Vertriebene Überall – Im Nahen Osten wie in deutschen Landen

Deutsche Opferideologie und der Konformismus der Stolpersteinverleger

Die Stolpersteine verweisen, so die HNA auf ihrem Liveticker am 20.06.2015, beispielhaft auf das Schicksal von Flucht und Vertreibung in der Folge des zweiten Weltkriegs. Haben die Lokalreporter dieser Zeitung etwas nicht verstanden? Die Kompatibilität der Ideologie der Linksdeutschen mit der offiziösen deutschen Politik des Revisionismus erweist sich im politischen Werdegang des Stolpersteinmeisters Gunter Demnig und seiner regionalen Claqueure.

Gedenken am 20. Juni

Die Logik linksdeutscher Erinnerungskultur

Demnig, Sohn eines Nazioffiziers, ging den Weg der meisten Nachkommen deutscher Täter. Ausgehend von einer Haltung des Aufbegehrens in der Adoleszenz, die die Protagonisten der Kriegs- und Nachkriegsgeborenen zunächst anscheinend in Opposition zu ihren Eltern brachte, fand die Versöhnung mit der elterlichen Tätergeneration dadurch statt, dass im Krieg der USA gegen Vietnam das viel größere Verbrechen erkannt und der Ami als wiedergeborener Nazi zum Objekt einer in jugendlicher Ungestümtheit und moralischer Unbedingtheit vorgetragenen Anklage wurde. Demnigs erstes Kunstwerk war nicht etwa ein symbolischer Vatermord, also eine Aktion, die sich kritisch mit seinem Nazivater und den Angehörigen der deutschen Mördergeneration auseinandersetzte, sondern eine Anklage der USA.

Demnig ließ seinen ersten antiamerikanischen Gehversuchen künstlerischer Betätigung Huldigungen für das deutsche Opfer folgen. Das Klagelied für die, im britischen Bombenhagel zu Tode gekommenen, Kasseler Volksgenossen veredelte er ebenso zu einer sozialen Skulptur gegen Krieg und Gewalt und für die Unschuld des deutschen Volkes, wie den Opfertod des deutschen Volkskörpers im drohenden atomaren Höllenfeuer. Aktionen, die er bis heute für diskussionswürdig hält. Denn auch heute noch versuche der Ami dem Iran, die Demokratie mit Bomben nahe zu bringen, fabulierte er auf seinem Vortrag am 15. Juni 2015 in Kassel.

Nachdem nun also zunächst der verbrecherische Ami, der perfide Harris und die bösen Supermächte von ihm auf die Anklagebank gesetzt wurden, die Nazitäter zunehmend vergreist und verstorben waren und Weizsäcker die offizielle Wende deutscher Geschichtspolitik eingeläutet hatte, verlegte sich Demnig auf das künstlerische Geschäft mit der Erinnerung an die Opfer deutscher Mordpolitik. Doch, so durchsichtig die von Weizsäcker eingeleitete Wende in der Geschichtspolitik ist, so ist es deren Exekution durch Demnig und seiner lokalen Zuträger.

Zunächst tat er sich mit einer Aktion zur Deportation Kölner Sinti und Roma hervor, dann verlegte er sich in den Neunzigern auf das Stolpersteinlegen. Die Stolpersteine erinnern hauptsächlich, aber nicht nur, an vertriebene und ermordete Juden. Die Initiativen, die diese Aktion des Künstlers vor Ort unterstützen, setzten sich zu einem Teil aus den üblichen Verdächtigen zusammen, die, wenn sie nicht gerade an die toten Juden erinnern oder angesichts ein paar gesellschaftlich weitgehend isolierter Nazis, „Wehret den Anfängen!“ und „Nazis raus!“ skandieren, in Israel den Widergänger des Naziterrors und in den Palästinensern die Opfer der Nazis von heute, den Juden nämlich – oder im korrekten Sprachgebrauch den Zionisten – eben, erkennen. Seht her, wir bereuen ja, dass unsere Väter und Großväter die Juden umgebracht haben und legen dafür auch fleißig Steine um den beschädigten Ruf der Nation oder der jeweiligen Stadt aufzupolieren, aber um so mehr müssen wir es dem frechen Juden – ähm Zionisten – von heute zeigen: So aber nicht! Lernt gefälligst aus der Lektion, die unsere Väter und Großväter Euch erteilt haben!

Diese Melange aus linksdeutschem Revisionismus und als Antizionismus wiederkehrendem Antisemitismus führte dann in Kassel zur logischen Konsequenz, dem öffentlich vorgetragenen Wunsch nämlich, es mögen zukünftig auch Stolpersteine für die Judenmörder aus dem Gaza gelegt werden.

Durch nichts wird die Brücke zwischen der rechtsrevisionistischen Ideologie der Vertriebenenverbände und der linksdeutschen Exkulpation des deutschen Täterkollektivs deutlicher, als in der Liebe zu den Antisemiten, den zu ewigen Vertriebenen erklärten arabischen Bewohnern der Westbank und des Gazastreifens. So wie die Henleindeutschen und die anderen vertriebenen Volksgenossen sich als Opfer eines als ungerecht empfundenen Strafgerichts der Alliierten mit offizieller Unterstützung der Politik inszenieren, so präsentieren sich die Palästinenser mit internationaler Unterstützung als von den Juden verfolgte Unschuld aus dem heiligen Lande.

Die Henleindeutschen, die 1938 zum überwiegenden Teil maßgeblich dazu beitrugen, die letzte Demokratie östlich des Rheins zu zerstören und die dorthin geflüchteten Nazigegner und ebenso dorthin geflüchteten und seit Generationen dort lebenden Juden den Nazis und dem deutschen Volkszorn auszuliefern, sehen sich öffentlich bis heute als Opfer von Krieg und Gewalt und im stillen Kämmerlein als Opfer der Alliierten und den hinter diesen stehenden internationalen Judentum. Die Nachkommen derjenigen, die 1936 folgende-folgende vergeblich auf die Truppen des deutschen Führers warteten, um den seit Jahrtausenden in Palästina lebenden und dorthin zugewanderten Juden den Garaus zu machen, und dies mit vereinten Kräften, deutscher Militärberatung und britischem Kriegsgerät 1948 noch mal versuchen und scheiterten und dann angesichts der siegreichen Haganah ein paar Kilometer weiter flüchteten oder vertrieben wurden, sehen sich als Opfer jüdischer Rachsucht und Verschwörung und nicht als Täter, die die Juden ins Meer treiben wollten.

Die HNA hat die Nützlichkeit der Stolpersteinaktivisten erkannt. Von Anfang an sah sie großzügig darüber hinweg, dass die meisten der Initiatoren dieser Initiative dem sonst eher argwöhnisch betrachteten linken Spektrum der politischen Szenerie Kassels entstammen und registrierte, dass diese Initiative mehr für den Ruf dieser Stadt tat, als daran zu erinnern, dass in Kassel die Konstitution der Volksgemeinschaft so total war, dass Ideologen und Bürokraten der Nazis als „wahre Demokraten“ (Heinz Körner) zu den beliebtesten Nachkriegspolitikern in Kassel avancierten.

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Und ewig wollen sie Steine legen

Über einen untauglichen Versuch, der Shoah zu gedenken

Ab in den Steinbruch! Steine klopfen! hieß es früher, wenn die Volksgenossen sich über einen Unangepassten echauffierten und wünschten ihm insgeheim das an den Hals, was den Häftlingen in Mauthausen widerfuhr. Heute hat man einen positiven Bezug zu Steinen, sie tragen dazu bei, den Ruf der Republik und den der Kommunen zu polieren, nach dem Motto: Seht her, wie fleißig wir gedenken!

Nächste Woche werden wieder Stolpersteine in Kassel verlegt. Seit 1992 verlegt der Künstler Gunter Demnig Stein für Stein für die Opfer des Nationalsozialismus. Man könnte der Meinung sein, prima, endlich gibt einer denen einen Namen, die die Opfer der deutschen Volksgemeinschaft waren. Demnig hat in gut 20 Jahren bisher 50.000 Stolpersteine verlegt, die meisten in Deutschland. 65 Steine wurden in Kassel verlegt, 25 weitere sollen in den nächsten Tagen dazu kommen. Von den ursprünglich 3.000 in Kassel beheimateten Juden, lebten 1941 in Kassel noch ca. 1.300 Juden. Sie konnten dem Terror der Deutschen nicht mehr entfliehen. Von ihnen überlebte kaum einer. Ob Demnig auch den restlichen 92 Prozent der ermordeten Kasseler Juden noch einen Stein widmen kann? Wohl eher nicht – es ist gar nicht seine Absicht.

Auf der Homepage des Vereins „Stolpersteine in Kassel“ wird Demnig zitiert: „Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Jeder Stein soll also an einen Ermordeten erinnern. Dieser Anspruch suggeriert, dass diese Form des Gedenkens einen individualisierenden Blick auf eines der unzähligen Opfer der Shoah ermöglicht, also müßte doch auch jedem Opfer ein Stein gewidmet sein. Der Künstler entgegnet auf den nahe liegenden Einwand, dass gar nicht für jeden Einzelnen der Gesamtheit der Opfer ein Stein gelegt werden kann, dass jeder Stein die Gesamtheit der Opfer symbolisieren würde.

Der Betrachter wird, sofern er den Stein überhaupt bemerkt und nicht auf ihn tritt, sein Auto darauf parkt, irgendwelche Gegenstände drauf abstellt usw. auf das Schicksal eines Einzelnen aufmerksam gemacht. Aber der Blick auf das Ganze, den Nationalsozialismus, den Antisemitismus und die Shoah muss dem Betrachter verborgen bleiben. Dieses Ganze erschließt sich dem Betrachter evtl. nur dann, wenn er den Ort des Todes bemerken sollte, der auf den Steinen vermerkt ist. Hierzu wäre aber das Wissen darüber erforderlich, wofür Auschwitz, Sobibor, Riga usw. oder gar Emigrationsorte in den USA stehen. Dieses Wissen kann aber nicht bei jedem vorausgesetzt werden, nicht einmal für die Aktivisten der lokalen Stolpersteininitiativen, insbesondere der in Kassel.

Selbst wenn Demnig es schaffen würde in einer Kommune wie Kassel nahezu allen Opfern einen Stein zu legen, die Steine würden (in Kassel), hier und dort im Boden eingelassen im Gegensatz zu dem zentral angelegten Gräberfelder derer, die bei einer antifaschistischen Aktion der Royal Air Force (RAF)* zu Tode kamen, über das ganze Stadtgebiet verstreut zu finden sein. Den Stolperstein dann zufällig entdeckt, mag ein Passant denken, ja schlimm war’s, hier haben einmal ein paar Juden gelebt und die sind umgebracht worden. In Kassels Innenstadt wurden aber über 10.000 Kasseler vom „Luftgangster Harris umgebracht“, kaum zu übersehen, wenn man über den Friedhof in Kassel läuft.

Demnig mit seinem ersten Kunstwerk

Womit Demnig mal anfing – führt heute zum Bündnis mit Antisemiten

Der Stein steht, wie Grabsteine oder Namenszüge auf Gedenktafeln, für das Andenken an jeweils eine Person. Auf Gedenktafeln wird in summarischer Art und Weise einem massenhaften Sterben gedacht. Allen einzeln, das erreicht eine Gedenktafel dadurch, dass sowohl die Gesamtheit der jeweiligen Toten und der Einzelne durch seinen Namen sichtbar gemacht werden. Das wird klar, wenn man die vielen in den meisten Gemeinden aufgestellten Gedenktafeln für die gefallenen Soldaten sieht. Doch ein jeder, der die Namen auf diesen Tafeln liest, weiß, auch wenn er sonst nichts weiß, es waren viele aber eben nicht alle Deutschen, die für das Vaterland und den Führer ins Gras beißen mussten, denn der Krieg wurde seitens der Alliierten nicht dazu geführt, die Deutschen auszulöschen, sondern um sie zu besiegen. Meist entdeckt der Betrachter solcher Tafeln dann den einen oder anderen Namen von Familien, die nach wie vor am Ort leben. Dass es dagegen das Ziel der Deutschen war, alle Juden umzubringen und dies auch annähernd von ihnen umgesetzt wurde, das werden die Stolpersteine nie vermitteln können, da sie dem Betrachter nicht den Blick auf das Ganze eröffnen, eben nicht verdeutlichen, dass in der Regel keiner und keine derjenigen, deren Namen auf dem jeweiligen Stein zu lesen ist, übrig geblieben ist, bzw. übrig bleiben sollte.

Dem antisemitischen Terror und Vernichtungswahn der Deutschen bahnte die deutsche Wehrmacht ab 1938 den Weg. So blieb der deutsche Antisemitismus nicht auf Deutschland beschränkt, sondern wurde fast in ganz Europa umgesetzt. 6 Millionen Menschen aus ganz Europa wurden von den Deutschen nur deswegen umgebracht, weil sie Juden waren. Angesichts der Tatsache also, dass ca. 97 % der ermordeten Juden vor allem in Polen, in der Sowjetunion (heute: Weißrussland, der Ukraine, Russland, den baltischen Staaten) in Ungarn, Rumänien etc. lebten, wird schnell deutlich, dass die Form des Gedenkens, in Deutschland Steine für die von dort Deportierten und Umgebrachten zu verlegen, nie und nimmer, auch nur annähernd den Opfern des nationalsozialistischen Vernichtungswahns „gerecht“ werden oder einen Begriff der Shoah vermitteln kann.

Allein für die an zwei Tagen im September 1941 bei Babyn Jar von deutschen Einsatzkräften ermordeten Juden Kiews, müsste der Pflastersteinverleger weitere 20 Jahre lang Stolpersteine verlegen. Es ist unwahrscheinlich, dass er dies tun wird und kann. Die Form mit Stolpersteinen den Opfern der Shoah zu gedenken muss immer selektiv bleiben, sie kann aber auch nicht exemplarisch sein, also dass ein Stein oder eine Gruppe von Steinen stellvertretend für die Opfer der Shoah steht und den Betrachter dazu bringt, sich Gedanken über das deutsche Menschheitsverbrechen zu machen.

Es wird immer die Frage bleiben, warum den Opfern gedacht werden soll, für die ein Stein gelegt wird, und für die überwiegende Anzahl derer, für die kein Stein verlegt wird, aber offensichtlich nicht. Nach der Logik des Demnig und seinen Anhängern wird diese Aktion immer bedeuten, die überwiegende Anzahl der Ermordeten bleibt vergessen. Die Ansicht, ein Stein stehe stellvertretend für das Schicksal aller, löst diesen Widerspruch nicht auf, denn dann würde es reichen in jedem Ort einen Stein zu verlegen. Sobald mehrere verlegt werden taucht unvermeidbar die o.g. Frage auf.

Warum diese beflissene Art des Gedenkens? So sorgsam und penibel die Deutschen die Juden erfassten, zusammen trieben und ermordeten, so macht sich jetzt ein deutscher Künstler, sich selbst dabei in Szene setzend, daran, eine dieser Tat gegenüber untauglich bleibend müssende Gedenkform zu installieren. Der monströsen und nichts sagenden zentralen Gedenkstätte in Berlin, setzt er eine dezentrale aber vom Anspruch her nicht minder monströse Form des Gedenkens entgegen. So wie Deutschland sich brüsten kann, seht her, wir haben nicht nur das größte Menschheitsverbrechen begangen, sondern auch die größte Gedenkform geschaffen, so können sich ein Vertreter der Volksgemeinschaft und seine ihn unterstützenden Vereine damit brüsten, die eifrigste Form des Gedenkens schaffen zu wollen. Ohne Fleiß kein Preis.

Jochen Boczkowski, der Vorsitzende der lokalen Initiative in Kassel ist der Auffassung, dass die Steine „ein großes, dezentrales Denkmal gegen Intoleranz und Rassenhass“ darstellen würden. Den Nationalsozialismus als System der Intoleranz und des Rassenhasses zu interpretieren, heißt ihn nicht zu begreifen. Die NS-Ideologie stützte sich zwar auch auf den Rassenhass und Nazis waren gewiss intolerant gegenüber den politisch anders Denkenden, aber das zentrale Moment der nationalsozialistischen Ideologie sind Führerideologie, Volksgemeinschaft und untrennbar damit verknüpft der Antisemitismus und dessen konsequente Umsetzung, eben die systematische Ermordung der Juden. Doch davon wollen die Kasseler nichts wissen.

Der Staat Israel und die Überlebenden sind tagtägliches Zeugnis dafür, dass sämtliche hehren Ansprüche der Aufklärung, die der bürgerlichen und proletarischen Revolution, die Deklamierung der Emanzipation, der Gleichheit und des Rechts, der von Würde und Gerechtigkeit sich dann als leeres Gerede entpuppten, als der antisemitische Furor in der deutschen Tat zu sich selbst fand und Millionen völlig Unschuldiger in Rauch aufgingen und als Individuen ausgelöscht wurden. Die heute lebenden Nachkommen der Opfer beanspruchen, nicht verachtenswertes oder geliebtes, beschütztes oder dem Hass ausgeliefertes Objekt nationaler Kollektive zu sein, sondern als Subjekte in die Geschichte zu treten. Dies tun die heute lebenden Juden nicht als Mitbürger sondern als Bürger der demokratischen Nationen und als Menschen, die den Staat Israel gegründet haben und den sie bis heute gegen jede Anfechtungen der antisemitischen Internationale verteidigen.

Die Kasseler Protagonisten der Stolpersteininitiative tun sich nicht nur dadurch hervor, beflissentlich einen Stein neben den anderen zu setzten, sondern auch dadurch, dass sie ein Problem mit eben diesen lebenden Juden haben. Hierzu haben wir verschiedene Beiträge verfasst, auf die wir hier nur verweisen:

* Demnig gehört zur Generation der 68er. Mit seiner Familie, auch wegen des Nazivaters, aus der DDR nach Westberlin gezogen, fing er dort an zu studieren. In Berlin machte er auf sich aufmerksam, indem er eine US-Fahne mit Totenköpfen drapierte, was ihm ein Ermittlungsverfahren einhandelte. Rechtlich beraten wurde er damals von O. Schily. Zur RAF hat dann seine Wut auf die USA aber doch nicht gereicht. Als Konzeptkünstler widmete er in den Achtzigern dem 40sten Jahrestag der Bombardierung der Kasseler Volksgenossen durch eine ganz andere RAF eines seiner Projekte. Für diese RAF hatte er kein Verständnis, richtete sich ihr Bombardement doch nicht nur gegen die Rüstungsindustrie, sondern auch gegen jene, die dort arbeiteten und gegen jene, die sich als formierte Volksgemeinschaft als die Herren Europas wähnten.

(jd)

Viele Jahre ein Tabuthema …

Mit der Behauptung bestimmte Themen seien mit einem Tabu belegt, ist es so eine Sache. Die Flucht und Umsiedlung der Deutschen aus den sogenannten Ostgebieten, die Bombardements deutscher Städte durch die Alliierten und natürlich die „Gewalt gegen Frauen durch russische Soldaten“, wie es nun wiederholt in der HNA, mit entsprechender Bebilderung behauptet wird, seien in Deutschland tabuisiert worden. Flucht und Umsiedlung ist seit den 50iger Jahren, millionenschwer subventioniert, ständig Thema eines penetranten Opferdiskurses gewesen. Sowohl die sogenannte Vertreibung als auch die Bombardierung deutscher Städte im Weltkrieg ist in Geschichtsbüchern für die Schüler und in massenmedialer „Aufarbeitung“ schon lange Thema.

Die Gewalt an Frauen durch „den Russen“ war kurz nach dem Krieg kein Thema, dann aber wurden seit den fünfziger Jahren „in Westdeutschland die Übergriffe sowjetischer Soldaten thematisiert“ (Miriam Gebhardt). Zum kollektiven Gedächtnis hat die Goebbelsche Propaganda ihren wesentlichen Teil beigetragen, so dass sich bis heute das Zerrbild vom gewalttätigen und frauenschändenden Russen hält und zum wiederholten Male als Bildunterschrift in der hiesigen Lokalpresse ihren Widerhall findet.

TabuThema russischer Soldat

„Der Russe“ und die deutsche Frau – Der ewige Widerhall Goebbelscher Propaganda (in der HNA am 25.04.2015)

Die Zuschreibung, an der diese Zeitung festhält, wiegt doppelt schwer. Zum einen wird das Buch der Historikerin Miriam Gebhardt „Als die Soldaten kamen“ im Artikel aufgeführt, das nun gerade mit einigen sich hartnäckig haltenden Mythen aufräumt, zum anderen bemüht die Zeitung in uralter Tradition das Feindbild vom Russen. Es waren sowjetische (Russen, Weißrussen, Ukrainer, Balten, Kasachen usw.) Soldaten, also nicht nur Russen, die Frauen vergewaltigten, aber es waren auch die Soldaten der Westalliierten, Engländer, Franzosen und Amerikaner, wie Gebhard betont. Dass Gebhardt die mutmaßlich maßlos übertriebenen Zahlen deutlich nach unten korrigiert, auch davon ist in dem Artikel nichts zu lesen. Durch das Anführen von wissenschaftlicher Literatur, auf die sich ausdrücklich bezogen wird, wird aber Seriösität suggeriert.

Sicher, die Gewalt an den Frauen ist nicht zu rechtfertigen und wurde – vor allem von der Roten Armee – auch drakonisch bestraft, was der HNA keinen Hinweis Wert ist. Die deutschen Soldaten hingegen, sie vergewaltigten nicht nur, sondern zogen mordbrennend und völkermordend durch ganz Europa – eine Bestrafung fand fast überwiegend nur durch eine Kugel, Granate oder Bombe alliierter Soldaten oder statt.

Mit den Taten der Deutschen befasst sich, ganz ausgewogen, die HNA auf der nächsten Seite, den Historiker Hannes Heer interviewend. Es gelingt in Knoppscher Manier ein Bild vom schrecklichen Krieg zu konstruieren, der Opfer auf allen Seiten forderte und der auf beiden Seiten Täter fand. Den „gewalttätigen Russen“ auf der einen, auf der anderen Seite eine deutsche „Generation  von Frontsoldaten“, die, so stellt die HNA die Frage, doch zu Unrecht an den Pranger gestellt wurde.

Es gab viele Tabuthemen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Die Vergewaltigung von Frauen gehört sicher nicht dazu.

Miriam Gebhardt im Interview: „Viele Frauen schwiegen aus Scham oder Angst

jd

Todesmärsche und die Anführungsstriche

Dem dpa-Artikel über den „Marsch des Lebens“, der von vielen jungen Menschen, vor allem aus Israel, anläßlich des israelischen Holocaustgedenktages (Yom Hashoa) begangen wird, fügt die HNA am 17. April eine Graphik über die Todesmärsche bei. Der Begriff Todesmärsche wird in dieser Graphik in Anführungsstriche gesetzt, ohne Anführungsstriche der Begriff Evakuierung. Auf den „Evakuierungen“ wurden die Insassen der Lager „in Richtung Westen geschickt“, so die Beschriftung der Graphik – eine perfide Verharmlosung und Begriffsverwirrung.

Anführungsstriche und Evakuierung

Anführungsstriche und die Sprache des Verdrängens

Die Insassen wurden nicht „in den Westen geschickt“, sondern in den Tod. Hinsichtlich der mörderischen Konsequenz der Märsche, ist man sich in der Forschung lange schon einig. Die Rolle der Todesmärsche ist hingegen umstritten. Während lange die Todesmärsche als ein charakteristisches Merkmal für die Endpase des Naziregimes, einem Untergang in Gewalt, Feuer und Blut, galten, hat Daniel Jonah Goldhagen diese Märsche als Bestandteil der Endlösung beschrieben. Goldhagen beschrieb die Märsche als eine gebräuchliche Vernichtungsstrategie gegen Juden seit der Besetzung Polens, die zum Ende des Naziregimes zur vorherrschenden Vernichtungsmethode an den übrig gebliebenen Juden und Jüdinnen wurde.

Dem steht entgegen, dass Juden zwar nach wie vor den Hauptteil der Opfer ausmachten, jedoch eine Gruppe unter vielen waren, die den Massakern am Ende des Naziregimes zum Opfer fielen. Sie sollten, so der israelische Historiker Daniel Blatman als die „letzte Phase der Nazi-Völkermorde (Plural!)“ betrachtet werden. „Die Morde wurden zwar innerhalb eines bekannten Konsenses vollzogen, aber die Besonderheit und Identität der Opfer war verwischt.“

Es ging also nicht darum, Häftlinge aus einem Lager in ein anderes zu überführen, sie zu evakuieren, sondern die Märsche waren ein Terror- und Mordinstrument, dass in den letzten Monaten und Wochen des NS-Regimes die Funkion der nationalsozialistischen Konzentrationslager dezentralisierte. Die noch bis in den Sommer 1944 vorherrschenden wirtschaftlichen Erwägungen, die KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte bis zum Letzten auszubeuten, wurde von einer nihilistischen Mordlogik abgelöst. Sie waren keine Evakuierungmaßnahmen – sondern Todesmärsche, ohne Anführungsstriche.

Daniel Blatman, Die Todesmärsche. Völkermord und Massaker als Ergebnis des Zerfalls der Gesellschaft, in: Einsicht 13, Frühjahr 2015, S. 40-49

(jd)