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit im You-Tube-Format abzuhalten. Diese Konzeption wurde in der Presse vielfach kritisiert. Nachdem dann auch noch öffentlich bekannt wurde, dass die Expertise des Zentralrats der Juden in Deutschland ausgeschlagen wurde, sagte die documenta die Veranstaltung ab.

Auf den Offenen Brief umfänglich einzugehen, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Drei Anmerkungen erlauben wir uns aber hier.

Der Rassismus-Reflex

Von Beginn an, versuchte man uns des Rassismus zu überführen. In dem Offenen Brief versuchen die Autoren dies erneut. Als Beweis des gegen uns erhobenen Vorwurfes des Rassismus diente dieses Mal unsere Sottise über den Lumbung. Wir hatten angesichts des penetranten Exotismus, der im Begriffsgeklapper der documenta4 deutlich wird – und der gemäß ihres Säulenheiligen, Edward Said, bei jedem Europäer als Ausweis seines schändlichen Orientalismus taugen dürfte – es uns ironisch zu bemerken erlaubt, Lumbung sei kein alkoholisches Mixgetränk. Von „Lumumba“ war bei uns keine Rede, diese Assoziation tätigten die Verfasser des Briefes selbst. Dieser Name sei eine „rassistische Scherzbezeichnung“ eines Mischgetränkes. Naja, das kann man so sehen, aber auch die andere Variante ist wird kolportiert, dass in den späten Sechzigern Studenten dieses Getränk auch in solidarischer Absicht, den afrikanischen Revolutionär zu ehren, tranken. Ist das Glas Vodka Jelzin ein Statement gegen den russischen Chauvinismus oder macht man sich mit Putin gemein, trinkt der Hipster ein Glas Afri-Cola in rassistischer Absicht, oder um Trump eins auszuwischen? Was ist eigentlich mit „Sex on The Beach“? Die Antworten darauf, mein Freund, die wissen nur die Sprachmagier und Getränkespezialisten der postmodern und identitär gewendeten Linken.

Dagegen spielt die zweite Zeile der Überschrift des Briefes „Wie ein Gerücht zum Skandal wurde“ offensichtlich auf eine Formulierung Theodor W. Adornos an, der in der Minima Moralia formulierte: „Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.“ Die Tatsache, dass der Künstler Yazan Khalili antisemitische Topoi nutzt(e), dass der Namensgeber des Centers, dessen Präsident er war, sich tatsächlich positiv auf Hitler bezog, wird in eine wahnhafte Behauptung umgedeutet, die der der Antisemiten ähnlich ist. Rassismus und Antisemitismus alles eine Soße und der Kritiker des Antisemitismus ist der eigentliche Antisemit.5

Israel, der Völkerrechtsverbrecher

Dann folgte eine Bemerkung, die zeigt, woher der Wind weht. „Die realen Probleme der völkerrechtswidrigen israelischen Besatzung“ ließen sich genauso wenig wie die Widersprüche des Widerstandes gegen sie in Gesprächsrunden auflösen.

Israel ist so klein wie Hessen. Die Israel umgebenden arabischen Staaten reichen vom Atlantik bis hin zum Irak. Einen Staat Palästina hat es nie gegeben. Die Gründung eines arabischen Staates, zu dem auch Gebiete der Westbank gehören hätten sollen, verhinderten die arabischen Angriffskrieger im Jahre 1948. Jordanien besetzte in diesem Krieg dieses Gebiet einschließlich der Altstadt Jerusalems. Die in diesem Gebiet und in Jerusalem seit Jahrhunderten lebenden Juden wurden vertrieben. Im Krieg von 1967 wurden die jordanischen Truppen von der Westbank geschlagen und zogen ab. Jerusalem konnte befreit werden. Eine Aufteilung der Westbank zwischen den dort lebenden arabischen Bewohnern und den z.T. zurückgekehrten jüdischen und neu hinzugezogenen jüdischen Bewohnern im Rahmen eines Friedensvertrages wurde durch den seit 1967 permanent geführten Terrorkrieg palästinensischer Gruppierungen gegen Israel hintertrieben. Die israelischen Truppen in der Westbank dienen dem Schutz der dort lebenden Juden.

Wenn die documenta nun meint, anstatt sich der zeitgenössischen Kunst zu widmen, bedauern zu müssen, eine „völkerrechtswidrige israelische Besatzung“ mit den Mitteln des Diskurses nicht lösen zu können und darüber hinaus „Widersprüche des Widerstandes“ gegen das offensichtlich als Völkerrechtsverbrecher identifizierte Israel lamentierend beklagt, zeigt das, dass unser Befund und unsere Kritik mit der israelfeindlichen Schlagseite der documenta 15 schlicht richtig ist.

Die documenta 15: Ein Nest der Antizionisten

Der Offene Brief wurde in der einschlägigen Berliner Zeitung und auf der Internetplattform e-Flux veröffentlicht. e-Flux? Da war doch was! Am 26. Mai 2021 veröffentlichte e-Flux den „A Letter Against Apartheid“.6 In diesem Brief heißt es u.a.:

„Israel is the colonizing power. Palestine is colonized. This is not a conflict: this is apartheid […] „ethnic cleansing“ […] „Israeli settler colonial rule in 1948“ […] „We ask governments that are enabling this crime against humanity to apply sanctions, to mobilize levers of international accountability, and to cut trade, economic and cultural relations.“ 

Dieses hetzerische Schriftstück übertrifft die antiisraelische Agitation der Stellungnahme Initiative „GG 5.3 Weltoffenheit“ und des Briefes „Wir können nur ändern, was wir konfrontieren“ bei weitem. Unterzeichnet oder unterstützt wurde dieser Brief von vier der fünf Personen, die im „Artistic Team“ tätig sind, und von weiteren Personen, die im Zusamenhang der documenta zu erwähnen sind:

Adam Szymczyk (Leiter der documenta 14)

Ade Darmawan (ruangrupa; documenta 15)

Amar Kanwar (documenta-Beirat; documenta 15)

Andrea Linnenkohl („General Coordinator der documenta 15“; Artistic Team; documenta 15)

Ayşe Güleç (Artistic Team; documenta 15)

Farid Rakun (ruangrupa)

Gertrud Flentge (Artistic Team; documenta 15)

Iswanto Hartono (ruangrupa)

Kasia Wlaszczyk (Koordination öffentliche Programme; documenta 15)

Jumana Emil Abboud (Lumbung; documenta15)

Lara Khaldi (Artistic Team; documenta 15)

Lydia Antoniou (Kuratorische Assistenz; documenta 15)

Nancy Naser al Deen (Assistenz Koordiantion öffentliche Programme; documenta 15)

Noor Abed (Kuratorische Assistenz; documenta 15)

Reza Afisina (ruangrupa)

Yazan Khalili (Lumbung; documenta 15)

Keine weiteren Fragen!

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1 Offener Brief: Antisemitismus-Vorwurf gegen Documenta: Wie ein Gerücht zum Skandal wurde. Jüngst wurden Antisemitismus-Vorwürfe an die Documenta laut. Eine Gesprächsreihe wurde abgesagt. Hier äußern sich jetzt erstmals die Macherinnen, in: Berliner Zeitung, 09.05.2022; Antisemitism Accusations against documenta: A Scandal about a Rumor. ruangrupa. This is a letter from ruangrupa, the artistic team of documenta fifteen, and some curators of the recently canceled forum. We need to Talk! Art — Freedom — Solidarity reflecting an ongoing debate in Germany around the upcoming edition of documenta, in: e-Flux.com, 07.05.2022

2 Auf den antisemitischen Charakter der BDS-Bewegung gehen ausführlich Alex Feuerherdt und Florian Markl ein. Dies.: Die Israel-Boykottbewegung. Alter Hass in Neuem Gewand, Leipzig 2021.

3 Es existieren in Israel wie in allen modernen Gesellschaften rassistische Vorurteile. Diese werden gegenüber Arabern, Beduinen aber auch gegen Juden afrikanischer und arabischer Herkunft gehegt. Im Gegensatz zu allen Nachbarnationen gibt es dagegen in der israelischen Gesellschaft und Politik ein Problembewusstsein. Dass es ein weit verbreitetes Misstrauen in der israelischen Bevölkerung gegenüber arabischen Israelis und Palästinensern gibt, hat seine Ursache in der fortdauernden terroristischen Kampagne verschiedener palästinensischer und islamistischer Gruppierungen. Dieses ist Ansatzpunkt zahlreicher gesellschaftlicher Initiativen, die um das gegenseitige Verständnis und die Aussöhnung bemüht sind. Neben dem ausgeprägten Judenhass in den arabischen Staaten und auch unter der Bevölkerung der palästinensischen Autonomiegebiete, existiert gegenüber den Nachkommen der 1948 aus dem Mandatsgebiet Palästina geflohenen, vertriebenen und ausgewanderten arabischen Bevölkerung, den Palästinensern, allerdings eine Politik der Unterdrückung und Diskriminierung, insbesondere in Syrien, im Libanon und in Jordanien. In Israel haben die israelischen Araber die vollen Bürgerrechte.

3 Ekosistem, Majelis, Meydan, Sobat etc., sollen die Weltoffenheit und Multiperspektivität verdeutlichen. Damit der interessierte Besucher der Kunstausstellung bei diesem Kauderwelsch mitreden und „neue Perspektiven und Ideen“ begreifen kann, dazu braucht es extra einen Glossar.

4 Auch wenn immer wieder behauptet wird Elke Buhr und Joseph Croitoru hätten irgendwelche unserer Feststellungen widerlegt, entspricht dies nicht den Tatsachen. Der Versuch des Historikers Jens Hansens Khalil al Sakakini reinzuwaschen ist bezeichnend. Sakakini habe auf die Befreiung durch die deutschen Truppen Rommels gehofft. Vgl.: ders., Wer war Khalil Al Sakakini? Eine Tagebuchreise nach Palästina, 20.04.2022. Rommels Naziwehrmacht folgten die SS-Verbände Walter Rauffs auf dem Fuße um das „Problem“ (Yazan Khalili) mit den Juden auch im Nahen Osten endzulösen.

5 Über den penetranten Versuch, aus unterschiedlichen Beweggründen das Thema Rassismus ins Spiel zu bringen, wenn es um Antisemitismus geht, sei hier auf Stephan Grigat verwiesen. Ders.: Antisemitismus bei documenta15. Rassismus und „Islamophobie“, TAZ, o.D.

6 A letter against apartheid, in: e-Flux.com, 26.04.2021.