Hate-Parade in Kassel und die Fahnen der Vernunft

Die Kundgebung „Frieden in Palästina“ traf auf öffentlichen Widerspruch. 100 Menschen boten unter dem Motto „Gegen Antisemitismus und Israelhass auf Kassels Straßen“ den Israelfeinden die Stirn und setzten sich eine gute halbe Stunde Drohungen, Beschimpfungen und einem infernalischem Gebrüll und hysterischem Gegeifer aus. Zur Vorgeschichte: Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassels rief uns am Freitag an und teilte uns mit, aus Angst vor Übergriffen habe man den Religionsunterricht in der Synagoge abgesagt. Bis zu diesem Zeitpunkt war noch unklar, ob man den bundesweit gemeinsam anvisierten Termin am Donnerstag nehmen soll, um kund zu tun, dass es in Deutschland auch Menschen gibt, die Israel auch dann zur Seite stehen, wenn in den Medien die Berichte über den schrecklichen Alltag des Krieges dominieren. Zeit blieb uns nicht viel, aber der unglaubliche Zustand, dass Juden in Deutschland wieder Angst haben müssen, spornte uns an.

Nach einigem Hin und Her gelang es, einen von den Gruppen a:ka Göttingen, BgA-Kassel, CjZ-Kassel, DIG-Kassel, Fachschaftsrat Sowi Göttingen, Jüdische Gemeinde Kassel und der Jüdische Liberale Gemeinde Nordhessen gemeinsam getragenen Aufruf zur Kundgebung zu veröffentlichen. Sehr unterschiedliche Gruppen, die eines eint, Antisemitismus und Israelhass nicht zu dulden und dies der Öffentlichkeit auch dann mitzuteilen, wenn dies unangenehm und gefährlich ist und man sehr offensichtlich die Einsamkeit spürt. Mit diesem Engagement liefert man den Medien keine wahlkampfaffinen Bilder. In solche Situationen bekommt man auch keine Schnittchen und feine Stöffchen zum Trinken und freundliche Fragen der Presseverterter serviert, sondern weil man allen Grund dafür hat, Sonnenbrillen und tiefe Mützen auf zu haben, das Umfeld genau im Blick zu haben, ob sich nicht doch ein Schläger der Hamasfreude und der mit ihnen verbündeten Nazis in die eigenen Reihen einschleicht, bleibt wenig Muße um die Pressefritzen zu beachten um ihnen Fragen zu beantworten, die nachher doch nicht den Weg in die Öffentlichkeit finden.

Dank vieler weiterer Freunde und Freundinnen aus Marburg und der Antifa aus Kassel (ak: Raccoons), waren wir dann doch mehr als gedacht. Fast hundert Menschen unterschiedlichen Alters mit sehr unterschiedlichen politischen Auffassungen und aus unterschiedlichen Gruppen und Vereinigungen standen am Fuße der Treppenstraße um dem antisemitischen Mob symbolisch die Stirn zu bieten.

Die Fahnen von freundlichen und völlig harmlosen Bürgern gehalten lösen einen unbeschreiblichen Hass aus

Die Fahnen von freundlichen und völlig harmlosen Bürgern gehalten, lösen einen unbeschreiblichen Hass aus. Hier herrschte noch eitel Sonnenschein.

Um 15.30 Uhr begann unsere Kundgebung. Den Anfang macht die Vorsitzende der Jüdisch Liberalen Gemeinde Nordhessens. Sie betonte, dass ihre Sorge allen Menschen sowohl in Israel als auch denen im Gaza gelte, die unter den kriegerischen Auseinandersetzungen zu leiden haben. Menschen die dem Handeln ihrer Regierungen ausgeliefert sind ob sie mit ihnen einverstanden sind oder nicht und von denen die meisten sich doch ein Leben in Frieden wünschten. Sie beendete ihren Beitrag mit einem eindrücklichen jüdischen Gebetsgesang.

Einen weiteren Redebeitrag steuerte ein Freund von der Fachschaft Sozialwissenschaften aus Göttingen bei, der den Zusammenhang von Antisemitismus und der Notwendigkeit eines jüdischen Staates – nämlich Israel – herleitete, der nur durch eine effektive Armee gegen die tödliche Bedrohung des Antisemitismus verteidigt werden kann.

Die Herren in Blau mussten schrecklich schwitzen und haben ihr Feierabendbier diesesmal mehr als verdient - Dank ihnen kamen wir alle heil nach Hause.

Die Herren in Blau trugen dazu bei, dass wir heil nach Hause kamen.

Jonas Dörge vom BgA-Kassel ging auf den politischen Skandal ein, dass antisemitische Zusammenrottungen auch in Deutschland möglich sind und sich Politik und Medien in Schweigen hüllen, gerade auch von denen, die zu gedenkfeierlichen Anlässen sich gerne als geläuterte Deutsche ausgeben und betonen, Deutschland habe aus der Geschichte gelernt. Dörge verwies, Jean Paul Sartre zitierend, auf den Charakter des Antisemiten. Antisemitismus ist keine Meinung sondern eine Leidenschaft und der Hang des Antisemitismus zum Sadismus zeichne sich dadurch aus, dem Juden die finstersten Verbrechen anzuhängen und sich leidenschaftlich in der Schilderung der selben zu suhlen.

Wie zum Beweis trafen einige Minuten später die Freunde der Hamas ein. Gertrennt von zwei Reihen Polizisten in schwerer Montur brach ein unglaublicher Hass aus der Masse aus, als sie sich vergegenwärtigen mussten, dass eine Gruppe von friedlichen Demonstranten Israelfahnen schwenkten. Die Gruppe entpuppte sich als wahrer Mob und sie schrieen die bekannten gewaltgeschwängerten und hasserfüllten Parolen und führten wahre Veitztänze vor der wackeren Reihe der Polizei auf.

Der Antisemit käut wie besessen obszöne und kriminelle Taten wieder, die ihn erregen und seine perversen Neigungen bef

Der Antisemit käut wie besessen obszöne und kriminelle Taten wieder, die ihn erregen und seine perversen Neigungen befriedigen. (Sartre)

Wir riefen ihnen unter anderem entgegen „Lang lebe Israel“, Shalom, Shalom“, „Alerta Antifaschista“. Wäre die Polizei nicht gewesen, wir wären dem rasenden Mob hilflos ausgeliefert gewesen – daher an dieser Stelle, ein großes Danke Schön an die Polizei, die diesesmal wusste was zu tun war.

Von den Kasseler Stadtoberen, von den Vertretern der Politik – keine Spur. Der Oberbürgermeister Betram Hilgen sei nicht in der Stadt. Der Grundsatzreferent des Oberbürgermeisters Reinhold Weist lief auf der anderen Seite der Polizeikette, bei den Freunden der Hamas, er zeigte nicht, dass er mit dem rasenden Mob nicht einverstanden war.

Die Raccoons und T.A.S.K. beschäftigen sich mit dem wichtigen Aspekt der Querfront, die sich immer dann eröffnet, wenn es um Israel geht oder um die Gefährdung des deutschen Volkes durch finstere Mächte, seien es die FED, das internationale Finanzkapital, die NSA, der Kulturimperialismus usw… Über das aktuelle Bündnis, das sich am Dienstag zusammenfand hier mehr: „Kasseler Zustände, Besonders erwähnenswert ist die Unterstützung der israelfeindlichen Demonstration durch Personen aus dem Organisationskreis der in Kassel wöchentlich stattfindenden Montagsmahnwache, sowie aus Teilen des antiimperialistischen Spektrums um die Organisationen Revolution, Arbeitermacht, SDAJ und MLPD. Nicht nur die Aluhut-Fraktion mobilisierte bereits im Vorfeld, gemeinsam mit den antiimperialistischen Kleinstgruppen stellten sie einen Teil der Ordner*innen Struktur der Demonstration. Dabei gaben gerade diese Gruppen um Revolution und Co. noch zu Beginn der Montagsmahnwachen an, sich gegen Faschismus, Antisemitismus und Verschwörungstheorien auszusprechen – offenkundig ein reines Lippenbekenntnis.

Eine bezeichnende Fotostrecke der Lokalpresse: I‘ am a Muslim, don’t panic

Redebeiträge

Deborah Tal-Rüttger

Beitrag H.B. FB Sowi/Göttingen

Der Beitrag von Jonas Dörge (BgA-KAssel)

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13 Kommentare zu “Hate-Parade in Kassel und die Fahnen der Vernunft

  1. Inzwischen gut wieder im Rheinland angekommen.
    Zum Wesentlichen: Besonders erfreulich finde ich das Engagement der zahlreichen jungen Mitstreiter. Bestätige vorstehenden Bericht (der erste Satz ist nur etwas unglücklich formuliert), danke den Initiatoren. Es war gut und bleibt leider bitter notwendig, Flagge zu zeigen.

  2. Das ist erstunken und erlogen! Wow, nicht nur die Medien lügen sogar IHR! Keiner von den Demonstranten war ein Hamas „Freund“ !!!! Die werden genau so wie Israels Soldaten verachtet !

  3. Solidarität mit Israel, aber Deutschland Fahne schwenken im eigenen Block wird nicht weiter reflektiert. Das jemand das macht und das es hier auch nicht weiter thematisiert wird irritiert mich.

    • vollkommen richtig die Kritik. Es gesellen sich – wenn man nicht die radikale Kritik an der Gesellschaft in den Vordergrund stellt – gelegentlich die falschen Freunde um einen. In Kassel ging es nach meinem dafürhalten erst einmal darum, auf den politischen Skandal des Antisemitimsus aufmerksam zu machen und zu verdeutlichen, dass Juden in dieser Stadt und in diesen Tagen Angst haben. M.E. wäre die Intervention zum Zeitpunkt der Demo gegen diesen Fahnenträger suboptimal gewesen, zumal die Truppe die er angehört zwar lästig aber politisch ungefährlich ist. Auf unseren Diskussionseranstaltungen halten wir uns hingegen mit deutlicher Kritik gegenüber Leuten diesen Spektrums nicht zurück.Allerdings halte ich persönlich eine Fahne Deutschlands gepaart mit der Israels dieser einen Person für weniger poblematisch als den Umstand, dass beispielsweise PI sich positiv auf „uns“ bezieht.

  4. Pingback: antifaschistisches kollektiv: racoons

  5. (Im letzten Post ein Fehler bitte den Kommentar freischalten, den anderen nicht) Wir haben schon mehrmals gesagt wir sind NICHT antisemitisch!! Es gibt zig Juden die Solidarität mit Palästina zeigen und unsere Geschwister sind! Sie sind sehr gute Menschen! Wir sind nur Anti ZIONISTEN gegen Israels REGIERUNG gegen all die Verschwörung gegen Israels Spielchen! Juden sind bei uns immer herzlich willkommen wir würden ihnen niemals etwas antun oder schaden, da braucht ihr keine Angst haben! Wer aber was gegen palästinenser sagt (und ich meine damit Zivilisten nicht die Hamas) und dabei noch israel in Schutz nimmt ist nicht mehr ganz dicht im Kopf! Was Israels Präsident mit Frauen und Kindern machen lässt ist menschenverachtend. Wer immer ihn unterstützt, kann mit ihm untergehen. FRIEDE

    • nun, wir haben ja mehrfach erwähnt, dass die aufrufenden versucht haben, offene Judenfeindschaft in ihren Reihen zu unterbinden, leider ist ihnen das nicht gelungen, wie der Demozug gezeigt hat und auf ihrer Facebookseite mehrfach zu lesen ist und wie das Verhalten der Demonstranten gezeigt hat, die sich den knapp hundert völlig harmlosen Leuten, die Israelfahnen in den Händen hielten, so gegenüber aufgeführt haben, wie sie es getan haben. Im übrigen spricht der Kommentar für sich selbst …

      • Stimmt es gibt leider zu viele Idioten, die es pauschalisierten, das heißt aber noch lange nicht dass alle so sind. Lang lebe die Juden, die Zionisten nicht!! Und auf der Facebook Seite muss man sagen: sie wurden von Juden aufs übelste provoziert und auch beleidigt da muss man manchmal mit heftigen Reaktionen von nicht allzu besonnen Menschen rechnen.

  6. Tolle Aktion! Habe den Blog (über den HNA Bericht gefunden) jetzt abonniert und werde mich bei weiteren Aktionen euch anschließen 🙂

  7. Zum Thema Flaggen:
    Kenne die einzelnen handelnden Personen und deren Hintergründe nicht. Dennoch: auf einer Solidaritätskundgebung in Deutschland für Israel gemeinsam mit zahlreichen israelischen Flaggen auch eine schwarz-rot-goldene zu zeigen – darin kann ich nun ehrlich gesagt kein Problem sehen. Eher im Gegenteil.
    Zum Thema PI:
    Der konkrete Bericht ist OK. Ansonsten halte ich diese Seite für indiskutabel.

  8. Pingback: Momentaufnahme: Antisemitismus in Deutschland II | israelkompetenzkollektion

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